Homepage der Autorin Heike Schulz
  Adventskalender 2014
 

Alle Jahre wieder!

Dann starten meine liebe Schreibschwester Angelika Lauriel und ich wieder unseren Adventskalender, und der geht so:
Eine beginnt aus dem Stegreif mit einer Geschichte und übergibt sie dann der anderen. Die muss sie dann spontan weiter schreiben, und reicht sie anschließend zurück. So springt die Geschichte jeden Tag zwischen uns hin und her, bis zum Finale Furioso am 24. Dezember. Das Besondere: Keine weiß vorher, was sie erwartet. Wir schreiben frei und ohne Plot, spontan und direkt, und die Textabschnitte werden nicht miteinander besprochen. Was steht, das steht.

Den Anfang macht Angelika.
Viel Spaß!

24. Dezember
Von Heike Schulz

Ein bisschen Leid tat er mir ja schon, der Marid. Wie ein Däumling hopste er auf und ab, zeterte und schwang seine erdnussgroßen Fäuste.
"Wir können ihn doch nicht einfach so hier lassen", entfuhr es meiner Herrin, die gar nicht mehr meine Herrin war. Sie hatte ihre drei Wünsche ausgesprochen, und nun war ich wieder ein freier Dschinn. "Er holt sich den Tod, hier so allein."
Sie bückte sich und ließ den Winzling auf ihre Handfläche steigen. Vorsichtig hob sie ihn hoch und hielt ihn so, dass sie ihm direkt ins Gesicht sehen konnte. Der Marid hatte derweil das Zetern aufgegeben und stampfte stattdessen mit seinem winzig kleinen Fuß auf, die Arme vor der Brust verschränkt. Putzig, wie er schmollte.
"Ihr habt ihn seiner Macht über die Dschinn beraubt, Herrin - äh - Carola. Nun ist er nichts weiter als ein einfacher Flaschengeist", erklärte ich geduldig. "Er kann niemandem mehr etwas zuleide tun."
"Aber hier bleiben kann er auch nicht", beharrte Carola. "Was machen wir nur mit ihm?"
Da hellte sich die Miene des Efendi Herz auf. "Ich habe da eine Idee", rief er. "Herr Haschem, Sie erwähnten gerade, dass Herr Marid nun ein Flaschengeist sei. Kein Dschinn, so wie Sie oder Fräulein Suleika, richtig?"
"So ist es, Efendi. Der Marid steht nun auf der untersten Stufe unserer Zunft." Wenn ich es mir recht überlegte, gefiel mir diese Tatsache außerordentlich gut.
"Na, dann hätte ich doch was." Efendi Herz begann, in den Untiefen seiner Manteltasche zu kramen, und zog schließlich ein kleines Fläschchen hervor. Er entkorkte selbiges und schüttete den Inhalt auf seine behandschuhte Hand. "Schätze, die können weg", lachte er und ließ ein paar weiße Pillen in seine Manteltasche rieseln.
"Was war das?", fragte Carola besorgt.
"Meine Gichttabletten. Ich habe das Gefühl, dass ich sie nicht mehr brauche. Dank Ihnen, Carola. Und nun zu Ihnen, Herr Marid." Efendi Herz hielt die geöffnete und nun pillenfreie Pillenflasche über über Carolas Hand und machte eine einladende Geste. "Wenn ich bitten darf?"

Der Marid zog eine Schnute, bedachte uns mit einer obszönen Geste und verschwand mit einem leisen Plopp in der Flasche. Mit raschem Griff verkorkte Efendi Herz die neue Heimstatt meines ehemaligen Chefs und steckte sie zufrieden in die Tasche. "Das wäre erledigt. Und jetzt?"
"Ja, und jetzt?", wiederholte Carola betrübt. "Wie kommen wir wieder nach Hause? Das Auto ist Schrott, und wie wir wieder aus dieser Höhle heraus kommen sollen, ist mir auch schleierhaft." Sie rieb sich die Oberarme. "Außerdem ist mir kalt."
"Ähm, ich wüsste da was", meldete sich Suleika zu Wort. "Also, äh, ich bin ja jetzt wieder eine vollständige Dschinni, und der Meister meines Buches ist ganz offensichtlich Christian."
Der Schwarzgekleidete hob überrascht die Augenbrauen. "Ach ja?"
"Ja." Suleika warf ihm ein atemberaubendes Lächeln zu. "Und das bedeutet, dass du nun drei Wünsche frei hast. Vielleicht fällt dir etwas Sinnvolles ein?"

Der schwarze Christian rieb sich nachdenklich das Kinn, dann nickte er. Mir ward Angst und Bange. War nun die Stunde seiner Rache gekommen? Ich war schon drauf und dran, mein Heil in meinem Buch zu suchen, da begann er mit feierlicher Stimme zu sprechen.
"Dschinni Suleika, ich wünsche, dass wir alle fünf, einschließlich des Flaschengeists Marid, wieder in der Buchhandlung Buch Herz sind. Ist das okay so?"
Suleika nickte und bedeutete ihm, mit seinem Wunsch fortzufahren.
"Inshallah, so sei es", besiegelte er seinen Wunsch, und im nächsten Moment verschwamm die Höhle um uns herum in einem grauschwarzem Wirbel.
Eine leichte Übelkeit befiel mich und ich nahm sicherheitshalber meinen Turban vom Kopf, um nötigenfalls in ihn hinein - aber dann schälten sich die Bücherregale aus der Dunkelheit, nahmen Gestalt an, und schon standen wir allesamt inmitten der Buchhandlung des Efendi Herz. Die Lichterketten zwischen den Regalen leuchteten, die Kaffeemaschine thronte glänzend auf ihrem Platz und alles sah noch genauso aus, wie wir es verlassen hatten. Nur dass sich draußen vor dem Fenster inzwischen eine dicke, weiße Decke über die Stadt gelegt hatte.

Während Efendi Herz die Flasche mit dem Marid in irgendeinem Regal zwischen zwei dicke Wälzer über Reisen in den Orient abstellte, ging Carola zur Ladentür und zog einen Stapel Post aus dem Briefschlitz.
"Seltsam", murmelte sie. "Das hier ist die Zeitung vom dreiundzwanzigsten Dezember. Das kann doch überhaupt nicht sein!"
Efendi Herz zog die Augenbrauen hoch, als er die Zeitung und die restliche Post in Augenschein nahm. "Tatsächlich", rief er. "Und sehen Sie sich mal die Poststempel an, Carola! Der hier ist vom zweiundzwanzigsten, dieser vom zwanzigsten, und diese drei vom neunzehnten. Es geht immer so weiter, bis zum sechsten Dezember. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Haschem?"
"Nun ja", begann ich, "wir waren in der Höhle des Marid, und es heißt, dass dort die Zeit ineinander fließt. Vermutlich waren wir wesentlich länger unterwegs als gedacht."
"Das heißt also, wir haben heute ...", Carola begann zu rechnen, da schlug irgendwo eine Turmuhr zwölfmal. Mitternacht. "Na klar! Es ist Heiligabend. Hört ihr das?" Carola wandte sich freudestrahlend an uns. "Frohe Weihnachten, allesamt."
"Frohe Weihnachten, Carola", antwortete Efendi Herz und drücke Carola an sich. Dann reichte er nacheinander Suleika und mir die Hand und wünschte uns ebenfalls frohe Weihnachten. Dann wandte er sich an Christian.
"Auch Ihnen ein frohes Weihnachtsfest, Herr Christian."
Beinahe schüchtern ergriff der Schwarzgekleidete die dargebotene Hand und schüttelte sie. "Ihnen auch, Herr Herz. Ihnen allen frohe Weihnachten."

Suleika wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, und auch mir wurde recht feierlich um die Brust. Das letzte Mal, dass mir so besinnlich zumute war, war vor ungefähr 2014 Jahren. Damals war ich im Gepäck dreier Reisender unterwegs. Sie folgten einem Stern, von dem es hieß, dass er den Weg zu einem König wies. In einer kalten Winternacht fanden wir jenen König in Gestalt eines neugeborenen Knaben. In Ermangelung einer Herberge hatte seine Mutter ihn in einem Stall zur Welt gebracht, aber in jener Nacht verwandelte sich dieser bescheidene Ort in das Zentrum der Glückseligkeit. Der Junge wuchs zu einem gütigen und selbstlosen Mann heran, der - aber ich schweife ab.

"Das wäre dein erster Wunsch gewesen", erinnerte Suleika ihren Christian. "Wie soll dein zweiter Wunsch lauten?"
Christian blickte sich um, sah von Herrn Herz zu Carola, dann zu mir, und schließlich fiel sein Augenmerk auf Suleika. Er lachte und hob die Schultern. "Keine Ahnung", antwortete er. "Über dreißig Jahre meiner Lebenszeit habe ich darauf vergeudet, wegen der drei Wünsche dem Buch hinterher zu jagen, und jetzt, da es soweit ist, fällt mir kein weiterer mehr ein. Ich habe eine bezaubernde Frau gefunden und verbringe Weihnachten im Kreise meiner Freunde. Was soll ich mir noch wünschen, wenn ich jetzt schon wunschlos glücklich bin?"

Hier endet unsere Geschichte mit den drei Wünschen, Herrn Herz, Carola, Haschem Aziz Salim, Suleika, dem schwarzen Christian und narürlich dem Marid (wobei - wie es mit dem weiter geht, mag sich jeder selbst ausdenken )
Wir bedanken uns fürs Lesen und hoffen, dass es euch ebenso viel Spaß gemacht hat, wie uns.
Unseren Lesern wünschen wir frohe Weihnachten, einen beschwingten Rutsch ins neue Jahr und ein zufriedenes 2015.

Eure,
Angelika Lauriel und Heike Schulz


23. Dezember
Von Angelika Lauriel

Carola Wüst

Die Auswirkung meines zweiten Wunsches konnte ich nicht sofort erkennen. Wir standen alle da und warteten, dass etwas geschehen sollte. Aber nichts, kein Brausen, keine Lichterscheinungen umflirrten uns, Haschem wuchs auch nicht in die Höhe oder so. Nein, auf seinem Gesicht breitete sich lediglich ein glückseliges Lächeln aus, und er zwinkerte mir verschwörerisch zu. Suleika nahm gleichzeitig Christians Hand in ihre. Da ging doch was! Er seinerseits war sichtlich stolz darauf, ein gutes Werk getan zu haben. Auf dem Weg herunter musste er seinen Hut verloren haben, und jetzt konnte ich seinen freundlichen Blick erkennen. Der hatte schön alle an der Nase herumgeführt mit seinen schwarzen Klamotten und den beschatteten Augen!
Mein Chef legte einen Arm um meine Schultern. Ihm sah ich an, wie sehr der vorletzte Wunsch ihn verändert hatte. Er wirkte um Jahre verjüngt.

Aber ansonsten tat sich nichts, mehrere Minuten lang. Ich spürte lediglich, dass mir immer kälter wurde. Ich kann nur vermuten, dass Dschinn ein anderes Kälteempfinden haben. Sonst kann ich mir nicht erklären, wie Suleika es jahraus jahrein in diesem Bauchtänzerinnendress aushält.
Nun, und dann geschah doch etwas. Mein Blick wurde nach oben gelenkt von unartikulierten Geräuschen, die nach einem heranrollenden Gewitter klangen und die unterirdische Höhle ausfüllten. Sie kamen vom Marid, und als ich ihm ins Gesicht blickte, wusste ich, worin die Änderung bestand, die ich mit meinem Wunsch ausgelöst hatte: Ich, Carola Wüst, eine dünnhäutige kleine Buchhändlerin des 21. Jahrhunderts, hatte den Herrn aller Dschinn und Geister erzürnt. Ich war ihm in die Parade gegrätscht (ähm, passt das Bild? Egal!).

"Was erdreistest du dich?", brüllte er. "Wie kannst du es W A G E N?" Er schien dabei noch weiter zu wachsen. Ich duckte mich unter den Speicheltröpfchen, die wie ein Sommerregen auf uns hernieder prasselten. Ratlos biss ich mir auf die Unterlippe und sah meine Gefährten an. Für einen Moment waren sie ebenso verdutzt wie ich.
Dann streckte Suleika den Rücken durch und trat einen Schritt vor. "Ach, halt doch die Klappe!"
Der Marid riss die Augen auf, dass es so aussah, als würden sie gleich auf uns herabfallen. "W-Wer bist du denn?", sagte er dann in deutlich ruhigerem Tonfall, bevor er sich wieder in die Brust warf und mit seiner Pizzasalami auf mich deutete. "Suleika hat alle Gesetze gebrochen!"
Suleika brach in Kichern aus. Dann zwinkerte sie, und im nächsten Moment trug ich wieder meine Jeans und den Rolli unter meinem Mantel. Endlich wurde mir wieder warm! Meine Haare fielen locker herab, meine Brille saß wieder auf meiner Nase, und Suleika warf den schwarzen Mantel ab, unter dem sie nun da stand, ein fleischgewordener Kleinmädchen- und Männertraum. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Du willst der mächtige Marid sein? Kannst ja nicht mal einen Menschen von einem Dschinn unterscheiden! Ich bin Suleika! Und sie hat alles Recht der Welt, ihren Wunsch so zu formulieren, wie sie es für richtig hält!"
"Ja, gib's ihm, meine Honigblüte!" Haschem trat neben Suleika.

Der Marid blies sich noch weiter auf, er stieß mit dem Kopf gegen die Decke und fauchte, dass uns die Haare aus dem Gesicht wehten. "NEIN! Das werdet ihr büßen! Ich finde Mittel und Wege, euch beide in das Erdloch zu verbannen! Und zwar noch heute!"
Christian zupfte mich am Mantel. "He, du hast doch noch einen Wunsch", murmelte er. Ich sah in seine Augen und verstand.
"Dschinn Haschem Aziz Salim", sagte ich feierlich. "Ich wünsche, dass der Marid mit sofortiger Wirkung seine Macht über alle Geister und Dschinn verliert." Im selben Moment spürte ich die Hand meines Chefs, die sich in meine schob und sie drückte. "Inshallah, so sei es."

Der Marid stieß erneut ein wütendes Brüllen aus, doch noch während er sich in seiner Wut suhlte, wurde er kleiner und kleiner, wie ein Luftballon, dem die Luft entwich. Seine Stimme erklang heller und heller, und schließlich stand vor uns ein winziges Männlein, nicht größer als mein Daumen. Es sprang wie ein Flummi auf und ab und verfluchte uns in Quietschelauten, die wir gar nicht als richtige Wörter begreifen konnten.
"Na, das wäre geschafft", sagte Suleika zufrieden. "Übrigens fühlt es sich gar nicht so schlecht an, die Zauberkräfte wieder zu haben. Nicht, Haschem?"

War es das für den Marid?
Im großen Finale werden wir es sehen!

22. Dezember
Von Heike Schulz

Die Welt um mich herum verwirbelte sich zu einem Strudel aus Schwarz und Grau. Mein Magen, oder vielmehr der Inhalt des Selbigen, drängte zum Ausgang, und meine Sinne drohten zu schwinden. Grauenhaft. Es fühlte sich beinahe so an wie am 19. September 1783. Damals geriet mein Buch versehentlich in einen Transportkorb, der ursprünglich nur für einen Hammel, einen Hahn und eine Ente vorgesehen war. Diese drei Tiere stellten die ersten lebenden Passagiere der Erfindung zweier Brüder dar, die das kühne Unternehmen in Angriff zu nehmen wagten, mittels eines Rauch gefüllten Ballons aus Papier und Leinwand die Lüfte zu erobern.

Schauplatz jenes Unternehmens war seinerzeit der Schlosspark von Versailles, und ich erinnere mich nur allzu gern an das staunende Ah und Oh des anwesenden Königs Ludwig XVI, als sich der Ballon samt Korb, Hammel, Ente und Hahn und bedauerlicherweise auch meinem Buch in den Nachmittagshimmel von Paris erhob. Zunächst ging alles glatt, doch dann bekam der hammelige Hammel Hunger und nagte den Einband meiner Behausung an. Jedoch stellte er sehr rasch die Ungenießbarkeit meines Buches fest und schleuderte es mit einem empörten Böööööh! hinab in die Tiefe. Glücklicherweise landete ich genau auf dem Kopf des einen Bruders, was mein Buch vor größerem Schaden bewahrte. Sein Name war Étienne irgendwas mit Mongole oder so, aber ich schweife ab. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist, aber der Sturz damals fühlte sich genauso an, wie dieser jetzt und hier.

Diesmal dauerte mein freier Fall wesentlich länger, und als ich endlich auf dem Boden aufschlug, hatte ich mit meinem weltlichen Dasein abgeschlossen. Die Stimme, die donnernd in mein Ohr drang, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Jetzt erkannte ich sie auch, und was sie brüllte, gab wenig Anlass zur Freude.
"Haschem Aziz Salim, komm raus, du Feigling!"
Wenn der Marid schlechter Laune war, ließ man ihn lieber nicht warten. Trotzdem zog ich es vor, auf Zeit zu spielen, bis er besserer Stimmung war, da wollte ich kein unnötiges Risiko eingehen. Erst Carolas Flehen stimmte mich um.

"Haschem, bitte kommen Sie heraus, ihr Chef will Sie dringend sprechen." Sie klang derart bestürzt, dass mir keine andere Wahl blieb. Also quetschte ich mich zwischen meinen Buchseiten heraus, wirbelte um meine eigene Achse, wuchs zu meiner normalen Größe heran und blieb schließlich mit verrutschtem Turban und aufgeplusterten Bartenden stehen.
"Können Sie Ihrem Herrn Marid bitte erklären, dass ich Carola Wüst bin?" Mit besorgter Miene schaute Carola mich an.
"Selbstverständlich sind Sie Carola Wüst. Wer sollten Sie ... " Ich kratzte mich verwundert am Kopf, da unterbrach mich erneut die Stimme meines Chefs. Ich merkte auf und erblickte seine Furcht einflößende Gestalt inmitten einer von lodernden Fackeln erhellten Höhle. Er überragte mich um etliche Haupteslängen, und sein mächtiger Brustkasten bebte mit jedem Atemzug. Ein Zeigefinger, groß wie eine sizilianische Pizzasalami, schnellte vor.

"Rede keinen Stuss, du Wicht! Das ist deine Angetraute, Suleika! Und damit du es genau weißt, sie ist meine Geisel! Du hast in der letzten Zeit ziemlich viel Bockmist angestellt, angefangen damit, dass du dich einem Jungen namens Christian verweigerst. Die Strafe dafür kennst du ja!"
Oh, verflixt. Diese Sache hängt mir ja immer noch nach. Nervös trat ich vom einen Fuß auf den anderen.
"Nun ja, oh allmächtiger Marid, das kann ich erklären. Dieser Christian, das ist ein ziemlich ..."
"SCHWEIG!" Erneut unterbrach mich sein Donnerhall von Stimme. Die rotglühenden Augen unter den buschigen Augenbrauen stoben förmlich Funken und sein schwarzer Rauschebart knisterte vor Zorn. "Ich werde dich in ein brennendes Erdloch voller Schwefel stoßen, wo du ..."
" ... den Rest der Ewigkeit verbringen musst. Jaja, ich weiß Bescheid", beendete ich seine Drohung. Reichlich bedröppelt nahm ich meinen Turban vom Kopf, tat einen tiefen Seufzer und reichte Carola die Hand.
"Meine Herrin, es war mir wirklich eine große Freude, Sie kennengelernt zu haben. Hoffentlich finden Sie allein raus, denn ich hab hier noch eine Weile zu tun." Ich lächelte sie gequält an. "Eine ziemlich lange und nie enden werdende Weile, um es genau zu sagen. Also, dann. Grüßen Sie mir Efendi Herz. Ich werd' dann mal ..."

"Halt! Keinen Schritt weiter, Herr Haschem!"
Die Stimme, die meine Abschiedsrede so jäh unterbrach, ließ mein Herz vor Freude jubilieren. Es war keine andere, als die des alten Efendi Herz, der da nun sehr beherzt (ich weiß, ein lahmes Wortspiel) zusammen mit Suleika und dem schwarzen Christian aus einer Felsnische trat. Offenbar hatten sie einen Weg in die Tiefen der Kakushöhle gefunden, um mich - ich fasse es nicht - zu retten!
"Und Sie da!" Energisch schritt Efendi Herz auf den Marid zu. "Sie sollten sich was schämen, einen so feinen Kerl wie Haschem bestrafen zu wollen. Dazu müssen Sie erst mal an mir vorbei!"
"Und an mir auch!" Suleika ging ebenfalls auf den Marid zu.
"An mir erst recht!" Carola stellte sich an Efendi Herz' Seite.
Der schwarze Christian zögerte. "Na gut, okay", rang er sich schließlich durch und trat an Suleikas Seite. "An mir auch."
Verdutzt glotzte der Marid auf die Menschenmauer, die mich von ihm trennte. Sein dicker Wurstfinger kratzte ratlos am Kinn.
"Leute, so geht das nicht", protestierte er. "Das ist Dschinngesetz, und Haschem weiß es auch. Er wird in das brennende Schwefelloch geworfen, komme, was da wolle. Da gibt es kein vertun. Das Dschinngesetz steht über allem."

"Das Dschinngesetz steht über allem", wiederholte Carola nachdenklich, dann breitete sich ein Grinsen in ihrem Gesicht aus. "Na klar! Dschinn Haschem Aziz Salim", fuhr sie mit fester Stimme fort. "Ich wünsche, dass du vom Marid begnadigt und nicht für deinen Betrug an Christian bestraft wirst." Ihr Blick suchte den des Schwarzen, der kaum merklich nickte. "Inshallah, so sei es", beendete Carola die Formel und besiegelte damit ihren zweiten Wunsch.

Wie mag wohl der dritte Wunsch lauten?
Morgen geht es weiter.

21. Dezember
Von Angelika Lauriel

Konrad Herz

Er fühlte sich wie neugeboren. Als hätte er die Kraft der zwei Herzen. Konrad Herz konnte Haschem nicht genug danken für die wundersame Heilung. Nicht nur waren seine Verletzungen des Unfalls sofort verheilt, sondern auch sein Gichtleiden hatte sich in Luft aufgelöst. Das bedeutete, dass er sich wieder so jung fühlte, wie er tatsächlich war. Sein größter Wunsch würde in Erfüllung gehen: Er konnte das Buch Herz noch viele weitere Jahre führen. Und Carola Wüst konnte, wenn sie es dann noch wollte, seine Nachfolge antreten. Das alles brauste durch seinen Kopf, noch während er von der Thermodecke aufsprang, auf die der düstere Mensch und Carola ihn gelegt hatten. Aber sobald er stand, war er auch wieder mittendrin in ihrer aller gemeinsamem Anliegen. Zwar hatte der Schwarzgekleidete Haschems Buch rausgerückt - und damit im Grunde bestätigt, was Konrad schon während des Frühstücks angenommen hatte -, nämlich, dass er im Geiste nicht so dunkel und missmutig war, wie er sie gern glauben machen wollte, aber alle waren sich darüber im Klaren, dass sie diese Sache zu Ende bringen mussten. Sie hatten dem Schwarzen die mitternächtliche Frist in der Kakushöhle gesetzt, und sie waren davon überzeugt, dass sie diese Verabredung nun auch einhalten mussten, koste es, was es wolle.
Nun, mit der neugewonnenen Kraft, die Konrads Herz durch seinen Körper pumpte, war das kein Problem. Er deutete also auf ein kleines Waldstück. "Da drüben ist die Kakushöhle. Da sollten wir unterkriechen."
So machten sie es dann auch, marschierten unter dem stärker werdenden Schneefall zwischen die Bäume und fanden den Eingang zur Höhle.
Carola und Suleika huschten sofort hinein in die Große Kirche, um Schutz und Wärme zu finden. Der Schwarzgekleidete folgte den Frauen, während Konrad Haschem Aziz Salim mit der Hand bedeutete, er solle ihm voran gehen. Doch der Dschinn zögerte.
"Was ist los, Herr Haschem?"
"Mich beschleichen Zweifel, ob wir diese Räumlichkeiten wirklich aufsuchen sollen, Efendi Herz. In meinem Gemüt regt sich eine Regung, die ich nicht recht begreifen mag. Ungebeten sucht sie mich heim, und ich kann nicht umhin, ihr nachzuspüren. Allein, begreifen kann ich sie nicht."
Während er diese Worte sprach, legte sich eine hauchzarte Haube von Schneeflocken über seinen Turban, Eissterne schmückten seine runde Nase, bevor sie zu Tropfen schmolzen, die in seinen Bart sickerten. An beiden gezwirbelten Enden krönte je ein Eiskristall die Spitze. Haschem zitterte am ganzen Leib.
"Herr Haschem", sprach Herz beruhigend auf ihn ein und griff nach seinem Ellbogen, da auch er die Kälte deutlich spürte, die an ihn drang, "machen Sie sich keine Sorgen, wir sind bei Ihnen."
Haschem hielt mit zitternden Fingern das Buch hoch. "Könnten Sie es für mich nehmen?" Sein Blick wirkte unstet und ängstlich. Es tat Konrad Herz in der Seele weh, den mächtigen Dschinn so verunsichert zu sehen. Also nickte er und nahm das Buch in seine Hände.

Dann geschahen mehrere Dinge auf einmal. Haschem begann sich zu drehen wie ein Kreisel, zuerst ganz langsam. Im gleichen Moment hörte Konrad Herz einen hellen Aufschrei von drinnen und einen Ruf, der aus dem Bauch der Erde zu dringen schien. Er glaubte, das Wort "S U L E I K A A A" zu verstehen, langgezogen und sehr, sehr tief. Er war sich nicht sicher, ob es eine Menschenstimme war. Zugleich begann der Dschinnkreisel vor ihm zu brummen, dann fuhr er in das Buch hinein. Herz glaubte noch, Haschems Stimme zu hören. Rief er etwas wie "Hilfe holen ... gleich zurück?" oder waren es doch die Worte "Pipi in Hose ... Scheiß Marid?"

Was genau Haschem bei seinem Verschwinden ausrief, war in diesem Moment jedoch unwichtig. Viel wichtiger war das Wehklagen, das Konrad Herz entgegen schallte, als er, das Buch an sich gedrückt, in die Höhle stürmte. Ein verwirrendes Bild bot sich ihm: Unter dem schwarzen Mantel kniete Suleika auf dem Boden und starrte in einen Erdspalt hinein, neben ihr stand der Besitzer des Mantels, ebenfalls über die Spalte gebeugt. Suleika jammerte und klagte: "Oh nein, oh nein, sie ist verschwunden, sie ist einfach verschwunden."
Der alte Herz war mit zwei Schritten bei ihnen, auf der anderen Seite des Spalts, der ungefähr so breit wie die Schultern eines großen Mannes war. Diesen Spalt hatte Herz in der Höhle noch niemals gesehen.
"WER? WO?", rief er aus und lenkte die Aufmerksamkeit der beiden damit auf sich.
Suleikas Klagelaute verebbten, der Schwarzgekleidete half ihr aufzustehen, worauf sie sich wie hilfesuchend an ihn lehnte. Sie sahen aus wie zwei verschreckte Kinder. Oder wie ein ... Paar.

"Wir hatten kaum die Höhle betreten ...", begann Suleika.
"... da hörten wir ein Flüstern ...", führte der Schwarzgekleidete fort.
"... das zu einem Raunen wurde ..."
"... und dann immer lauter anschwoll ..."
"... bis wir Worte verstanden." Suleika schlug sich die Hände vors Gesicht. "Es war mein Name, meiner. Ich sollte da hinabfahren, nicht Carola!" Sie schluchzte.
"Du kannst nichts dafür", sagte der Schwarzgekleidete in liebevollem Tonfall und strich über Suleikas Haar, das bei der Berührung plötzlich goldene Funken absonderte.
"Doch, Christian! Nur weil ich Menschenkleidung tragen wollte! Wenn ich meine Dschinnkleidung behalten hätte, hätte er uns niemals verwechselt! Jetzt ist sie dort ..." Suleika beugte sich über den Spalt und starrte hinab in die bodenlose Schwärze, Christian und Herz taten das Gleiche. Haschem gab indessen keinen Mucks von sich, Konrad hatte legidlich das Gefühl, dass sein Buch atmete, und hielt es ebenfalls über den Abgrund. Vielleicht war der Dschinn ja in der Lage, aus seinem Buch nach unten zu sehen.
Christians Hand fuhr vor, er umfasste Konrads Handgelenk. "Um Himmels willen, Herz, halten Sie das Buch fest!", rief er, doch sein Griff war so fest, dass der Alte die Gewalt über seine Finger verlor. Wie in Zeitlupe eingefroren beobachtete Herz, wie das Buch aus seinen Fingern glitt und hinabfiel. Hinab, hinab. Die Hände von Suleika, Christian und seine eigenen versuchten, das Buch aus der Luft zu greifen. Aber es fiel weiter. Hinab, hinab.
"Neeeiiin!", glaubte Herz, Haschems verzweifelte Stimme zu hören. "Jetzt hat er mich!"
Dann machte es Platsch, und außer einem "Autsch" klang nur noch Stille nach oben.
Konrad Herz starrte Suleika und Christian an. "Wen meint er?", fragte der Buchhändler, bevor die Sorge um Carola ihn erneut übermannte.

Können die Freunde Carola und Haschem noch retten?
Das verrate ich mogen

20. Dezember
Von Heike Schulz

Meine Knie wurden weich. Um  mich herum war alles in  helle Aufregung verfallen. Meine Herrin redete den Tränen nahe in einen kleinen Kasten hinein, aus dem höchst beunruhigende Wörter drangen. Man könne nicht so schnell herbei eilen, da wir in recht unwegsamer Gegend havariert waren und darüber hinaus der einsetzende Schneefall die Rettung behinderte. Wir sollten uns in Geduld üben und es dem Efendi so angenehm wie möglich machen.

Kunststück. Der arme Mann lag mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammengekauert auf einer güldenen Decke, meine Herrin strich ihm immer wieder übers schüttere Haar und murmelte beruhigende Worte, zugleich verdichtete sich auch der Schneefall. Meine Verzweiflung wuchs und wuchs mit jedem Atemzug. Wenn ich doch nur etwas tun könnte!
"Verdammt, du Goldschisser! Der Mann stirbt! Warum tust du nichts? Oder bist du gar kein Dschinn?", fuhr mich der Schwarzgekleidete an und legte seinen Mantel um die vor Kälte bebende Suleika.

Ich trat von einem Fuß auf den anderen. "Nun ja", begann ich zögerlich. "Es verhält sich nämlich so. Solange ich nicht meines Buches habhaft bin, bin ich machtlos. Ein einfacher Mann, ohne magische Fähigkeiten. Ich muss mich auf meinen Verstand verlassen, wenn ich Wunderdinge bewirken möchte. Genau wie der Mann, den ich um 1870 kennenlernte. Er hieß Alexander Graham irgendwas und suchte nach einer Methode, über weite Entfernungen mit seinen Lieben zu sprechen. Somit erfand er nach einigem Hin und Her schließlich einen Apparat, mit dem man Sprache über weite Strecken mittels einer Methode namens Elektrik ..."
"Sie schweifen ab!", ächzte Efendi Herz und unterbrach meine Ausführungen über die Erfindung des Telefons.  
"Du brauchst also dein Buch, um Wünsche zu erfüllen?" Das Gesicht des Schwarzen hellte sich auf. "Das kannst du vergessen. Aber wie steht es mit dir, meine Schöne? Kannst du den Alten gesund machen, wenn ich dir dein Plastikbuch gebe?"
Suleika zog eine Schnute. "Sorry, aber so weit bin ich noch nicht mit meiner Rückverwandlung. Ich habe meine ursprüngliche Gestalt, ja. Aber zaubern kann ich noch nicht."
Efendi Herz gab ein röchelndes Geräusch von sich, das uns durch Mark und Bein fuhr.
"Bitte, schnell!", rief meine Herrin und sah den Schwarzgekleideten flehend an.

Der verdrehte die Augen und hob die Hände gen Himmel. "Verdammt. Das werde ich sicher bereuen", murmelte er zu sich selbst und schob die Hand unter seinen Mantel. "Hier ist das Ding. Mach was draus."
Er zog die Hand mitsamt meinem Buch hervor und überreichte es mir. Wie wunderschön es aussah! Sein Einband hieß mich mit warmen Brauntönen Willkommen, der Duft seiner papierenen Seele umfing mich und ich drückte es glücklich an meine Brust.
Dann sah ich Carola erwartungsvoll an.
Sie blickte erwartungsvoll zurück.
Ich hob fragend die Schultern.
Sie hob fragend die Brauen.
"Ihr müsst die Formel sprechen, meine Zimtblüte", erinnerte ich sie.
"Wie? Ach so! Ja." Sie räusperte sich. "Also los. Dschinn Haschem Aziz Salim, ich wünsche, dass mein Chef, Herr Konrad Herz, wieder gesund ist. Ist das okay so?"
Ich überlegte einen Moment und nickte. Das Kleingedruckte konnte ich hier mal unter den Tisch fallen lassen, ich wusste ja auch so, was sie meinte.
"Inshallah, so sei es", beendete Carola ihren ersten Wunsch und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Efendei Herz.
Der zuckte kurz, dann durchflutete eine samtige Röte seine blassen Wangen, sein Blick klärte sich und er richtete sich auf.

"Wir sollten zusehen, dass wir irgendwo Unterschlupf finden", erklärte er. "Sonst versinken wir hier noch im Schnee." Er stand auf und hauchte in seine kalten Hände. Meinte ich das nur, oder war er tatsächlich um einige Zentimeter gewachsen?
Mit einem Kopfnicken deutete er auf ein kleines Waldstück. "Da drüben ist die Kakushöhle. Da sollten wir unterkriechen."

Ob das wirklich eine gute Idee ist?
Warten wir es ab ...


19. Dezember
Von Angelika Lauriel

Der schwarze Mann

Ich saß in meinem Smart und wusste nicht, wie mir geschehen war. Hatte ich gerade mit den beiden Geistern und den Buchleuten gefrühstückt? Und mich dabei lammfromm benommen? Warum, zum Geier?
Als ich die vier in der Bäckerei aufkreuzen sah, dachte ich zuerst, ich sehe nicht richtig. Der große Dschinn Haschem wirkte wie eine verkleidete Witzfigur. Wie ein einfacher, alter Mann, der sich für ein Theaterstück oder ein Kabarett in weibische Kleidung geschmissen hatte. Selbst die schwarzumrandeten Augen strahlten nicht ein bisschen. Und der sollte Magie besitzen?
Und dann die zwei Frauen ... Die Buchhändlerin trug die Frisur von Lilabella, nur dass es bei ihr einfach lächerlich aussah. Ihre roten Haare waren viel zu störrisch, um sie auf diese Art zu frisieren. Da hatte ihr einfacher Pferdeschwanz besser gepasst. Aber egal, was scherte mich diese blasse Person?
Die andere war es, die mich in einem stammelnden, dümmlich wirkenden Klotz verwandelte. Wo kam sie her? Sie war groß und schlank, trug eine Brille, hinter der die türkisfarbenen Augen hervorblitzten, und ihr Haar ... ihr dichtes, schwarzes Haar ... ein Traum!
Im Gespräch beim Frühstück stellte sich heraus, dass sie die verschwundene kleine Prinzessin aus dem Lilabella-Buch war. Sie hatte recht damit, dass ich es nicht bemerkt hatte, als ich sie verlor, aber dass sie verschwunden war, hatte ich inzwischen festgestellt. Und es bedauert. Das kleine, aufgebrachte Ding war mir ans Herz gewachsen. Ich begriff nicht, wie es dazu gekommen war, dass sie jetzt eine große und umwerfend schöne Frau - oder eigentlich wohl eine Dschinni - war, aber hatte ich vorher ihre Geschichte begriffen, wie sie zum Spielzeug geworden war? Eben.

Ich glaube, beim Frühstück sagte ich nicht mehr als drei oder vier Worte, zu sehr war ich von der schönen Frau gebannt. Und zugleich wuchs mein Zweifel an Haschem. Was war mit ihm los? Der sollte Wünsche erfüllen können? Er brachte es ja nicht einmal fertig, sein Ei zu verspeisen, ohne dass ihm das Eigelb in den Barthaaren hängen blieb. Und das entfernte er nicht etwa mit einem Fingerschnipsen, nein. Er benutzte eine Serviette. Dass er damit keine Übung hatte, war nicht zu übersehen.
Der alte Herz seinerseits verspeiste zum Frühstück mindestens so viele Medikamente wie Brötchen. Ob das gesund war? Und seine blasse Buchhändlerin, deren käsige Haut in dem Dress von Suleika noch betont wurde, konnte sich noch so sehr anstrengen ... sie brachte keine ordentliche Konversation zustande.
Tja, und dann trennten sich unsere Wege wieder.

Ich startete meinen Smart und reihte mich in den Verkehr ein, hinaus aus der Ortschaft. Zum Glück fuhr mein Auto überhaupt noch. Ich benutzte es nur sehr selten, weil ich mir meistens das Benzin nicht leisten konnte. Aber heute war es wichtig! Ich wollte die vier auf keinen Fall verpassen. Heute Nacht in der Kakushöhle, da würde ich mir mein Recht holen. Da würde ich nicht mehr wie ein Idiot vor mich hin stammeln, sobald der Türkisblick mich streifte.
Entschlossen trat ich auf das Gaspedal. Und bremste heftig. Auf der verlassenen Landstraße sah ich den blauen Wagen des alten Herz! Er hing halb im Graben, die Motorhaube war von einem großen Baum bis auf die Hälfte zusammengefaltet, und Rauch stieg auf. Die Insassen mussten noch darin sitzen! Ich sprang aus meinem Auto, rannte zu der Rostlaube und zerrte die Fahrertür auf, zog den alten Mann auf die Straße, lief zur anderen Seite und öffnete die Beifahrertür. Der benommenen Buchhändlerin brüllte ich zu, dass sie aussteigen solle, bevor ich die hintere Tür öffnete und Suleika hinaushalf, während Haschem es allein schaffte, aus der Karre auszusteigen. Alle schienen unversehrt, nur Konrad Herz war noch immer bewusstlos.
Carola Wüst fasste sich als erste und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie rief den Notarzt.

Ist Herr Herz noch zu retten?
Das verrate ich morgen.

18. Dezember
Von Heike Schulz

Der Schwarzgekleidete und wir maßen uns mit Blicken, die Dolchstichen glichen. Dass sein Augenmerk einen Wimpernschlag länger auf Suleika haftete, und dann ein kurzes Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, bleib mir nicht verborgen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und zog den Bauch ein. Was bildete dieser Unhold sich ein?

"Schätze, wir sind in einer klassischen Pattsituation", stellte Efendi Herz vergnügt fest. "Wenn Sie nichts dagegen haben, betrachten wir diesen Ort hier als die Schweiz und stärken uns zunächst einmal. Fünfmal Frühstück mit Kaffee, wenn ich mich nicht irre?"
Ehe jemand einen Einwand hervorbringen konnte, wandte sich Efendi Herz an die Händlerin der feinen Backwaren und erbat Frühstück für uns alle. Die Luft zwischen uns schien zu flirren, doch dann löste meine Herrin die Anspannung und deutete auf einen Tisch im hinteren Bereich des Ladens.
"Da drüben ist Platz für uns."

Ungeachtet der neugierigen Blicke, die uns folgten, schoben wir uns an den besetzten Tischen vorbei und ließen uns nach einigem Hin und Her nieder. Bald darauf erschien die Händlerin und servierte uns Kaffee, Gebäck, Eier, Wurst, Käse, Honig und dergleichen mehr. Trotz des Anblicks der Köstlichkeiten taute die frostige Stimmung zwischen uns kaum auf, doch meiner Ansicht nach konnten wir genauso gut mit vollem Magen einander mit Missmut betrachten. Während ich einen zarten Blätterteigkringel in Honig tunkte, erwachten meine Lebensgeister und ich fragte Suleika nach ihrem Befinden.
"Das geht dich einen feuchten Kehricht an", fauchte sie, worauf der Schwarzgekleidete schadenfroh grinste. Offenbar bereitete es ihm Vergnügen, dass meine Gemahlin nicht mit mir zu kommunizieren wünschte. Stattdessen wandte sie sich mit vorwurfsvollem Blick an ihn.
"Ich wette, Sie haben gar nicht gemerkt, dass Sie mich verloren haben. Eingeklemmt unter der Tür war ich. Allein. In der bitteren Kälte. Eine zarte, hilflose Frau. Haben Sie mich denn gar nicht vermisst?" Tränen füllten ihre Augen, worauf Efendi Herz seine Hand auf ihren Arm legte.
"Wir sollten lieber das Thema wechseln, schließlich wollen wir doch kein Aufsehen erregen."
"Nun ... ich ...", stammelte der Schwarze, verstummte aber unter Carolas strengem Blick.

Den Rest der Mahlzeit brachten wir schweigend hinter uns, dennoch konnte ich meine Abneigung unserem Widersacher gegenüber nicht verhehlen. Ob es an seinem schmierigen Blicken lag, die er Suleika zuwarf, oder an meinem Buch, dessen Einband sich deutlich unter seinem Mantel abzeichnete, vermochte ich nicht zu sagen. Vermutlich beides. Er führte nichts Gutes im Schilde, das konnte ich ihm an der Nasenspitze ansehen. Und das Buch ... MEIN Buch ... ich spürte seine Gegenwart. Es zog mich an, lockte mich und versprach mir, bald wieder mein zu sein. Nur mein. Mein Schaaaatz.
Das letzte Mal, dass ich einen solch lockenden Ruf vernommen hatte, war in Griechenland. Genauer gesagt, auf der Insel Aiaia. Nun, damals gelangte ich zusammen mit einem Seefahrer auf jene Insel, denn auch wir waren dem Lockruf der Schönen gefolgt, die dort lebte. Sie war ganz offensichtlich eine rechte Tierfreundin, denn rund um ihr Haus hatte sie weiträumige Gehege mit allerlei zahmem Getier angelegt. Wie sich herausstellte, war sie allerdings keineswegs besonders tierlieb, vielmehr hat sie die Besucher der Insel mittels eines Zauberkrauts in Tiere verwandelt. Nur mit viel List gelang es mir, den verzauberten Tieren ihre menschliche Gestalt zurückzugeben, und noch größerer List bedurfte es, diesem unglückseligen Ort zu entkommen. Aber all das ist schon ewig her, und ich kann mich nicht mehr an den Namen des Seefahrers erinnern, obwohl er bis heute für seine Reisen berühmt ist. Der Name der Schönen ist mir auch entfallen, es war irgendwas mit Circe oder so ähnlich - aber ich schweife ab. Wie auch immer, ihr Lockruf löste ähnliche Sehnsucht in mir aus wie mein Buch.

Nachdem wir uns gestärkt hatten, verließen wir in stummer Eintracht den Ort und standen eine Weile unschlüssig herum. Suleika schien zu überlegen, ob sie die Fronten wechseln und mit dem Schwarzgekleideten gehen sollte, entschied sich aber nach einem kurzen Seitenblick auf meine Herrin doch dafür, bei uns zu bleiben.
"Man sieht sich", verabschiedete sie sich von ihm und hakte sich bei meiner Herrin unter.
"Ja, um Mitternacht", knurrte ich so bedrohlich wie möglich und zog mit meinen Freunden von dannen.

Nur noch wenige Stunden, dann würden wir ihn in der Kakushöhle wiedersehen. Bis dahin brauchten wir einen guten Plan, ihn auszutricksen, denn je näher unser Treffen rückte, desto mehr beschlich mich das Gefühl, dass ich dort schon einmal gewesen bin, und dass uns in dieser Höhle Unheil drohte ...

Ob das Treffen in der Kakushöhle eine gute Idee ist? Morgen wissen wir mehr ...

 

17. Dezember
Von Angelika Lauriel

Carola Wüst

Oh what a night! Hätte ich mir jemals träumen lassen, mit einer Dschinni in einem Zimmer zu schlafen? Nur um festzustellen, dass sie eindeutig hyperaktiv ist?
"Schlaf wird völlig überbewertet", sagte Suleika mindestens zehnmal in dieser Nacht. Jeweils nach etwa einer Stunde, also ungefähr dann, wenn ich gerade eingenickt war. Immer und immer wieder.
Es war nicht so, dass sie eine unangenehme Zeitgenossin wäre, das nicht. Sie war unterhaltsam, aufgeschlossen, eigentlich das, was man eine starke, moderne Frau nennen würde. In den ersten Abendstunden machte es mir ja noch nichts aus, dass sie ihren Mund einfach nicht halten konnte. Im Gegenteil, ich fand alles total spannend, was sie mir erzählte. Vor allem ihre Entscheidung, nach so vielen hundert Jahren ihr Leben als Dschinni zu beenden.
"Weißt du, die Sache mit Yasemin hat allem ja nur die Krone aufgesetzt. Dieser Fehltritt von Haschem war der entscheidende Tropfen, der den heißen Stein zum Kochen und dann zum Überlaufen brachte." Sie zog die dicke, lange Haarsträhne über die Schulter nach vorne, um sie um den Finger zu wickeln. Ich konnte mich an ihr nicht sattsehen. Sie saß im Schneidersitz auf dem Bett meinem gegenüber, ihr Bauch war braungebrannt und schlank, das Oberteil wunderbar altmodisch, so wie in den Filmen aus 1001 Nacht, die meine Mutter immer mit mir angeschaut hatte, als ich noch klein war, ob ich wollte oder nicht. Die tatsächliche Augenfarbe von Suleika hatte sich als ein ganz besonderes Blau entpuppt, das ich so noch nie an einem lebenden Menschen gesehen hatte. Türkis, funkelnder Türkis - und das ist kein Widerspruch in sich.
"Hm, aber deshalb gleich ganz von der Bildfläche verschwinden? Du brauchst doch keinen Mann, um glücklich zu sein, oder?"
Sie zog ein paar Haarnadeln aus ihrem Knoten und nahm das winzige Lilabella-Krönchen herunter, das sie noch immer trug. Dann zog und zerrte sie an den Haaren, bis sie einen Dutt in der Hand hielt, den sie knetete. Die Locken fielen ihr nun in weichen Wellen über die Schultern, und sie sah plötzlich viel jünger aus. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. "Das stimmt natürlich. Aber weißt du, ich war es einfach satt. Ich hatte keinen Bock mehr auf das alles. Ich wollte nur noch Ruhe. Haschem wollte mir helfen - wahrscheinlich wegen seines schlechten Gewissens. Na ja, du siehst ja, was es gebracht hat. Er ist echt eine Knalltüre hoch zehn."
"Ach, so schlimm finde ich ihn nicht. Er hat ein gutes Herz. Und ist witzig ... Allerdings passt er nicht so richtig zu dir, da kann ich dir recht geben."
Plötzlich sprang Suleika auf und streifte ihre Schühchen ab. "Carola, würdest du mir einen Gefallen tun?"
"Jaha ...?"
"Ich wollte immer schon mal Menschenkleidung tragen ... Darf ich vielleicht ...?" Sie griff in den Rücken, um ihr perlenbesetztes Bustier zu öffnen.
"Willst du meine Sachen anprobieren?" Ich spürte ein Kribbeln im Bauch wie damals, als Kind, wenn ich mich im Advent auf "Drei Nüsse für Aschenbrödel" freute. "Aber klar, wenn ich dafür deine Sachen anziehen darf!"

Aus einem einfachen Kleiderwechsel wurde ein komplettes Umstyling, das eine ganze Weile dauerte. Ich kämmte Suleikas Haare, bis sie glatt herunterhingen. Sie sah in meinen Jeans und dem Rollkragenpulli ganz normal aus. Eine schöne junge Frau eben. Ich hingegen musste den Bauch einziehen, damit ich die seidene Pumphose zumachen konnte, aber dann passte sie mir doch. Das Oberteil saß wie angegossen, die hauchdünnen Schleier verhinderten, dass ich auskühlte. Suleika stand vor mir und musterte mich, bevor sie den Kopf schüttelte.
"Die Brille geht nicht. Brauchst du die unbedingt?"
"Nee, die ist nicht stark. Geht auch ohne." Ich nahm sie ab, sie setzte sie selbst auf.
Dann klatschte sie in die Hände. "Jetzt deine Haare!"
Mit geschickten Fingern zauberte sie mir innerhalb weniger Minuten die Frisur, die sie selbst zuvor getragen hatte. Der Dutt unter meinem Haar ziepte kein bisschen. Zum Schluss zog Suleika eine dicke Strähne heraus, damit sie wie bei ihr herunterhing. Sie fiel natürlich nicht so anmutig in eine große Locke wie bei ihr, aber das störte uns nicht weiter. Die Farbe kam auch nicht ganz hin. Das Hellrot biss sich mit dem kräftigen Pink meiner Montur. Aber egal. Ich sah komplett anders aus.
Das alles hatte mich so müde gemacht, dass ich dankbar ins Bett sank, nachdem sie mir zufrieden erklärt hatte, ihr Werk sei nun vollendet und sie brauche ihren Schönheitsschlaf.
Den sie dann irgendwie doch nicht nötig hatte. Stattdessen quatschte sie mich voll.

An diesem Morgen war ich also rechtschaffen müde, als wir die beiden Herren trafen und weiter in Richtung Mechernich fuhren. Wir hatten uns den Spaß gemacht und die Kleider getauscht gelassen. Lediglich meinen Mantel hatte ich über die anderen Sachen gezogen, wodurch es den beiden Altchen - Herz und Haschem - erst auf den zweiten Blick auffiel, dass Suleika und ich mal eben das Outfit getauscht hatten. Aber nun, für Oberflächlichkeiten war Konrad Herz noch nie offen gewesen, und Haschem bewies nicht unbedingt ein Gespür für Frauen. Sie grinsten und sagten nicht viel dazu.
Jedenfalls waren wir überglücklich, als wir eine Bäckerei mit Café fanden. Und dann stand da der Schwarzgekleidete, hielt uns eine Bäckertüte entgegen und brachte kein Wort heraus. Es wirkte, als habe ihm jemand eine Batterie hinter die Augen gesetzt, so wechselte sein Blick von Suleika zu mir und wieder zurück.
"Ähm ...", stammelte er, "ich ... ihr ... ähm ... Was nun?"

Tja, was nun?
Das erzähle ich morgen ...

16. Dezember
Von Heike Schulz

Die ganze Nacht warf ich mich unruhig auf meinem Lager herum. Nicht, dass die Betten unserer Herberge unbequem waren, das waren sie keineswegs. Nicht, dass mich das Schnarchen des Efendi Herz störte. In seinem sonoren Klang ähnelte es dem Schnauben eines Karawanenkamels inmitten einer sternlosen Nacht fernab jedweder Oase, und übte somit eine vertraut beruhigende Wirkung auf mich aus. Beinahe genau wie seinerzeit, als ich im Auftrag des chinesischen Kaisers der Sui-Dynastie, Kaiser Yangdi, im Jahr 507 durch das Perserreich reiste, um zusammen mit einigen kaiserlichen Soldaten eine Karawane mit Gewürzen und Gold vor Überfällen zu schützen.
Wir hatten damals unser Lager dicht gedrängt um ein Feuer errichtet, doch die züngelnden Flammen vermochten es kaum, die Geister der Finsternis und die Kälte fern zu halten. Zu gerne erinnere ich mich an jene Nacht, als sich urplötzlich einer der Soldaten zu mir legte und bebend vor Kälte an mich schmiegte. Bei dieser Gelegenheit stellte ich erfreut fest, dass jener Soldat in Wahrheit ein Mädchen war, das sich heimlich der Armee angeschlossen hatte, um im Namen des Vaters für den Kaiser zu kämpfen. Sie war eine sehr mutige Kriegerin, deren Heldentaten später in zahllosen Liedern und Geschichten besungen wurden. Ihr Name war - aber ich schweife ab.

Wie gesagt, das Schnarchen des Efendi Herz störte mich ebenso wenig wie das Bett. Was mich schier um den Schlaf brachte, war die Sorge um die Ereignisse, die unweigerlich folgen sollten. Drohte uns eine Falle? Würde der Schwarzgekleidete mein Buch wieder hergeben? Würde eine List genügen, oder würden wir gezwungen werden, Gewalt anzuwenden? Und die wichtigste Frage von allen - hatte ich meinen Nachttopf ausgeleert?
Irgendwann musste ich doch in einen leichten Schlaf gesunken sein, denn ich schreckte hoch, als Efendi Herz mich an der Schulter rüttelte.
"He, aufgewacht, Schlafmütze! Die Damen sind bereits fertig und warten auf uns."
Schlaftrunken rieb ich mir die Augen und sah mich blinzelnd um. Efendi Herz hatte bereits seine Morgentoilette erledigt und blickte frisch rasiert und vollständig angezogen auf mich herab. "Wir brechen in fünf Minuten auf."
Während er ein fröhliches Liedchen pfeifend vor unsere Unterkunft trat, stand ich auf und brachte mich mit einem Fingerschnippen in vorzeigbare Form.
Zumindest versuchte ich es, bis ich mir vergegenwärtigte, dass mit meinem Buch auch meine magischen Fähigkeiten abhanden gekommen waren. So war ich gezwungen, mich in einer weiß gekachelten Kammer nach alter Väter Sitte per Hand zu reinigen und meine Kleidung in Ordnung zu bringen. Ich gab mir bei der Prozedur die allergrößte Mühe, doch als ich wenig später unsere Herberge verließ, rollten sich die Enden meines Schnauzbarts eine Idee weniger gen Himmel, als noch am Tag zuvor. Auch mein Turban wies inzwischen einige unschöne Dellen auf, was Suleika, die bereits zusammen mit meiner Herrin und Efendi Herz auf mich wartete, zu einem spöttischen Zungeschnalzen hinriss.

"Du hast aber auch schon mal bessere Zeiten gesehen", kicherte sie und strich mit der Kuppe ihres kleinen Fingers den Schwung ihrer makellosen Augenbraue nach.
Ich gab ein mürrisches Schnauben von mir, das jedoch im Knurren meines Magens unterging. Beschämt drückte ich die Hand gegen meine Leibesmitte.
"Ich habe auch Hunger", stimmte Carola mir mit einem tröstenden Lächeln zu. Eine Welle der Dankbarkeit wollte mich schier in einen Ozean der Glückseligkeit spülen.
"Dann sollten wir uns vorher eine kleine Stärkung zu Gemüte führen", erklärte Efendi Herz, der sich mit diesem Vorschlag die allgemeine Zustimmung sicherte. "Ich habe gestern Nacht auf der Hauptstraße ein kleines Café gesehen, da sollten wir frühstücken."
Eilig bestiegen wir die Blechkutsche und fuhren geradewegs zu einem Laden, der uns bereits auf der Straße mit betörenden Wohlgerüchen Willkommen hieß. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, doch als wir den Laden betraten, blieb mir förmlich die Spucke weg - vor uns stand, mit einer prallen Papiertüte in der Hand, der Schwarzgekleidete!

Kommt es zum großen Knall?
Wir werden sehen. Morgen ...


15. Dezember
Von Angelika Lauriel

Der schwarze Mann

Dreimal verfluchter Dschinn! Kaum war ich um die nächste Straßenecke gelaufen, da verlangsamte ich meine Schritte. Ich hatte das Buch, ja. Es lag schwer in der großen Innentasche meines Mantels, die ich vor vielen Jahren eigens für das Wunschbuch dort hatte einnähen lassen. Von einer der Mittelaltermarketenderinnen, die diese wunderbaren Gewandungen nähen. Trotzdem hatte ich bereits bemerkt, dass etwas nicht stimme. Etwas war anders als sonst. Aber was?
Lag es daran, dass ich das Lilabella-Buch in der äußeren, rechten Tasche trug? Das grässliche Teil hatte nämlich auch sein Gewicht, obwohl es hauptsächlich aus Plastik und Plüsch bestand. Aber die Innereien wogen schwer. Und die bezaubernde Dschinni hatte darauf bestanden, dass wir den gesamten Tand mitnehmen sollten, bevor wir zum Haus des alten Herz gegangen waren. Nachdenklich zog ich das Plüschbuch hervor und klappte es auf, innerlich auf eine weitere Tirade der winzigen Dschinni vorbereitet. Ich hatte nicht genau verstanden, woher sie gekommen, wieso sie in diesem Pseudobuch gelandet und ausgerechnet bei mir wieder lebendig geworden war - aber ich kann es nicht anders sagen: Sie hatte mich beeindruckt. Mein Leben fühlte sich irgendwie voller an. Vielleicht würde sie mir einiges erklären können. Auch wenn sie nicht viel größer als eine Zigarette war. Ich schlug das Buch auf und kniff in Erwartung eines Wortschwalls die Augen zusammen.
Doch nichts. Kein Gezeter, kein hüpfendes Fetzengeflitter, keine magischen, schwarzen Stecknadelkopfaugen. Einfach gar nichts. Selbst das Lila und Pink im Buch wirkte matt und tot. Die bezaubernde Dschinni war weg!
Mit einem enttäuschten Stöhnen griff ich in die Innentasche, um nach dem Wunschbuch zu sehen. Schon als ich es in der Hand hielt, war mir klar, dass es ebenso leer sein würde. Ich zog es heraus, während ich das Lilabella-Buch wieder in die Außentasche gleiten ließ. Noch niemals hatte sich dieses Buch von mir öffnen lassen. Nun gelang es mir! Zum ersten Mal in dreißig Jahren konnte ich den Deckel öffnen. Ich hielt den Atem an. Eine irrwitzige Sekunde glaubte ich noch daran, dass ich nun am Ziel meiner Wünsche angekommen wäre und Haschem doch hervorlocken könnte.
Schon klar, oder? Nix war mit dem Goldschisser-Dschinn! Das Buch wirkte genauso tot wie der Lilabellaplastik. Innen nur leere, angegammelte Seiten, sonst nichts. Ich blätterte durch und konnte keinerlei Schriftzeichen finden, keine Darstellungen ... doch, hier, auf der allerletzten Seite ... ein Gefäß! Ich rieb mit dem Finger darüber mit der Vorstellung, Haschem vielleicht da heraus zaubern zu können. Der Gedanke war natürlich hirnrissig, das wurde mir klar, als ein Geräusch erklang. Es hörte sich an wie eine verstopfte Toilette! Ich zog den Finger zurück, als hätte ich mich verbrannt. Das war doch wohl ... Haschems Buch war leer bis auf einen Abtritt!

Und dann brach sie in mir los. Die Wut. Der Zorn, der Schrei nach Vergeltung. Ich war von allen guten Geistern verlassen worden! Kein Haschem, der mich mit Wohlstand und Reichtum segnen würde, keine bezaubernde Dschinni, die mir Witze erzählen oder mich mit ihrer reizenden Stimme unterhalten konnte.
Wüst und leer. Die beiden Bücher genauso wie mein Leben. Ich brauchte nicht lange, bis ich wieder in der Straße des Herzes war und die Hütte des Alten erkennen konnte. Ich rannte los. Soeben stieg nämlich die kleine Buchhändlerin auf der Beifahrerseite der blauen Karre ein, während Konrad Herz die Fahrertür zuzog und im nächsten Moment den Motor startete. Sie fuhren an mir vorbei, der Alte den Blick starr auf die Straße geheftet, die Kleine nach hinten zum Rücksitz gewandt. Sie bemerkten mich nicht, egal, wie sehr ich auch mit beiden Armen winkte und auf und ab sprang. Ich blickte dem Auto hinterher ... und erkannte auf dem Rücksitz mit hundertprozentiger Sicherheit zwei Personen. Das eine war natürlich der selbstverliebte Dschinn, und die zweite ... Mir blieb der Mund offenstehen. Das musste die bezaubernde Dschinni sein! Sie war größer, nicht mehr so pink im Gesicht, sondern nur noch in der Farbe der Kleider, die ihren Körper sexy umschmeichelten. Ihr schwarzes Haar war hoch am Kopf zu einem Knoten geschlungen, aus dem eine Strähne heraushing, die anmutig in einer großen Locke endete. Selbst durch das Autofenster konnte ich ihren Glutblick erkennen, der leider dem mickrigen Dschinn galt, nicht mir.

"Aaaargh!", brüllte ich, so laut ich konnte, und stampfte mit dem Fuß auf. Auf der anderen Straßenseite fing ein Kind an zu heulen, seine Mutter legte rasch den Arm um die Kleine und redete leise auf sie ein. Ich verstand nur die Worte "Knecht Ruprecht". Langsam ging ich weiter zum Haus des alten Herz. Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Ich hatte beide Bücher, er hatte beide Dschinn. Konnten die zwei Wunderwesen überhaupt überleben ohne ihre Bücher? Ganz bestimmt nicht! Kaum hatte ich das Haus erreicht, sah ich neben dem Türgriff etwas Helles und nahm es an mich. Es war ein zusammengefalteter Zettel. Ich atmete tief und langsam ein und aus, um meine Wut in den Griff zu kriegen, und faltete ihn auseinander. In einer modernen, weiblichen Schrift war darauf eine Botschaft geschrieben, und als ich sie gelesen hatte, konnte ich nicht anders als zu grinsen.

Wart's nur ab, Konrad Herz, wart's nur ab!, dachte ich.
Kakushöhlen ... Ich wusste, wo das war. Morgen um Mitternacht. Nichts leichter als das. Ich kannte mich dort aus und würde die vier erwarten. Und dann würde ich mir beide Dschinn wieder unter den Nagel reißen.
Wart's nur ab, Haschem Aziz, wart's nur ab!

Ob das gut geht?
Das sehen wir morgen ...

14. Dezember
Von Heike Schulz

Wir bestiegen also das blecherne Gefährt und fuhren durch die Nacht. Mechernich. Der Name dieses Ortes klang fremd in meinen Ohren und ich überlegte, wie viele Tagesreisen es wohl waren, bis zu diesem geheimnisumwitterten Mechernich. Derweil bemerkte ich ein Augenpaar, welches mich durchdringend anstarrte.
Ich spürte, wie mir der Saft aus den Poren trat.
Das tat er immer, wenn meine holde Gemahlin mich dergestalt mit ihren Blicken aufspießte. Zuletzt erlebte ich jenes im Jahr 1607, als ich in Virginia einem Indianerstamm begegnete. Die Tochter des Häuptlings hieß Matoaka und war eine sehr kluge und wunderschöne Frau. Matoaka war weit und breit für ihre diplomatischen Fähigkeiten bekannt und setzte sich für ein friedliches Miteinander zwischen Indianern und den europäischen Kolonisten ein.
Auch ich unterlag dem Liebreiz ihrer Person, und so kam es, dass ich augenblicklich mein Herz an sie verlor. In jener Zeit versah ich Matoaka mit dem Kosenamen Pocahontas, was meine Ehefrau Suleika nicht gerade mit Freude erfüllte. Der Blick, mit dem sie mich damals bedachte, glich dem, der nun auf mir ruhte, bis in die kleinste Wimper. Glücklicherweise zog damals ein Schiff sämtliche Aufmerksamkeit Pocahontas auf sich, und mit ihm der Kapitän, namens - aber ich schweife ab.

Wie gesagt, Suleika betrachtete mich mit Argwohn, worauf ich mich genötigt fühlte, ein unverfängliches Gespräch zu eröffnen.
"Was?"
"Ph!" Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wandte den Blick nach draußen. "Wenn du es von selbst nicht weißt ..."
Ich liebe die Frauen. Ganz ehrlich. Sie sind das Kleinod des Universums, wie funkelnde Diamanten am samtblauen Horizont, wie die silbernen Perlen eines Wasserfalls inmitten der Wüste, wie das wärmende Feuer eines Nachtlagers im Auge eines Sandsturms.
Aber ich verstehe sie nicht.
Ich zog die Augenbrauen hoch. "Du bist sauer auf mich, weil ...", begann ich zögerlich.
Mit einem gelangweilten Augenaufschlag wandte sie sich mir erneut zu. Inzwischen sah sie wieder genauso aus wie früher, und sogleich verfing ich mich im Türkis ihrer Iris.
"Ja?"
" ... weil ich ...", hektisch kramte ich in meinem Kopf nach der Erklärung. Was war es nur gewesen? Ich weiß noch, dass sie mich mit einem Oliventopf beworfen und mich einen flohverseuchten Hintern eines altersschwachen Dromedars geheißen hat. Aber warum nur ...?
"Ah!" Triumphierend schnippte ich mit dem Finger. "Weil ich dich mit Yasemin betrogen habe!" Genau, das war es! Froh darüber, dass mein Gedächtnis noch tadellos funktionierte, strahlte ich sie an.
Im nächsten Moment spürte ich ihren Ellbogen in meinem Zwerchfell. Mir blieb die Luft weg.
"Genau!", kreischte sie. "Wie schön, dass du dich auch nach fast dreihundert Jahren noch an Yasemin erinnerst!" Sie spuckte mir den Namen meines damaligen Verhängnisses förmlich entgegen. "Und? Geht es ihr gut, deiner Yasemin?" Die rot lackierten Nägel ihrer zarten Hand trommelten ungeduldig auf ihrem Oberarm.
Ich rieb mir die schmerzende Brust. "Ich weiß es nicht, meine Honigblüte", ächzte ich. "Wir haben uns getrennt. Schon vor hundertfünfzig Jahren."
"Pah, nicht einmal hundertfünfzig Jahre hat sie es mit dir ausgehalten", zischte Suleika. "Anscheinend wechselt sie die Kamele schneller als ein Beduine seine Zelte."
"Sie hat mich wegen eines Flaschengeists verlassen", schob ich kleinlaut nach. "Kannst du dir das vorstellen? Wegen eines Flaschengeists!"
"Geschieht dir nur recht."
"Ich habe gehört, sie sei ziemlich fett geworden", versuchte ich es versöhnlich, und tatsächlich huschte ein wohlwollendes Lächeln über Suleikas Gesicht.

"Und wie sieht es bei dir aus?", hakte ich nun meinerseits nach. "Hast du jemanden kennengelernt?"
Sie zielte mit dem Finger auf mich. "Seit dir habe ich die Schnauze voll von euch Kerlen", schleuderte sie mir entgegen. "Ihr Männer seid so überflüssig wie ein zweiter Dattelkern. Obwohl ...", ein versonnenes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, "... da war kürzlich einer, der ... ach, lassen wir das."
Damit erklärte sie unsere Unterhaltung für beendet und starrte wieder nach draußen, wo inzwischen die Nacht ihre finsterste Stunde erreicht hatte.

Die Blechkutsche rollte mit leisem Brummen durch Wälder, Dörfer und Städte, bis Efendi Herz sie schließlich vor einem hell erleuchteten Haus anhalten ließ.
"Wir brauchen eine Bleibe für die Nacht", erklärte er uns, wobei mir sein müder Blick auffiel. "Hier in diesem Motel sollten wir uns zwei Doppelzimmer nehmen. Eins für die Damen, eins für die Herren. Und morgen früh fahren wir dann weiter zur Höhle nach Mechernich. Einverstanden?"

Ob sie dort das Buch zurück bekommen?
Morgen wissen wir mehr ...

13. Dezember
Von Angelika Lauriel

Carola Wüst

Ich wollte mich gerade umdrehen und zu den anderen eilen, als ich ein seltsames Geräusch hörte. Es klang hell, wie eine Maus. Eine eingequetschte Maus. "Hihihihilfe, Hilfehehehe!"
Ich weiß, ich riss die Augen auf, das tue ich immer, wenn ich überrrascht bin. Aber dieses Mal erinnerte ich mich sofort daran, wie meine Geschwister mich damit aufgezogen hatten, als wir noch Kinder waren. Außerdem ließ mir das zarte Gejammer keine Zeit, dumm herumzustehen und zu glotzen. Es ging ununterbrochen weiter. Nach den gestammelten Hilfe-Rufen hieß es: "Hier uhuhunten! Bihihitte schau doch mal nach uhuhunten!"
Ich reagierte blitzschnell, tat wie geheißen - und sprang entsetzt zurück. Und dann ebenso schnell wieder vor. Da unter der Tür klemmte etwas Kleines, Pinkfarbenes, Glitzerndes. Und es hatte Augen! Schwarze Stecknadelkopfaugen sahen flehentlich zu mir hoch. Ich drehte schon den Schlüssel und schob die Tür auf, damit das kleine Etwas nicht mehr eingequetscht vor sich hin leiden musste. Das Ding sprang sofort auf wie ein Flummi, und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es dabei auseinanderging. Was zuvor unter die Tür gepasst hatte, war jetzt ungefähr so groß wie diese Baby-Puppen, die trinken und pinkeln können. Es war allerdings keine Babypuppe, sondern glich eher der Schauspielerin, die in der Jugendzeit meiner Eltern eine Dschinni gespielt hatte, zusammen mit J.R. Ewing. Bezaubernde Jeannie, so hatte die Serie geheißen. Einziger Unterschied: Sie war ein kleines bisschen molliger und hatte schwarze Haare und Augen.
Mir wurde warm in der Brust, als ich die kleine Dschinni da stehen sah, wie sie nach oben blinzelte, die Hände in die Hüften gestemmt, und die Stirn runzelte. Das musste Suleika sein! Ganz unwillkürlich ging ich in die Knie, wie ich es immer tue, wenn Kleinkinder ins Buch Herz kommen, um sich ein Bilderbuch auszusuchen.

"Das ist ja wohl eine unglaubliche Frechheit! Wo hat es mich hier nur hin verschlagen?" Sie ging vor mir auf und ab und fuchtelte immer mal wieder mit einem Arm nach oben. "Zuerst dieser ungehobelte schwarze Klotz, der mich fast in seinen Händen zerdrückt hat ... wobei er warme, angenehme Hände hatte ..." Verwirrt hielt sie inne und starrte mich einen Moment an, bevor sie wieder zu zetern begann.
"Und dann bemerkt er nicht einmal, wie er mich verliert. Stapft hinaus und lässt mich neben der Teppichkante liegen, verkannt, einsam, verlassen." Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Während sie tief durchatmete, vergrößerte sie sich bereits wieder. Nun reichte sie mir bereits bis in die Mitte des Oberschenkels und wirkte schon viel erwachsener. Sie setzte soeben an, weiterzureden, da hörte ich in meinem Rücken die Stimme meines Chefs.
"Carola, wo bleiben Sie denn?" Ich sprang auf, schon stand er neben mir und sah auf Suleika hinab. Er schob die Brille auf seiner Knollennase nach oben und beugte sich ein Stück hinunter. "Ist das etwa ... das ist doch ..."
"Suleika!", mischte sich eine weitere Stimme ein, und Haschem schob sich zwischen uns beiden hindurch, um sich vor der kleinen Dschinni auf den Boden zu knien.
Sie blitzte ihn an und schob die Unterlippe vor, während er nach dem Turban greifen musste, der ihm beim Bücken in die Augen gerutscht war.
"Ach, da ist er ja, mein unterbelichteter Herr Gemahl!"

Haschems Gesicht war gerötet, seine Augen sahen feucht aus, und ich war mir sicher, dass er sich trotz aller Angst vor seiner Frau sehr darüber freute, sie zu sehen.
"Hach, Suleika, wie du leibst und lebst", sagte er mit gerührter Stimme, "... nun beinahe wie du leibst und lebst. Du bist so klein."
"Lass dich davon mal nicht täuschen, Plumpsack! So wie die Dinge liegen, bin ich auf dem besten Wege, mich in meine eigentliche Gestalt zu wandeln. Oder vielmehr, wieder zu meiner richtigen Größe zu wachsen." Während sie redete, streckte sie sich schon wieder und war nun so groß wie ein Kleinkind von drei, vier Jahren.
Haschem drehte den Turban in den Händen. Ich sah ihm an, wie unwohl er sich fühlte. Herr Herz machte ein paar Schritte zum Eingang, hob den Zettel auf und zog die Tür zu.
"Einen Moment können wir wohl noch hier bleiben, aber ich fürchte, lange wird es nicht dauern, bis der Schwarzgekleidete wieder aufkreuzt ..."
"Ha!", stieß Suleika aus. "Jetzt sitzt ihr in der Klemme, was? Ich sage ja, ich bin von Idioten umzingelt! Geht es Ihnen eigentlich auch so?" Sie sah mich an, und ich begriff, dass sie auf meine Zustimmung wartete.
"Ähm, tja ..."
Sie wischte mit der Hand durch die Luft, eine Goldstaubspur hing wie ein Sternenschweif neben ihr, bevor sie sich auflöste. Haschem starrte gebannt seine Frau an und setzte den Turban wieder auf.
"Haschem Aziz Salim, der große Wunscherfüller-Dschinn ... seht ihn euch an, wie er da steht. Ohne Buch! Was tust du jetzt wohl, na?"
Haschem räusperte sich verlegen.
"Ich will ja nicht zur Eile drängen, aber wir sollten nun doch verschwinden." Herr Herz wischte sich über die Stirn und öffnete die Tür. "Wir können im Wagen weiterreden, wenn ich diesen Vorschlag machen darf." Mir war klar, dass er absolut recht hatte, und ich trat sofort hinaus. Vor der Tür warteten wir auf die beiden Dschinn, die sich gegenseitig maßen, dann aber herauskamen. Ich klemmte den Zettel ein, wie zuvor, während Konrad Herz und die beiden zum Auto hasteten.
Kurz darauf setzte ich mich auf den Beifahrersitz, Herr Herz legte den ersten Gang ein und fuhr los.
"Wohin?", fragte ich.
"Mechernich", war seine Antwort. "Das ist ja noch ein Stück zu fahren!"

Was hat Suleika vor?
Morgen werden wir es erfahren ...

12. Dezember
Von Heike Schulz

Mir rutschte das Herz in die Pluderhose. Diese Stimme war mir nur allzu vertraut.
"Aufmachen, und dann kannst du was erleben!", keifte sie durch die geschlossene Tür. Erneut polterte es.
"Herr Herz, gibt es in Ihrem Haus einen Hinterausgang?", fragte Carola so beklommen, dass mir die Tränen vor lauter Mitgefühl in die Augen stiegen.
Wortlos schüttelte der Mann den Kopf. "Ich fürchte, wir werden uns der Angelegenheit stellen müssen", antwortete er seufzend und schritt wagemutig zur Haustür.
Für die Dauer eines Wimpernschlags überlegte ich, ob ich in mein Buch flüchten sollte, doch dann verwarf ich die Idee. Ich konnte meine neuen Freunde in dieser misslichen Lage nicht alleine lassen.
"Ja, ja, ich bin ja schon da", rief Efendi Herz unseren unwillkommenen Besuchern zu, dann öffnete er die Tür.
Im nächsten Moment drängte sich der Schwarzgekleidete an ihm vorbei. Nun ließ sich mein Fluchtinstinkt doch nicht länger unterdrücken, aber anstatt in meinem Buch, verbarg ich mich hinter dem Vorhang des Wohnzimmerfensters. Schon stand der Fremde im Raum, seine finstere, hoch aufgerichtete Gestalt eine einzige Bedrohung.

"Her damit!", schrie er und grapschte nach dem Buch, das Carola vor Furcht bebend an ihre Brust gedrückt hielt.
Tapfer klammerte sie sich an den Einband, doch vergebens. Buchstäblich im Handumdrehn entwand der Schwarzgekleidete ihr das Buch und stopfte es sich unter den Mantel.
"Na also, warum nicht gleich so", lachte er triumphierend, tippte im spöttischen Salut gegen seine Hutkrempe, und war genauso rasch entschwunden, wie er aufgetaucht war.
"Puh, was für ein unangenehmer Geselle", ächzte Efendi Herz und ließ sich in seinen Sessel fallen.
Carola indes schob den Vorhang beiseite und tippte mir, der ich mich vor lauter Furcht unter dem Fensterbrett zusammengekauert hatte, auf die Schulter. "Sie können heraus kommen, Haschem, der Typ ist weg."
Noch immer bebend richtete ich mich auf, sortierte meine Kleidung und trat aus meinem Versteck hervor. Misstrauisch spähte ich im Raum umher, aber der Bursche war in der Tat verschwunden. Mit Suleika und -
MEINEM BUCH!
Wieder entfuhr mir der unaussprechliche Fluch, der die körpereigenen Endprodukte benennt, und schlug die Hände vors Gesicht. Mein Entsetzen war grenzenlos. Das letzte Mal, dass ich räumlich so weit von meinem Buch getrennt wurde, war im Herbst 1492. Ein wagemutiger Bursche aus Italien war im Auftrag der Königin von Kastilien unterwegs, einen westlichen Seeweg nach Indien zu finden. Leider hatte er sich bei seinen nautischen Berechnungen ein wenig verkalkuliert und landete schließlich auf den Bahamas. Ich hatte seinerzeit versucht, ihn auf den Irrtum aufmerksam zu machen, aber er wollte nicht auf mich hören. Stattdessen nahm er in einem Wutausbruch mein Buch und warf es ... aber ich schweife ab. Wenn ich mich nur an den Namen dieses Seefahrers erinnern könnte. Was wohl aus ihm geworden ist?

Jedenfalls, dieses Erlebnis zählte nicht zu den angenehmsten meiner zahllosen Erinnerungen, und die Aussicht, erneut in eine solch missliche Lage geraten zu sein, stimmte mich verdrießlich. Betrübt ließ ich mich auf dem Diwan nieder und wischte mir eine Träne aus dem Augenwinkel.
"Ist doch nicht so schlimm, Haschem. Zum Glück hat er nur das Buch erwischt, und nicht Sie!" Tröstend legte Carola mir den Arm um die Schultern, was meinen Verdruss nur noch anwachsen ließ.
"D-D-Das ist es ja gerade", quetschte ich schniefend hervor. "Er hat mein Buch. Meine Wohnstatt. Mein zu Hause. Und ich bin hier. Alleine. Ohne Obdach. Und vor allem ohne jedwede magische Fähigkeit." Ich zog ein spitzenbesetztes Taschentuch aus meinem Ärmel und schnäuzte mich. "Ohne mein Buch bin ich völlig wertlos. Nicht einmal ein halber Dschinn bin ich mehr. Ich bin ein Gar Nichts!"
Ich spürte, wie meine Tränen an den Spitzen meines Schnurrbarts herab rollten.

"Nun, dann müssen wir zusehen, wie wir es zurück bekommen", antwortete Efendi Herz resolut. "Der Bursche mit einer Vorliebe für schwarze Hüte wird genauso wenig begeistert sein, wenn er herausfindet, dass er nur das Buch erwischt hat, ohne Dschinn." Nachdenklich rieb er sich das Kinn. "Wenn ich nur wüsste, wie wir es anstellen, dass er ..."
"Ich hab's!", rief Carola mit einem Fingerschnippen. "Herr Herz, haben Sie ein Stück Papier und einen Bleistift?"
"Aber sicher doch", brummte Efendi Herz nickend. "Ich bin Buchhändler, da werde ich ja wohl Schreibzeug im Hause haben."
Er stand auf und schlurfte zu einer Kommode, öffnete die oberste Schublade und holte die gewünschten Utensilien heraus. Mit neugierig hochgezogenen Augenbrauen überreichte er die Schreibsachen Carola, die sich sogleich ans Werk machte. Inzwischen war auch meine Neugier geweckt. Sie überflügelte sogar meinen Kummer, und so blickte ich Carola über die Schulter. Mit seltsam verwinkelten Buchstaben verfasste sie eine Botschaft, die ich jedoch nicht entziffern konnte. Nicht, dass ich nicht des Lesens mächtig war. Alleine die fremden Lettern bereiteten mir Probleme.
"Was steht dort geschrieben?", fragte ich, als Carola ihr Werk beendet hatte.
Sie räusperte sich und las: "An den Schwarzgekleideten: Sie haben etwas, das wir wollen, und wir haben etwas, das Sie wollen. In unser beider Interesse sollten wir uns treffen. Morgen, um Mitternacht, an der Kakushöhle. Keine Tricks."

"Kakushöhle? Das ist doch die berühmte Höhle im Wald von Mechernich. Da wollen wir uns mit dem Knaben treffen?" Efendi Herz verzog skeptisch den Mund. "Und was machen wir da?"
"Dort luchsen wir dem Typen das Buch ab und machen, dass wir weg kommen. Keine Sorge, Herr Herz, ich kenne die Kakushöhlen in  und auswendig. Diesen Vorteil werden wir nutzen. Sie werden sehen, das wird ein Kinderspiel."
Kakushöhlen ... der Name brachte irgendwas in mir zum Läuten. Ob sie vielleicht die Höhlen beim Roches caverneux meinte? Da gab es doch einst einen Riesen, der die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, weil ... ja, warum nur? Ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an die Legende erinnern. Alleine das ungute Gefühl bei der Erwähnung des Namens Kakushöhle blieb.

"Gut, Carola. Ich vertraue Ihnen. Dann machen wir es so. Einverstanden, Herr Haschem?" Erwartungsfroh blickte Efendi Herz mich an, und weil mein Vertrauen in Carola so grenzenlos wie die Weite des Morgenlands war, nickte ich trotz meines unguten Gefühls.
"Dann sollten wir uns jetzt beeilen, ehe der Typ zurück kommt." Carola bedeutete uns, aufzustehen und ihr zu folgen. Eilig packte Efendi Herz ein paar Reiseutensilien in eine Tasche, dann verließen wir das Haus. Ehe Efendi Herz die Tür hinter uns ins Schloss zog, klemmte Carola den Zettel gut sichtbar zwischen Tür und Zarge. Sollte der Finstere zurück kommen, würde er den Zettel sogleich sehen.
Eilig bestiegen wir das blecherne Gefährt und machten, dass wir weg kamen.

Wird der Finstere sich auf das Treffen einlassen?
Das erfahren wir morgen. Vielleicht


11. Dezember
Von Angelika Lauriel

Konrad Herz

Carola sog zischend die Luft ein, doch ihr Blick strahlte auf, der alte Herz konnte es genau sehen. Ja ja, junge Frauen und die Liebe ... Er selbst konnte nichts dagegen tun, dass er breit grinsen musste.
"Erhabener, warum grinst ihr wie ein Nilpferd?" Haschems Stimme klang ein bisschen konsterniert, sodass Konrad Herz sogar in Lachen ausbrach. Das verbiss er sich aber sogleich, weil er aus eigener Erfahrung sehr wohl wusste, wie es sich anfühlt, zum Gespött anderer zu werden. Noch bevor er den Mund öffnen konnte, um Haschems unglaubliche Eröffnung zu hinterfragen, griff Carola nach der Teekanne und goss dem Dschinn nach.
"Ihre Ehefrau, Haschem? Ich wusste nich, dass Geister ... ähm, Dschinne ... Dschinns ... Dschinner ... Mann, wie heißt es richtig? Ah, ich hab's, bestimmt Dschinnse ..." Dabei fiel sie in eine näselnde, helle Stimme, die ganz nach einem kleinen, verschreckten und doch boshaften Wesen klang, das in Herr der Ringe, Carolas Lieblingsbuchreihe vorkam. "Also, ich meine, ich wusste nicht, dass euereins auch heiratet ...?"

"Was für eine seltsame Bemerkung. Warum sollte unsereins denn nicht heiraten? Die korrekte Pluralform lautet übrigens Dschinn. Die Dschinn. Oder die Dschinnen. Jedenfalls steht es so in eurem Buch der Bücher."
"In der Bibel?", fragte Konrad Herz überrascht nach.
"Nein, in diesem Philologenbuch, dem Buch aller Buchstabengespinste ..."
"Sie meinen den Duden, oder?"
"Ihr habt es, meine Gebie... Carola-Blume. Im Duden steht es so geschrieben."
Herz wischte mit der Hand durch die Luft. "Jetzt mal die Korinthen-Khararei beiseite ...", er hob den Zeigefinger, um Haschem zum Schweigen zu bringen, der bereits wieder den Kiefer unter dem wippenden Oberlippenbart aufgeklappt hatte - wahrscheinlich, um sich über die korrekten Ableitungen des Worts Khara auszulassen - "... was hat es denn nun mit Suleika auf sich? Wo genau hatten Sie das Gefühl, ihre Gegenwart gespürt zu haben?"
"Ja", fiel Carola ein, "und warum ist das so furchtbar? Ist das nicht die Gelegenheit, sich mit ihr wieder auszusöhnen? Ich meine, wenn Sie ihr so sehr aufs Füßchen getreten sind?"

Haschem Aziz Salims Blick verdüsterte sich, sein keck gezwirbelter Bart hing traurig herab. Er führte die Teetasse an die Lippen und nahm einen Schluck. Er zog den Turban aus und legte ihn neben sich, wodurch er überraschend wie ein ganz anderer Dschinn wirkte. Sein Haar war lang, dunkel mit silbernen Strähnen, und er hatte es im Nacken zu einem Haarknoten verzwirbelt. Dadurch, dass er wohl ständig seinen Turban trug, war das Haar am Oberkopf platt gedrückt. Haschem wirkte einen halben Kopf kleiner als zuvor. Mit seinem langen, aber sauberen Zeigefingernagel kratzte er sich am Kopf. Konrad Herz verstand, dass der Dschinn sich unsicher fühlte.
Herz stand auf und ging zum Wohnzimmerschrank, wo er eine Klappe öffnete. Er griff in den Schrank und stellte drei kleine Gläser auf der Klappe ab. Dann zauberte er aus der hintersten Ecke des Schrankfachs eine Flasche hervor. Besondere Gäste brauchten ein besonderes Getränk. Kurz überfiel ihn Wehmut. Aus dieser Flasche hatte er das letzte Mal getrunken, nachdem er seine Frau im Kreise aller Verwandten zu Grabe getragen hatte. Drei Jahre war das her. Er seufzte, freute sich aber über das Gesicht der geliebten Verstorbenen, das kurz vor seinem inneren Augen aufschien. Dann füllte er bedächtig jedes Glas mit der goldenen Flüssigkeit und balancierte die drei Gläser geschickt zum Tisch, wo Carola noch immer auf Haschems Antwort wartete und dieser sich noch immer in Verlegenheitsgesten flüchtete. Er reichte jedem ein Glas.
"Auf unser Wohl!"
Sie stießen an und tranken den uralten Cognac. Haschems Miene strahlte auf. Es war nicht zu verkennen, dass er diesen Tropfen zu schätzen wusste.
"Haschem", sagte Herz, "keine Sorge, alles, was hier besprochen wird, bleibt unter uns."
"Wir verraten auch nichts an den Marid, das ist ja selbstverständlich." Carola nickte.

"Ähem, nun gut. Suleika ist eine ungewöhnliche Dshinni. Unbeugsam, streitbar, leidenschaftlich. Und dabei wunderschön. Ich verfiel ihr bereits, bevor ich meine Ausbildung zum Wunscherfüller beendet hatte. Das bedeutet eine lange, eine sehr sehr lange Zeit. Tatsächlich lebten damals noch nicht viele Homo sapiens auf dieser Erde, und es war nicht ganz einfach, eine passende Wohnstatt zu finden. Mein Buch ist ja noch nicht so alt wie ... aber ich schweife ab." Er setzte das Glas an, um den letzten Tropfen des Cognacs herauszulecken. "Womit ich meine Geliebte und Ehefrau so verletzt habe, wollt ihr wissen ... Nun, ich kann mich selbst nicht mehr genau erinnern. In einer unendlich scheinenden Folge von Streitgesprächen - wir haben uns täglich gestritten, müsst ihr wissen, aber unsere Versöhnungsakte waren jeden einzelnen Disput wert - warf meine Herzensdame mir unzählige Schmähungen an den Kopf. Eine ausgetrocknete Öllampe nannte sie mich, einen Hohlkopf, einen stinkenden Plumpsack und derlei andere Dinge. Wagte ich jedoch, sie meinerseits zu kritisieren, so drohte sie mir mit der Todesstrafe."
Haschem zwirbelte nachdenklich seinen Bart, der sich mittlerweile wieder aufgerichtet hatte. "Eine meiner unbedachten Äußerungen brachte sie dann so sehr auf, dass sie mich verließ. Sie hat eine lange, einsame Zeit hinter sich. Ich glaube nicht, dass sie wirklich glücklich war. Ich hingegen fühlte mich fortan zwar einsam, aber auch frei. Nur ab und zu bekam ich etwas von Suleika mit. Etwa, dass sie sich eine Zeitlang die bezaubernde Jeannie nannte. Kurz nach dieser Episode war es, dass sie mich noch ein letztes Mal aufsuchte. Sie wollte ihr Leben als Dschinni beenden. Das ist möglich, indem wir unsere Seele gleichsam zur Ruhe betten. Ich erklärte ihr, dass sie sich so weit wie möglich von unserer Heimat und besonders von mir entfernen müsse und einfach auf nichts und niemanden mehr reagieren dürfe. Dann würde ihre Hülle immer kleiner werden, die Seele in einen Tiefschlaf fallen, und am Ende stünde die ewige Ruhe."
"Klingt ja nicht sehr prickelnd", murmelte Carola.
Der alte Herz nickte zu ihren Worten. "Die Menschen wünschen sich ewiges Leben, und diese Dschinni will, dass es endlich vorbei ist ..."
Haschem neigte den Kopf. "Des Dschinns Wille ist sein Himmelreich. Ich hatte mich in der Zwischenzeit so von ihr entfernt, dass uns nicht mehr als eine Freundschaft verband. Ich akzeptierte ihren Wunsch."
"Na, dann ist doch alles prima!" Carola griff nach einem weiteren Plätzchen.

Haschem errötete. "Leider nicht. Wie der Zufall es will, muss Suleika in eben diesem Lilabella-Buch gewesen sein." Sein Bart sackte wieder herunter. "Wahrscheinlich hatte sie ihren Weg fast vollendet. Ich kann nur annehmen, dass sie ein Spielzeug ist ... war ..."
"Warum war?", fragte Konrad Herz.
"Nun, es war ein mehr als unglücklicher Umstand, dass ich ausgerechnet neben ihrem Buch zu liegen kam. Meine eigene magische Präsenz hat sie vermutlich in diesem Spielzeug wieder erweckt ..."
"Oh-oh, jetzt begreife ich", sagte Carola. "Sie wird nicht sehr begeistert sein ..."
Konrad Herz stöhnte. "Dann hat sie sich womöglich bei diesem Schwarzgekleideten bereits zu erkennen gegeben ..."
Haschem setzte den Turban wieder auf den Kopf. "Und sie wird nach mir suchen. So gut kenne ich sie. Das wird sie mir nicht verzeihen."

In dieser Sekunde klingelte es an der Tür. Lang und anhaltend. Dann polterte jemand dagegen. "He! Ich weiß, dass ihr da drin seid! Öffnet die Tür, aber dalli!"

Anscheinend hat Suleika noch ein Hühnchen mit Haschem zu rupfen.
Morgen erfahren wir mehr ...


10. Dezember
Von Heike Schulz

Efendi Herz lenkte die pferdelose Kutsche durch die Stadt aus Stein und Glas, bis wir schließlich vor einer windschiefen Behausung stehen blieben. Wir kletterten aus dem seltsamen Gefährt und betraten die Herberge, die Efendi Herz als sein "bescheidenes Haus" beschrieb. Zwischen den imposanten Palästen der Stadt und im Schatten einer winterkahlen Weide duckte sich ein Ziegelbau mit winzigen, gewölbten Fenstern und einer rot bemalten Tür.  
"Hereinspaziert!" Efendi Herz öffnete die Tür und bedeutete uns, ihm zu folgen.
Ich schlüpfte aus meinen Schnabelschuhen und war sogleich zutiefst betrübt. Da, wo meine großen Zehen ihre Heimat hatten, offenbarten sich zwei münzgroße Löcher in meinen Strümpfen. Betreten versuchte ich, den einen Fuß mit dem anderen zu verbergen.
"Mach dir nichts draus, Haschem. Ich habe auch immer Löcher in den Socken. Schau!" Meine Gebieterin hob ihren Fuß und deutete auf einen vollendet geformten, rot lackierten Zeh, der durch die Socke lugte. Ich wollte schier schmelzen beim Anblick von so viel Anmut. Sie erinnerte mich sogleich an eine lang zurück liegende Begegnung mit einer Inuit im Jahr 1909. Sie hieß Taahira und gelangte in den Besitz meines Buches, als sie einen Polarforscher vor dem Erfrieren rettete. Sein Name war Robert Edwin Peary, und er ging später in die Geschichte ein als ... aber ich schweife ab. Na, jedenfalls hatte Taahira ebenfalls außerordentlich hübsche Zehen. Zumindest die, die noch nicht abgefroren waren.

"Kommt rein, macht es euch gemütlich."
Efendi Herz führte uns in einen Raum, der vermutlich recht groß bemessen war, jedoch konnte ich die genauen Ausmaße kaum abschätzen. Überall stapelten sich Berge und Berge von Büchern, entlang der Wände und vom Boden bis zur Decke. Kaum ein Tisch, kaum ein Stuhl, der sich nicht unter den Schätzen der Weisheit bog. In Ehrfurcht verneigte ich mich vor dem Herrn meiner Herrin, denn er musste über schier grenzenlose Klugheit verfügen.
"Wo hab ich nur meine Streichhölzer?", murmelte er und befühlte die Taschen seiner Weste. "Ah, da sind sie ja!"
Er zog ein kleines Schächtelchen hervor und machte sich am Kamin zu schaffen, der am einzig freien Platz in der Wand eingelassen war. Flugs tanzte darin ein hübsches Feuerchen und tauchte den Raum in behagliche Wärme und Licht.

Meine Gebieterin ging in die Küche und kehrte bald mit einem Tablett zurück. Darauf verlockend duftender Tee und eine Porzellandose mit Keksen. Augenblicklich meldete sich mein Magen, der schon viel zu lange keine Honigmandeln mehr gesehen hatte. Mit spitzen Fingern klaubte ich einen der Kekse aus der Dose und schob ihn mir in den Mund. Der Geschmack trieb mir schier die Tränen der Sehnsucht  in die Augen. Selten genoss ich etwas Köstlicheres, er erinnerte mich an den Basar von Marrakesch. Zufrieden ließ ich mich neben meiner Herrin auf einem ledernen Diwan nieder, während Efendi Herz einen Sessel uns gegenüber bezog. Er tunkte seinen Keks in den Tee, ließ ihn auf der Zunge zergehen und wandte sich an uns.

"Also, dann wollen wir mal scharf nachdenken, wie Fräulein Carola die drei Wünsche am sinnvollsten verwendet. Haben Sie irgendeine Idee, Carola?"
Meine Herrin zuckte mit den Achseln. "Ich zerbreche mir schon den ganzen Nachmittag den Kopf darüber, aber immer finde ich ein Haar in der Suppe. Zum Beispiel, dass endlich die Kriege aufhören. Eigentlich eine gute Idee, aber das kann genauso gut dazu führen, dass sich dann die Menschheit gegenseitig ausgerottet hat. Dann sind auch alle Kriege vorbei."
"Stimmt." Efendi Herz nickte über dem Rand seiner Teetasse. "Genauso ist es bei den Krankheiten. Wünscht man sich die Heilung aller Krankheiten, dann würde unser Planet bald aus allen Nähten platzen vor Menschen. So grausam, wie es klingt, aber dass Menschen sterben, gehört zum Kreislauf des Lebens."
Meine Herrin schluckte. "Ja", sagte sie fast tonlos. "Daran habe ich noch gar nicht gedacht."

Die beiden grübelten noch eine Zeit hin und her. Ich hatte Momente wie diese schon unzählige Male miterlebt und hielt mich da lieber heraus. Stattdessen nahm ich mir noch einen dieser himmelsgleichen Kekse - ich vermutete Ingwer als eine der Zutaten - und grübelte nun meinerseits über eine Frage nach, die mich seit unserer letzten Begegnung mit dem Schwarzgekleideten umtrieb. Als mein Buch zusammen mit diesem Prinzessin Lilabellas Rundum-Wohlfühlpflege-Buch in der Tasche des Efendi Herz steckte, hatte ich eine Präsenz gespürt. Eine, die ich lange nicht gespürt hatte, dennoch war sie mir vertraut. Vertraut und ...
"Khara!"
"Wie bitte?" Carola sah mich überrascht an.
Schnell schlug ich mir die Hand vor den Mund. Unter meinem Turban wurde es heiß.
"Wer ist Khara?", fragte Efendi Herz interessiert, was meine Scham nur noch vertiefte.
"Verzeiht meine Ausdrucksweise, das wollte ich nicht. Normalerweise verwende ich solche Wörter nicht. Es tut mir wirklich außerordentlich Leid. Nie wieder soll dieses unaussprechliche Wort über meine Lippen kommen."
Meine Herrin hob die Augenbrauen. "Welches unaussprechliche Wort?"
"Khara! Oh, jetzt habe ich es schon wieder gesagt." Gepeinigt von meiner Disziplinlosigkeit kniff ich die Augen zusammen.
"Und was heißt dieses Khara?", fragte Efendi Herz nun.
"Es heißt ... es heißt ... Scheiße", presste ich schließlich hervor.
"Hm."
"Aha."
Meine tapferen Begleiter sahen mich wenig beeindruckt an.
"Und was, Herr Haschem, finden Sie so ... scheiße?", fragte Carola mit einem Schmunzeln.
"Mir ist eingefallen, was mir vorhin, als ich ... nun ja ... in meinem Buch war ..."
"... zum Khara machen ...", ergänzte Carola vergnügt.
"Ja, also, mir ist eingefallen, was mir so merkwürdig vorgekommen ist. Es war dieses andere Buch. Dieses Prinzessin Lilabellas Rundum-Wohlfühlpflege-Buch. Oder vielmehr, was darin war."
"Was war denn darin, außer einer Menge Quatsch für kleine Mädchen?" Efendi Herz beugte sich neugierig vor. Seine klugen Augen ruhten wie glühende Kohlen auf mir.
Ich räusperte mich. "Nun, ich befürchte, da war Suleika drin."
Herr Herz runzelte die Stirn. "Herr Haschem, Sie sprechen in Rätseln. Wer ist Suleika?"
Es nutzte ja nichts, ich musste es meinen Freunden beichten, denn nun gesellte sich zu meinen drei Problemen noch ein viertes dazu.
"Suleika ist eine Dschinni. Und nicht nur irgendeine." Ich knetete den Saum meiner Weste vor Verlegenheit. "Sie ist mächtig sauer auf mich, und zwar zu Recht, wie ich zu meiner Schande zugeben muss. Ich habe sie einst sehr gekränkt, worauf sie Jahrhunderte lang kein Wort mehr mit mit gewechselt hat. Sie müssen wissen, meine lieben Freunde, Suleika ist meine Ehefrau." 

Was verschweigt der Dschinn sonst noch?
Angelika verrät morgen sicher mehr ...


9. Dezember
Von Angelika Lauriel

Der schwarze Mann
Die blaue Rostlaube rollte an mir vorbei. Ich konnte das Gesicht des Buchhändlers und seiner Angestellten hinter der Frontscheibe erkennen. Und sah ich nicht auch auf dem Rücksitz eine Bewegung? Mein Herz schlug schneller: War das etwa der Turban von ...?

Aber nein, ich fühlte das Buch samt Dschinn sicher in meiner Manteltasche, wo es all die Jahre schon so oft geruht hatte.
Der alte Buchhändler war schon ein Schwächling! Er hatte nicht lange gefackelt, sondern der jungen Frau, die unter meinem Griff zitterte wie Espenlaub, die Büchertasche aus der Hand genommen, bevor er unter einem lauten Ächzen plötzlich zu wanken begann und sich gegen die Hauswand sinken ließ. Wie ein Schluck Wasser in der Kurve stand er da an seinen Laden gelehnt und kramte in der Tüte herum. Wie praktisch, dass Haschem nur einen Moment vorher in seinem Buch verschwunden war! Unter uns gesagt, schienen mir die Pluderhosen des mächtigen Wunscherfüller-Dschinns gehörig voll zu sein, nachdem er mich erst mal erblickt hatte. Umso besser, damit wurde es für mich leichter.

Der alte Herz hielt mir mit zitternder Hand den Wälzer entgegen und rutschte immer tiefer, immer an der Wand lang. "Nun nehmen Sie es schon", sagte er mit brüchiger Stimme. Echt ein schwaches Bild! Dabei kann er gar nicht mal so wahnsinnig alt sein. Ich entriss ihm das Buch und gab Fersengeld, bevor er wieder zu Kräften kam oder seine Angestellte mich verfolgte. Rannte um die Ecke zur Hauptstraße und versteckte mich einen Moment in einem schattigen Eingang, um wieder zu Atem zu kommen. Das Buch hatte ich sofort nach Erhalt verstaut. Man wusste nie, ob es eigenartige Anwandlungen bekam, wie etwa plötzlich aufzuleuchten, sodass man es aus zehn Metern Entfernung sehen konnte.
Noch während ich nach Luft schnappte, musste der alte Herz mit Carola in den Wagen gestiegen sein, denn schon kamen sie über die Ausfahrt vom Hinterhof und bogen in die Hauptstraße ab.
Ich runzelte die Stirn in dem Versuch, genauer zu erkennen, was sich auf dem Rücksitz des Wagens tat, aber anscheinend hatte ich mich getäuscht. Da war kein Turban und keine Person zu sehen. Konnte ja auch nicht sein, schließlich hatte ich das Buch in meinem Besitz, wo es hingehörte. Nachdem Haschem nun einmal draußen gewesen war und ich ihn gesehen hatte, dürfte das mit der Wunscherfüllung kein Problem mehr sein. Er konnte sich seiner Pflicht nicht einfach entziehen.
Zufrieden zog ich also in die andere Richtung davon und ging zu dem Gästehaus, in dem ich mich eingemietet hatte. In meinem Zimmer war es kalt. Entweder war die Heizung ausgefallen oder die Besitzer waren zu geizig, um zu heizen. Außer mir gab es keine weiteren Gäste in der Absteige. Also beschloss ich, meinen Mantel anzubehalten. Nun war die Stunde der Wahrheit da. Ich griff in die Tasche nach dem Buch. Es fühlte sich irgendwie komisch an. Das alte Leder hatte immer schon recht lebendig auf mich gewirkt, aber niemals hatte es sich so weich angefühlt - wie Samt oder Plüsch. Da stimmte etwas nicht. Ich zog das Buch heraus ... und ließ es fallen, als hätte ich mich daran verbrannt.
"Verflucht! Der Alte hat mich reingelegt!"

Vor mir lag ein dickes, mit lila und pinkfarbenem Plüsch überzogenes Etwas, das nur annäherungsweise wie ein Buch aussah. Dass ich das nicht sofort bemerkt hatte, konnte nur an den Lichtverhältnissen im Hof des Buchladens liegen! Ich starrte das Teil an. Prinzessin Lilabellas Rundum-Wohlfühlpflege-Buch stand in goldenen Lettern darauf geschrieben. Was sollte das denn sein?
Plötzlich bewegte sich der Buchdeckel.
Nein, das hatte ich mir nur eingebildet! Ich stieß einen weiteren Fluch aus und beschloss, hineinzublicken, bevor ich mich schnurstracks an die Verfolgung der Verräter machte. Wie ich das anstellen wollte, war mir zwar im Moment noch ein Rätsel, aber irgendwann und irgendwie würde ich die drei schon finden. Denn dass sie doch zu dritt in Herz' altem Wagen gesessen hatten, war jetzt ja klar.
Ich beugte mich vor, um das Buch aufzuschlagen, als es sich wieder bewegte! Ich zuckte zurück. Das war doch krank! Saß ich etwa vor einem wahrgewordenen Kleinkindtraum und hatte Angst? Vor einem Buch?
"Unsinn", murmelte ich und schlug mit beherztem Griff den Buchdeckel auf. Und kniff in jähem Schmerz die Augen zusammen. Pink, Glitzer und Lila pulsten in meine Pupillen hinein, sodass ich zunächst nichts klar erkennen konnte. Erst nach einer Weile schälten sich aus dem Farbenalbtraum einzelne Gegenstände heraus. Ein kleiner Handspiegel, eine winzige Amphore, die Parfum enthalten mochte, eine größere Flasche, deren Inhalt ich für Haarshampoo hielt, eine Tube mit Badezusatz, wenn mich nicht alles täuschte, und allerlei mehr solcher Kinkerlitzchen. Ungläubig griff ich nach einem eigenartigen, länglichen Teil, von dem glitzernde Stofffetzchen abstanden, und starrte es an.

Es starrte zurück.
Ernsthaft.
Ich erkannte, dass das Ding wohl eine kleine, dickliche Prinzessin oder sowas darstellen sollte. Und die Augen waren verdammt lebensecht getroffen. Winzige, schwarze Augen wie Stecknadelköpfe aus Plastik. In der nächsten Sekunde senkten sich die hellrosa Lider über die Stecknadelköpfe, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Mein Kiefer klappte nach unten, ein Grunzen verließ meinen Schlund.
"Gleich schlägt's dreizehn! Lässt du gefälligst locker? Sonst zerquetschst du mich noch!" So zeterte eine erstaunlich kräftige, helle Stimme los. Die winzigen, rundlichen Ärmchen und Beinchen bewegten sich in rechtschaffener Empörung, ich öffnete sofort meine Finger, die das kleine Ding tatsächlich wie in einem Schraubstock eingezwängt hatten. Das pinkfarbene winzige Wesen stellte sich breitbeinig auf meiner Handfläche auf und stemmte die Hände in die Hüften. Es war maximal zehn Zentimeter hoch, trug ein grässliches, mit Glitter übersätes Fetzenkleid und auf dem Kopf eine winzige Krone.
"Was zum Henker bist du denn?" Endlich hatte ich meine Stimme wiedergefunden.
Sie hockte sich hin, zog die Beine zum Schneidersitz unter das Kleid und stöhnte. "Das würde ich auch gern wissen! Ganz im Ernst, das frage ich mich schon, seit ich in der Fabrik vom Band gepflückt und in das Buch gesteckt wurde. Ich war steif und stumm, aber in der Sekunde, in der die Frau mit der weißen Haube auf dem Kopf mich anfasste, fühlte ich etwas."
"Abgefahren!" Ich setzte mich auf das Bett, sorgsam darauf bedacht, dem kleinen erbosten Ding auf meiner Hand keinen Schaden zuzufügen.
"Abgefahren? Nein, Scheiße ist das! Ich bin ein Spielzeug, verflixt noch eins. Und mehr will ich echt nicht sein. Ich dachte, ich hätte es endlich geschafft. Haschem hat mir doch damals genau gesagt, wie ich mich aus diesem Mistleben als Dschinni retten kann."
Ich wunderte mich über die Ausdrucksweise der Kleinen, denn ihre Worte legten nahe, dass in ihr etwas viel Älteres und Größeres steckte als so eine moderne Plastikprinzessin. Vor allem der Name Haschem hatte in mir etwas zum Klingen gebracht.
"Meinst du etwa Haschem Aziz Salim, den Dschinn aus dem Buch?"
"Wie jetzt? Du kennst das Schlitzohr?"
"Allerdings. Ich besaß sein Buch. Und er hat mir den Gehorsam verweigert."
"Oh-oh, das gibt Ärger! Wenn ich das dem Marid verrate! Der kann was erleben. Er hat mir ja wohl nur Bockmist erzählt. Jetzt sieh mich an!"
"Ich verstehe das immer noch nicht. Was ist mit dir passiert?"
"Ich wollte meine Seele ablegen und hätte es beinahe geschafft. Das war der letzte Schritt. Ein Plastikspielzeug für Menschenkinder. Danach wäre endgültig Ruhe gewesen. Endlich für immer und ewig schlafen ... hach! Und jetzt das! Sag mal, war mein Buch etwa in der Nähe von Haschem?"
"Allerdings, ihr habt in einer Tasche nebeneinander gelegen."
"Nicht zu fassen! Da bemühe ich mich, so weit weg vom Morgenland zu reisen wie nur irgend möglich, und dann taucht diese Trockenfunzel ausgerechnet hier auf? Klare Sache: Seine Magie hat mich erweckt. Wahrscheinlich kann er nicht mal was dafür. Eine Knalltüte hoch zehn, sage ich dir!"
"Hm ..."
"Jetzt gibt es nur eins: Wir müssen ihn finden. Die Suppe, die er mir eingebrockt hat, kann ich ohne ihn nicht auslöffeln."

Was führt die kleine Dschinni im Schilde?
Morgen geht die Geschichte weiter ...

8. Dezember
Von Heike Schulz

"Her mit dem Buch, aber dalli!", hörte ich die Stimme des Schwarzgekleideten.
"Hier, n-n-nehmen Sie meine Brieftasche. Lassen Sie die junge Dame in Ruhe", ächzte Efendi Herz heldenhaft, was mich, der ich in selbigem Moment einer äußerst persönlichen Dringlichkeit nachzukommen versuchte, mit der Macht eines Wüstensturms für ihn einnahm. Er mochte zwar reich an Jahren sein, doch sein Reichtum an Heldenmut übertraf seine Jahre noch um Horizonte. Nein, er würde meine Gebieterin nicht kampflos der Gewalt dieses Unholds aussetzen.
"Behalten Sie Ihre armseligen Kröten. Ich will das Buch, kapiert?"
Kröten? Ich hatte im Laufe meiner zahllosen Reisen schon so manche Art der Bezahlung kennengelernt. Im Jahr 523 öffnete die Bewohnerin einer Insel im Südostpazifik mein Buch, und wurde fortan einen Mond lang meine Gebieterin. Maaki war ihr Name, und sie gehörte zum Volk der glücklichsten Menschen, denen ich je begegnet war, weil niemand etwas besaß. Dort tauschte man die Dinge des täglichen Gebrauchs gegen das gegenseitige Aneinanderreiben der Nasen. Das machte es ihr unmöglich, drei Wünsche zu finden, und so verließ ich sie nach Ablauf der Zeit unverrichteter Dinge. Später erfuhr ich dann, dass jenes Volk diese riesigen steinernen - aber ich schweife ab. Nun gut, mir waren recht exotische Mittel der Bezahlung bekannt, aber von Kröten hatte ich noch nie gehört. Tauschte man sie in lebendigem Zustand? Oder gar - ich mochte lieber nicht daran denken - in getrockneter Form? Was war der Gegenwert einer Kröte, und trug Efendi Herz viele davon mit sich?
Während ich so auf meinem - nun ja - Topfe der Erleichterung saß und über diesen Umstand vor mich hin grübelte, verspürte ich eine plötzliche Erschütterung. Stimmen wurden laut und ließen auf einen Tumult schließen. Angsterfüllt klammerte ich mich mit beiden Händen an den goldenen Griffen meiner Keramik der Unaussprechlichkeit fest und harrte bebenden Herzens der Dinge, die da kamen.
Schließlich beruhigte sich die Lage, ich beendete den Moment meiner inneren Einkehr und brachte meine Kleidung in Ordnung, ehe ich einen Blick aus meiner Behausung wagte.
"Sie können raus kommen, Herr Haschem. Er ist weg", rief meine Gebieterin zu mir herab, worauf ich vollends aus meinem Buch fuhr und zwischen Carola und Efendi Herz Gestalt annahm.
"Meinerseel, das haben wir famos hin bekommen." Ich stellte mich auf die Spitzen meiner Schnabelschuhe und strich mir stolz den Bauch. "Äh, was ist eigentlich passiert?"
"Wir haben gar nichts hin bekommen", antwortete Carola mit leichtem Tadel in der Stimme. "Das war allein Herr Herz. Der Typ wollte Ihr Buch stehlen, Haschem, und Herr Herz war so geistesgegenwärtig, einen Schwächeanfall vorzutäuschen. In dem Tumult drückte er dem Schwarzmantel Lilabellas Rundum-Wohlfühlpflege-Buch in die Hand, und weg war er."
Herr Herz schmunzelte. "Es hat die gleichen Maße wie Ihr Buch, Herr Haschem. Auf die Schnelle hat der Bursche es gar nicht gemerkt." Der alte Mann kicherte. "Wer weiß, vielleicht hat er sogar Verwendung für Lilabellas Gesichtscreme?"
"Nötig hätte er es ja. Gruselig, der Kerl." Carola schüttelte sich, worauf ich ihr am liebsten tröstend den Arm auf die Schulter gelegt hätte. "Aber jetzt sollten wir schleunigst machen, dass wir weg kommen, ehe er den Schwindel bemerkt und zurück kommt."
Efendi Herz nickte. "Gute Idee. Da vorn steht mein Auto. Fahren wir."
Er führte uns zu einer großen, blau bemalten Blechkiste von der Größe einer Kutsche und bedeutete uns, einzusteigen. Nur zögerlich wagte ich mich hinein und nahm Platz auf dem rückwärtigen Sofa. Ich wunderte mich noch, welchem Zweck wohl das Rad diente, hinter dem Efendi Herz Platz nahm, da ertönte ein gewaltiges Brüllen, und die Blechkutsche erwachte zum Leben. Voller Angst schrie ich auf und versuchte, den Verschlag aufzudrücken, doch obgleich wir offensichtlich im Bauch einer tödlichen Bestie steckten, blieben sowohl Carola als auch Efendi Herz die Ruhe selbst. Er griff zu einem Stab, der zwischen seinem und Carolas Sessel angebracht war, rüttelte daran herum, und schon setzte sich die Kutsche in Bewegung.
Während wir uns zwischen steinernen Behausungen mit gläsernen Fenstern unseren Weg bahnten, warf Efendi Herz einen Blick über die Schulter. "Sagen Sie mal, Herr Haschem, Sie waren vorhin ja ziemlich flott verschwunden. Was haben Sie da eigentlich in Ihrem Buch gemacht?"
Ich spürte, wie mir die Röte unter den Turban kroch. "Nun ja, das ist eine heikle Frage", stammelte ich.
"Unser Dschinn war auf dem Klo, Herr Herz", brachte Carola es kurz und schmerzlos auf den Punkt.

Können die drei Freunde dem Schwarzgekleideten entkommen?
Morgen erfahren wir mehr ...


7. Dezember
Von Angelika Lauriel

Carola Wüst

Zuerst löschte ich die Beleuchtung im Laden, wobei ich mir alle Mühe gab, nicht nach draußen zu blicken, denn der dunkel gekleidete Mann hatte mir vorher, als er mir das Buch in die Hand drückte, schon Angst gemacht. Und nun, da ich wusste, dass mein Dschinn - so nannte ich ihn bei mir, und es fühlte sich toll an - ihm den Dienst verweigert hatte, gab es noch einen weiteren, triftigen Grund, jeden Kontakt mit ihm zu meiden. Ich versuchte also, so zu tun, als wäre es völlig normal, am Nikolaustag bereits um vier statt um sechs Uhr zu schließen und pfiff sogar die Melodie von "Let it snow" vor mich hin. Dann deckte ich die große Schutzhülle über unsere Registrierkasse, während der alte Herz etwas auf dem Tresen ablegte, um unsere Mäntel aus dem Schrank zu nehmen, und auch nicht vergaß, den Kaffeeautomat abzuschalten.
Mein Chef half mir in den Mantel, Haschem reichte mir mit einer Verbeugung den Schal und die Pudelmütze. "Und schützt auch eure zarten Hände." Auffordernd hielt er mir die Fäustlinge hin. "Noch niemals habe ich mich längere Zeit in einem Land aufgehalten, in dem solche Kälte herrschte."
Ich nahm die Handschuhe und steckte sie in meine riesigen Manteltaschen. "Kälte nennen Sie das? Es ist der wärmste Advent seit mindestens 30 Jahren."
"Seit 30 Jahren?" Er zwirbelte eines seiner Bartenden. "Wenn das mal keine tiefere Bedeutung hat ..."

"Ach was, nicht immer steckt in allem eine tiefere Bedeutung. Das ist einfach der Klimawandel, mehr nicht." Mein Chef winkte ab und griff nach dem dicken Buch auf dem Tresen, womit er mich an die Frage erinnerte, die ich ihm schon seit fünf Minuten stellen wollte.
"Herr Herz, was ich eben schon fragen wollte ... Wozu nehmen wir denn das Prinzessin Lilabellas Rundum-Wohlfühlpflege-Buch mit?" Ich deutete auf das faustdicke Teil, das sich hochmütig "Buch" nannte, und bei dem wir lange gezweifelt hatten, ob wir es in das Non-Book-Regal oder in dasjenige mit den Kinderbüchern einsortieren sollten. Da hatte sich der Mumpitz-Verlag wirklich einen schönen Quatsch einfallen lassen für das diesjährige Weihnachtsgeschäft. Hinter dem mit lila und rosa Plüsch bezogenen Buchdeckel verbarg sich ein Pflegeset für Prinzessinnen oder Mädchen, die es mal werden wollten. Eine Creme für das Gesicht, eine für die Hände, ein Lippenbalsam, eine Haarbürste, ein kleiner Taschenspiegel und natürlich ein wohlduftendes Badeöl mit dazugehörigem Shampoo. Alles in lila und rosa gehalten. Verkauft hatten wir davon kein einziges Stück. Die Omas und Mütter hatten die Nasen gerümpft, als wir es ihnen für die Enkelinnen und Töchter empfohlen hatten.
Erst heute Morgen hatte eine unserer Stammkundinnen zu mir gesagt: "Frau Wüst, Sie müssten mich eigentlich gut genug kennen - und Lara auch. Glauben Sie allen Ernstes, sie würde sich über sowas da freuen?" Ich stellte mir Lara vor, die wilde Hummel, die am liebsten Fußballbücher und Fantasyromane für die Großen las. Nein, sie würde sich nicht freuen.
"Ich dachte, bei solchem Quatsch macht das Bücher Herz nicht mit", hatte die Kundin noch gesagt, dazu aber freundlich gezwinkert. Sie war dann mit einem wunderbaren, kürzlich erschienenen Fantasy-Roman aus dem Laden gegangen.

Der alte Herz steckte das Buch in eine der stabilen Papptaschen mit Nikolausmotiv und gab sie mir weiter, damit ich Haschems Buch ebenfalls verstauen konnte. Dann verzog er das Gesicht, das in letzter Zeit so oft von Schmerzen gezeichnet war, zu einem verschmitzten Lächeln. "Mal sehen, wozu es gut sein wird. In diesen Laden gehört es jedenfalls nicht. Und nun lasst uns verschwinden. Steht unser dunkler Freund noch immer dort draußen?"
Haschem räusperte sich. "Er drückt sich gewissermaßen die Nase platt, wenn ich es so ausdrücken darf. Bevor wir diese Zuflucht der Wärme und der Weisheit verlassen, hätte ich jedoch noch eine Bitte."
Das war ja witzig. Der Dschinn hatte ein Bitte an uns? Normalerweise war es doch immer umgekehrt. "Heraus damit, Herr Haschem! Nur keine falsche Bescheidenheit."
"Nun, es ist mir zwar hochnotpeinlich, jedoch muss ich euch beide noch über eine Sache aufklären, die unser Fortkommen möglicherweise zu beeinträchtigen in der Lage wäre. Nun, zumindest, wenn ich euch darüber im Unklaren ließe. Da ich das jedoch nicht beabsichtige, sollten der Schwierigkeiten wenige unserer harren."
Ich prustete. "Haben Sie sich in der Zeit vergriffen? Ich hatte eben das Gefühl, dass Sie auch fast ganz normal reden können, mein Bester. Und jetzt raus mit der Sprache."
Ich verbiss mir ein weiteres Lachen, als ich bemerkte, wie Haschems Gesicht hinter dem kunstvoll frisierten Bart ein flammendes Rot annahm, das der Farbe seines Turbans in nichts nachstand. "Nun denn ... ähem ... es begibt sich von Zeit zu Zeit, meist plötzlich und unerwartet, die Notwendigkeit, dass ich meine ...", er hüstelte, "Behausung aufsuchen muss."
"Behausung?", fragte mein Chef, der uns mit der Hand deutete, durch das Hinterzimmer zur rückwärtigen Tür zu gehen, und sie dann aufschloss. "Ah, du meinst das Buch?"
"So ist es. Habt ihr es gut verstaut, meine Rosenblüte ... äh, Carola?"
Ich zeigte ihm die Tragetasche. Haschems Buch lag wohl behalten neben dem Lilabella-Wälzer. "Hier ist es. Ich werde es hüten wie meinen Labello. Ohne den gehe ich in dieser Jahreszeit nirgendwohin. Müssen Sie denn jetzt schon zurück?"
"Keineswegs. Ich werde mich bemühen, frühzeitig Bescheid zu geben."
Damit traten wir auf den Hinterhof. Es wurde bereits dunkel, und trotz wärmsten Winters seit Langem kroch die Kälte an uns heran, noch während der alte Herz die Tür sorgfältig verschloss. Er steckte den Schlüssel in seine Manteltasche, drehte sich zu uns um und rieb sich unternehmungslustig die Hände. "Und nun? Wohin sollen wir gehen?"
"Chef, ich dachte, Sie hätten einen Plan? Das hat vorhin im Laden ausgesehen, als wüssten Sie genau, was wir tun müssten. Sie erinnern sich? Drei Dinge, die wir beachten müssen?"
Er verzog den Mund. "Ja, schon, aber um ehrlich zu sein, weiter habe ich auch nicht gedacht. Herr Haschem, haben Sie vielleicht einen Vorschlag?"
Mein Dschinn schien gar nicht richtig hinzuhören, sondern er blickte starr irgendwohin hinter meinem Rücken. Bevor ich mich umdrehen konnte, um zu sehen, was ihn so erschreckte, geschahen mehrere Dinge auf einmal. Ich spürte plötzlich eine Hand auf der Schulter, die zudrückte, und hörte, wie jemand sagte: "Bis hierher und keinen Schritt weiter." Dann sah ich, wie mein Chef sich in einem jähen Schmerzanfall krümmte, und zugleich wirbelte Haschem wie ein Brummkreisel um die eigene Achse, produzierte dabei ein immer heller werdendes, summendes Geräusch, löste sich irgendwie in Licht und Energie und Qualm auf, und dann fuhr er wie eine Leuchtschlange in die Tasche hinein, die ich in der Hand hielt. Die beulte sich aus, es schien, als würden die beiden Bücher darin einen Tanz aufführen, und schwups, war Ruhe.

Ist es nun um den Dschinn geschehen?
Morgen sehen wir weiter ...

6. Dezember
Von Heike Schulz

Herr Herz stellte seine leere Tasse auf den Tisch und sah zufrieden in die Runde. "Nun gut, liebe Carola, dann mal raus mit der Sprache. Was soll Ihr erster Wunsch sein?"
Meine Herrin seufzte. "Ehrlich gesagt, ist das gar nicht so einfach. Wenn ich mich nicht irre, muss man solche Sachen sehr genau formulieren. Ich meine, zum Beispiel Frieden auf Erden. Das klingt so einfach, aber es könnte genauso gut sein, dass danach alle Menschen von der Erde verschwunden sind. Wie bei einem Handyvertrag. Man muss ganz genau auf das Kleingedruckte achten. Ist es nicht so, Herr Haschem Aziz Salim?"
Ich riss mich vom Anblick der schwarzen Gestalt draußen vor dem Fenster los und richtete mein Augenmerk auf meine Herrin. "So ist es, meine Wüstenrose - äh - Carola. Der Wunsch muss eindeutig formuliert sein. Aber was auch immer du zu wünschen beliebst, wir sollten es auf einen späteren Zeitpunkt verschieben." Unauffällig nickte ich Richtung Fenster. "Seht ihr jenen Mann dort draußen? NICHT HINSEHEN!", zischte ich, als die beiden allzu auffällig die Hälse reckten.

"Sie meinen den Typen mit dem schwarzen Hut?", murmelte Carola aus dem Mundwinkel.
"Der ist mir eben schon aufgefallen. Merkwürdiger Geselle", ergänzte Herr Herz stirnrunzelnd. "Ein Bekannter von Ihnen?"
Ich ließ die Spitzen meines Schnauzbarts hängen und kratzte mich am Kopf. "Irgendwie schon", bekannte ich kleinlaut. "Es ist etwas kompliziert. Nun ja, also das war so. Vor vielen vielen Jahren herrschte Pharao Haahashtari über das Land am Nil. Seine Tochter, Prinzessin Naaila ..."
"Nur die wichtigsten Fakten, Herr Haschem", unterbrach Herr Herz mich.

Ich seufzte. Nun gut, es nutzte ja nichts. "Also, vor ungefähr dreißig Jahren gelangte mein Buch von Ägypten aus über Umwege nach Bagdad, wo es auf einem Basar von einem Händler an einen Knaben weitergegeben wurde. Der Mann dachte seinerzeit, der Knabe wäre der Richtige, um die drei Wünsche sinnvoll und zum Wohle der Menschheit einzusetzen, aber weit gefehlt. Ich spürte sogleich sein dunkles Herz - verzeihen Sie, Herr Herz - und darum tat ich, was ein Dschinn von Stand und Ehre niemals wagen darf. Es ist ein Tabu und wird vom Herrscher der Dschinn, dem Marid, aufs strengste betraft. Man wird in ein brennendes Erdloch voller Schwefel gestoßen, wo man den Rest der Ewigkeit verbringen muss. Eine sehr unschöne Angelegenheit, und ich meine, wirklich und wahrhaftig sehr unschön. Ich, ich ..." Ich spürte, wie sich eine dicke Träne aus meinem Augenwinkel löste und in meinen Bart kullerte.

"Sie haben sich geweigert, sich ihm zu offenbaren", schlussfolgerte Carola und reichte mir ein Taschentuch.
Ich schnäuzte mich. "So ist es", presste ich schluchzend hervor.
Herr Herz rieb sich nachdenklich das Kinn. "Also haben wir zu Carolas drei Wünschen auch gleich drei dicke Probleme an der Backe." Er streckte seinen knotigen Zeigefinger aus. "Wir müssen drei wasserdichte Wünsche formulieren ..."
"... und zwar bis Heiligabend", ergänzte ich schniefend.
"Oh, dieses unbedeutende Detail hatten Sie bis jetzt verschwiegen." Carola schürzte tadelnd die Lippen.
Mein Mut sank und ich wagte kaum, ihr in die Augen zu sehen.

"Okay, also bis Heiligabend muss das mit den Wünschen erledigt sein", wiederholte Herr Herz. "Dann müssen wir diesen Burschen da draußen loswerden. Und drittens müssen wir dafür sorgen, dass Sie, Herr Haschem, nicht in dieses brennende Schwefelloch geworfen werden."
"Das wollen Sie wirklich für mich tun?" Hoffnungsvoll blinzelte ich meine Tränen fort. "Den Marid um Gnade bitten? Das wird aber nicht leicht."
Herr Herz machte eine wegwerfende Handbewegung. "Papperlapapp, mit dem Mann muss doch zu reden sein. Als Erstes sollten wir verschwinden, und zwar schnell. Ich schlage vor, wir machen jetzt das Licht aus und verdrücken uns schleunigst durch die Hintertür. Aber zuerst ...", er ging zu einem der vielen Bücherregale, fuhr mit dem Finger suchend über die Buchrücken und zog schließlich einen faustdicken Wälzer heraus, "... packen wir den hier noch ein."

Welches Buch muss unbedingt noch mitgenommen werden? Angelika verrät es morgen ...


5. Dezember
Von Angelika Lauriel

Der schwarze Mann

Erschrocken sprang ich einen Schritt zurück. Aber das war dumm von mir, denn so zog ich die Aufmerksamkeit des Alten auf mich. Ich hatte von außen alles genau beobachtet. Wie der Freak Haschem Aziz Salim bei der geringsten Berührung durch die Hand der jungen Frau aus dem Buch fuhr, als wäre es das Logischste der Welt. Dabei hatte ich dieses verflixte Buch seit Jahrzehnten bei mir gehabt. Was hatte ich nicht alles ausprobiert ... Beschwörungsformeln, Kerzenlicht, Räucherstäbchen, sogar klassische Gebete. Nichts! Als ich das Buch damals auf diesem von Menschen wimmelnden Markt fand, beim Familienurlaub in Bagdad, da wusste ich sofort, dass es etwas Besonderes war. Es lag ganz hinten auf einem Markttisch, der überladen war mit allem möglichen Krimskrams. Der komische Mann hinter dem Stand hatte mich sofort im Auge, leider, also konnte ich das Buch nicht einfach so mitnehmen. Aber dann kratzte er sich im Bart, griff selbst nach dem Ding und hielt es mir entgegen. Er sagte etwas in seiner Sprache. Ich verstand natürlich kein Wort. Aber mein Vater übersetzte mir: "Er sagt, das Buch hat auf dich gewartet. Du sollst es haben."

Echt jetzt? Ich nahm es zögernd entgegen, der Alte lachte laut und zeigte seine Zahnlücken. Er wollte nichts dafür haben, aber das ließ meine Mutter nicht zu. Sie bezahlte den Alten dafür. Tja, dann verlor ich meine Familie im Gewimmel, oder vielmehr, meine Familie verlor mich. Ich irrte plötzlich zwischen all den Fremden herum und sah keinen mehr, weder Mutter noch Vater noch meine Schwester. Bevor ich in Panik ausbrechen konnte, zupfte jemand an meinem T-Shirt. Es war ein Mädchen, ungefähr so alt wie ich, in einer Schulumiform, mit pechschwarzen Augen und Haaren. Sie strahlte mich an und sprach in gebrochenem Englisch auf mich ein. Dabei deutete sie auf das Buch, das ich mit beiden Armen umklammerte. Ich habe bis heute keine Ahnung, wer die Kleine war, aber sie sagte mir, dass ich auf das Buch gut achtgeben müsse. Darin lebe der Dschinn Haschem Aziz Salim, von dem niemand mehr etwas wisse - ich fragte mich erst später, wieso ausgerechnet sie dann davon wusste - und da es zu mir gefunden habe, wäre ich bestimmt der auserwählte Mensch, der drei Wünsche frei hätte. Tja, und dann war sie wieder weg, so unvermittelt wie sie zuvor aufgetaucht war.

"Christian, kommst du?", hörte ich die Stimme meiner Mutter. Und damit war der Spuk vorbei. Der Rest des Urlaubs verlief normal, ich nahm das Buch mit nach Europa. Nur öffnen konnte ich es nicht. Das ist über 30 Jahre her, und bis heute hatte das vermaledeite Buch mir sein verfluchtes Geheimnis nicht enthüllt. Was meine Schritte heute morgen ausgerechnet zu diesem Buchladen lenkte und mich zwang, mein bestgehütetes Eigentum einer fremden Frau zu übergeben - ich weiß es nicht. Aber jetzt hatte ich wenigstens diesen dreimal verfluchten Dschinn gesehen, an dessen Existenz ich mittlerweile schon gezweifelt hatte. Wenn ich alles richtig mitbekommen hatte, war der Dschinn zuerst für den Alten im Laden unsichtbar, während ich alles sah. War das nicht ein klarer Hinweis darauf, dass Haschem eigentlich mir zu Diensten sein sollte? Drei Wünsche ... ich hatte in den letzten Jahren nichts anderes gemacht, als über die drei Wünsche nachzudenken. Wer konnte sie besser brauchen als ich?
Meine Besessenheit hatte mein Leben zerstört. Mit der Familie überworfen. Der Beerdigung meines Vaters war ich fern geblieben, meine Mutter sah ich manchmal, wenn ich am Hort vorbeiging. Sie erkannte mich nicht mehr. Mit meiner Schwester war jeglicher Kontakt abgebrochen. Sie lebte in Frankreich. Ich trug seit vielen Jahren nur noch schwarze Kleidung und verdiente meinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht auf den Mittelaltermärkten. Dort gab ich den Henker, den Richter, den Teufel oder was auch immer an finsteren Gestalten gerade gebraucht wurde. Ich lebte von der Hand in den Mund. Aber das machte mir nichts aus, weil ich wusste, dass ich eines Tages drei Wünsche frei haben würde. Nun war die Zeit reif.

Und dann sperrte der Eigentümer des Ladens kurzerhand ab. Bestimmt hatten die beiden schon mitgekriegt, was für einen Goldschisser sie da aus dem Buch gelockt hatten. Aber ich wollte ihnen auf der Spur bleiben. Mir stand der Lohn zu, nur mir.

Plötzlich zupfte mich etwas an meinem schwarzen Mantel, ich wirbelte herum. Da stand eine kleine Rotznase vor mir, Pudelmütze auf dem Kopf, und sah mit riesigen, tellerrunden Augen zu mir hoch. "Bist du der Nikolaus?", fragte der Kleine. Seine Mutter zog ihn an der Hand weg. "Komm Schatz, das ist nicht der Nikolaus, lass uns verschwinden!"

Ich sah wieder durchs Fenster in den Laden hinein. Irrte ich mich, oder hatte Haschem, der überraschend kleine Dschinn, sich hinter der Auslage aufgebaut und starrte unverwandt heraus? Mir geradewegs ins Gesicht. Mein Hut schien mich vor seinem Röntgenblick nicht zu schützen.

Was führt der Schwarzgekleidete im Schilde?
Morgen schreibe ich die Geschichte weiter ...


4. Dezember
Von Heike Schulz

Die Blicke meiner neuen Gebieterin wechselten zwischen mir und dem alten Mann hin und her. Augenscheinlich handelte es sich um den Efendi dieses Tempels, denn in seinen Augen spiegelte sich die Weisheit vieler Jahre. Ich verbeugte mich in Ehrerbietung vor ihm und wünschte ihm getreu der Sitten mit einem Salam Frieden und Unversehrtheit. Leider schien er mich nicht zu bemerken und fragte meine Gebieterin stattdessen, was es mit meinem Buch auf sich hätte. Nein, wie ungeschickt von mir! Ich schlug mir mit der Hand gegen die Stirn.
"Er kann mich weder sehen noch hören, Herrin", erklärte ich ihr. "Soll ich mich ihm zeigen?"
Meine Gebieterin sah mich misstrauisch an. "Ist das dann mein erster Wunsch?"
Ich lachte. "Nein, seid unbesorgt. Um Eure Wünsche einzulösen, müsst Ihr die Formel sprechen, die da lautet: Dschinn Haschem Aziz Salim, ich wünsche folgendes ... Und zuletzt besiegelt Ihr den Wunsch mit den Worten: Inshallah, so sei es."
"Alles klar." Sie lächelte hell wie die Morgenröte. "Also gut, Herr Haschem Aziz Salim. Wären Sie dann bitte so freundlich und zeigen sich meinem Chef?"
"Nichts lieber als das." Ich hob meine Hände, da hielt sie mich am Jackenärmel zurück.
"Ach, da ist noch eine Kleinigkeit."
"Herrin?"
"Nennen sie mich doch bitte Carola. Dieses Herrin fühlt sich irgendwie komisch für mich an."
"Wenn Ihr es wünscht, Herr... - verzeiht - Carola." Ich neigte in Ehrfurcht mein Haupt.
"Und bitte sagen Sie Du zu mir."
Augenblicklich weitete sich mein Herz wie die Schwingen eines Falken. Eine so liebreizende Herrin war mir zuletzt begegnet, als im Jahr 1432 vor Beginn der abendländischen Zeitrechnung einst die ägyptische Prinzessin Naaila mein Buch öffnete. Eine wahre Kirschblüte, die mir - aber ich schweife ab.
"Wie du willst, Carola."
Erneut hob ich die Hände und klatschte einmal kräftig. Sofort ergriff ein sanftes Kribbeln meinen Körper, und im nächsten Moment weiteten sich die Augen des Efendi. Rasch sprang Carola auf und schob gerade noch rechtzeitig den Stuhl unter seinen Hintern, ehe er auf dem Hosenboden landete.
"Donnerwetter", stammelte er und ließ den Blick über meine Gestalt wandern.
Sogleich zog ich meinen Bauch ein und bedauerte meine Schwäche für Honigmandeln. Unauffällig zwirbelte ich die Spitzen meines stattlichen Schnurrbarts hoch und reckte das Kinn.
Der Efendi nahm seine Brille ab und polierte mit dem Hemdzipfel die Gläser. "Wer zum Kuckuck sind Sie, und was wollen Sie von uns?", stammelte er und setzte die Brille wieder auf.
Ich verbeugte mich abermals. "Salam, edler Herr. Mein Name ist Haschem Aziz Salim. Wie Carola bereits sagte, bin ich ein Dschinn, den sie mittels jenen Buches dort gerufen hat."
Als hätte er sich daran verbrannt, legte der Mann das Buch auf den Tisch und musterte es argwöhnisch. Dann sah er mir prüfend in die Augen.
"Ich bin Konrad Herz, der Inhaber dieser Buchhandlung. Und was wollen Sie hier?" Mit zitternden Händen zog er ein Taschentuch aus seiner Jackentasche und tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn.
Ich lächelte breit. "Wünsche erfüllen."

Bisher sorgte diese Mitteilung stets für überschwängliche Freude. Viele Menschen überschlugen sich bei der Aussicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche förmlich und sprudelten nur so drauflos. In  meiner langen Zeit als Dschinn wurde ich um Ruhm gebeten, um Reichtum, Glück, einen Palast, Pferde, Gold, und nur selten wählten die Menschen mit Bedacht. Herr Herz jedoch, der von Alter und Krankheit gebeugt auf seinem Stuhl saß, schaute mich nur nachdenklich an.
"Ich glaube, ich brauche jetzt erst einmal eins von diesen Latte-Dingsdas", antwortete er mit einem nachdrücklichen Nicken.
"Kommt sofort."
Carola ging zu einem hohen Tisch und machte sich an einem seltsamen, glänzenden und blinkenden Apparat zu schaffen. Der Kasten stieß ein infernalisches Fauchen aus. Dampf stieg auf, es zischte, und obwohl mir der Mut in die Pluderhose rutschte, sprang ich beherzt vor, um meine Herrin vor dem Ungeheuer zu beschützen. Sie aber schien keinerlei Furcht vor dem Monstrum zu haben und drückte seelenruhig einen Knopf an dessen Vorderseite. Ein schäumendes Gebräu sprudelte heraus, und ein vertrautes Aroma stieg mir in die Nase. Kaffee! Wie wunderbar! Dieser Trank des Himmels hatte also die Zeit überdauert. Sehnsüchtig warf ich einen Blick auf die beiden Tassen, die Carola nun mit Hauben weißen Schaums krönte.
"Möchten Sie auch eine, Herr Haschem Aziz Salim?"
Überwältigt von so viel Liebenswürdigkeit wurde meine Kehle eng. Ich nickte stumm.
"Wird sofort erledigt."
Erneut tat die Apparatur ihr Werk, und kurz darauf kehrte Carola mit einem Tablett und drei Tassen Kaffee zurück.
Ehrfürchtig nahm ich den ersten Schluck seit wer-weiß-wie-lange und schloss genießerisch die Augen. Wahrhaft, ein Traum, aus dem mich nur allzu schnell die Stimme des Herrn Herz riss.
"Carola, wären Sie bitte so freundlich, und schließen den Laden ab? Wenn mich nicht alles täuscht, wird diese Sache hier einige Zeit in Anspruch nehmen."

Erst mal eine gute Tasse Kaffee, und dann geht es weiter. Wie, das verrät Angelika morgen.


3. Dezember
Von Angelika Lauriel

Konrad Herz hatte in seinem Leben schon viele eigenartige Kunden in seinem Buchladen erlebt. Er hatte auch schon seltsame Mitarbeiter gehabt, die nie lange bei ihm geblieben waren, weil sie seine Liebe zum gedruckten Wort, zum gebundenen Buch, zu seinem wahren Lebensinhalt nicht verstanden. Er seinerseits hatte deswegen nicht selten zum Abschied den ehemaligen Mitarbeitern herzlich die Hand geschüttelt mit den Worten: "Sie sind bestimmt in einer Filiale der modernen Buchhandelsketten sehr gut aufgehoben. Dort werden Sie sich wohlfühlen. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute für die Zukunft."

Seine Auszubildende Carola Wüst war die seit langen Jahren ersehnte Abwechslung gewesen. Schon bei ihrem Bewerbungsgespräch - mit vor Aufregung beschlagenen Brillengläsern - war ihm aufgefallen, wie sie die Bücher in den Regalen betrachtete, wie ihre Nasenflügel sich weiteten, als sie den Geruch gleich einer Süchtigen aufsog. Und dann hatte sie, noch bevor er mit ihr mehr als die Begrüßungsfloskel gewechselt hatte, mit dem Finger über die Buchrücken gestrichen, als wolle sie sie liebkosen. In dem Moment fiel seine Entscheidung. Sie sollte die letzte Buchhändlerin sein, die er ausbilden wollte, danach sollte sie im Laden bleiben und, wer weiß, ihn in acht bis zehn Jahren übernehmen. Diese Entscheidung für Carola hatte er keinen Moment bereut. Nun war sie bald ausgelernte Buchhändlerin - und dann war ihm diese unangenehme Gichterkrankung dazwischen gekommen. Angekündigt hatte sie sich ja schon vor vielen Jahren, doch er war immer in der Lage gewesen, damit klarzukommen. Er hatte die Schmerzen im Griff gehabt. Aber jetzt ging es einfach nicht mehr. Der Arzt hatte ihm dringend nahegelegt, keine stehenden Tätigkeiten mehr auszuüben.

Doch er schweifte ab. Seine Gedanken hatten dem Kunden gegolten. Konrad Herz hatte sich, als Carola zu dem Schwarzgekleideten ging, auf dem uralten Plüschsofa in der Leseecke niedergelassen, dankbar, dass sie sich um die Kundschaft kümmerte. Unbemerkt hatte er beobachtet, wie Carolas Gesicht aufleuchtete, sobald sie das uralte Buch in der Hand hielt. Die Augen des Fremden blitzten aus dem vom Hut beschatteten Gesicht. Auf Konrad wirkte es so, als sehe er Carolas Liebe zum Buch ebenfalls auf den ersten Blick. Doch dieser Kunde war wirklich sehr eigenartig. Nachdem er der Angestellten das Buch gegeben hatte, tippte er sich mit einem Finger an die Hutkrempe, warf einen langen Blick in Konrads Richtung, sodass dessen Herz plötzlich unkontrolliert zu pochen begann, bevor er sich wortlos umdrehte und den Laden verließ. Obwohl der Fremde sich gemächlich bewegte, wirkte es ein bisschen fluchtartig. Danach sah Konrad Herz, wie er von draußen durch das Schaufenster hereinspähte, als wolle er den Laden ausspionieren. Seltsam, äußerst seltsam.

Mit einem leisen Ächzen erhob sich Konrad aus dem Sofa, um zu Carola zu gehen und nach dem Buch zu sehen, bei dem es sich ja offenbar um ein interessantes, antikes Stück handeln dürfte. In diesem Moment geschah etwas Eigenartiges, und Konrad hätte im Nachhinein nicht mehr beschreiben können, wie die Dinge in seinem Buchladen sich entwickelten. Doch von dieser Sekunde an war alles anders. Carola war danach nicht mehr die Gleiche, und sein Buch Herz, das er selbst immer schon für etwas Besonderes gehalten hatte, wirkte fortan geradezu magisch auf ihn.

Eine Art Brausen durchwehte den Laden, das leise, aber sehr intensiv war. Das Licht schien für einen Moment zu erlöschen, aber Konrad war sich hinterher nicht mehr sicher, ob er das wirklich so empfunden hatte. Er sah Carola, die das Buch fallen ließ - eigentlich undenkbar, denn sie behandelte alle Bücher wie rohe Eier - und plötzlich ein erschrockenes Gesicht machte. Sie starrte auf eine Stelle vor sich ... und dann musste der alte Konrad sich die Frage stellen, ob seine Mitarbeiterin möglicherweise ein bisschen labil war. Sie redete nämlich, als ob noch jemand im Laden sei. "W-Wie bitte?" Carola riss die Augen auf.

Perplex blieb Konrad stehen. Seine Angestellte ließ sich auf den Stuhl im vorderen Ladenbereich fallen - sie hatte Glück, dass er gerade leer war - und stammelte unverständliche Dinge. "Wer" konnte Konrad verstehen, und "Flaschengeist". Er seufzte. War es um seine Buchhändlerin geschehen? Mit wenigen Schritten ging er auf sie zu und ergriff ihre Schulter. Sie wirkte so, als lausche sie in den Raum hinein, und starrte stur geradeaus. Erst, als er ihre Schulter ein bisschen drückte, sah sie verwirrt zu ihm hoch.
"Carola, geht es Ihnen gut? Was ist denn passiert?" Konrad bückte sich, um das Buch vom Boden zu heben.
Carola zog erschrocken die Luft ein und zischte: "Vorsicht, er ist im Weg!"
Konrad runzelte die Stirn und nahm das Buch an sich. Er spürte dabei eine Art warme Luftströmung. Das Buch unter dem Arm, beugte er sich besorgt vor das verwirrte Gesicht seiner Angestellten. "Wer ist im Weg?"
Sie starrte ihn mit offenstehendem Mund an, dann deutete sie vor sich. "Na er hier. Haschem Dingsbums. Er sagt, er ist ein Dschinn." Sie starrte wieder vor sich und hielt den Kopf leicht schief. Offenbar lauschte sie in den Raum hinein. Konrad Herz bemühte sich, irgendetwas zu hören, doch da war nichts.
"Und er sagt, Sie müssen mir das Buch geben. Ich muss es immer bei mir tragen, sonst kann er ja nicht zurück."
"Zurück?", murmelte Konrad und reichte Carola das Gewünschte.
"Ja. Zurück ins Buch."

 

Was es mit Haschem auf sich hat, verrate ich - vielleicht - morgen!

2. Dezember
von Heike Schulz

Ich räkelte und streckte mich, gähnte herzhaft mit weit aufgerissenem Mund und blinzelte in das grelle Licht, das mich aus meinem Schlaf gerissen hatte.
LICHT?!?!
Sofort schlug mir das Herz bis zum Hals. Das hatte ich ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Und Herrschaften, wenn ich Ewigkeit sage, dann meine ich auch Ewigkeit. Nicht die Ewigkeit, die man gefühlt auf dem Stuhl eines Zahnbrechers erduldet, oder die von der Sorte, wie man sie in der Grabkammer eines Pharaos in der Hoffnung auf Entdeckung verbringt. Also, ich meine, wahrhaftig und ohne jeden Vergleich lange. Das letzte Mal, dass ich so lange auf Licht gewartet hatte, war 1764, als damals ein sommersprossiger Junge - aber ich schweife ab.

Nun gut. Ich sah also Licht, und im nächsten Moment erkannte ich ein neugieriges blaues Augenpaar, das hinter zwei Brillengläsern zu mir herunter blinzelte. Rasch drückte ich eine Hand auf meinen Turban und die andere auf meine Magengrube - was jetzt kam, bedurfte erfahrungsgemäß einiger Sicherheitsvorkehrungen - und schon spürte ich dieses unnachgiebige Ziehen in meiner Leibesmitte.
Um mich herum verschwamm die Dunkelheit meiner Behausung, es wurde heller, bunter, und ich erkannte einen riesigen Saal, der langsam aber stetig schrumpfte. Nein, ich muss mich korrigieren. Nicht der helle, bunte Saal schrumpfte, sondern ich wuchs. Immer höher und höher stieg ich, trat aus meiner Behausung heraus, hörte ein erschrockenes Keuchen, dann verlor ich das Gleichgewicht und landete sogleich auf dem Hosenboden meiner goldbestickten Pluderhose.

Ich richtete meinen Turban, der mir über die Augen gerutscht war, strich den Besatz meiner Brokatjacke glatt und blickte so würdevoll zu der jungen Dame vor mir auf, wie es die Peinlichkeit meiner Lage erlaubte.
"Welches ist Euer Begehren, Erhabene?", sagte ich mein Sprüchlein und stand auf. Dabei stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass meine neue Gebieterin mich um Haupteslänge überragte.
"W-Wie bitte?", stammelte sie und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an.
Ich räusperte mich. "Euer Begehren, Erhabene", wiederholte ich und sah mich unauffällig um. Ein seltsamer Ort. Um mich herum stapelten sich Bücher über Bücher mit geheimnisvoll aussehenden Einbänden. Offenbar war ich in einer Art Tempel der Weisheit gelandet, obgleich mein Gegenüber nicht gerade den Eindruck ausgesuchter Geisteskraft vermittelte.
"Wer sind Sie?", brachte sie hervor und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Endlich konnte ich ihr auf gleicher Höhe in die Augen sehen.
"Mein Name ist Haschem Aziz Salim, und ich stehe Euch zu Diensten." Ich legte meine Hand auf die Brust und deutete eine Verbeugung an.
"Wer?"
Ich vermied nur mit Mühe ein Seufzen. Schade, manchmal geriet man an einen Gebieter oder eine Gebieterin, die nicht das hellste Öllicht im Zelt waren. "Ihr habt mein Buch geöffnet und mich somit her befohlen, meine Wüstenblume. Von nun an muss ich euch dienen und euch drei Wünsche erfüllen. Aber wählt mit Bedacht."
Meine Herrin klappte den Mund auf und zu, ehe sie endlich ihre Sprache wiederfand. "Sind Sie so etwas wie ein Flaschengeist?"
Entrüstet schüttelte ich den Kopf, worauf mein Turban bedenklich ins Rutschen geriet. "Ein Geist?" Ich stieß einen Pfiff aus, in den ich all meine Verachtung über meine entfernten Kollegen legte, mit denen unsereins gerne verwechselt wurde. "Keineswegs. Ich, meine Sommerbrise, bin ein Dschinn."

Wie kommt der Dschinn in das Buch, und was will er von Carola?
Morgen erzählt Angelika die Geschichte weiter ...

 

1. Dezember

Von Angelika Lauriel

Den Buchladen dicht machen? Ehrlich jetzt? Ich habe bald ausgelernt und kann im Frühling im Buch Herz meine volle Stelle antreten, da deutet mir mein Chef an, dass es nicht mehr lange damit weitergeht ...

Konrad Herz hat mir heute Morgen einen Latte Macchiato mit Karamellsirup gekocht, ohne dass er mich fragen musste, wie ich meinen Kaffee am liebsten mag. Ich dachte eigentlich, er weiß gar nicht, wie dieses hypermoderne Teil funktioniert, das ihm seine Tochter vor einem guten Jahr in den Laden stellte - mit den Worten: "Paps, deine Kundschaft wird die Leseecke noch mehr lieben, wenn du ihr einen schönen Kaffee zum Buch anbietest." Ihre Prognose hat sich mehr als bewahrheitet. Überhaupt haben wir das Buch Herz in ein richtiges, erfolgreiches kleines Goldstübchen verwandelt, der alte Herz und ich.

Perplex nahm ich meinen Kaffee entgegen. Normalerweise war ich diejenige, die den Kaffee kochte und den Kunden weiterhalf, wenn sie sich selbst einen bereiteten. Und nun reichte er mir den perfekten Latte Macchiato? Ich rührte mit dem langen Löffel im Getränk und genoss den kurzen Moment, wenn der Dampf meine Brille beschlagen lässt. Schon hatte ich das Glas an den Lippen und spürte den weichen Milchschaum, da meldete sich in meinem Kopf ein Warnton und ließ mich das Glas wieder runternehmen. Ich starrte meinen Chef an. "Ist etwas passiert?"

Er schob seinerseits die Brille auf der knolligen Nase hoch und zog den einen Mundwinkel nach unten. Oh-oh, das bedeutete nichts Gutes. Dieses Gesicht setzt er nur sehr selten auf. Der alte Herz ist nämlich genauso wie sein Name - ein Herzensmensch. "Nein ... noch nicht ... Aber ich weiß nicht, wie es weitergeht, Carola."

"Wie meinen Sie das?" Meine Stimme klang gequetscht, weil eine fette, warzige Kröte auf meinen Kehlkopf drückte.

"Ich muss es Ihnen ganz offen sagen ..." Mit einer ausholenden Geste deutete er auf den kleinen Laden, der sein Lebensinhalt ist, seit er mit der Schule fertig war - und davor auch schon, denn seine Eltern haben das Buch Herz ins Leben gerufen. Die alten, handgemachten Holzregale, in denen er die Bücher nach Genres, aber auch nach seinen - und nun auch meinen - Vorlieben einsortiert hat. Den uralten Tresen, auf dem die alte Kasse steht sowie die neue Kaffeemaschine. Die kleine Leseecke, in der immerhin schon mal zehn Leute auf den kuschligen Sofas sitzen und in den neuen Büchern stöbern können. Das kleine Regal mit dem bunten Non-Book-Kram, dem sich heutzutage keine Buchhandlung mehr entziehen kann. Und die Lichterketten und weißen Papiersterne, -Schneemänner und -Zuckerstangen, mit denen wir alles für den Advent geschmückt haben. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Laden noch weiterführen kann."

"Aber wir machen doch einen super Umsatz, seitdem wir das Konzept geändert haben und den Leuten eben nicht den 08/15-Kram anbieten, den sie in jeder Buchhandlung bekommen ...?"

"Ja, das stimmt. Aber ich ...", er räusperte sich, "bin krank geworden. Nichts Schlimmes, keine Sorge, aber ich werde nicht mehr so lange stehen können. Und ich weiß nicht, wie ich den Laden unter diesen Bedingungen weiterführen kann. Sie können die Arbeit allein nicht leisten. Und noch jemanden einzustellen - das kann ich mir nicht leisten."

In dem Moment läutete die Glocke, die uns anzeigt, wenn jemand den Laden betritt. Ich war noch ganz verstört von dem, was mein Chef mir gerade gesagt hatte, als ich mich umdrehte. Der alte Herz erweckte nämlich nicht den Eindruck, dass er in der Lage war, sich um die Kundschaft zu kümmern. Also ging ich nach vorne und begrüßte den Mann. Sein Alter konnte ich auf den ersten Blick nicht schätzen. Er trug einen eigenartig voluminösen schwarzen Mantel und auf dem Kopf einen Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte. Alles an ihm war schwarz. Die Kleidung, die Haare, die ich unter der Hutkrempe erkennen konnte, und sogar die Fingernägel, die sich von einem Buch abhoben, das er in der Hand hielt und mir entgegenstreckte.

Mein Herz schlug schneller, weil dieses Buch sofort eine eigenartige Wirkung auf mich hatte. Ich erkannte, dass es in abgegriffenes, speckiges Leder gebunden war, und das Papier war nicht leuchtend weiß, sondern eher beige. Wer wusste, wie alt dieses Buch schon war? Nur mit Mühe konnte ich den Blick davom abwenden, um den Kunden endlich angemessen zu begrüßen. "Guten Tag, womit kann ich Ihnen helfen?"

Was ist das für ein seltsamer Mann, der da in dem Buchladen auftaucht?
Vielleicht erfahren wir morgen mehr.

 
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