Homepage der Autorin Heike Schulz
  Adventskalender 2013
 

Liebe Leserinnen und Leser!


Hier finden Sie in Kürze den diesjährigen Weihnachtskalender von meiner Schreibschwester Angelika Lauriel und mir. Wie jedes Jahr füllen wir ihn mit einer Weiterschreibgeschichte, und das geht so:
Eine von uns beginnt mit irgendeiner Idee, die ihr in den Sinn kommt und übergibt sie dann an die andere. Im Ping-Pong entsteht so eine Geschichte, deren Verlauf auch für uns völlig überraschend ist und auch der Ausgang bleibt bis zuletzt offen.
Nichts wird vorab geplottet, die Geschichte entsteht frei heraus, ohne Netz und doppelten Boden.

Viel Spaß!

Tür 24:
(Angelika Lauriel, Heike Schulz)


Heilig Abend 2013
Liebe Lena!

Ich schreibe dir diese Zeilen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Ich weiß ja - oder ahne ich es doch nur - dass dein Kontakt zu uns nun einschlafen wird. Aber du hast uns allen ein ganz besonderes Weihnachtsfest beschert. Wenn ich Steinchen und Bruni so betrachte, dann vermute ich, dass du genau dies von langer Hand geplant hast. So schade, dass Albert uns nicht verrät, was du ihm in deinem Weihnachtsbrief geschrieben hast. Aber nun gut, das ist wirklich eine sehr persönliche Angelegenheit.

Ich halte einen Moment inne, weil ich die Hand im Versuch, in schönster Schönschrift zu schreiben, verkrampft habe. Dann mache ich mir klar, WEM ich gerade schreibe, und beschließe, meine Sauklaue einfach rauszulassen. Lena steht über so etwas drüber, hundertpro! Bevor ich ihr den Rest unserer Geschichte berichte und mich bei ihr bedanke, werfe ich einen letzten Blick durch die Verbindungstür meines heutigen Schlafzimmers. Gerade ist Marie aufgestanden und zur Tür gekommen. Sie lächelt mich selig an. "Gute Nacht, Jacky, und fröhliche Weihnachten!" Aus dem Hintergrund winkt mir mein Bruder zu. "Schlaf gut, Schwesterherz!" Die Tür schließt sich.

Zuerst hatte ich ja noch ein bisschen Bammel, ob wir wirklich schaffen würden, was wir uns vorgenommen hatten. Als wir den steilen Winterberg wieder hinunterfuhren, war ich heilfroh, dass wir unser ganz normales Saarland-Weihnachtswetter hatten, das kannst du mir glauben. Die Sommerreifen des alten Mercedes kann man nämlich bestenfalls als Slicks bezeichnen ... Kein Wunder, schließlich ist Bruni die Letzte gewesen, die das Ding gelenkt hat. Aber egal, die Karre hat uns nicht im Stich gelassen. Zuerst mal sind wir zum Staatstheater gefahren. Ja, Marie hat eine gute Bekannte, die für den Kostümfundus zuständig ist. Diese Freundin hatte sie sofort auf dem Handy angerufen, erklärt, worum es ging - und nun ja, Weihnachten macht die Menschen irgendwie aufgeschlossener, nicht wahr? Glücklicherweise waren ein Christkindkostüm, ein Engelsgewand, ein Wichtel- und ein Elfenkostüm noch frei. Und du glaubst es kaum ... oder vielmehr du glaubst es natürlich doch! Jedenfalls passte unser steinalter Stein exakt in das Wichtelwams. Der Bart und der Hut haben ihm gestanden, als hätte er ein Leben lang eine solche Rolle gespielt. Ich selbst zog das Elfenkostüm über, und es ist kaum zu glauben, aber meine Dreads haben zu dem grünen Filzstoff mit filigraner schwarzer Spitze perfekt gepasst. Marie war der Engel, sie wirkte überhaupt nicht verkleidet ... Zwinkernd Nun ja, und das Christkindkostüm war für eine kleinere Person genäht worden. Eine mit grauen Kringellöckchen. Schon klar, nicht? Mann, hatten wir einen Spaß beim Probieren.

Maries Freundin konnte uns auch den Weg auf den Eschberg erklären. Dort oben waren die Geschenke für die Kiddies gelagert. Verpackungsmaterial lag auch bereit. Wir froren heftig, als wir in der Lagerhalle alle Präsente in buntes Papier verpackten, und spät ist es geworden. Aber macht ja nix. Am Ende hat sich all die Mühe gelohnt. Auf dem St. Johanner Markt haben wir uns noch einen Glühwein genehmigt. In dieser Nacht habe ich kaum ein Auge zugetan, so aufgeregt war ich. Tom war immer noch unerreichbar. Er hatte einfach sein Handy abgeschaltet. Ich glaube im Nachhinein, er wollte nicht, dass alle wissen, was er macht. Er hat mich wirklich beeindruckt, das muss ich sagen.

Tja, und heute morgen sind wir vier dann in vollem Staat wieder den Winterberg hinaufgefahren. Der Mercedes war beladen bis unters Dach. Aber wieder haben wir sofort einen Parkplatz gefunden. Die Frau an der Information war dieselbe wie gestern. Sie schlug sich die Hand vor den Mund, als sie uns sah. Ihre Augen strahlten mit den roten Wangen um die Wette. Gerade öffnete sich eine Tür, und da trat er heraus: Tom! Er trug einen rot-weiß gestreiften Clowns-Anzug mit einem künstlichen, riesigen Bauch, einen weißen Rauschebart und große, geflickte Schuhe. Die rote Kugel auf seiner Nase war mit Sternchen verziert, seine braunen Haare hatte er mit Gel straff entgegen der Schwerkraft frisiert, und mitten darauf saß keck eine zu kleine rote Bommelmütze. Witziger Weihnachtsmann, echt!

Er stand nur da und starrte uns an. Bis Marie die Arme in die Luft warf, auf ihn zurannte und ihn an sich zog. Sie küsste ihn herzhaft auf die Wange. "Wir sind heute die Vertretung!"
"Marie! Du bist das!" Tom küsste sie auf den Mund, worauf der Engel lieblich errötete. Dann drehte er sich um und fixierte uns drei mit gerunzelter Stirn. Mich erkannte er als Erste.
"Ich fasse es ja nicht ... Jacky?"
Ich drückte ihm einen Kuss auf die zweite Wange.
"... und du bist ... äh, Sie sind doch der alte Herr aus dem Seniorenstift. Albert Einstein oder so ähnlich, nicht?"
Steinchen gluckste. "Ja. So ähnlich."
Dann wandte Tom sich Bruni zu. "Und du, Christkind, du bist doch ... HILDE!" Er lachte laut auf. "Der Brief, den du mir so geheimnisvoll überbracht hast, hat alles in Gang gebracht."

Nun, du kennst den Rest. Wir haben das gesamte Krankenhaus beschert, nicht nur die Kinder. Die Erwachsenen bekamen natürlich nur liebe Wünsche und Lieder. Ach, es war ein Traum! Der Traum dauerte den ganzen Tag an. Und erst, als ich in meinem Einzelzimmer mein Elfengewand wieder ausgezogen habe, ist mir eingefallen, was ich Marie die ganze Zeit noch fragen wollte. Beim gemeinsamen Essen habe ich es dann endlich gemacht.
"Warum hast du eigentlich nach unserem Umzug damals den Kontakt zu Tom abgebrochen, Marie?"
Beide zogen die Brauen hoch und sahen ziemlich verdattert drein. "Tja ...", sagte sie dann, "das war vielleicht ein blödes Missverständnis!"
Tom grinste. "Marie hat eines Tages in ihrem Lieblingsschuh eine tote Maus gefunden ..."
Ups, jetzt war es an mir, puterrot zu werden.
"... und sie war sich absolut sicher, dass ich sie dahin getan hatte ..."
Marie grinste mich an. "Ja, schäm dich, Tschakkeliene!"
Ich schlug mir die Hände vors Gesicht. Geht es noch peinlicher?
Nein, geht es nicht.

ICH bin schuld daran, dass Marie mit Tom nicht mehr geredet hat. Nicht zu fassen, oder?
Aber die beiden haben mir verziehen. Alles ist gut.
Alles ist gut.
Alles ist gut.

Liebste Lena,
du hast mir ein grandioses Fest beschert. Ich danke dir von ganzem Herzen.
Krass!
Deine Pippi!

Albert erzählt:

Die jungen Leute sind im Hotel geblieben, aber Bruni und ich laufen noch eine abendliche Runde durch die festlich geschmückte Stadt. Sie ist beinahe menschenleer, denn die meisten Leute sind vermutlich zu Hause bei ihren Familien und feiern Bescherung. Arm in Arm spazieren wir ziellos durch die Gegend und gelangen schließlich in den Stadtpark am Staden. Auf einer Bank setzen wir uns nieder, und während Bruni die Stille der Weihnacht genießt, ziehe ich den Brief hervor, den meine Lena mir bereits vor ein paar Tagen auf wundersame Weise hat zukommen lassen. Er ist nur kurz, und obwohl ich die Zeilen bereits auswendig kenne, lese ich immer wieder die feine, verschnörkelte Handschrift. Ich muss blinzeln, denn die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen.

"Mein geliebtes Steinchen", steht da, und ich lächele in mich hinein. Beinahe kann ich hören, wie sie mich beim Kosenamen nennt. "Viel zu lange warst du in deiner Einsamkeit erstarrt, aber jetzt bist du geheilt. Ich weiß, dass ich immer einen Platz in deinem Herzen habe, und das ist gut so. Verweile aber nicht zu sehr in der Vergangenheit, das Leben hält noch viele schöne Überraschungen für dich bereit. Teile es mit deinen neuen Freunden und vergiss nicht, zu lieben Zwinkernd

Frohe Weihnachten,
Deine Lena

Sorgsam falte ich den Brief zusammen, schiebe ihn in das Kuvert und stecke ihn in meine Brusttasche über dem Herzen.
"Können wir?", fragt Bruni und schaut mich sanft an.
"Ja, wir können", antworte ich, biete ihr meinen Arm an und gemeinsam gehen wir nach Hause.

ENDE

Nun endet unsere gemeinsame Weihnachtsgeschichte. Wir hoffen, dass Sie, liebe Leser, ebenso viel Spaß beim Lesen hatten, wie wir beim Schreiben.
Damit bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen frohe Weihnachten.

Heike Schulz




Tür 23:
(Heike Schulz)

Es ist ein wunderbarer Film. Natürlich habe ich ihn schon mehrmals gesehen, aber das letzte Mal ist schon ewig her. Damals saß meine Lena noch neben mir, kuschelte sich an mich und lachte über die drolligen Sprüche des Zinnmannes.
Als Dorothy das Lied "Over the Rainbow" anstimmt, singen wir alle vier mit, dabei bemerke ich, wie Bruni verträumt ihren Kopf an meine Schulter lehnt. Ein wohliges und zugleich tröstliches Gefühl durchströmt mich und mir wird klar, dass ich schon viel zu lange alleine war. Ich vermisse es, jemanden an meiner Seite zu haben. Jemanden, der mich seit Jahren in und auswendig kennt und meine Schrullen nicht nur aushält, sondern sogar mag.
Kaum denke ich diesen Gedanken, spüre ich das zärtliche Streicheln einer unsichtbaren Hand auf meiner Glatze. Es fühlt sich an, als wollte meine Lena mich darin bestärken, aus meinem selbst gewählten Mauseloch heraus zu kriechen und mich wieder dem Glück zu öffnen. Ich lege wie selbstverständlich meinen Arm um Bruni, worauf das Streicheln auf meinem Kopf zu einem fröhlichen Tätscheln wird. Zufrieden lächelnd danke ich meiner Lena im Geiste und wende mich wieder dem Film zu.

Inzwischen ist der Film schon fast zu Ende, die böse Hexe ist besiegt und Dorothy wird vom Volk des Landes Oz und der guten Hexe gefeiert. Doch ihr größter Wunsch ist noch offen. Obwohl es ihr in Oz gefällt und die Menschen alle freundlich zu ihr sind, möchte sie nichts weiter als nach Hause zu gelangen. Glücklicherweise kennt die gute Hexe einen einfachen Trick, Dorothy muss nur die Hacken ihrer roten Schuhe aneinander schlagen, die Augen schließen und sagen "S'ist nirgends schöner als daheim." Wenig später ist das Mädchen wieder zu Hause in Kansas.
Als der "Ende"-Schriftzug über den Bildschirm flimmert, schaltet Pippi das Gerät aus und blickt in die Runde. Wir alle nicken bestätigend, denn nun wissen wir, wo wir hin müssen. Nach Hause, dorthin, wo Pippi, Marie und Tom aufgewachsen sind.

Am nächsten Morgen packen wir unsere Siebensachen zusammen, bringen die DVD und das Abspielgerät zurück zu dem freundlichen Kinofachmann, wünschen ihm eine frohe Weihnacht und starten durch, Richtung Saarland. Die Reise, die uns nun drei Wochen lang kreuz und quer durchs Land geführt hat, neigt sich dem Ende entgegen. Wir alle spüren eine Anziehungskraft, die uns ohne Umschweife ans Ziel bringt. Kein Stau auf der Strecke, keine roten Ampeln, es ist, als hätten wir Rückenwind. Schneller als erwartet erreichen wir Saarbrücken. Es ist noch hell, als wir beim Winterberg-Klinikum ankommen. Es wundert uns nicht, dass Pippi einen freien Parkplatz fast direkt am Haupteingang findet. Rasch klettern wir aus dem Wagen und betreten das Gebäude. An der Info fragen wir nach dem Krankenhausclown, der die kleinen Patienten der Kinderklinik fröhlich macht, und ernten einen gewaltigen Dämpfer.

"Ach, Sie meinen Tom!", ruft die freundliche Dame hinter der Theke. "Der kommt morgen als Weihnachtsmann verkleidet in die Kinderklinik und verteilt Geschenke an die Kinder. Oder zumindest sollte er das. Leider haben wir da ein kleines Problem. Die vier Helfer, die ihn dabei unterstützen sollten, fallen aus. Keins der gespendeten Geschenke ist verpackt, alle liegen noch im Lager am anderen Ende der Stadt. Wir wissen nicht, wie wir die Sachen her bekommen sollen. Es ist uns nicht gelungen, Ersatzpersonal zu beschaffen, denn keiner verzichtet heutzutage freiwillig auf den Heiligen Abend im Kreise der Familie. Tom will es auf jeden Fall alleine versuchen, aber bei der Menge wird es unmöglich sein, alle Kinder zu bescheren. Er ist wirklich ein Guter, der Tom." Sie zuckt resignierend die Achseln. "Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird die Bescherung für die Kinder dieses Jahr ausfallen."
"Wo steckt er denn jetzt?", fragt Pippi und beugt sich dabei geheimnistuerisch über den Tresen.
"Er ist in der Kinderstation und macht als Krankenhausclown seine Späße mit den Kleinen. Ach, er ist ein Guter", wiederholt die Dame und blickt verträumt in die Ferne. Es ist nicht zu übersehen, dass sie für ihn schwärmt, obwohl sie ein etwas älteres Semester ist.
"Okay", reißt Bruni sie aus ihren Gedanken. "Dann wollen wir mal Nägel mit Köpfen machen." Rasch erklärt sie der Dame unseren Plan, der vor lauter Begeisterung die Augen beinahe aus dem Kopf fallen. "Und kein Wort zu Tom", schärft Bruni der Dame ein. "Das ist eine Überraschung, verstanden?"
Eifrig nickt die Frau und zieht einen imaginären Reißverschluss vor ihrem Mund zu.
Kurz darauf führt sie ein paar Telefonate, worauf ein Mann im grauen Kittel erscheint und uns den Schlüssel für das Lagerhaus mit den Geschenken überreicht. Dankend verabschieden wir uns und machen uns sogleich auf den Weg.
Eine lange Nacht steht uns bevor, aber von Müdigkeit keine Spur. Unser Auftrag verleiht uns ungeahnte Kräfte.

Das letzte Türchen füllt wieder Angelika - mit einem kleinen Beitrag meinerseits!



Tür 22:
(Angelika Lauriel)

Heidelberg ist ein Traum! Wir sind das kurze Stück noch gefahren, es ist ja nicht weit. Hier sind wir natürlich auch über den Weihnachstmarkt geschlendert. Marie, die mir zunächst richtig versteinert vorgekommen ist, taute nach und nach auf. Nun weiß ich ja dank Lena, was sie so beschäftigt, aber ich habe mich nicht richtig getraut, sie einfach auf ihre Oma anzusprechen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es das Einzige ist, das sie bedrückt. Sie hat gestern so komisch reagiert, wenn unsere Rede auf meinen Bruder und seine geheimnisvolle Mission kam. Aber mit der Sprache ist sie nicht herausgerückt, sondern hat immer gleich mit hochrotem Kopf das Thema gewechselt. Na ja, ich kenne sie ja schon von früher, und habe ein Gespür dafür, wann es lohnt, weiter zu bohren. Gestern Abend war da nichts zu machen, und auf unserer Fahrt ist sie zwar weiter aufgetaut, aber irgendwie haben wir den richtigen Moment nicht gefunden bei all unseren Überlegungen über das zauberhafte Land und den Zauberer von Oz.

Hier haben wir uns ein kleines Hotel mit Fernseher auf den Zimmern gesucht. Wir übernachten in zwei nebeneinander liegenden Räumen mit Verbindungstür. Da Albert und Bruni das größere Zimmer haben, wollen Marie und ich nachher zu den beiden hinüber gehen, um den Film anzuschauen. Wir alle nutzen inzwischen die Zeit, um ausgiebig zu duschen, uns aufzuwärmen und frisch zu machen. Marie hat mir den Vortritt gelassen, weil meine Dreads so lange zum Trocknen brauchen. Nun steht sie noch unter der Dusche, während ich den Föhn abschalte. Den Rest kann die Luft erledigen. Ich höre, dass Marie ein Lied singt. Ein sehr seltsames Lied ist es, übertönt von dem prasselnden Wasser der Dusche. Ich kenne mich nicht so richtig aus, aber das hier ist ein klassisches Stück. Sie singt seltsam abgehackt, dann klagend, eine traurige Melodie. Die letzten Worte verstehe ich: "Dona eis requiem. Amen." Mich überläuft eine Gänsehaut. In diesem Moment dreht sie das Wasser ab und öffnet die Tür, tastet nach dem Handtuch. Ich halte es ihr hin.

Sie lächelt mich an. "Danke", sagt sie und wickelt sich in dem großen Tuch ein, bevor sie sich das kleinere Handtuch um die Haare schlingt.
Jetzt oder nie! "Sag mal Marie, du wirkst so furchtbar traurig. Ist da noch etwas anderes außer der Sache mit deiner Oma?"
Sie starrt mich an, dann entspannen sich ihre Gesichtszüge. "Hmm, wie kommst du darauf?"
"Ich habe da so ein Gefühl, meine Liebe!" Ich fuchtle scherzhaft mit dem Zeigefinger vor ihrer Nase herum. "Du hast gestern immer gleich die Flucht ergriffen, wenn der Name meines Bruders zur Sprache kam ..."
Ein Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht. "Stimmt schon." Da ist es wieder: ein feuriges Korallenrot, das zu ihren hellblonden Haaren und den blauen Augen gar lieblich leuchtet. Sie rubbelt die Haare mit dem Handtuch ab und kämmt sie dann mit einem grobzinkigen Kamm durch.
"Na, jetzt spann mich doch nicht so auf die Folter!" Das hat sie früher schon gemacht, die Zecke!
Sie lacht auf. "Er hat mir strengstens verboten, sein Incognito zu verraten!"
Mir klappt die Kinnlade runter. "Heißt das ... das heißt ... du hast ihn in letzter Zeit gesehen? Wann? Wo?"
Sie hält inne, kurz nimmt ihr Gesicht wieder einen sehnsüchtigen Ausdruck an.
"Also, ich erzähle dir jetzt eine herzerweichende Geschichte ..." Sie zieht sich rasch die Unterwäsche und ihren molligen Schlafanzug an, indessen beginnt sie ihren Bericht. "Vor drei Tagen ist in unserem Krankenhaus ein Clown aufgetaucht ..."

Bevor sie weiterreden kann, klopft es an der Tür. "Seid ihr soweit?", höre ich Bruni.
"Ähm, warte eine Sekunde, wir kommen", antworte ich. "Erzählst du es drüben weiter?" Mich hat schon bei ihren ersten Worten eine eigenartige Unruhe erfasst. Marie nickt, wir gehen beide in Alberts und Brunis Zimmer. Die beiden haben einen Abendbrottisch mit allerlei Leckerem für uns gedeckt.
"Na, Mädels, stöpselt ihr mal alles zusammen, damit wir den Film endlich anschauen können?", mümmelt Steinchen zwischen zwei Bissen seines unvermeidlichen Leberwurstbrots.
"Moment!" Ich hebe feierlich die Hand. "Marie erzählt uns noch eine Geschichte aus dem Krankenhaus."
Bruni zieht die Brauen hoch und legt ihr gesamtes Gesicht in einem erwartungsvollen Lächeln in Fältchen.

"Das war so: Vor drei Tagen kreuzte in unserem Krankenhaus ein Clown auf. Begleitet von zwei geschäftsmäßigen Typen, die ihm eine Gitarre, eine Ukulele und einen Sack mit Geschenken hinterhertrugen. Die drei zogen schnurstracks in die Kinderklinik und haben dort einen richtig schönen Nachmittag für die kranken Kiddies gestaltet. Wir haben das Lachen bis zu unserer Abteilung gehört." Sie schüttelt lächelnd den Kopf. "Es war richtig witzig. Genial!"

"Wie schön!", sagt Steinchen.
Marie nickt. Wir beide haben uns inzwischen gesetzt, ich esse die mit Peperoni gefüllten Oliven zu meinem Brötchen. "Was hat das mit Tom zu tun?", frage ich schließlich.
"Nun ja, dreimal darfst du raten, wer sich hinter dem Clown verbarg!"
Ich muss lachen. "Tom? ER hat das gemacht? Echt jetzt?"

Der steinalte Stein kichert plötzlich los. "Wenn da mal nicht meine Lena die Finger im Spiel hat!"
"Wieso das?" Ich kann mich nur wundern. Nicht unbedingt, weil Tom für kranke Kinder Musikstücke und Scherze aufgeführt hat - dass er singen kann, weiß ich ja. Und nun ja, ein Talent zum Komiker hat er auch. Aber wie er auf diese Idee gekommen ist ... Und wer waren die Typen, die ihn begleitet haben? Ist das Ganze eine groß angelegte Aktion gewesen? Fragen über Fragen.
"Wie sie das wieder hingebogen hat, weiß ich natürlich auch nicht. Aber es gab da mal eine Zeit ...", Albert lässt den Blick in eine Zimmerecke schweifen und sieht dort ganz offenbar Dinge, die wir nicht wahrnehmen können. Nur Bruni hat offensichtlich eine deutliche Ahnung, wovon er spricht.
Plötzlich ist Steinchen wieder ganz klar, strafft die Schultern und erzählt, dass er selbst früher Arzt war und in einem Klinikum gearbeitet hat, in dem es eine Station für schwerkranke Kinder gab. "Für Kinder, deren Familien die Hoffnung schon beinahe verloren hatten, versteht ihr?"
Brunhilde nickt dazu. "Albert, du hast so vielen von ihnen geholfen." Sie legt ihm kurz die Hand auf den Unterarm.
"Aber Lena ...", sagt er dann, und ein verschmitztes Lächeln lässt sein Gesicht aufstrahlen, "Lena hat ihnen noch viel mehr geholfen."
Er erzählt, dass Lena damals eine der Ersten war, die das Lachen in die Krankenhäuser brachte. Sie verkleidete sich am Anfang selbst als Clown und hatte später eine ganze Truppe an Helfern, die durch Deutschland zogen, um kranke Kinder fröhlich zu machen.
Ich beginne zu begreifen. Auf welche Weise Lena aus der Anderswelt - oder woher auch immer - den Kontakt zu Tom hergestellt hat, ist mir zwar nach wie vor absolut schleierhaft, aber offenbar hat sie ihn dazu gebracht, etwas Tolles anzufangen.

Wir sind alle sehr gerührt von der Geschichte, und Maries Augen strahlen so sehr, als sie berichtet, wie Tom erst ganz am Ende die Maske gelüftet hat. "Wisst ihr, dieser Clown kam mir die ganze Zeit schon so bekannt vor, und seine Stimme ... Ich wusste, da war was. Aber ..." Sie räuspert sich verlegen. "Hmm ... war wohl ganz schön doof von mir, ihm die Sache von damals so lange Jahre nachzutragen. Ich war es, die den Kontakt abgebrochen hatte." Sie läuft wieder puterrot an und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. "Meine Güte, ich fasse nicht, WIE bescheuert ich gewesen bin. So viele vergeudete Jahre!"

Albert wedelt plötzlich mit der DVD herum. "Haben wir nicht etwas vergessen? Es wird spät, und ein alter Mann braucht seinen Schlaf. Wir sollten jetzt endlich Lenas Tipp zu diesem Film hier lüften!"

... und das werde ich morgen übernehmen!

Tür 21:
(Heike Schulz)

Pippi will einfach nicht mit der Sprache herausrücken und uns sagen, was meine Lena ihr im Detail geschrieben hat. Ich kann es ja verstehen, sie hat sie um Stillschweigen gebeten, aber neugierig bin ich schon. Genauso neugierig bin ich, was sie mir in diesem Brief mitteilen will, der seit Tagen in meiner Jackentasche knistert, und den ich erst Heiligabend öffnen soll. Nun gut, es ist ja nicht mehr lange bis dahin, trotzdem frage ich mich langsam, wo wir Tom nun suchen sollen.
Inzwischen sind wir auf dem Weg nach Heidelberg, der nächsten Station der Reise, die Lena und ich damals unternommen haben. Wir wissen nicht genau, wieso, aber dieser Ort ist genauso gut wie jeder andere, wenn man nicht weiß, wo es hin geht.

Marie hat sich glücklicherweise darauf eingelassen, uns zu begleiten. Nun sitzt sie neben mir auf der Rückbank des Mercedes, schaut aus dem Fenster und lässt die Landschaft draußen an sich vorbei gleiten. Etwas scheint ihr auf der Seele zu liegen, ein dunkler Schatten der Trauer, denn ihr Lächeln erreicht ihre Augen nicht.
Auch wir anderen sind nicht gerade in Hochstimmung, denn leider sind wir mit unserer Suche an einem Nullpunkt angelangt. Der Tipp, den Lena uns gegeben hat, sagt uns allen überhaupt nichts. Weder Pippi noch Marie konnten den Zauberer von Oz mit Tom in Verbindung bringen.

"Lasst uns nochmal überlegen, was die wichtigsten Elemente des Films sind", rollt Marie unsere Überlegungen nochmal von vorne auf. "Da ist zuerst einmal Dorothy. Kennt Tom jemanden, der so oder so ähnlich heißt?"
Pippi schüttelt den Kopf. "Keine Doris, Dorothee oder sonst wie. Das wüsste ich", antwortet sie sofort und setzt den Blinker. Draußen wird es langsam dunkel und wir müssen eine Unterkunft für die Nacht finden.
"Vielleicht ist es der kleine Hund. Toto!", ruft Bruni aufgeregt. "Hattet ihr früher einen Hund?"
"Nope!", antwortet Pippi wie aus der Pistole geschossen. "Wir hatten mal einen Hamster. Weißt du noch, Marie?"
Marie kichert. "Oh ja! Mister Murphy! Immer, wenn ich bei euch übernachtet habe, hat er die ganze Nacht Radau gemacht in seinem Käfig. Wir haben kein Auge zu bekommen und dann heimlich Videos geguckt, weil wir sowieso nicht schlafen konnten."
Endlich sehe ich das Mädchen mal vergnügt lächeln. Wurde auch Zeit.
"Also können wir den Hund abhaken", stelle ich fest. "Was gibt es noch in dem Film? Die gelbe Backsteinstraße, Löwe, Vogelscheuche und Zinnmann? Die böse Hexe des Westens? Die gute Hexe? Der Wirbelsturm?"
Auf jede meiner Überlegungen schütteln Pippi und Marie den Kopf. Resigniert sinke ich in meinem Sitz zurück. Ratlose Stille breitet sich im Wagen aus, bis Bruni neben mir ganz leise zu singen beginnt.
"Somewhere over the Rainbow ..."
Wie von selbst summe ich mit: "... Way up high ..."
Worauf sich Pippi anschließt: "... There's a land that I heard of ..."
Und schließlich auch noch Marie: "... Once in a lullaby ..."
Den Rest singen wir dann gemeinsam: "... Somewhere over the rainbow, skies are blue,
and the dreams that you dare to dream really do come true ..."
Dann verlässt uns die Textsicherheit und wir lassen die Melodie summend verklingen.

"Wir sollten uns eine Unterkunft mit Fernseher suchen", erklärt Bruni bestimmt, als sich das ratlose Schweigen wieder im Wagen ausbreitet.
"Wie kannst du in dieser Situation ans Fernsehen denken?", frage ich und beuge mich zu meiner Schwägerin vor. "Als ob wir nichts Besseres zu tun hätten als fernsehen."
Sie dreht sich mit einem nachsichtigen Lächeln zu mir um. "Ach, Steinchen, mein Guter. Bist heute ein bisschen langsam, wie? Ich denke, wir sollten uns eine Pension mit Fernseher suchen, damit wir uns dort in aller Ruhe diesen Film ansehen können. Darin ist ein Hinweis versteckt, das ist sonnenklar."
"Aber dazu brauchen wir nicht nur einen Fernseher, sondern auch die DVD dazu und einen Player", gibt Marie zu bedenken. "Wo sollen wir das hernehmen?"
"Vielleicht von hier?", fragt Pippi und deutet auf die Straße. Inzwischen fahren wir durch ein weihnachtlich geschmücktes Ludwigshafen. Überall haben die Menschen Lichterketten in die Bäume gehängt und die Fassaden der Läden mit funkelnder Weihnachtsdekoration geschmückt. Bei all dem Glanz fällt die Leuchtreklame der Videothek rechts vor uns kaum auf.

Es ist einer von diesen Läden, die im Zeitalter von Internet und Satellitenfernsehen kaum noch Profit abwerfen. Die Luft riecht nach kaltem Zigarettenrauch, als wir den Ausstellungsraum betreten. Links und rechts reihen sich die leeren Filmhüllen in Regalen aneinander, und unter jeder Kassette hängt an einem kleinen Haken ein gelbes Schildchen mit einer Nummer. Die Titel der Filme kenne ich nicht, bei den meisten geht es um Monster und Verbrecher, und da nirgendwo ein gelbes Schildchen fehlt, scheinen sie auch nicht besonders gefragt zu sein.
"N'abend, was kann ich für Sie tun?", begrüßt uns der dickliche Mann hinter dem Tresen. Sein Gesicht sieht gelangweilt aus und die Augen hinter seiner Nickelbrille schauen nur kurz von der zerknitterten Ausgabe der BILD zu uns auf.

"Wir würden gerne einen Film ausleihen", erklärt Pippi. "Einen Klassiker."
"Und den Player gleich dazu", ergänzt Bruni fröhlich.
"Ach? Einen Klassiker?" Der Mann hebt neugierig die Augenbrauen.
"Ja, und zwar den Zauberer von Oz ... oder das zauberhafte Land", erkläre ich. "Haben Sie den?"
Der Mann richtet sich auf und schenkt uns seine volle Aufmerksamkeit. Die Langeweile in seinem Blick ist wie weggewischt und hat einer neugierigen Begeisterung Platz gemacht.
"Ach, nee!", ruft er aus. "Endlich kommt mal jemand zu mir herein, der sich auskennt. Judy Garland! Wusstet ihr, dass sie die Rolle zuerst gar nicht bekommen sollte, sondern Shirley Temple? Es gab dann aber einen ziemlichen Hick Hack zwischen den Filmstudios, und schließlich bekam Garland die Rolle der Dorothy. Sie ist übrigens die Mutter von Liza Minelli." Voller Begeisterung sprudelt er sein Wissen über die Geschichte Hollywoods hervor und winkt uns in ein Nebenzimmer.
Hier stehen dicht an dicht Filmhüllen mit Werken, die ich noch aus meiner Jugendzeit kenne. Manche mögens heiß mit der Monroe, Denn sie wissen nicht, was sie tun mit James Dean und noch vieles mehr. Meine Augen gehen über bei all den Schätzen, die sich hier verbergen. Ach, was werden da für Erinnerungen wach! Wie oft war ich mit Lena, Otto und Bruni im Autokino. Wie viele dieser Klassiker habe ich im Fond des alten Mercedes gesehen!

"Oh, sie haben ja sogar alles von Bette Davis!", rufe ich verzückt, als ich meine Lieblingsschauspielerin auf einem der Titel entdecke.
"Ja, sogar Was geschah wirklich mit Baby Jane? Ein Meisterwerk!", stimmt der Mann in meine Freude ein.
Im nächsten Augenblick bin ich mit ihm in ein angeregtes Gespräch über die schönsten Filme meiner Jugend vertieft.
"Der Zauberer von Oz, da ist er ja!", ruft er schließlich und zieht eine DVD-Hülle aus dem Regal. "Digital aufbereitet und im besten Technicolor."
Mit einer feierlichen Geste überreicht er uns den Film, den Bruni dankend entgegen nimmt.
"Da wäre nur noch eine klitzekleine Kleinigkeit", druckst sie herum. "Wir haben leider kein Abspielgerät."
"Wenn's weiter nichts ist! Das kann ich Ihnen gegen ein kleines Pfand überlassen. Ich freue mich immer, wenn hier jemand herein schneit, der sich mit Filmen auskennt." Eifrig kramt er einen kleinen schwarzen Kasten hervor und drückt ihn mir in die Hand.
Auf die Frage, was wir ihm schuldig sind, winkt er ab und wünscht uns eine frohe Weihnacht, als wir kurz darauf sehr zufrieden und voller Tatendrang den Laden verlassen.

Hält der Film für die Freunde einen Tipp breit? Angelika verrät es morgen.



Tür 20:
(Angelika Lauriel)

Dezember 2013

Liebes, sommersprossiges Pippilein!

Ich bin gerührt und stolz und begeistert zugleich. Ach, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich mich darüber freue, dass Ihr Euch gefunden habt. Tatsächlich, soeben muss ich ein Tränchen von meiner Wange wischen. Und zugleich noch immer gegen das Kichern ankämpfen, das mir Brunis unverschämte Lügengeschichte beschert hat.

So habt Ihr Euch also nach so langen Jahren wiedergefunden, Du und Deine ehemalige Busenfreundin Marie. Ich habe schon seit Monaten mit wachsender Sorge miterleben müssen, wie sehr Marie sich in ihre Trauer hinein steigerte. Sie hat vor einem halben Jahr ihre Großmutter verloren, deren Tod unerwartet kam. Das junge Ding wird mit dem Verlust nicht fertig. Erstaunlich, aber trotz ihres Berufs, der sie tagtäglich mit Schmerz und oft auch Tod konfrontiert, war sie einfach nicht darauf vorbereitet, einen nahestehenden Menschen zu verlieren. Nun rutscht sie tiefer und tiefer in diese düstere Stimmung hinein, und die dunkle Jahreszeit trägt ihres noch dazu bei. Dabei ist sie ein so lebensbejahender Mensch gewesen. Daher auch meine Idee, dass Tom ihr wieder da heraushelfen könnte.

Sicherlich fragst Du Dich, woher ich Tom und Marie kenne und wie ich auf den Gedanken verfallen konnte, dass beide einander etwas bedeuten und er ihr beistehen kann. Nun, im Detail kann ich Dich darüber natürlich nicht aufklären, aber eines sei Dir gesagt: Ich habe Einblick in viele Dinge, die den Lebenden verborgen bleiben. Hmm, ich will niemanden überfordern und auch nicht mit irgendwelchen esoterischen Theorien aufwarten, aber ich bin mir ohne jeden Zweifel sicher, dass eine Begegnung zwischen Tom und Marie mehr als nur ein gebrochenes Herz heilen wird. Mehr will ich dazu nicht sagen. Und bei alledem wollen wir natürlich nicht den Spaßfaktor vergessen, oder? :-) Sieh mal an, ich habe etwas von Euch jungem Volk gelernt. Das ist ein Smilie, nicht wahr?

Ich werde dafür sorgen, dass Ihr beim Verlassen des Krankenhauses meinen Brief bekommt, und Dich, meine liebe Pippi, bitte ich dringend, meine Zeilen den beiden alten Leutchen nicht vorzulesen. Sag den anderen nur so viel, dass ich schon weiß, was ich tue. Ihr müsst Marie irgendwie dazu bringen, dass sie morgen mit Euch weiterreist. Bestimmt kann sie mit einer Kollegin tauschen. Sie ist sehr beliebt, und manch eine schuldet ihr noch einen Gefallen. Und dann wird es langsam Zeit, dass Ihr Tom findet. Denkt gut darüber nach, wo der junge Mann sich möglicherweise aufhalten könnte. Er weiß vielleicht selbst noch nicht, was sein Ziel ist, und was er in diesen Tagen macht, ist gut für ihn und gut für viele Menschen. Es ist wohl das erste Mal seit langer Zeit, dass er das Warten auf Weihnachten mit solch sinnvollen Aufgaben verbringt.

Schade, schade, dass ich abermals nicht mehr verraten darf. Ich beobachte gerade, wie Du und Marie Euch verabredet, heute Abend nochmals in die Stadt zu gehen und irgendwo zusammen zu essen. Das ist ein guter Plan! Nun muss ich mich jedoch sputen, um diesen Brief an der Information am Eingang zu hinterlegen.

Grüße mir mein allerliebstes Steinchen und meine verrückte Schwester. Ihr seid dem Ziel schon so nahe, es ist wie ein wunderbarer Traum, nicht wahr?

Einen Tipp wage ich zuletzt doch noch: Kennst du "Das zauberhafte Land"? Ich habe diesen Film vor langen Jahren mit unseren Söhnen zusammen im Fernsehen angeschaut, und erst nach vielen Irrwegen ist Dorothy damals wieder zurück gelangt ...

Herzlichste Grüße von der alten
Lena

Was verrät der Film? Morgen verrate ich es!


Tür 19:
(Heike Schulz)

Wir beschließen, den kurzen Weg zu Fuß zurückzulegen. Dabei durchqueren wir die Porta Nigra und stehen kurz darauf vor der gelb weißen Fassade des Elisabeth-Krankenhauses.
"Spürst du etwas?", frage ich Pippi, die bedauernd den Kopf schüttelt.
"Ich schlage vor, wir gehen erst einmal hinein", übernimmt Bruni die Führung und geht auf die gläserne Eingangstür zu, die sich kurz vor ihrer Nase lautlos aufschiebt.

Pippi und ich folgen ihr, ich mit einem etwas mulmigem Gefühl. Wenn man so alt ist wie ich, hat man ein zwiespältiges Verhältnis zu Krankenhäusern. Je älter man wird, desto öfter sieht man sie von innen. Eigentlich sollte man sich ja an dieses unangenehme Gefühl gewöhnt haben, das mit jedem Besuch einher geht, und eigentlich wollen einem die Menschen hier drinnen ja nur helfen. Aber bei mir ist es so, dass ich mich inzwischen bei jedem Besuch frage, wann ich wieder an der Reihe bin, und wenn ich es bin, frage ich mich, wann - und vor allem ob - ich wieder nach Hause komme.  

"Alles in Ordnung mit dir?", fragt Pippi, die mein Zögern bemerkt hat.
Ich nicke und beeile mich, zu Bruni aufzuschließen. Die studiert inzwischen die große Hinweistafel in der Lobby.
"Wenn ich mich nicht irre, müsste Marie damals in der Chriurgie gelegen haben", erklärt sie.
"Also dann los." Ich steuere die Fahrstühle an und drücke auf den Knopf. Kurz darauf schiebt sich die Stahltür des Aufzugs auf und eine Krankenschwester tritt heraus, außerdem ein Pfleger, der einen älteren Mann mit Gipsbein im Rollstuhl vor sich her schiebt und eine junge Frau mit einem kleinen Kind an der Hand. Nachdem sich der Aufzug geleert hat, steigen wir ein und Bruni drückt auf den Knopf mit dem Hinweisschildchen "Chirurgie". Leise summend setzt sich die Kabine in Bewegung und hält Sekunden später mit einem munteren "Bling" in der richtigen Etage an. Die Türen öffnen sich und wir steigen aus.

Ratlos stehen wir in einem Licht durchfluteten Flur, dessen hell gestrichenen Wände mit geschmackvollen Kunstdrucken dekoriert sind. Es riecht zwar wie in jedem Krankenhaus nach Putzmitteln und Medizin, aber hier hat man sich anscheinend große Mühe gegeben, damit sich die Besucher wohlfühlen.
"Kommt dir irgendetwas bekannt vor?", fragt Bruni hoffnungsvoll, doch Pippi zuckt mit den Schultern.
Unschlüssig stehen wir da, bis sich eins der Krankenzimmer öffnet und eine junge Frau in Schwesterntracht heraustritt. Ihr Blick fällt auf uns, und schon kommt sie auf uns zu.

"Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie vielleicht jemanden?", fragt sie freundlich, und während ich noch über eine Ausrede nachdenke, ergreift Bruni das Wort.
"Ja! Wie lieb, dass Sie fragen", antwortet sie resolut und deutet zuerst auf Pippi und dann auf mich. "Das hier ist meine Enkeltochter Jacqueline, und dieser freundliche Herr hier ist mein Mann Albert."
Pippi und ich wechseln hinter Brunis Rücken einen irritierten Blick und versuchen, uns unsere Überraschung nicht anmerken zu lassen.
"Mein Name ist Brunhilde Lügenich, und ich bin heute hier, um mir mal Ihre Abteilung anzusehen. Ich soll nämlich demnächst operiert werden. Tennisarm, Sie verstehen." Bruni reibt mit schmerzverzerrtem Grinsen ihren linken Arm. Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht laut loszuprusten.
"Und da wurde mir Ihr Haus sehr empfohlen", setzt Bruni ihre Räuberpistole fort. "Aber bevor ich mich Ihren Händen anvertraue, möchte ich zuerst wissen, wie Sie hier so drauf sind. Können Sie uns vielleicht ein bisschen herumführen?"
Die junge Krankenschwester schaut uns wie vom Donner gerührt an, doch gegen Brunis treuherzigen, wässrig blauen Augenaufschlag hat sie keine Chance. Resignierend bläst sie die Luft aus und nickt.
"Aber gerne. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?" Während sie uns voran geht, reckt Bruni beide Daumen in Pippis und meine Richtung und zwinkert fröhlich. Dieses Teufelsweib. Brunhilde Lügenich, Tennisarm, darauf muss man erst mal kommen.
"Hier sehen Sie die Stationstheke, sie ist immer besetzt, wenn Sie etwas brauchen. Daneben ist das Schwesternzimmer", erklärt die junge Frau geduldig. "Wir haben hier Ein- und Zweibettzimmer. Sind Sie Privat- oder Kassenpatientin?"
"Privat!", antwortet Bruni wie aus der Pistole geschossen. "Aber legen Sie mich ruhig auf ein Zweibettzimmer. Ich habe gerne Gesellschaft."
"Zwei nebeneinander liegende Zimmer teilen sich immer ein Bad. Bis auf das Zimmer gleich neben dem Schwesternzimmer, das hat ein eigenes Bad. Wenn Sie möchten, kann ich versuchen, das für Sie freizuhalten", bietet die Krankenschwester an. "Wann würden Sie denn zu uns kommen?"
"Irgendwann im Februar", antwortet Bruni ohne rot zu werden.

Das junge Mädel gefällt mir richtig gut. Obwohl sie sicher sehr viel zu tun hat, nimmt sie sich die Zeit, uns alles ausführlich zu erklären und uns herum zu führen. Man spürt, dass sie ihren Job mit Leib und Seele macht, obwohl jeder weiß, dass die tapferen Leute in Pflegeberufen beschämend schlecht bezahlt werden. Beinahe vergesse ich den Grund unseres Besuchs, und erst nachdem sie uns wieder zum Ausgangspunkt unseres Rundgangs zurück führt, fällt er mir wieder ein.  
"Fällt dir irgendetwas auf?", raune ich Pippi zu, während die junge Frau Bruni über das Essensangebot aufklärt.
"Nicht der geringste Hinweis auf Marie", seufzt Pippi, worauf sich die junge Krankenschwester zu uns umdreht.
"Wie bitte?", fragt sie und schaut Pippi aufmerksam an.
"Nichts weiter", antwortet Pippi. "Wir haben uns nur gerade über jemanden unterhalten."
"Ach so." Die Krankenschwester nickt. "Mir war nur so, als hätten Sie eben meinen Namen gesagt."
"Ihren Namen?", frage ich und nehme das Mädel genauer in Augenschein. "Wie heißen Sie denn?"
"Marie."
"Marie?", fragt Pippi zögernd. "Marie Schlossmacher?"
"Ja, aber woher ...?" Die blauen Augen der jungen Frau weiten sich. "Jacky? Bist du das?"
Im nächsten Moment liegen sich die beiden jungen Frauen zugleich lachend und weinend in den Armen, ohne sich um die belustigten Blicke der Patienten und Besucher rings herum zu kümmern.

Kann Marie den Freunden helfen? Morgen verrät Angelika, wie es weitergeht.




Tür 18:
(Angelika Lauriel)

Trier ... daran habe ich natürlich auch noch so meine Erinnerungen. In unserer Kindheit sind wir oft nach Trier gefahren, mit dem Kirchenchor, in dem meine Eltern gesungen haben, mit der Schule natürlich, und dann immer im Advent!
"Okay ...", sage ich zögernd, weil mir natürlich gleich ein Detail einfällt, das vor allem mich betreffen wird, "um diese Zeit ist Trier meistens ziemlich voll. Da ist nämlich Weihnachtsmarkt in der Fußgängerzone."
Bruni lacht. "Das macht doch nichts. Weihnachtsmarkt ist momentan in jeder Stadt. Und in der Fußgängerzone kannst du eh nicht parken." Sie zwinkert mir zu und schiebt sich den Löffel mit Ei in den Mund. Sie hat also meine Bedenken auf Anhieb verstanden.
"Trier hat haufenweise Parkhäuser, da findest du auch mit dem Schiff einen ausreichend großen Unterschlupf." Steinchen nickt mir aufmunternd zu. "Wenn ich nicht schon meinen Führerschein abgegeben hätte, würde ich ja anbieten, auch mal ein Stück zu fahren."
Ich pruste los. "Albert, das ist furchtbar lieb von dir, aber ganz ehrlich, das halten meine Nerven nicht aus. Ich kriege das schon hin."

Zweieinhalb Stunden später fahre ich mit klopfendem Herzen in das Parkhaus im Zentrum der Stadt ein, und tatsächlich - als hätte jemand nur auf unseren großen, alten Mercedes gewartet, fährt just in dem Moment, in dem ich an einer frei zugänglichen, großzügigen Parklücke vorbei komme, ein riesiger SUV heraus und macht mir den Platz frei. Ich kann kerzengerade vorwärts einparken und werde nachher auch genauso leicht wieder ausparken können. Manchmal läuft es eben einfach.

"Hmm, das war vielleicht lecker!", schwärmt Bruni eine weitere Stunde später und leckt sich die Lippen ab. Den Pappteller und die Serviette klappt sie zusammen und wirft beides in den riesigen Abfallsack an der Weihnachtsmarktbude, an der wir uns mit herrlichem, frisch zubereitetem Langosch gestärkt haben. Um uns herum wird es nach und nach voller, weil immer mehr Menschen auf den Markt streben. Auch heute scheint wieder die Sonne und taucht die wunderschönen Häuser, die den Markt säumen, in märchenhaftes Licht. Wir sind gemütlich zwischen den Buden geschlendert und haben uns einen Glühwein genehmigt. Aber warum wir nun hierher gekommen sind, haben wir noch nicht wirklich herausgefunden. Der Markt birgt keinen weiteren Hinweis.

"Was nun?", fragt der steinalte Stein ein wenig ratlos. Wir haben ihm eine Norwegermütze gekauft, die er dankbar über seine Glatze gezogen hat. Ein bisschen erinnert er mich an Knecht Ruprecht damit. Ich zucke die Schultern.
"Wenn du es nicht weißt ...?"
"Lebender bei den Toten, Lebender bei den Toten ...", murmelt Brunhilde vor sich hin. Sie pustet sich in die Hände und zieht ihre Handschuhe wieder über. Dann legt sie den Kopf schief. "Sagt mal, heißt es nicht, dass hier in Trier der Heilige Rock ruht?"
"Stimmt!" Ich erinnere mich noch, dass meine Eltern vor etlichen Jahren hierher gepilgert sind, um das Gewand zu sehen, das Jesus angeblich bei der Kreuzigung getragen hat. Sie waren tief beeindruckt. Weniger von dem Gewand als von den unzählbaren Pilgerscharen. Ich drehe mich zu der Gasse um, die zum Dom führt. "Da hinten", sage ich, "im Dom!"
"Gehen wir doch mal hin", meint Steinchen, "den Dom hatte ich sowieso auf dem Plan. Genauso wie die Porta Nigra, das Schloss und das Amphitheater."

Wir schlendern durch das Gässchen zum Dom, und sofort fällt mir der riesige zerbrochene Stein auf, der links neben dem Haupteingang liegt. Der Domstein! Ein paar Kinder klettern darauf herum, ihre Eltern schießen Fotos von ihnen. Ich eile auf den Brocken zu, der ein bisschen an eine unvollendete Säule erinnert, und erzähle meinen beiden Altchen, die mir auf dem Fuße folgen: "Ihr kennt bestimmt die Sage, die sich um diesen Stein rankt, oder? Der Teufel hat den Stein nach dem Dom geworfen und ihn nur knapp verfehlt."
Bruni kichert. "Ja, ja, die Sage kenne ich. Aber was hat er mit uns zu tun? Und mit Marie?"

Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Marie war damals natürlich mit auf dem Ausflug, der uns hierher geführt hatte. Und genau wie diese Kinder, sind wir auch auf dem riesigen Monolith herumgekrabbelt. Leider ist uns damals ein kleines Missgeschick passiert. Marie rutschte aus und fiel nach hinten, sie stieß sich dabei so fest den Kopf an, dass sie kurzzeitig weggetreten war. Das war vielleicht eine Aufregung! Wir fuhren damals zum Krankenhaus, weil die Lehrerin und die Mutter, die zur Begleitung mitgekommen war, kein Risiko eingehen wollten. Der Arzt diagnostizierte dann ganz schnell eine Gehirnerschütterung und sagte mit ernster Miene, dass Marie am besten ein paar Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben müsse.

Marie hatte solche Angst, dass sie zu weinen begann. Natürlich hat die Lehrerin sofort ihre Eltern angerufen und gefragt, ob sie kommen könnten, aber Marie weigerte sich strikt, alleine in Trier im Krankenhaus zu bleiben. Damals waren wir beste Freundinnen, und ich war natürlich sofort bereit, ihr Gesellschaft zu leisten.

Ich berichte meinen beiden Begleitern von dem damaligen Vorfall. "Elisabeth-Krankenhaus", sage ich dann. "Wir waren im Elisabeth-Krankenhaus."
"Hmm ..." Albert reibt sich die Nase. "Sollen wir dahin gehen? Was meint ihr?"
"Klar", stimmt Bruni zu, "was sonst?"

Also machen wir uns auf den Weg zum Elisabeth-Krankenhaus. Auch wenn ich wirklich null Peilung habe, ob wir dort einen weiteren Hinweis finden sollen. Was sollte ein Trierer Krankenhaus mit Toms Mission oder mit Marie zu tun haben? Das alles wird immer ominöser.

Wie es weiter geht, verrate ich morgen.


Tür 17:
(Heike Schulz)

Meine Lena! Schmunzelnd streiche ich mir über die Glatze, wie sie selbst es gestern erst getan hat. Ich wusste doch, dass da was war. Mit einem Mal hatte ich ihre Anwesenheit gespürt, ganz nah, und dann dieses vertraute Kribbeln auf meiner Kopfhaut.

Was für ein Glück, dass ich das alles hier erleben darf, zusammen mit Bruni und der lieben Pippi. Es hat ein bisschen gedauert, bis mir klar war, dass sie das kleine Mädchen ist, dass meine Lena damals vor diesen Raufbolden gerettet hat. Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen, dass Lena und ich diesen Ort zum Übernachten ausgesucht hatten auf unserer letzten großen Deutschlandreise. Was sind wir früher viel verreist! Damals ahnten wir bereits, dass wir bald nicht mehr die Kraft für unser liebstes Hobby haben würden, darum haben wir jede Station unserer Tour mit Bedacht gewählt. Wir wollten nicht in verstaubten Pensionen oder Hotels übernachten, wo man nur auf andere alte Leute trifft, die über ihre Wehwehchen reden und von ihren verpassten Träumen. Nein, wir wollten dort hin, wo junges Leben pulsiert. In eine Jugendherberge, genau hierhin, und hier ist Lena einst der kleinen Pippi begegnet.

Ich weiß noch, wie fröhlich sie war, als sie in unser Zimmer zurück kam und mir von der rothaarigen, verheulten Kleinen mit den zerschrammten Knien erzählt hatte, die sie in der Mädchentoilette gefunden hat. So eine entzückende kleine Enkelin, sagte sie, hätte sie auch gerne gehabt. Leider war uns das nicht vergönnt, wir haben nur drei Enkelsöhne. Stramme, wohlgeratene Jungs, keine Frage, aber so ein kleines Mädchen wäre schön gewesen. Ich glaube, Lena hat sich auf den ersten Blick in Pippi verliebt und es ist erstaunlich, dass wir nun alle gemeinsam hier sind.
Obwohl, wenn ich genauer drüber nachdenke, ist es gar nicht so erstaunlich. Lena hatte schon immer ihren eigenen Kopf, und ich bin sicher, dass sie es war, die uns alle zusammengeführt hat.

Und nun stehen wir mit einer weiteren Botschaft von ihr da, und wir sind etwas ratlos, was sie uns damit sagen will. "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Inzwischen haben wir längst begriffen, dass Lena noch immer unter uns ist, so lebendig, als würde uns nur ein dünner Schleier voneinander trennen. Es spielt keine Rolle, dass ihr Körper nicht mehr existiert, ihre Seele lebt weiter und begleitet uns auf Schritt und Tritt. Was will sie uns also damit sagen?

"Das Zitat stammt von Lukas und handelt von der Auferstehung Christi. So weit, so klar", überlege ich laut und schmiere mir eine dicke Scheibe Leberwurst aufs Brot.
Pippi beobachtet mich lachend und deutet auf mein Frühstück. "Von der kannst du nicht genug bekommen, oder, Albert? Echte, herzhafte Leberwurst!"
"Genauso mag ich es!", antworte ich, bevor ich hinein beiße.
Bruni nickt. "Genau wie mein seliger Otto. Für den gehörte kräftiges Brot und gute Leberwurst einfach dazu."
"Und wachsweich gekochte Eier", ergänze ich, nachdem ich meinen Bissen hinunter geschluckt habe. Dann lange ich nach meinem Frühstücksei und halte mitten in der Bewegung inne.
"Ist was?" Pippi schaut mich besorgt an.
Langsam greife ich das Ei und wiege es in der hohlen Hand. "Eier", murmele ich vor mich hin.
Bruni, die sich soeben ein Glas Orangensaft zu Gemüte führt, verschluckt sich. "Eier!", prustet sie los und wischt sich den Mund mit dem Handrücken ab. Ihre Augen sprühen vor Begeisterung, anscheinend ist bei ihr der Groschen gefallen. Eifrig nickt sie, und ihre grauen Zuckerwattelocken wippen im Takt. "Da ist es. Eier! Ostereier!"
Pippi schaut uns entgeistert an, dann weiten sich ihre Augen. "Ja, genau! Auferstehung Christi, Eier! Ostern! Es geht um Ostern!"
Von den Nebentischen wenden sich uns einige Gäste zu. Ein junger Mann in Motorradkleidung schmunzelt uns an, ein paar Backfische kichern, aber uns stört das nicht. Wir sind der Lösung wieder ein Stück näher gerückt.

"Okay, also Ostern. Fällt einem von euch etwas dazu ein?" Verschwörerisch beugt Pippi sich zu uns herüber und schaut uns erwartungsvoll an.
Bruni zuckt mit den Schultern, und auch ich möchte schon den Kopf schütteln, da fällt mir etwas ein.
"Als du meiner Lena damals hier begegnet bist", wende ich mich an Pippi, "waren wir auf einer langen Reise quer durchs Land. Kurz vor Ostern haben wir hier übernachtet. Danach sind wir weiter gefahren."
"Ja, genau, ich erinnere mich!", ruft Pippi. Jetzt lachen die Backfische am Nebentisch und stecken tuschelnd die Köpfe zusammen. "Damals war es kurz vor den Osterferien, als wir auf Klassenfahrt hier waren."
"Und weißt du noch, wo ihr am Ostersonntag gewesen seid?", fragt Bruni mit hochgezogenen Augenbrauen.
Ich nicke und reibe mir zufrieden die Hände. Dort wollte ich schon längst mal wieder hin, aber leider hat es sich bis jetzt nicht ergeben.
"In Trier!", verkünde ich und beiße in mein Leberwurstbrot.

Und morgen führt Angelika unsere Freunde nach Trier.


Tür 16:
(Angelika Lauriel)

Koblenz im Dezember 2013

Liebe Lena,

du bist wirklich gerissen! Was habe ich gelacht, als ich deinen Brief las, und ich erinnere mich ganz genau, wie Steinchen, kurz bevor wir den Brief mit der Rechnung erhalten haben, zuammenzuckte und verzückt lächelte. Das muss gewesen sein, als du ihm über die Glatze gestreichelt hast. Wie auch immer, du weißt, dass wir deinen Hinweis endlich gefunden haben.

Natürlich sind wir gleich wieder von der Karthause hinunter in die Stadt gedüst. Weil ich Koblenz ein bisschen kenne, habe ich mich aber nicht so richtig getraut, den Ahrensberg hinaufzufahren, sondern habe meine beiden Altchen gleich überzeugt, das Auto unten zu parken und einfach mit der Seilbahn die Festung zu erobern. Ich weiß schon, das ist ein bisschen kindisch, aber ich liebe es, so durch die Luft zu schweben. Wir also so über den Rhein rüber, ich drücke meine Nase am Fenster der Gondel platt, und dann kann ich nochmal ganz deutlich die Rosen sehen, die an der Mauer leuchtend rot blühen. Traumhaft, sage ich dir. Dazu dieses klare Wintersonnenlicht. Heute ist es wenigstens nicht so früh dunkel geworden. Als wir oben auf der Festung ankamen, habe ich nicht schlecht gestaunt. Das ist ja ein Wahnsinn, was sie aus der gesamten Anlage gemacht haben. Wir mussten allerdings Eintritt zahlen, bevor wir auf das Gelände von Ehrenbreitstein durften. Erst, als wir von oben auf das Deutsche Eck hinunterschauten, ist mir die Jugendherberge wieder eingefallen. Aber eins nach dem anderen. Der Blick auf Koblenz hinunter und auf das Reiterstandbild war ganz besonders grandios. Die Sonne ging schon unter, es war aber noch hell. Du verstehst schon. Der Himmel in ein unwirkliches Rosa getaucht, die Schatten in der Stadt sehr lang, aber das Licht auf besondere Weise strahlend. Ich habe mich kurz gefühlt wie im Märchen. Dazu hörte ich Kinder lachen und lärmen, und sofort war mir klar, wo wir heute übernachten würden. In der Jugendherberge natürlich!

Steinchen lächelte, als ich ihm den Vorschlag machte, und auch Bruni nickte selig. "Was für eine wunderbare Idee", schwärmte sie. "Ich wollte immer schon mal in so altem Gemäuer übernachten."

Ich bat bei der Anmeldung um ein ganz bestimmtes Zimmer. Natürlich wusste ich nicht, ob es dieses Zimmer noch in der gleichen Art gab wie damals, aber andererseits - warum nicht? Wir hatten Glück und landeten genau dort, wo ich vor vielen Jahren mit meinen Schulfreundinnen geschlafen habe, als wir hierher unsere Klassenfahrt machten. Seitdem ist die Herberge ständig renoviert und verschönert worden, aber die Zimmer sind ja doch dieselben geblieben. Wir wohnen in einem Schlafraum mit sechs Betten, jeder von uns schläft in einem der unteren. Durch die meterdicke Fensternische sehen wir auf den Rhein hinunter - und was das Unglaublichste an alledem ist: Eine der Rosen am Mauerwerk ist bis vor diese Nische hinauf gewachsen. Ich öffne also das Fenster, beuge mich vor und taste vorsichtig mit den Fingern die Blüte ab. Sie ist hauchzart und samtig. Ein Wunderwerk der Natur. Und dann kommt die Erinnerung.

"Tschakkeliene pienst mal wieder - Tschakkeliene pienst mal wieder - Tschakkeliene pienst mal wieder". Ich renne durch die düsteren, langen Flure der Jugendherberge auf der Suche nach unserem Zimmer, die Jungs aus unserer Klasse verfolgen mich. Sie haben mich draußen auf dem Festungsgelände so lange hin und her geschubst, bis ich auf den groben Sand gefallen bin und mir das Gesicht und die Knie aufgeschrammt habe. Wo ist denn bloß die verdammte Tür? Und wo sind meine Freundinnen? Wie von Sinnen und ohne genau zu sehen, wohin ich laufe, reiße ich schließlich eine Tür auf und stürze hinein. Das Mädchenklo. Ich husche in eine der Kabinen, sperre ab und steige auf die Toilette, damit man meine Füße von draußen nicht sehen kann. Die Jungs stürmen herein. Eine Minute hört man gar nichts.

Dann die Stimme einer Frau: "Was sucht ihr hier? Das ist der Abort für Mädchen."
"Äh, äh ...", stottert Jens, das Obergroßmaul.
"Bitte?", sagt die Frau. "Ich warte ..."
"Kommt, wir hauen ab", murmelt Jason.
"Vielleicht nicht die schlechteste Wahl", stimmt die Frau zu, und ich höre, wie die Tür sich mit einem Quietschen wieder öffnet und die Jungs hinaus tapsen.
"Sie sind weg, du kannst herauskommen", höre ich dann die Frau mit einem Lachen in der Stimme sagen.

Die Erinnerung ist so lebendig, dass es mich überläuft. Es wurde damals noch ein wunderschöner Aufenthalt. Ich schaudere kurz unter der Gänsehaut zusammen, schiebe mich wieder nach drinnen und schließe das Fenster. Langsam, ganz langsam drehe ich mich zu meinen beiden Freunden um. Brunhilde betrachtet mich freundlich lächelnd, ganz Interesse. Sie hat die Kappe heruntergenommen und das Jäckchen ihres Kostüms ausgezogen. Soeben steigt sie aus den Moonboots heraus.
Und Steinchen?
Du kannst es dir schon denken, oder? Er grinst mich an wie ein Honigkuchenpferd. Aber das kann irgendwie alles gar nicht sein. Oder doch? Wie lange bist du schon tot? Und wie alt war die Frau damals? Ich hatte sie nicht schätzen können, aber ich war ja auch noch ein Grundschulkind.

"Sag mal ..." keuche ich, und mir wird ganz warm, "bist du mit Lena schon einmal hier gewesen?"
"Ha!", stößt Albert aus. "Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wann du wohl darauf kommen würdest."
Ich tippe ihm mit dem Zeigefinger an die Brust. "Hey, du hast doch selbst nicht an die Festung gedacht, sonst hätten wir uns die Umwege auf die Karthause auch sparen können."
Steinchen gluckst und zieht mich in seine Arme. "Stimmt genau! Je nun, bin auch nicht mehr der Jüngste!"
"Wovon redet ihr?" Bruni hat sich warme Wollsocken über die Strumpfhose gezogen und schaut uns beide an. Wir lachen gleichzeitig los.
"Meinst du, sie hat uns noch einen Brief hinterlassen?", frage ich Albert.
"Oder einen anderen Hinweis. Ganz sicher", nickt er und geht zielstrebig zu dem Schrank, der im Zimmer steht. Das Teil hat schon bessere Tage gesehen, soviel ist klar.
Steinchen öffnet die Tür und tastet den gesamten Schrank ab, doch dann dreht er sich enttäuscht zu uns um. "Fehlanzeige", sagt er.

Da kommt Leben in Bruni. "Eine Botschaft von Lena, meint ihr?" Sie kramt in ihrer Tasche und zieht einen großen, breiten Schraubendreher hervor. "Da weiß ich wohl besser Bescheid als ihr beiden." Sie kichert und beginnt, an der Schranktür herumzuwerkeln. Mit erstaunlich geschickten Bewegungen löst sie das mittlere Topfband aus dem Türblatt heraus. Du weißt schon, dieses runde Teil, an dem das Scharnier befestigt ist. Und was soll ich dir sagen: Genau da finden wir einen kleinen, zerknüllten Zettel mit ein paar gekritzelten Worten. Der Zettel sieht aus, als wäre er schon einige Jahre da versteckt gewesen, aber deine Schrift ist klar zu erkennen. Du hast ein Bibelzitat darauf geschrieben. Und ganz im Ernst, jetzt verstehe ich bald gar nichts mehr. Aber gut, morgen ist ein neuer Tag und bestimmt werden wir drei herausfinden, was du uns sagen wolltest.

Ich frage mich, wann du diesen Zettel geschrieben hast. Damals schon? Seit dem Tag und unserem Gespräch jedenfalls habe ich es endlich geschafft, mich den Jungs in unserer Klasse zu stellen, und schon sehr bald danach habe ich mich mit allen super verstanden. Keiner hat mich mehr wegen meines Namens aufgezogen, wir wurden wirklich eine richtig tolle Klasse. Danke dafür, Lena! Du hast mir damals sehr geholfen. Aber nun werde ich mir wohl noch die ganze Nacht den Kopf zerbrechen, was du mit diesem Zitat wohl meinst.

"Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?"

Echt mal, das ist ziemlich harter Tobak, oder?

Trotz allem ganz, ganz liebe Grüße, du Liebe!
Deine Jaqueline!

Was soll dieser Hinweis bedeuten? Vielleicht verrate ich morgen die Antwort.


Tür 15:
(Heike Schulz)

Was für ein herrlich sonniger Tag! Der Wind bläst zwar eisig um meine Nase und ich muss meine Pudelmütze, die ich mir in Koblenz gekauft habe, tief in die Stirn ziehen, aber ich bin glücklich wie seit langem nicht mehr. Kaum zu glauben, dass ich noch vor ein paar Tagen in der Abendsonne vor mich hin gegrübelt habe, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass außerhalb der Seniorenresidenz noch ein anderes Leben stattfindet. Eins, in dem noch Abenteuer auf einen alten Knochen wie mich warten.

Nachdem uns die Kellnerin die Rechnung gebracht hatte, und mit ihr einen weiteren Brief von Lena, sind wir sofort in den Wagen gestiegen und zurück zur Karthause gefahren.
"Genießt die Aussicht", stand in dem Brief, mehr nicht, aber wir wussten gleich, was zu tun war.
Als wir nämlich bei unserem ersten Besuch oben auf dem Berg waren und erfolglos nach einem Hinweis gesucht hatten, war mir eins dieser münzbetriebenen Fernrohre aufgefallen. Ich wusste gar nicht, dass es diese Dinger noch gibt. Man warf zu meiner Zeit zwanzig Pfennig in den Schlitz und konnte dann für eine Minute die Aussicht durch das Fernrohr betrachten. Ein Riesenspaß damals, aber heute hat ja jeder ein Smartphone, und anstatt die Aussicht mit eigenen Augen anzuschauen, wird heute alles fotografiert und in diesem Fehsbuck oder wie das heißt, eingestellt. Anscheinend ist es inzwischen viel wichtiger, alle Welt an den eigenen Erlebnissen teilhaben zu lassen, als die Erlebnisse zu genießen.
Wie auch immer, ich war sehr erstaunt, doch noch eins dieser Münzfernrohre dort oben zu entdecken und es juckte mich in den Fingern, es auszuprobieren. 

Das kann ich ja jetzt nachholen, denn genau an diesem Fernrohr stehen wir jetzt. Es ist auf den gegenüberliegenden Berg mit der Festung Ehrenbreitstein ausgerichtet, und zwischen unserem Standort und der Festung breitet sich Koblenz aus. Eine herrliche Sicht hat man heute, der Tag ist glasklar und die Stadt funkelt wie unter einer Zuckerdecke in der Sonne.
"Hat mal einer zwanzig Pfennig?", frage ich in die Runde, worauf Pippi sich ein Glucksen verkneifen muss.
"Du bist genau wie mein Großonkel, der rechnet auch noch alles in Mark und Pfennig um", kichert sie. "Außerdem glaube ich nicht, dass dieses Ding noch mit Zehn-Pfennig-Stücken funktioniert."
"Stimmt", pflichtet Brunhilde ihr bei. "Wenn man es genau nimmt, funktioniert dieser Dinosaurier nämlich gar nicht mehr. Schaut."  Sie deutet auf den Münzautomaten, dessen Einwurfschlitz zugeschweißt ist. Darunter ist ein rostiges Schild mit der Aufschrift "Außer Betrieb" angeschraubt.
 
"Schade." Ich hatte mich schon auf den Blick durch den Apparat gefreut und auf das kribbelige Gefühl, das früher damit einher ging. Zu meiner Zeit waren zwanzig Pfennig für eine Minute gucken viel Geld, darum habe ich immer versucht, so viel wie möglich zu betrachten. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich durch das Okular, während das Ticken der Zeitschaltuhr mich zur Eile antrieb.
"Und jetzt?" Pippi dreht sich suchend im Kreis. "Sind wir denn noch immer auf der falschen Fährte?"
"Kommt, lasst uns von hier verschwinden", murmele ich enttäuscht und schlage den Weg zum Auto ein. Vielleicht meint Lena doch etwas ganz anderes. Wir sollten in aller Ruhe nochmal unsere Hinweise zusammen tragen und sie gründlich ansehen, aber zuerst müssen wir eine Unterkunft suchen.
Nach kurzem Zögern folgen mir die beiden Mädels, und während Pippi sich hinters Steuer klemmt, steigen Bruni und ich in den Fond.
Pippi dreht den Zündschlüssel, doch als der Motor anspringt, stößt sie ein erstauntes "Oh!" aus.
"Was ist, hast du etwas entdeckt?", frage ich aufgeregt, doch Pippi macht den Wagen aus und dreht sich kopfschüttelnd zu uns um.
"Nee, es ist nur die Öllampe angegangen. So ein Mist, und jetzt?"
Ich ziehe mir die Mütze vom Kopf und raufe mir meine nicht vorhandenen Haare. Bruni indes scheint die Ruhe selbst zu sein.
"Kein Problem, das passiert öfter bei dem Wagen. Auf langen Strecken verliert er ab und zu ein bisschen Öl. Aber Christian hat für diese Fälle immer eine Flasche Ersatzöl im Kofferraum. Pippi, Liebes, sei so gut und ziehe mal an diesem Hebel da, dann entriegelt sich die Motorhaube."

Flink klettert Bruni wieder aus dem Auto und geht nach hinten. Der Kofferraumdeckel erscheint im Heckfenster, und nur wenig später Brunis zerzauster Lockenkopf im Seitenfenster.
"Also, eine Ölflasche liegt da zwar, aber ich habe noch etwas anders gefunden. Seht her!" Triumphierend hebt sie die Hand und hält uns eine kleine, schwarze Ledertasche hin. Sie ist mit einer silbernen Schnalle verschlossen und baumelt an einem langen Riemen.
"Was ist das denn?", fragt Pippi, aber ich habe das Ding gleich erkannt. Auch wenn ich es zuletzt an Ottos Nacken hängend gesehen habe, und zwar im Sommer vierundsiebzig. Damals war es sein ganzer Stolz und es gab keinen Ausflug, bei dem er es nicht mitgeschleppt hatte.
"Ottos altes Fernglas!", rufe ich und steige aus dem Wagen. "Das schickt uns der Himmel!"
"Wohl eher meine Schwester", entgegnet Bruni und zwinkert mir vergnügt zu.

Wir laufen zurück zum Aussichtspunkt und heben das Fernglas aus seiner Hülle.
"Vorsichtig", mahnt Bruni, als ich mir den Riemen um den Nacken lege und das Glas an die Augen hebe.
Ich muss ein bisschen hin und her schrauben, bis ich die Schärfe richtig eingestellt habe, aber dann sehe ich die Burg gegenüber deutlich und so nah vor mir, als stünde ich direkt davor.
"Was siehst du?", drängelt Pippi, und ich lasse den Blick schweifen.
"Nichts besonderes", will ich schon antworten, dann sehe ich es. Die Burgmauer ist von Efeu überwuchert, das jetzt im Winter ziemlich braun und kraftlos herunter hängt. An einer Stelle jedoch wächst etwas anderes, etwas, das es um diese Jahreszeit gar nicht geben dürfte.
"Da, schaut selbst!", antworte ich und reiche das Fernglas an Pippi weiter. Sie sieht hindurch, haucht "Wow!" und gewährt Bruni einen Blick. Auch sie ist beeindruckt vom Anblick der Rosenbüsche, die dem Winter zum Trotz dort leuchtend rot blühen.
"Ich denke, das ist unsere nächste Station", stellt Bruni fest und marschiert resolut zum Auto.
Kurz darauf startet Pippi den Wagen, natürlich ohne das die Öllampe aufleuchtet.

Was wollen uns die blühenden Rosen zeigen? Vielleicht verrät Angelika es morgen.

Tür 14:
(Angelika Lauriel)

Dezember 2013

Liebes sommersprossiges Pippilein!

Es wird immer schwieriger, Dir meine Briefe zukommen zu lassen, aber nun ja, wie mein Steinchen immer so schön sagte, immerhin habe ich Feuer im Blut - genau wie meine verrückte Schwester - und da muss es schon viel schlimmer kommen, bevor die alte Lena nicht mehr weiter weiß.

Zunächst möchte ich Dir ein Lob aussprechen. Ich finde es grandios, wie Du Schwager und Schwägerin ganz selbstverständlich auf dem Boden der Tatsachen verankerst und trotzdem auf ihre Verrücktheiten einsteigst. Durch die Sache mit dem Keilriemen hast du noch etwas hinzugelernt, stimmt es? Und wie ich weiß, hast Du Dich an das uralte Schiff der deutschen Automobilkunst mittlerweile auch schon gewöhnt. Ich kann mir vorstellen, dass es eine große Umstellung war, von den hochmodernen, elektronisch aufgerüsteten Autos auf diesen alten, schwerfälligen Bock umzusteigen (huch, habe ich Brunis und Ottos Augenstern tatsächlich so gennannt? Wie konnte ich nur ...). Aber ich glaube, Du genießt es inzwischen, mit diesem außergewöhnlichen Gefährt über die Autobahn zu reisen. Rasen wäre da ja das falsche Wort, nicht wahr?

Ich glaube, Du hast meinen Neffenkel Christian ganz schön überrascht, als Du mit den beiden Alten an der Garage aufgekreuzt bist. Jemanden wie Dich kannte er vorher nicht. Mit Deinem Look hast Du ihn ein bisschen eingeschüchtert, aber Deine lachenden Augen haben ihn davon überzeugt, was für ein liebes Mädchen Du bist. Ich glaube, er hat sein Herz verloren ... Findest Du ihn zu jung?

Aber nun, das geht mich wirklich nichts an. Er hat Euch nur schweren Herzens fahren lassen, vor allem, nachdem Ihr ihm sagtet, dass Ihr ins Saarland wollt. Wieso ausgerechnet dorthin? Ich hätte beinahe laut gelacht, als ich sein Gesicht sah. Wie das möglich ist? Nun, das werde ich Dir natürlich nicht auf die Nase binden. Ich habe meine Mittel und Wege. Durch diese geheimen Mittel und Wege weiß ich auch sehr genau, wo der liebe Tom sich gerade aufhält und was Marie im Moment tut. Aber leider leider darf ich Dir davon nichts erzählen. Ihr alle müsst Euren Weg selbst finden. Den einen oder anderen kleinen Fingerzeig - mehr darf ich nicht preisgeben.

Du fragst Dich bestimmt, wie Bruni bei all dem überhaupt ins Spiel kommt? Nun ja, sie ist meine Schwester, und obwohl sie ganz anders aussieht als ich, waren wir unser Leben lang ein Herz und eine Seele. Und wir hatten ein paar gemeinsame Leidenschaften, die wir hemmungslos pflegten. Die eine - das kannst Du Dir vielleicht sogar schon denken - war Singen. Wir haben beide immer in einem Chor gesungen, und an allen Familienfesten haben wir sogar Solo gesungen. Bruni Sopran, ich Alt. Und ob es dem Rest der krumm-buckligen Verwandtschaft gefallen hat oder nicht, das war uns reichlich egal. Schöne Zeiten waren das. Nun ja, eine weitere Leidenschaft war das Lesen. Natürlich das Lesen, was sonst? Bücher sind etwas Wunderbares, oder nicht??? Besonders diejenigen aus Papier, stimmst Du mir da zu? Und dann hatten wir noch ein heimliches Hobby, von dem unser Umfeld nichts wusste ... oder vielleicht doch? Wenn ich an die Briefe unserer Freunde und Freundinnen denke, nachdem sie glücklich in den Hafen der Ehe eingefahren waren, wussten sie es möglicherweise doch ... Wir hatten Vergnügen daran, Liebesbeziehungen zu stiften. Böse Zungen würden uns die Kuppelschwestern nennen. Dabei ist es immer gut gegangen. Niemals ist jemand durch unsere Schuld unglücklich geworden.

Hmm, habe ich jetzt schon wieder zu viel verraten? Besser, ich schweige, und welche Mission Tom zu erfüllen hat, und was Maries Rolle dabei ist, lasse ich mal offen. Es war zumindest schon eine gute Idee, über Koblenz zu fahren. Natürlich ist das nicht gerade eine lange Strecke für einen Tag, aber es ist wirklich eine gute Wahl gewesen, auf der Karthause nach Spuren zu suchen. Ein kleines bisschen muss ich Euch allerdings auch rügen. Ihr hattet den Hinweis direkt vor der Nase und seid daran vorbeigelaufen. Kein Wunder, dass Ihr nun in dem Café in der Altstadt sitzt und Euch die Köpfe heiß redet. Aber gut, wozu gibt es meine Briefe an Dich? Ich sehe Euch drei da hinten sitzen.

"Aber ich weiß es doch selbst nicht! Tom hat nur zwei Semester dort oben an der FH studiert. Vielleicht war es sowieso eine Furzidee von mir, hierher zu fahren. Ich weiß nicht genau, warum wir nicht gleich weiter gefahren sind ...", höre ich Dich ausrufen. Bruni und Steinchen sitzen dir gegenüber und verdrücken riesige Sandwiches. Kauend schweigen sie Dich an. Aber immerhin runzelt keiner von beiden die Stirn. Wie gerne würde ich einfach zu Euch kommen und mit Euch reden. Aber das geht natürlich nicht. Ich werde mich also damit begnügen, an Eurem Tisch vorbeizuhuschen, meinem Liebsten dabei einmal über die Billardkugel streicheln, und diesen Brief lege ich der Kellnerin auf das Tablett, wenn sie Euch die Rechnung bringt.

Ich wage es, Dir noch einen kleinen Tipp zu geben, liebstes Pippilein. Um an der Karthause die richtige Stelle zu finden, gäbe es da noch einen Hinweis. Im alten Mercedes. Im Kofferraum. Mehr darf ich nicht verraten, aber schließlich seid Ihr drei wirklich helle Köpfchen. Ich bin mir sicher, dass Ihr ihn erkennt, wenn Ihr ihn seht.

Nun muss ich den Brief rasch beenden, denn mein Steinchen hat gerade die letzten Krümel seines Sandwichs verspeist, und ich bin mir sicher, dass er zum Aufbruch drängt, bevor es wieder dunkel wird da draußen.

Sei mir gewiss, dass ich Euch alle innigst liebe und grüße mir die anderen.
Eure Lena - so fern und doch so nah!

Finden die drei den Hinweis? Morgen verrate ich es.


Tür 13:
(Heike Schulz)

Brunhildes aufgeregte Stimme reißt mich aus dem Schlaf.
"Ach, du meine Güte!", ruft sie und rennt, das Handy ans Ohr geklemmt, im Zimmer auf und ab. Dabei rauft sie sich die Haare, bis sie aussieht wie ein explodiertes Schaf.
Pippi und ich wechseln irritierte Blicke, aber als ich eine kurze Zwischenfrage wage, schneidet Brunhilde mir mit einer unwirschen Handbewegung das Wort ab. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mir meinen eigenen Reim auf den Teil des Telefonats zu machen, der von ihr kommt. Und der ist nicht sehr aufschlussreich.

"Aha ... aha ...okay. Aha ..." Sie bleibt stehen und schnappt nach Luft. "Aha. Na, da machst du nichts dran. Man steckt ja nicht drin. Danke, Christian. Grüß deine Eltern."
Sie schiebt das Smartphone in eine Hello-Kitty-Plüschhülle und stemmt die Hände in die Hüften. So bleibt sie regungslos stehen und starrt grübelnd vor sich hin. Meine Ungeduld ist bis zur Sollbruchstelle strapaziert, und so stelle ich die Frage aller Fragen.
"Und?"
Brunhilde zuckt zusammen, als hätte ich sie gedanklich von wer-weiß-wo hergeholt.
"Leute, wir haben ein Problem", rückt sie endlich mit der Sprache raus, ehe sie nach der Weinflasche greift, sie schwungvoll an die Lippen setzt und sich den letzten verbliebenen Schluck in den Hals kippt. Mit dem Handrücken wischt sie sich über die Lippen, bevor sie weiter redet. "Das war Christian, mein Enkel. Er wollte vorhin das Auto startklar machen, aber der Wagen wollte nicht laufen. Irgendetwas ist kaputt, der Keilriemen oder so. Ich kenne mich mit sowas nicht aus. Und weil die Karre schon so alt ist, bekommt man dafür kaum noch Ersatzteile. Er hat den neuen Keilriemen bei einem Spezialhändler bestellt, aber das Ding wird erst übermorgen geliefert."

"Oh, nein!" Pippi schießt kerzengerade von der Couch in die Höhe. "Was sollen wir jetzt machen? Wie kommen wir ohne den Wagen zu Marie? Wir haben nicht so viel Zeit, wir ..."
"Pippi, behalte mal die Nerven!", unterbreche ich sie. Ich versuche, mir das Grinsen zu verkneifen, denn jetzt kommt meine große Stunde. "Wenn's weiter nichts ist." Ich wende mich an meine Schwägerin. "Brunhilde! Zieh dich aus!"

Brunhilde guckt, als hätte ich nicht mehr alle Latten am Zaun. "Albert, ich muss doch sehr bitten!", kreischt sie und droht mir mit dem Finger. "Ich bin ein anständiges Mädchen. So leicht bin ich nicht zu haben!"
Ich versuche, möglichst streng zu gucken, dabei kann ich mich innerlich kaum noch halten vor Lachen. "Brunhilde, jetzt sei mal nicht so zimperlich, für sowas haben wir jetzt keine Zeit. Und tu mal nicht so, als hättest du das nicht schon öfter gemacht. Das hat mir dein Mann erzählt, und der muss es ja wissen."
"WAS?" Brunis Stimme erreicht eine Höhenlage, die gerade mal noch von Fledermäusen gehört werden kann. "Was hat Otto denn jetzt damit zu tun?"
Mein Zeigefinger schnellt vor und zielt genau auf Bruni. "Er hat mir oft genug davon berichtet, wie ihr mit dem Mercedes liegen geblieben seid, weil der Keilriemen gerissen war. Und er hat mir ganz genau erzählt, was ihr dann gemacht habt. Na, willst du es etwa leugnen?"
Eine zarte Röte überzieht Brunis runzelige Wangen, als sie sich endlich erinnert. Schmunzelnd senkt sie den Blick. "Ach, das meinst du. Nun ja, ich war jung und verliebt und immerhin frisch verheiratet. Was war schon dabei?"

"Leute, ich verstehe kein Wort!", wirft Pippi dazwischen, die unserer Unterhaltung mit wachsender Neugier und ebenso wachsender Verwirrung gefolgt ist.
"Kannst du auch nicht, Kindchen", räumt Bruni ein. "Ihr jungen Leute heute seid da anders. Viel freier. Aber zu meiner Zeit ..." Sie lächelt selig bei der Erinnerung an damals. Ja, die Brunhilde, die war wie ihre Schwester. Beide hatten ordentlich Feuer im Blut.
"Also, was ist jetzt?", rufe ich und strecke die Hand aus.
Bruni verzieht den Mund. "Na gut", lenkt sie endlich ein. "Aber du musst mir dafür nicht gleich die Kleider vom Leib reißen. Die gut sortierte Frau von heute hat immer ein Ersatzpaar parat."
Sie beugt sich über ihre riesige Handtasche und beginnt zu kramen. Nach einer angebrochenen Tüte Gummibärchen, einem Stadtplan von Braunschweig, einem Akkuschraubenzieher, einer Tube Brandsalbe, zwei Kondomen aus dem Jahr 1972 und einer Tüte Vogelfutter fördert sie endlich eine Nylonstrumpfhose zutage. "Es ist eine Stützstrumpfhose, Größe M", sagt sie und schlägt die Augen nieder.
Ich nicke und teste das Ding gleich mal auf seine Elastizität. "Prima, die ist perfekt."
"Perfekt wozu?", fragt Pippi, die zwischen Bruni und mir hin und her guckt.
"Perfekt, um das Auto zu reparieren. Du würdest dich wundern, was man damit so alles machen kann. Man kann damit sogar eine Isetta abschleppen oder eben auch einen Keilriemen ersetzen, wenn man sie zusammen knotet."
"Und du kannst sowas?", fragt Pippi ungläubig.
"Und ob er das kann!", lacht Bruni. "Das konnten damals alle jungen Männer. Und unter uns gesagt", sie beugt sich im Flüsterton zu Pippi, "damals hat so mancher Bursche eine Autopanne vorgetäuscht, um uns Mädels an die Wäsche gehen zu dürfen."

Bekommen sie den Wagen wieder flott? Angelika verrät es morgen.


Tür 12:
(Angelika Lauriel)

Tatsächlich hatte ich Mama versprochen, dass sie ihr Auto morgen gegen acht Uhr vollgetankt wieder vor der Tür stehen hat. Ich kann ihre Geduld auch nicht überstrapazieren. Meine Güte, ich bin so was von durch den Wind. Bruni und der steinalte Stein schauen mich die ganze Zeit an, bis ich endlich merke, dass sie noch etwas gesagt haben. Mir ist das wohl entgangen - vielleicht, weil ich gedanklich abgedriftet bin. Und nicht nur gedanklich. So typisch! Ich fühle mich nämlich gerade wieder wie die kleine Jaqueline, die an Toms Hand über die Wendeltreppe marschiert. Wir singen gemeinsam dieses schöne Lied, dessen Bedeutung damals ja vollkommen unwichtig war. Was haben wir beide diese kleine Brücke geliebt, die sich wie eine Schlange auf beiden Seiten der Gleise jeweils einmal gewunden hat. Und oben haben wir uns oft hingesetzt und die Beine unter dem Geländer hinunter baumeln lassen. Heute gibt es die Wendeltreppe nicht mehr. Die ist vor einigen Jahren abgerissen worden - das hat mir meine damalige Busenfreundin Marie geschrieben.

"Marie!", rufe ich aus, worauf Bruni und Albert verstört zusammenzucken.
"Marie? Was hat das jetzt mit meinem alten Mercedes zu tun?" Bruni zieht sich die Wollmütze vom Kopf. Ein wahrer Wischmopp aus grauen Kringellöckchen kommt zum Vorschein. Ich frage mich ernsthaft, wie sie den unter der Mütze verstaut gekriegt hat.
"Äh wie jetzt ...", sage ich. Marie? Mercedes?
"Ich habe dir doch gerade angeboten, dass wir meinen alten Wagen nehmen könnten. Der steht zwar seit fünf Jahren unbenutzt in der Garage, weil ich mit dem Riesenschiff und meinen kurzen Beinen - die nicht mehr ganz so schnell reagieren, wie ich es gerne hätte - lieber nicht mehr auf die Menschheit los wollte. Aber er ist gut in Schuss. Dafür sorgt nämlich mein Enkel Christian. Der macht bald den Führerschein und liebt Oldtimer, weißt du?" Sie zwinkert mir zu.
"Ach so ... okay. Den Mercedes könnten wir nehmen?"
Bruni nickt ernsthaft, wobei ihre Löckchen wippen. "Ja klar. Wozu ist die Karre sonst da?"
Albert klatscht in die Hände. "Was haben wir in dem Wagen schon schöne Ausflüge gemacht, nicht, Bruni?" Sein Blick wird schwärmerisch. "Du mit deinem Otto, ich mit meiner Lena. Schöne Zeiten haben wir erlebt."
"Ähm, darf ich mal fragen, wie alt der Wagen ist?" Mir wird nun doch ein bisschen mulmig.
"Nun ja ... fünfzig Jährchen hat er schon auf dem Buckel. Aber er schnurrt immer noch so zuverlässig wie eine Katze."

Der steinalte Stein hat sich in der Zwischenzeit an meinem Rucksack zu schaffen gemacht und den Proviant hervorgezogen, und nachdem er die Brötchen, die Dauerwurst, die Gürkchen und den Käse auf dem kleinen Tisch aufgebaut hat, merke ich auch, dass ich richtig Kohldampf habe.
"Oh prima, es ist angerichtet." Bruni angelt nach ihrer überdimensionalen Handtasche, öffnet sie und zieht eine Flasche Rotwein und eine Hausmacher Leberwurst hervor. "Ich habe sowas schon geahnt." Sie zwinkert. "Und da wir heute nicht mehr weiterfahren können", geschickt entkorkt sie den Wein mit Hilfe eines Universalflaschenöffners, der an ihrem Schlüsselbund befestigt ist, "ist es eindeutig die richtige Wahl, jetzt erst mal gut zu speisen und zu trinken. Uno a uno non fa male a nessuno", hängt sie an, nachdem sie die beiden Gläser der Minibar und einen Zahnputzbecher gefüllt hat. Sie lacht auf. "Stimmt ja, Steinchen, du kannst kein Italienisch ..."
Er grunzt. "Den Satz kenne ich aber, den hast du früher immer gesagt, wenn du die Süßigkeiten unter unseren Kindern aufgeteilt hast."
"Genau! Für jeden ein bisschen, dann hat auch keiner Bauchweh hinterher." Bruni stößt mit uns an, nimmt einen Schluck und lacht. "Frei übersetzt." Dann wickelt sie die Wurst aus ihrem Papier und schneidet sie in mehrere Stücke.

Wir essen gemütlich, werden lustig und müde dabei, und gerade schlage ich vor, dass ich mich dann wohl auf der kleinen Couch ausstrecken werde, um zu schlafen, da kommt Bruni auf die Frage zurück, die wir irgendwie ganz vergessen hatten.
"Was ist denn nun mit dieser ominösen Marie?"
Ich werde fast rührselig, weil ich Marie sofort wieder vor Augen habe, wie sie damals war. Klein, mit blonden langen Locken, blitzblauen Augen und immer in Latzhosen. Seit wir damals aus dem Saarland weggezogen sind, habe ich sie nicht mehr gesehen! Aber wir haben uns immer noch geschrieben, zuerst Briefe, dann Mails. Marie ist allerdings nicht so ein digital native wie ich. In den diversen Foren hat sie sich nie angemeldet, und ein Handy besitzt sie zwar, aber sie kriegt es nicht mal hin, damit eine SMS zu schreiben. Langer Rede kurzer Sinn: Ich weiß nicht mal, ob ich sie auf Anhieb wiedererkennen würde, aber ganz sicher hat Marie etwas mit der ganzen Sache zu tun. Tom hat sie damals geliebt, mit aller Ernsthaftigkeit, auch wenn sie beide noch Kleinkinder waren. Er hat es nie verwunden, dass sie danach mit ihm keinen Kontakt mehr hielt. Sie hat mich ihrerseits immer gezwungen, vor Tom unsere weiter bestehende Freundschaft geheimzuhalten. Was zwischen den beiden vorgefallen ist, weiß ich nicht.

Das alles erzähle ich Albert und Bruni, die es sich in der Zwischenzeit auf den beiden Betten gemütlich gemacht haben und mir gebannt zuhören. Dann schüttle ich den Kopf. "Irre, oder? Ich meine, dass ich nur durch diese Mundorgel und das Liedchen auf all diese Erinnerungen gestoßen bin. Glaubt ihr auch, dass es etwas mit Marie zu tun haben muss?"
Der steinalte Stein linst zu Bruni rüber, sie linst zu ihm, dann nicken beide gleichzeitig. "Auf jeden Fall! Sonst hätte Lena uns nicht das Liederbuch geschickt und du hättest es nicht ausgerechnet auf der Seite aufgeschlagen."

Wir wundern uns noch eine Weile, ich erzähle noch ein bisschen aus meiner Kindheit, und wie Tom, Marie und ich jeden Tag miteinander gespielt haben. Albert erzählt von Lena und seinen beiden Kindern - inzwischen selbst Eltern fast erwachsener Kinder - und Bruni gibt einige witzige Anekdoten aus ihrem Leben mit Otto zum besten. Nach und nach werden wir müde und schlafen dann endlich ein. Ich stelle den Wecker meines Phones auf sieben Uhr, damit ich Mams Auto rechtzeitig zurückgeben kann.

"Smoke on the water!", röhrt es plötzlich. Ich falle von der kleinen Couch und reiße die Augen auf, muss mich zuerst mal sortieren. "A fire in the sky-y"
Wo bin ich? Was ist passiert?
Eine kleine pudellockige Dame wirft ihre Bettdecke zur Seite und grabscht nach dem Handy auf dem Nachtkästchen neben ihrem Bett. "Christian?", ruft sie. "Was ist passiert?"

Gute Frage! Morgen verrate ich es. Vielleicht.

Tür 11:
(Heike Schulz)

Etwas rüttelt mich heftig an der Schulter. Widerwillig wälze ich mich auf die andere Seite. Ich möchte viel lieber hier bleiben und mich weiter von meiner Lena auf der Picknickdecke mit Erdbeeren füttern lassen. Die Sonne wärmt meine blanke Brust, und vielleicht gehen wir beide nachher eine Runde im kühlen See schwimmen.
Wieder spüre ich dieses penetrante Rütteln, und meine muskelbepackte Brust verwandelt sich in eine blasse, knochige, von grauem Gestrüpp überzogene Ruine, die unter meiner Pyjamajacke asthmatisch vor sich hin rasselt. Auch das junge, sonnengebräunte Gesicht meiner Lena verändert sich. Es bekommt Runzeln, der Blick der Augen wird wässrig und auf den Wangenknochen bilden sich Altersflecken.
Aber ansonsten sieht es ihr eigentlich relativ ähnlich.

"Bruni?", frage ich verdutzt und richte mich auf.
Die Doppelgängerin meiner Lena lächelt, wobei ihr Gesicht in tausend Runzeln zerspringt. "Auf den ersten Blick erkannt, was?" Sie schubst mich zur Seite und setzt sich neben mich aufs Bett.
"Wer ist Bruni?", fragt Pippi und lässt sich auf das andere Bett fallen. "Ich dachte, du heißt Hilde?"
"Das tu ich auch", lacht Bruni. "Wenn man es genau nimmt, heiße ich Brunhilde. Meine Freunde sagen Hilde zu mir, meine Familie", sie rempelt den Ellbogen in meine Rippen, "nennt mich Bruni. So, wie mein alter Schwager hier."
"Ach ja!" Ich klatsche mir mit der Hand gegen die Stirn. "Deshalb konnte ich mit dem Namen Hilde nichts anfangen. Darf ich vorstellen? Die kleine Schwester meiner Frau, Brunhilde", mache ich die beiden miteinander bekannt. "Und das hier ist ..."
"Pippi, ja, wir kennen uns bereits", fällt Brunhilde mir ins Wort. "Ich habe schon viel von dir gehört, meine Liebe." Brunhilde lässt munter die pinken Moonboots baumeln und wippt auf der Matratze auf und ab. Eine bemerkenswerte Federung, das muss ich schon sagen.
"Ach, und von wem hast du schon von mir gehört?", fragt Pippi.
Brunhilde verdreht die Augen. "Na, von Lena natürlich", antwortet sie, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt. Dann kramt sie einen reichlich zerknitterten Briefumschlag aus ihrer Rocktasche und reicht ihn mir. "Der ist übrigens für dich. Von Lena. Kannst du später lesen, jetzt haben wir erst einmal zu tun." Vergnügt reibt sie sich die Hände, während ich die geschwungene Handschrift auf dem Umschlag betrachte. Für Albert, steht darauf. Bitte erst Heiligabend öffnen.
"Und dir soll ich das hier geben", wendet sie sich nun an Pippi und drückt ihr einen Gegenstand in die Hand. Es ist ein kleines rotes Büchlein. "Sobald dir eingefallen ist, was Toms größtes Talent ist."

"Eine Mundorgel!", rufe ich erstaunt, worauf Pippi mich fragend anblickt.
"Eine was?"
"Eine Mundorgel! Ein kleines, altes Liederbuch", erkläre ich. "Ich habe schon ewig keins mehr in der Hand gehalten. Ihr jungen Leute kennt diese Büchlein gar nicht mehr, aber zu meiner Zeit hatte jeder eine Mundorgel in der Jackentasche. Keine Wanderung, kein Lagerfeuer ohne sie. Darf ich mal?"
Ich strecke meine Hand aus und Pippi legt das rote Büchlein hinein. Vorsichtig lasse ich die Seiten am Daumen vorbei sausen, bis sie an einer Stelle stecken bleiben. Nanu? Ich klappe das Buch auf und habe den Text und die Noten von "Sur le Pont d'Avignon" vor mir. Leise singe ich die Zeilen vor mich hin. Bei "L'on y danse, l'on y danse" stimmt Brunhilde mit ein, und zusammen singen wir das Lied zu Ende.

"Was hat das zu bedeuten?", frage ich, doch auf Pippis Gesicht leuchtet ein breites Grinsen auf.
"Das kenne ich! Tom hat es mir immer vorgesungen, als ich noch klein war. Wenn wir von der Grundschule zusammen nach Hause gegangen sind, mussten wir eine Brücke überqueren, und immer, wenn wir mitten auf dieser Brücke waren, fing Tom an, dieses Lied zu singen. Er hat mich bei den Händen genommen und mich im Kreis herum gewirbelt, das war sehr lustig. Zuerst dachte ich, er singt einfach irgendwas, bis ich begriff, dass es Französisch war und eine Brücke in dem Lied vorkam, auf der getanzt wurde."

Brunhilde klatscht begeistert in die Hände. "Bravo! Das ist eine hübsche Geschichte! Aber wie hilft uns das weiter?"
"Ganz einfach. Wir müssen zu dieser Brücke. Ich gehe jede Wette ein, dass wir dort unseren nächsten Hinweis finden." Ich will schon die Beine aus dem Bett schwingen, da bemerke ich Pippis zerknirschtes Gesicht. "Was ist denn los, Pippi? Freust du dich denn nicht?", will ich wissen.
Sie schiebt die Unterlippe vor. "Doch schon", druckst sie herum. "Das Problem ist nur, dass wir damals noch woanders gewohnt haben, bevor wir hier nach Bedburg gezogen sind. Als Tom und ich noch Schulkinder waren, haben wir im Saarland gelebt. Wie sollen wir da nur hin kommen? Ich kann mir ja nicht schon wieder Mams Auto borgen. Wie soll sie sonst zur Arbeit kommen?"

Gute Frage! Vielleicht weiß Angelika morgen mehr.



Tür 10:
(Angelika Lauriel)

Also, eines kann er wirklich, auch wenn es bei all den besch... euerten Casting-Shows noch nicht rausgekommen ist. Singen! Er hat es nicht von der Pieke auf gelernt, aber er hat diese Stimme. Und er singt aus dem Herzen heraus. Der Dieter hat ihm das nach dem Casting gesagt. Er holte ihn zur Seite und sagte: "Hör ma, vergiss den Mist, den ich vor den Kameras geblubbert habe. Von wegen meine Katze singt beim Scheißen schöner als du. Das stimmt nicht. Du bist noch nicht weit genug, das ist alles. Aber du hast was, das die wenigsten mitbringen, die hier antanzen. Du singst mit dem Herzen." Tom hat mir das hinterher erzählt und den Kopf geschüttelt, dann grinste er mich so an, wie nur mein Bruder es kann. "Glaubst du das? Ich meine, ER, der große Dieter, sagt mir sowas? Ich verstehe die Welt nicht mehr."

"Er kann singen", sage ich also zu Steinchen, der mich die ganze Zeit wie gebannt beobachtet.
"Singen?"
"Ja. Tom hat eine besondere Stimme. Er berührt dich beim Singen hier drin ..." Ich tippe mir auf die Brust. "Wenn du verstehst was ich meine."
Albert runzelt die Stirn. "Hmm, und wie kommen wir damit weiter?"
Ich ziehe die Schultern hoch. "Keine Ahnung. Echt nich. In den Casting-Shows ist er noch nie bis zu den Live-Auftritten gekommen."
Steinchen schüttelt den Kopf. "Das kann es auch nicht sein. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber ich habe das Gefühl, dass diese neumodischen TV-Formate die Menschen nur vorführen. Wie früher im Mittelalter. Da sind die Gaukler von Ort zu Ort gezogen und haben dem Volk ihre Kunststücke gezeigt."
"Na, da gibt's doch nichts zu meckern", unterbreche ich ihn, weil ich selbst eine Schwäche für alles Mittelalterliche habe.
"Lass mich ausreden. Die Gaukler selbst meine ich auch nicht. Aber wenn es Menschen mit Auffälligkeiten gab, dann hat man sie auch vorgeführt, oft gegen deren Willen. Die Gaffer strömten zusammen und weideten sich an der Hässlichkeit oder den Behinderungen oder solchen Dingen, verstehst du?"
Ich nicke. Ja, Steinchen hat Recht. Manche dieser TV-Shows machen das heute noch, auf andere Art.

"Aber fällt dir zum Thema Singen etwas ein, das uns weiterbringt? Was ist denn mit diesem ominösen Telefonanruf, von dem du erzählt hast? Hilde oder Helene ...?"
"Also erstens: Nein, keine Ahnung, was für eine Rolle seine Stimme da spielen soll. Wobei überhaupt, das ist doch die Frage? Und zweitens: Hilde oder Helene kommen in meinem sozialen Netzwerk nicht vor. Aber vielleicht ja in deinem?"
Der steinalte Stein streckt sich und ächzt dabei, dann legt er sich wieder flach aufs Bett. "War schon anstrengend heute, das muss ich sagen. Hilde ...", murmelt er und seine Lider fallen zu. Dann reißt er die Augen wieder auf. "Helene ..." wieder sacken die Lider nach unten, sein Kiefer klappt auf, und ein sonorer Schnarchton erklingt. Prompt muss ich an seine Lena und ihre Lache denken. Der steinalte Stein ist afk. Vorerst wird er nichts mehr posten, das ist klar.

Ich nehme eine ausgiebige Dusche und denke an Tom. Wo er sich wohl gerade herumtreibt? Was ist das bloß für eine Mission, zu der er unterwegs ist? Ich habe echt null Peilung. Aber ich stelle mir gerade vor, wie er "Oh Tannenbaum" als Hip-Hop-Version singt. Ich lasse mir Zeit, chille in der Wärme und kümmere mich mit Hingabe um meine Dreads. Mein Reisepartner braucht jetzt seine Auszeit, das ist logo, und heute werden wir auch nichts mehr gerissen kriegen. Mann, ich kann nur hoffen, dass Tom im Warmen sitzt, genug zu essen hat und dass es ihm gutgeht. Das Handtuch um den Kopf geschlungen, schleiche ich zurück in unser Zimmer und schalte den Fernseher ein. Dann schicke ich nochmal eine WhatsApp an Mam. Das bisschen Tricksen wird sie mir hoffentlich verzeihen. An Tom schicke ich auch eine Nachricht, aber er hat seit heute Morgen schon nicht mehr reagiert. Gerade habe ich das Handy ausgeschaltet und zappe mich durch die Fernsehkanäle, da vibriert es in meiner Hand. Eine Nummer, die ich nicht kenne. Ich nehme ab. "Hallo?"
"Jaqueline, bist du das?" Die Stimme einer älteren Frau.
"Ja-a ... wer ist denn da bitte?"
"Hilde! Ich stehe unten vor diesem Motel. Kannst du mich vielleicht reinlassen?"
In dieser Sekunde sehe ich bewusst die Person auf dem Fernsehbildschirm: Da steht eine sehr kleine, ältliche Frau in einem uraltmodischen, braunen Kostüm aus dickem Wollstoff, mit Moonboots in leuchtendem Pink. Auf dem Kopf trägt sie eine Norwegermütze in Knallblau und Knatschrot, sie winkt in die Kamera. Auf der einen Seite hat sie den geflochtenen Zopf der Mütze hochgeschlagen, hält ein Handy ans Ohr, und ich sehe, wie ihre Lippen sich synchron zu den Worten bewegen, die aus meinem Phone dringen: "Ich habe unverzüglich mit dir und dem steinalten Stein zu reden. Lena schickt mich. Und Tom hat mir auch gesagt, dass ich zu euch soll!"

Ich renne nach unten und vor das Motel, und da steht sie, lächelt mich an und nimmt soeben das Handy herunter. "Hätte nie gedacht, dass das klappt!" Resolut hängt sie sich bei mir unter und zieht mich hinein. "Na, wollen wir doch mal sehen, ob Steinchen bei meinem Anblick von seinem Kurztrip nach Alzheim zurückkehrt." Sie kichert und stößt einen zufriedenen Grunzer aus. Schon zieht sie mich durch die Tür ins Zimmer.

Was es mit Hilde auf sich hat, verrate ich morgen!


Tür 9:
(Heike Schulz)

Ich wende den Brief in meinen Händen, um ihn von allen Seiten zu betrachten. Das Papier zittert ein wenig, was ja auch nicht verwunderlich ist. Immerhin ist es eng beschrieben mit der feinen Handschrift meiner Lena. Die Tinte ist frisch, die Worte flott geschwungen in denselben übermütigen Schlingen und Schlaufen, in denen sie damals ihre Briefe an mich verfasst hat. Es wirkt ganz so, als hätte sie ihn eben erst geschrieben, und zwar auf dem Papier, das ich ihr einst zu unserem ersten Hochzeitstag geschenkt hatte. Blütenweiß und mit dem schlichten Wasserzeichen ihrer Initialen versehen.

"Was hältst du davon?" Pippi zwirbelt nervös an einer ihrer Filzlocken herum.
Ich halte den Brief dicht unter meine Nase und atme den schwachen Duft von Lenas Parfüm ein. "Ja, er ist ganz eindeutig von meiner Frau", antworte ich.
Pippi schaut, als hätte ich das bestätigt, was sie selbst nicht zu glauben gewagt hatte. "Aber wie kann das sein? Sie schickt mir diese Botschaften, und sie scheinen eine Art Wegweiser für uns zu sein. Nicht, dass ich mich nicht darüber freuen würde, aber sie ist, nun ja ..."
"Tot, ich weiß", ich nicke und lege den Brief behutsam zur Seite. "Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Sie ist in meinem Herzen, und das ist so wahr, wie es wahr ist, dass du hier an meiner Seite sitzt. Uns verband etwas, das weit über den Tod hinaus geht, und nun hilft sie uns, von wo auch immer, um deinen Bruder zu finden."

Pippi sieht aus, als wolle sie etwas erwidern, überlegt es sich dann aber anders und schüttelt den Kopf. "Ich verstehe es immer noch nicht."
Ich lache. "Musst du auch nicht, liebe Pippi. Akzeptiere es einfach. "
"Eine Brieffreundin aus der Anderswelt", haucht Pippi. "Und offenbar eine ziemlich Coole. Eins muss ich dir lassen, Albert, du hast in Sachen Frauen echt Geschmack. Deine Lena gefällt mir."
"Mir auch." Ich grinse nicht ohne Stolz. Ja, meine Lena, die hatte Feuer. "Aber nun wollen wir uns mal ganz genau ansehen, was sie dir schreibt. Liest du den Brief bitte nochmal vor?"
Pippi nimmt das Blatt Papier auf, räuspert sich und beginnt zu lesen.

Liebe Pippi,

wie ich sehe, hast du mein Steinchen mobilisiert, um dich zusammen mit ihm auf die Suche zu machen. Deine Wahl hätte nicht besser sein können, denn Albert ist ein echter Fuchs.


Ich gluckse zufrieden. Als sie mich zum ersten Mal so nannte, hatte ich noch dichtes rotes Haar. Jetzt gleiche ich obenrum eher einem Nacktmull.

Den ersten Hinweis habt ihr schon bekommen, und nun möchte ich euch einen weiteren Tipp geben. Pippi, denk mal scharf nach. Dein Bruder ist ein guter Kerl, das weißt du selbst. Ein Spinner, ja, aber Spinner sind immer Gewinner, wie es so schön heißt. Er ist nicht vor etwas weg gelaufen, sondern zu etwas hin. Jemand brauchte seine Hilfe, und zwar so dringend, dass er nicht warten konnte. Und er war der Einzige, der diese Hilfe leisten konnte. Es hat also mit einem seiner Talente zu tun, und ich meine nicht das Talent, sich in Probleme hinein zu reiten.
Wenn dir eingefallen ist, was die größte Stärke deines Bruders ist, dann kommst du fast von selbst darauf, wohin du als nächstes gehen musst.
Und falls du dich wunderst, warum ich dir nicht gleich sage, was du wissen musst, denke immer daran - der Weg ist das Ziel.

Viel Glück und achte gut auf meinen Albert,
deine Lena

Einen Moment lang starrt Pippi auf das Blatt und legt es schließlich neben sich auf das Bett.
"Sorry, aber ich glaube, deine Lena überschätzt mich völlig", seufzt sie. "Ich habe nicht den geringsten Schimmer, was sie damit meint."
Ich kratze mich nachdenklich am Kinn. "Dein Bruder muss ein besonderer Mensch sein. Was kann er denn besonders gut?"
"Scheiße bauen", platzt Pippi heraus und schlägt sich sogleich die Hand vor den Mund.
"Sagt man nicht", mahne ich mit erhobenem Zeigefinger.
"Jaja", antwortet sie gedehnt. "Sonst war ja die ganze Bildung fürn A ... äh, für die Katz, wollte ich sagen."
Ich verkneife mir nur mit Mühe ein Grinsen. "Nun überlege mal, welche Talente hat dein Bruder?"
Pippi beginnt mit ihrer Aufzählung. "Also, er macht echt superleckere Waffeln. Dann kann er jonglieren, schafft den Zauberwürfel unter zwei Minuten, kann machen dass die Luft stinkt, weiß das Fernsehprogramm auswendig, findet immer die letzte Tüte Chips im Schrank ..."
"Sowas meine ich nicht", unterbreche ich ihre beeindruckende Liste.
Pippi verdreht die Augen und denkt angestrengt nach. Sie will schon den Kopf schütteln, dann erhellt sich plötzlich ihr Gesicht.

Welche Idee hat Pippi? Angelika Lauriel verrät es morgen.



Tür 8
(Angelika Lauriel)

Dez. 2013
Liebe Lena!

Wie abgefahren! Du glaubst nicht, was in den letzten Tagen passiert ist. Stell dir vor, ich sitze in einem Motel. Mit einem Mann, ja ganz richtig. Und jetzt der Oberhammer: Dieser Mann liegt auf dem Twin-Bed neben meinem und sägt einen ganzen Wald ab. Aber das ist auch kein Wunder. Diesen Schlaf hat er sich redlich verdient. Er hat heute nämlich einen Job erledigt. Rate mal, von wem ich rede ...

Von deinem Steinchen, ex-akt. Aber eines nach dem anderen: Wir sind heute Morgen ziemlich früh vom Stift abgehauen. Ich weiß schon, nicht sehr verantwortungsvoll und leichtsinnig und so weiter und so weiter. Aber weißt du was? Manchmal muss eine Frau einfach tun, was eine Frau tun muss. Das hat mir der steinalte Stein als allererstes beigebracht. ER hatte die Idee, nach Tom zu suchen, ICH konnte gar nicht anders, als mitzumachen. Habe ihm seine wärmsten Hosen und die dicken, gefütterten Schuhe aus dem Schrank geholt und ihm geholfen, sie anzuziehen. Und dann haben wir uns verschwörerisch zugezwinkert. "Machen wir uns auf den Weg", sagte er. Ich zog den Autoschlüssel aus der Tasche und klimperte vor seiner Nase damit herum. Mam wird sich vielleicht wundern, weil ich bis heute Abend nicht aufgekreuzt bin mit ihrem Auto, aber ich habe ihr einfach eine WhatsApp geschickt. Sie vertraut mir. "Kind, du bist erwachsen. Tu nichts, was ich nicht auch tun würde", war ihre Antwort.

Ich nickte also und musste grinsen. "Wie Thelma und Louise!"
"Oder wie Bonny und Clyde!"
Und echt, das habe ich mir schon immer gewünscht: Mal in so einer abgefahrenen Geschichte zu landen. Hmm, abgefahren besinnlich könnte ich sie jetzt nennen. Denn was uns am ersten Tag unseres Road Trips passiert ist, ist nun nicht ganz das, was ich auf dem Radar hatte. Aber macht nix. Trotzdem cool!

Wir also so unterwegs im Auto meiner Mam. Zuerst mal zu mir nach Hause, damit ich noch bisschen Proviant und Klamotten einpacken konnte. Eine Thermoskanne mit Tee, paar Fleecedecken. Sowas halt. Wir wussten ja auch vorerst nicht, wo wir mit der Suche nach Tom anfangen sollten. Als wir dann wieder rausgekommen sind, sehe ich unser fünfjähriges Nachbarskind an der Straße stehen - Rotz und Wasser hat sie geheult. Ich also erst mal rechts rangefahren. "Nele, was hast du denn?"
Sie linste an mir vorbei auf meinen Beifahrer, ihre Augen wurden groß. Sie zog den Rotz hoch und fuhr sich mit dem Handschuh an der Nase längs. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften und funkelte Steinchen an. Ich guckte so von ihr zu ihm und wieder zurück und raffte erst mal gar nix.
"Nikolaus?!", zischte Nele. "Wo warst du denn??? Warum bist du dieses Jahr nicht in den Kindergarten gekommen?"
Ich drehte mich zu Albert um und fragte: "Ja, warum, Nikolaus?", und dabei musste ich mir das Lachen verbeißen.
Albert zwinkerte mir zu. "Ich war verhindert."
Neles Augen schwammen schon wieder in Tränen, was er offenbar auch sah, denn dann schob er hinterher: "Aber das können wir nachholen. Ich habe bloß meine Bischofsgewänder heute nicht mit. Weißt du denn, wo ich mir welche leihen könnte?"
Neles Mama fuhr inzwischen mit dem Auto vor, stieg aus und kam zu unserem Wagen. "Guten Morgen, Jacky ...?" Sie verstummte und starrte auf meinen Beifahrer.
Nele packte ihre Hand und sprudelte hervor: "Mama, der Nikolaus würde jetzt sofort zu uns kommen, wenn wir ihm das passende Kostüm besorgen können."

Der Rest ist schnell erzählt: Neles Mama kann gut mit der Leiterin des Kindergartens, dort gibt es ein Bischofskostüm, das der steinalte Stein anziehen konnte - unter uns, es passte wie für ihn gemacht. Er ging zu den Kindern, es gab eine wunderschöne Nikolausfeier im Kindergarten. Danach saßen wir noch eine Stunde gemütlich mit der Leiterin und ein paar Erzieherinnen zusammen und plauderten so miteinander. Die kennen mich und meinen Bruder Tom ja von früher.

Wir wollten schon gehen, da drückte mir meine ehemalige Erzieherin einen Briefumschlag in die Hand. Darauf stand: "Für das sommersprossige Pippilein - auch als Jaqueline bekannt"
Ich starrte meine Erzieherin an. Sie grinste. "Ich kenne mehrere Jaquelines, aber als ich dich heute sah, ist mir klargeworden, dass du das sein musst. Deine roten Haare hast du ja versteckt unter der schwarzgefärbten Matte da. Aber die Sommersprossen leuchten wie eh und je." Sie lachte. "Ich bin mir sicher, dass du das bist. Habe den Brief in unserem Kasten für Herzensangelegenheiten gefunden. Da darf jeder, der ein Anliegen hat, seine Post einwerfen."

Na, du weißt ja Bescheid, Lena. Aber Albert und ich, wir haben noch nicht die Zeit gefunden, deinen Brief zu öffnen. Wir haben alle Orte abgefahren, die mir eingefallen sind, an denen Tom vielleicht sein könnte, aber nichts. Jetzt sind wir müde und wollen in diesem Motel übernachten. Albert ist sofort eingeschlafen, und ich habe es nicht über mich gebracht, ihn zu wecken. Aber ich denke, er will auch wissen, was für eine Nachricht du mir geschickt hast.

Echt, wie das alles hier läuft, ist mir schleierhaft, aber ich liebe diesen Advent jetzt schon! Ich werde nun den Umschlag öffnen, und meinen eigenen Brief an dich - den werfe ich morgen in aller Frühe im Briefkasten für Herzensangelegenheiten ein. Er wird dich schon erreichen.
Da bin ich mir ganz sicher.

So, irgendwie bist du ja mit "schuld" an dieser abgefahren besinnlichen Geschichte, und dafür will ich dir DANKE sagen!

Ganz liebe Grüße
Pippi

Morgen erzähle ich, wie es weiter geht.


Tür 7:
(Heike Schulz)

Ich lege meine Hand auf Pippis. "Nun beruhige dich erst mal. Er schreibt zwar, dass du nicht nach ihm suchen sollst, aber ich wette, dass du es doch tun willst. Habe ich Recht?"
Sie zieht die Nase hoch und nickt. Es rührt mich, wie sie versucht, tapfer zu sein. Als wäre es ein Zeichen von Schwäche, wenn man seinen Gefühlen nachgibt.
"War in letzter Zeit irgendetwas anders?", forsche ich nach.
Pippi schüttelt den Kopf, hält dann aber inne. "Er hat seit ein paar Tagen ziemlich geheimnisvoll getan. Zum Beispiel hat er sein Zimmer abgeschlossen, das hat er vorher noch nie gemacht. Und einmal kam ich in die Küche, als er telefoniert hat. Da hat er sich regelrecht erschrocken und sofort das Gespräch beendet. Zuerst dachte ich, es wäre wegen Weihnachten und so. Da tun ja alle immer ein bisschen geheimnisvoll. Aber jetzt ..."
Sie lässt den Kopf hängen und zwirbelt an einer ihrer Filzsträhnen herum. Mutlos sitzt sie da und versucht verzweifelt, sich ihren Kummer nicht anmerken zu lassen. Dabei kann ich in ihr lesen wie in einem offenen Buch.

"Du hast nicht den kleinsten Hinweis?", frage ich. "Das Telefonat, von dem du gesprochen hast. Kannst du dich erinnern, um was es da ging?"
Sie blickt auf und zieht die Stirn kraus. Geduldig warte ich, bis sie sich die Szene nochmals verinnerlicht hat. "Ich glaube, er sollte etwas für jemanden tun. So hörte es sich jedenfalls an. Er sagte: Und wie soll ich das machen? Und dann: Ich weiß, dass die Zeit knapp ist. Und dann fiel ein Name. Ein Frauenname. Hilde oder Helene oder so. Irgendetwas Altmodisches."
"Wie hat er geklungen? Zornig oder freundlich?"
"Freundlich", antwortet Pippi sofort. "Er sprach mit jemanden, den er mochte. Aber ich kenne keine, die Hilde oder Helene heißt."
"Und was hast du jetzt vor?", frage ich, worauf sie nur mit den Schultern zuckt.

Ich schlage die Decke zurück und schwinge meine Beine aus dem Bett. Die plötzliche Bewegung macht mich ein bisschen schwindelig, aber das legt sich sogleich wieder.
"Was machst du da?", ruft Pippi, als ich mit den Füßen nach meinen Filzpantoffeln angele.
"Etwas, das ich schon längst hätte tun sollen", knurre ich. "Ich habe schon viel zu lange hier herum gelegen. Nicht nur hier, sondern auch im Heim. Wie ein Lumpensack habe ich nur da gesessen und auf die nächste Mahlzeit oder meine Verdauungstabletten gewartet. Damit ist jetzt Schluss, es steckt noch genug Saft in den alten Knochen."
Ich schlüpfe in meine Pantoffeln und stemme mich hoch. Als hätte mein neu erstarkter Wille auch meinen Körper erstarken lassen, stehe ich nun fest auf beiden Beinen.
Pippi starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an und schiebt mir meinen Rollator hin, doch ich mache eine wegwerfende Handbewegung.
"Den Rentnerferrari kannst du getrost in der Ecke lassen. Den brauche ich nicht", verkünde ich bestimmt und hole meine Jacke aus dem Spind.

"W-was hast du vor?", stammelt Pippi. "Du kannst doch nicht einfach ..."
"Und ob ich kann!" Mein Blut pulsiert wie Hammerschläge durch meine Adern. Ich fühle mich so lebendig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. "Wir fahren jetzt zu dir nach Hause und suchen nach Spuren. Wäre doch gelacht, wenn wir deinen Bruder nicht aufspüren."
Ich habe die Klinke der Krankenzimmertür schon in der Hand, da lässt mich ein Schrei innehalten.

"Albert!"
Erschrocken drehe ich mich zu Pippi um. "Ja?"
Wild gestikuliert sie mit den Armen. "Du kannst nicht einfach so abhauen!"
"Und warum nicht?", empöre ich mich. "Ich bin zwar alt, aber noch bin ich ein mündiger Bürger. Niemand hat das Recht ..."
"Das meine ich nicht", unterbricht sie mich und deutet auf meine Beine. "Ich meine DAS."
Ich folge ihrem Fingerzeig und muss zugeben, dass sie Recht hat. Ich kann mich unmöglich so, in Filzpantoffeln und einer fadenscheinigen Pyjamahose, die den Blick auf meine blassen Waden freigibt, auf Vermisstensuche machen.

Und morgen ist Angelika Lauriel wieder dran.


Tür 6:
(Angelika Lauriel)

Nikolaus! Früher war das einer meiner Lieblingstage im Advent, aber beim Aufwachen heute überfällt mich sofort das Wissen wieder: Alles Mist! Ein Blick zum Wecker zeigt mir, dass ich noch dazu viel zu früh wach bin. Kein Wunder, nach DEM Tag und DER Nacht. Ich weiß aber ganz genau, dass ich nicht mehr einschlafen werde, also kann ich auch gleich aufstehen. Der Pförtner im Stift Abendrot glotzt mich vielleicht an"Schon so früh? Du hast doch erst in vier Stunden Dienstbeginn!"
Ich antworte mit einem Grunzen. Wenigstens kann ich da mal lächeln, weil ich an Lena denken muss. Lena ... Wenn ich sie in echt treffen würde, könnte sie mir bestimmt ein paar Tipps geben. Was ich bloß mit Tom anfangen soll zum Beispiel ... Und nun meine Sorge um den steinalten Stein. Er ist ja schon zwei Tage weg! Der wird ja nicht mehr auf die Beine kommen, wenn er tagelang nur liegt.

Na, und jetzt? Er macht plötzlich die Augen auf, sieht mich an wie das siebte Weltwunder und wirkt dabei so, als sei gar nichts passiert. Mann, bin ich froh, dass er wieder online ist! Die Erleichterung macht irgendwas mit mir. Ich bin bestimmt kein Weichei, aber als er mich so ernst nach Tom fragt, da ... na ja, kann man sich schon denken, oder? Dat Tschakkeliene pienst mal wieder. So hätten es die Jungs in der Schule ausgedrückt.

Echt jetzt, seit gefühlten zwanzig Jahren - gut, es können nicht mehr als sieben sein - habe ich nicht mehr geflennt. Und jetzt sitze ich vor Albert mit zitternden Schultern und die Tränen laufen mir übers Gesicht! Ich meine, wie sieht das denn aus? Grunge Lady mit schwarzen Dreads heult wie ein Baby, das den Schnuller verloren hat.

"Nun komm, es gibt keine Probleme, für die nicht auch eine Lösung erfunden wurde. Heul dich erst mal aus, und dann leg los. Sag mir doch, wer dieser Tom eigentlich ist ..."

Ich verschlucke mich, fange an zu husten und pruste dann los. "Du weißt nicht, wer Tom ist? Aber alle wissen doch, wer Tom ist! Alle im Stift und im Dorf und im Kreis und überhaupt fast ganz Deutschland weiß es." Ich muss so lachen. "Tom ist mein halb berühmter Bruder! Er lebt bei mir ... oder ich bei ihm, das kann man nicht so genau sagen. Mal zahlt er die Miete, mal ich. Je nachdem, wer gerade mehr Kohle hat. Du hast ihn bestimmt schon mal gesehen. Er ist bei allen gängigen TV-Formaten dabei, in denen es um Superstimmen, Supertalente oder einfach C-Promis geht. Ja, im Dschungelcamp war er auch schon." Ich halte ein, sehe, wie Albert sich die Hände reibt. Dann lege ich den Kopf in den Nacken und rufe - halblaut, um die anderen Bewohner nicht zu erschrecken: "Ich bin ein Star, holt mich hier rauuuus!"

"Nun gut ... Ein rechter Luftikus, will mir scheinen. Und was ist nun mit Tom?"

Meine Schultern sacken wieder nach vorne. Der Anlass für unseren Streit war lächerlich. Er holte mich abends ab, wie vereinbart, nachdem ich den Brief an Lena im Spind verstaut hatte, und als ich ihm sagte, dass ich noch ein letztes Mal kurz nach dem steinalten Stein schauen wollte, verzog er das Gesicht, sagte, dass er keine Zeit habe und drohte mir, dass er weg sei, wenn es zu lang dauere. Ich stieß nur ein "Pah!" aus und rauschte wieder rein.

Das berichte ich Albert. Er legt den Kopf schief. "Das muss gewesen sein, als ich gerade mit Lena beobachtete, wie ich sie damals zum ersten Mal getroffen habe."
Ich nicke. "Habe wirklich nur kurz nach dir gesehen und bin dann wieder nach draußen gerannt. Und was war? Er war weg! Den Zettel hier habe ich gefunden. Er lag vor der Eingangstür - so dass ich ihn nicht übersehen konnte."
Ich ziehe das Teil aus der Tasche meines Rocks hervor, falte es auseinander und glätte es vorsichtig. Dann halte ich es dem steinalten Stein vor die Nase. Er kneift die Augen ein bisschen zusammen und liest vor: "Jacky, ich kann nicht warten! Sorrry, aber es ist zu spät. Ich muss los, und suche nicht nach mir!"

"Seltsame Nachricht", murmelt der steinalte Albert.

"Ja, aber am schlimmsten finde ich den Rest: Ich komme nach Hause in unsere Wohnung, und all seine Sachen sind weg. Ich meine: Hast du eine Ahnung, wo der Depp sein könnte? In welche Scheiße hat er sich bloß wieder hineingeritten?"

Morgen erzähle ich, wie es weitergeht.


Tür 5:
(Heike Schulz)

Ich nicke, ohne mich von der Szene abzuwenden. Zu kostbar ist jedes Detail, als dass ich auch nur einen Moment davon verpassen möchte, auch wenn sie bereits tief in meinen Erinnerungen verankert sind. Vor allem ihr Lachen, als ich versuche, sie hochzuziehen und dabei doch nur wieder auf meinem Hosenboden lande. Was konnte meine Lena lachen! Nicht damenhaft und zurückhaltend, wie all die anderen jungen Mädchen, sondern frei heraus, mit sprudelnder Lebensfreude und mit diesem derben Schnarchton am Ende. Viel zu lange habe ich sie nicht mehr lachen hören und ich greife dankbar nach der Hand des Mädchens neben mir, das mir dieses Geschenk gemacht hat.

Gemeinsam sehen wir dabei zu, wie die beiden jungen Menschen dort drüben auf dem Eis unter vielen gestammelten Entschuldigungen einander vorstellen. Wie es weitergeht, weiß ich genau. Die nächste Runde werden sie zu zweit auf dem Eis drehen, dann wird es Lena zu kalt werden und sie gehen in ein nahe gelegenes Café an der Ecke, die Straße runter. Inzwischen ist das Café von damals längst einem Supermarkt gewichen, aber damals - jetzt - ist es der Ort, an dem der junge Mann sein Herz verlieren wird.
Im nächsten Jahr werden sie wiederkommen, und auch in den Jahren danach. Zuerst zu zweit, dann zu dritt und schließlich zu viert.

Ich drücke die Hand des Mädchens. Mein Herz wird ganz weit.
"Ich hatte so viel Glück", flüstere ich und schaue sie an.
Sie nickt. "Wir beide hatten so viel Glück", korrigiert sie mich.
Wehmütig werfe ich einen letzten Blick auf das junge Paar auf dem Eis. "Ich würde so gerne hier bleiben und noch etwas zusehen. Aber das geht nicht, habe ich Recht?"
Das Mädchen schüttelt den Kopf. "Nein, das geht nicht. Ich habe dir den Anfang unserer Geschichte gezeigt, um dein Herz zu öffnen und um den jungen Mann von damals in dir zu wecken. Weißt du noch, wie zuversichtlich du einst warst?" Beinahe flehentlich schaut sie mich an. "Voller Tatendrang und furchtlos. Nichts konnte dich erschüttern, und egal wie schwierig es war, du hast immer einen Weg gefunden, mich zum Lachen zu bringen. Lass diesen Mann wieder raus, Steinchen. Du musst zurück, denn du hast noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen."

"Welche Aufgabe denn?", will ich sie fragen, doch ihr Gesicht verblasst, wird allmählich durchsichtig und verschwindet, ebenso wie die Eisbahn und die Buden des Weihnachtsmarkts. Die Musik verwandelt sich in ein elektronisches Piepsen, und der Duft nach gebrannten Mandeln weicht dem von Desinfektionsmitteln.
"Warte!", rufe ich und strecke meine Hand aus, doch sie greift ins Leere.

"Sieh mal einer an, Dornröschen ist aufgewacht!" Ich öffne meine Augen und schaue in ein Sommersprossengesicht, eingerahmt von schwarzen Filzschlangen. Pippi.
"Sie haben mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, das muss ich schon sagen. Machen Sie das bloß nie wieder!" Pippi setzt einen tadelnden Gesichtsausdruck auf, aber hinter ihrem gespielten Ärger entdecke ich eine gehörige Portion Erleichterung.
"Was ist passiert?" Ich versuche, mich aufzurichten, doch Pippi drückt mich sanft wieder aufs Kissen zurück.
"Sie haben plötzlich ein Rad quer durch den Flur geschlagen und waren bewusstlos." Sie schnippt mit den Fingern. "Einfach so, ausgeknipst."
"Ausgeknipst", wiederhole ich.  Nur nebulös erinnere ich mich an meinen Beinahe-Sturz. "Wann war das?"
"Vorgestern. Aber jetzt sind Sie ja wieder online." Pippi zwinkert mir zu, aber mir entgeht nicht der dunkle Schatten um ihre Augen.
"Und du hast die ganze Zeit bei mir gesessen?"
Sie zuckt mit den Achseln. "Hatte gerade nichts Besseres zu tun."
"Du solltest nach Hause gehen, dich mit deinem Freund treffen. Tom oder wie er noch gleich heißt, und deine Zeit nicht mit alten Säcken wie mir verplempern."
Sie lacht. "Das ist mein alter Stein, wie er leibt und lebt." Dann wird ihr Gesicht plötzlich ernst.
"Was ist?", hake ich nach.
"Nichts", antwortet sie, doch ihr Blick sagt etwas anderes.
"Spuck's aus, Pippi", fordere ich.
Sie seufzt. "Es geht um Tom", druckst sie herum. "Wir haben uns gestritten."

Plötzlich hallt Lenas letzter Satz in mir nach. Du musst zurück, denn du hast noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Mit einem Mal ist mir alles klar. Das hat sie gemeint. Das ist meine Aufgabe.
Nun setze ich mich doch auf und schaue direkt in ihr trauriges Gesicht. "Pippi, ich möchte, dass du mir ganz genau erzählst, was zwischen euch vorgefallen ist."

Wie es weitergeht, verrät morgen Angelika Lauriel


Tür 4:
(Angelika Lauriel)

Liebe Lena,

das wird jetzt schwer, weil ich Briefeschreiben nicht gewohnt bin. Aber so gar nicht! Wenn ich darf, schreibe ich einfach so, wie mir der Schnabel gewachsen ist, ja? Hab so ein Gefühl, dass Sie damit keine Probleme haben. Also, hier meine Version von dem, was seit gestern abgeht ...

Krass! Das trifft es nicht mal ansatzweise! Der gute Albert - oder der steinalte Stein, wie ich jetzt weiß Zwinkernd - hat sich weggebeamt. Ich mag ihn, echt. Der Stein hat sich niemals von meinem Zungenpiercing, meinen Dreads und den schwarzen Kleidern beeindrucken lassen. Vielleicht gerade, weil er so alt ist? Bei ihm hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass er alle durchschaut. Die Leiterin, die so gutherzig und dabei so schwach ist, den Hausmeister, der mit seiner Grantigkeit bloß die eigene Angst vorm Altwerden überspielt, und eben all die anderen. Aber vor allem hat er mich gleich durchschaut. *lach*

Ich weiß noch genau, wie er mich am ersten Tag lange fixiert hat, nachdem ich mich ihm vorgestellt hatte.
"So ...", murmelte er dann und legte den Kopf schief. Mir ist beinahe die Brille beschlagen. Echt jetzt, man ist es einfach nicht mehr gewohnt, dass ein Mensch einem in die Augen schaut, oder? Ich meine so richtig. Und dann so ein alter Knorz ... Nichts für ungut, Sie haben mir ja gesagt, dass er immer schon Ihr Liebster war. Aber weiter: "Jacky also", hängte er nach einer gefühlten Ewigkeit an. Dann grinste er. Sein gesamtes Gesicht wurde urplötzlich zu einem Mosaik. Du weißt schon, die Furchen vertieften sich bei dem Lächeln. Ich will auch mal so ein vom Lachen zerfurchtes Gesicht haben, wenn ich so alt bin. Hmm, schon komisch, aber als er "Jacky" sagte, da fühlte ich mich wieder so wie früher, wenn ich in der Schule meinen Namen sagen musste. Tschakkeliene, riefen die Jungs immer - und wussten genau, wie sie mich damit dissten!

Aber egal. Er also so "Jacky", ich so total verlegen. Er grinst. Ich grinse und finde es auf einmal gar nicht mehr schlimm.
"Weißt du was, ich nenne dich Pippi!"
Ich pruste los. "Pipi?"
Er lacht, dass der gesamte Rollator anfängt zu wackeln. "Mit zwei p, versteht sich. Wie Pippi Langstrumpf!"
Uff, ich merke schon, dass ich mich gerade verrenne. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Gleich holt Tom mich ab. Passt irgendwie, oder? Pippi und Tom?
Also, so hat jedenfalls unsere Freundschaft angefangen. Wo du mir die Sache mit der Leberwurst schreibst: Gestern war das letzte Mal, dass ich ihm diese unechte Leberwurst aufs Brot geschmiert habe. Ich schwör!

Krass! Wenn ich zurückdenke, wie er auf dem Weg in sein Zimmer dann einfach in sich zusammengestürzt ist, wie so ein Kartenhaus, weißt du? Ich renne los und habe das Gefühl, dass in meiner Brust etwas auseinanderreißt. Ich sehe, wie er fällt. Langsam und gleichzeitig schnell. Für den Bruchteil einer Sekunde habe ich das Gefühl, ich sehe irgendwas. Irgendwas, irgendwas. Ja, ich weiß, es ist nicht normal. Ich habe es auch niemandem gesagt. Aber da war was. Jetzt ahne ich, wer das war. Obwohl ich es nicht raffe. Ich meine, wie kann das sein???

Egal. Er also gestürzt, liegt auf dem Boden, der Rollator ist umgekippt und das eine Rad dreht sich noch so in der Luft, als ob das Ding auf der Flucht wäre. Verstehst du?
Ups, jetzt habe ich du geschrieben. Weißt du was, Lena, ich wünsche mir sehr, dass du mich duzt. Und ich bitte dich, dass ich dich auch duzen darf. Einverstanden?

Ich knie also so neben Albert und sehe, dass er in die Luft blickt. Seine Augen sind irgendwie weg. Also nicht wie bei einem Toten, sondern sie schauen woanders hin. Und sein Gesicht ... Die Furchen sind fast glatt. Ich habe tatsächlich zum ersten Mal gesehen, was für ein schöner Mann er ist. Ich rufe also sofort Schwester Steffi, die ruft einen Arzt aus der benachbarten Klinik, er wirft einen Blick auf Albert und sagt: "Einweisen!"
Ich greife nach Steffis Hand und schüttle den Kopf. Echt, ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Woher soll ich wissen, was für den steinalten Stein gut ist? Aber anscheinend habe ich was im Blick gehabt, was sowohl Steffi als auch den Doc überzeugen konnte. Albert liegt jetzt in seinem Zimmer, sie haben ihn an die üblichen Gerätschaften angeschlossen, er wird quasi dauerüberwacht. Fast wie im Krankenhaus. Der Witz: Alles normal, bloß dass er eben nicht da ist. Sein Herzschlag ist ruhig und gleichmäßig, alle Körperfunktionen laufen mehr oder weniger normal. Bloß dass er eben nicht da ist.

Als ich zum Schichtende an meinen Spind ging, war ich traurig. Und dann habe ich deinen Brief gefunden.
Lena! Lena hieß Alberts Frau, die vor meiner Zeit auch hier im Stift gelebt hat. Du hast natürlich recht. Er hat mir so vieles über euch erzählt. Zum Beispiel, wie ihr euch kennengelernt habt. Er hat mir ganz genau dein Lachen beschrieben, als er in dich reingefahren ist auf dem vereisten See.
"Ganz von unten stieg es auf, verstehst du, Pippi? Es war ein warmes Lachen wie Perlen, die im Champagner nach oben steigen, aber nicht so fein wie Champagner. Wie soll ich es sagen? Wertvoll schon, wie Champagner eben, aber dabei so nahrhaft wie ein Bohneneintopf."
Dann zerfurchte er sein Gesicht - kennst du Gandalf? - ach, lassen wir das.
"Und immer, wenn sie aufhören wollte mit ihrem Lachen, dann musste sie grunzen. Lena hat dieses Grunzen gehasst, aber sie ist es nie losgeworden, nie. Also, ein Lachen wie Champagner, nährend wie Bohneneintopf, und am Schluss so ein Grunzen. DAS war meine Lena."

Deshalb hast du auch recht, dass ich mir vorstellen kann, wie du kicherst. Und du hast recht, mir geschrieben zu haben. So bin ich nämlich meine Zweifel losgeworden. Albert lebt, und er ist gerade irgendwo. Irgendwo, wo es schön ist, da bin ich mir sicher. Also, Danke für den Brief - und ich möchte gerne mehr wissen, ja?

Muss los, Tom wartet.

GlG
Pippi

Was hat es mit Tom auf sich? Vielleicht verrate ich es morgen


Tür 3:
(Heike Schulz)

"Haben wir uns schon mal gesehen?", frage ich das junge Mädchen, das mir geradewegs in die Augen schaut. Irgendetwas in ihrem Blick kommt mir vertraut vor. Ich weiß nicht wieso, aber meine Einsamkeit fällt von mir ab wie ein zu eng gewordener Kokon.
Sie zwinkert mir schelmisch zu. "Gewiss haben wir das. Vor vielen Jahren schon."
Nachdenklich kratze ich mir das Kinn. Das schabende Geräusch erinnert mich daran, dass ich mich längst mal wieder rasieren müsste. Dieses Mädchen ist doch fast noch ein Kind, wie will es mich vor vielen Jahren schon einmal gesehen haben?
"Aber woher ...?", wage ich einen Einwand, doch sie steht auf und hält mir die Hand hin.
"Komm, Steinchen. Ich möchte dir etwas zeigen."
Sie wechselt zum vertrauten Du, doch anstatt mich über diese Respektlosigkeit zu ärgern, die der Jugend oft allzu leicht über die Lippen geht, breitet sich Wärme in meiner Brust aus. Es fühlt sich richtig an, dass sie mich Steinchen nennt.
Ich stemme mich auf die Füße und lange nach meinem Rollator, doch sanft legt sich ihre Hand auf meine Schulter.
"Den wirst du nicht brauchen." Damit hakt sie mich unter und führt mich den Gang entlang.
Sie hat Recht - an ihrer Seite spüre ich eine längst vergessene Kraft in meinen Beinen. Und auch mein vom Alter gebeugter Rücken richtet sich auf. Es fühlt sich an, als sei ich mehrere Zentimeter gewachsen. Mein trüber Blick klärt sich, und wüsste ich es nicht besser, würde ich glauben, in einen Jungbrunnen gefallen zu sein. Tief atme ich ein und staune, wie weit sich mein Brustkorb dehnt. Beherzt schreite ich voran und lache, weil das Mädchen Mühe hat, mit mir mitzuhalten.

"Wo gehen wir hin? Hinaus in den Garten? Dann muss ich vorher noch meine Jacke holen!"
"Aber die trägst du doch bereits. Da, schau!" Das Mädchen deutet auf die Zwischentür, die den Wohnbereich vom Foyer trennt. Im Glas der Tür spiegelt sich meine Gestalt, und tatsächlich, ich trage meine geliebte alte Winterjacke. Zärtlich streiche ich über das abgewetzte Leder. Ich erinnere mich noch genau, wie meine Lena sie mir vor über vierzig Jahren zum Geburtstag schenkte. Sie passt noch immer wie angegossen, denn obwohl der Mann im Spiegelglas schon weit über achtzig ist, steht er aufrecht und erhobenen Hauptes da.
"Also dann, von mir aus kann es losgehen!" rufe ich und nicke meinem Spiegelbild zu. "Was wollen wir als erstes tun?"
Das Mädchen kichert. "Du wirst schon sehen." Wir gehen weiter auf die Glastür zu, die beinahe lautlos auseinander gleitet. Dann durchqueren wir das Foyer, und nur am Rande fällt mir auf, dass niemand am Empfangstresen sitzt. Vor der Eingangstür bleiben wir stehen.
"Bist du bereit, Steinchen?" Das Mädchen schaut lächelnd zu mir auf. Ich nickte. Es gefällt mir, wie sie Steinchen zu mir sagt.
Sie legt ihre Hand auf meine und gemeinsam gehen wir los. Wieder schiebt sich die Glastür auf, als wir uns ihr nähern, aber statt auf die Eingangstreppe, die dahinter liegen müsste, schauen wir auf etwas ganz anderes.

Eine spiegelblanke Eisfläche, eingerahmt von bunt beleuchteten Buden. Menschen tummeln sich darauf, ziehen in kleinen Gruppen, alleine und paarweise auf Schlittschuhen ihre Bahnen, lachen und wiegen sich zur Weihnachtsmusik, die aus einer großen Drehorgel klingt. Der Duft von gebrannten Mandeln liegt in der Luft, und es dauert nur einen Herzschlag, bis mir einfällt, wo wir sind. Suchend irrt mein Blick durch die Menschenmenge, bis ich sie sehe.
Meine Lena. Ganz alleine dreht sie ihre Runden auf wackeligen Beinen. Sie wartet auf ihre Freundin, mit der sie auf der Eisbahn verabredet ist, doch die wird sich verspäten. Das weiß ich, weil sich dieser Tag in allen Einzelheiten in mein Gedächtnis gebrannt hat. Ich recke den Hals, und dann sehe ich ihn, den jungen Mann, der viel zu schnell unterwegs ist. Ungestüm jagt er übers Eis und glaubt, damit den Damen imponieren zu können. "Hoppla", sagte ich in Erwartung der folgenden Ereignisse, und schon nimmt das Schicksal seinen Lauf. Er verliert das Gleichgewicht, rutscht weg und reißt Lena mit sich.
Beinahe spüre ich wie damals das harte Eis auf meinem Hintern und Lenas Hände, die sich vergeblich nach Halt suchend an mich klammern.
"Weißt du noch?", flüstert das Mädchen neben mir. "So haben wir uns damals kennengelernt." 


Was passiert nun? Das verrät morgen Angelika Lauriel



Tür 2:
(Angelika Lauriel)

Liebe Pippi,

damit Sie und all die anderen, die sich so liebevoll um den steinalten Stein kümmern, sich nicht unnötig sorgen, habe ich mich entschlossen, Ihnen einen Brief zu schreiben. Glauben Sie mir, ich bin mir völlig darüber im Klaren, dass das nicht mehr zeitgemäß ist, und vermutlich werden Sie staunen, wenn Sie meine handgeschriebene Nachricht in Ihrem Spind vorfinden. So etwas Altmodisches, werden Sie vielleicht denken - oder Sie fragen sich, wer von Ihren Kollegen und Kolleginnen Ihnen da einen Streich spielt.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll. Sie haben ja bereits das Verschwinden des steinalten Stein bemerkt, nehme ich an. Nun, ganz recht, ob man es wirklich Verschwinden nennen kann, lassen wir mal dahingestellt. Glauben Sie mir, er ist nicht alleine in diesem Moment. Und tun Sie mir einen großen Gefallen: Lassen Sie sich bitte nicht beirren. Ich kenne den steinalten Stein sehr gut. Und eines muss ich Ihnen gleich zu Anfang offenbaren. Mein Liebster (ja, der Stein ist mein Liebster gewesen und ist es noch immer, auch wenn er mich nicht mehr bei sich hat ... nun, nicht immer jedenfalls) mag nur die richtige, grobe Leberwurst vom Metzger. Wenn Sie ihm einen Herzenswunsch erfüllen möchten, dann bestreichen Sie ihm doch beim nächsten Mal - ich weiß, das kann nun noch eine Weile dauern - schönes, dick geschnittenes Brot mit der richtig guten Leberwurst.

Nun wissen Sie noch immer nicht, wer ich bin. Aber möglicherweise ahnen Sie es bereits? Ich sehe beinahe Ihre großen, blauen Augen hinter der Brille. Wie sie noch ein wenig größer werden und dieses herzliche Strahlen sich hineinstiehlt. Ja, ich bin tatsächlich Lena. Sie sollten nicht versuchen, nach mir zu suchen.

Ach, nun muss ich mich um mein Steinchen kümmern. Er hat gerade erst begriffen, wer dieses kleine Mädchen ist, das ihm so keck gesagt hat, dass es zum Radschlagen noch zu früh ist ...

Wenn Sie den Geschichten meines geliebten steinalten Stein gut zugehört haben, dann können Sie sich möglicherweise vorstellen, wie ich gerade jetzt kichern muss. Aber ich verabschiede mich für heute und werde Ihnen bald wieder eine Nachricht zukommen lassen.

Die allerherzlichsten Grüße an mein sommersprossiges Pippilein
Lena

Post Scriptum: Erlauben Sie mir, Sie zu duzen?

... und morgen erzähle ich die Geschichte weiter!



Tür 1:
(Heike Schulz)

Leberwurstbrot. Klein geschnitten in mundgerechte Quadrate. Womöglich ist es nicht einmal die gute Leberwurst vom Metzger, sondern irgend so ein künstliches Zeug, fettarm und cholesterinfrei. Ich schiebe eins der Quadrate auf meinem Teller zur Seite, um mir das Brot genauer anzusehen. Blass und dünn, kein Vergleich zu den Wurstbroten, die meine Lena immer schmierte. Fünfzig Jahre lang, jeden Morgen, bis wir beide hier landeten.
Ich seufze. Aber Lena ist seit fünf Jahren tot, gestorben in dem kleinen Zimmer am Ende des Gangs, in das nur zwei Tage später der olle Gruber eingezogen war. Gruber. Was für ein Kauz. Heimlich gequalmt hatte er, wenn die Leute von der Pflege nicht richtig aufpassten, und immer nur vom Krieg erzählt. Gruber war nun auch schon nicht mehr, es war ein Kommen und Gehen hier im Seniorenstift Abendsonne. Endstation Sehnsucht. Unsereins bleibt nicht lange, die meisten werden mit den Füßen zuerst hinaus getragen, wie es so schön heißt. Nur mich hat der Herrgott anscheinend hier vergessen.

"Herr Stein, nun essen Sie doch was. Sie fallen uns sonst noch vom Fleisch!"
Ich blicke auf und da steht Pippi neben mir. Eigentlich heißt sie ganz anders, sie hat so einen neumodischen Namen. Jacqueline oder so. Keine Ahnung, warum die jungen Leute heute ihren Kindern keine anständigen Namen mehr geben, aber ich nenne sie sowieso nur Pippi, weil sie so viele Sommersprossen hat. Sie ist vielleicht Anfang zwanzig und wenn sie mit mir redet, ist ihre Stimme immer unnatürlich hoch, als ob ich nicht ganz richtig im Kopf sei. Aber mein Kopf ist ganz in Ordnung, ich bin nur alt. Alt und müde.
"Gehen Sie weg", sage ich zu ihr, aber sie lässt nicht locker.
"Herr Stein, Sie haben ja auch noch gar nichts getrunken, dabei ist das so wichtig." Vorwurfsvoll schaut sie zuerst in meine Teetasse, dann auf mich. Ihr Mund verzieht sich zu einer Schnute, als wäre sie von meiner Appetitlosigkeit persönlich beleidigt.
"Versuchen Sie es doch mal bei der da", antworte ich und deute auf die alte Hilde. Sie sitzt in ihrem Morgenmantel da, das Kinn auf der Brust und schnarcht selig vor sich hin.
Pippi folgt meinem Blick und schaut noch eine Spur beleidigter aus der Wäsche.
"Ich gehe jetzt auf mein Zimmer", verkünde ich und stemme mich auf die Stuhllehnen. Sofort greift Pippi mir helfend unter die Arme und zieht meinen Rollator heran.  
"Lassen Sie mal, ich bin doch kein Kleinkind", knurre ich und zwinge mich gleich drauf zu einem Lächeln. Sie macht ja auch nur ihre Arbeit, genau wie all die anderen Betreuer hier im Haus.
Mühsam schiebe ich meine Gehhilfe durch den Speisesaal, vorbei an meinen Mitbewohnern und den Leuten vom Pflegedienst, die ihnen beim Essen helfen. Ein Saal voller Menschen, aber ich habe das Gefühl, buchstäblich von Gott und der Welt vergessen worden zu sein.  

Ächzend stütze mich auf die Griffe des Rollators und lenke ihn in den Gang zu meiner Wohneinheit. Lang erstreckt sich der Flur vor mir, im blank polierten Linoleum spiegelt sich die Weihnachtsdekoration, und obwohl alle paar Meter Bänke zum Ausruhen stehen, mache ich mir Sorgen, ob meine Kraft bis in mein Zimmer reicht. Hätte ich doch mal ein Stück Leberwurstbrot gegessen, aber Umkehren kommt gar nicht in Frage. Den Triumph will ich Pippi nicht gönnen, und so setze ich einen Fuß vor den anderen, bis mir plötzlich ganz kalt wird. Der Flur vor meinen Augen wird dunkler, die Farben verschwimmen und ich spüre, wie meine Beine einknicken. Hoffentlich brichst du dir nichts, denke ich noch, da packen mich zwei Hände unter den Armen und ziehen mich auf die nächstbeste Bank.
"Zum Radschlagen ist es aber noch ein bisschen früh am Morgen, finden Sie nicht?", dringt eine Mädchenstimme an mein Ohr.
Ich öffne die Augen und blicke in ein junges Gesicht, das ich hier noch nie gesehen habe. 

Was es mit dem alten Stein auf sich hat, erzählt morgen Angelika Lauriel.


 
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