Homepage der Autorin Heike Schulz
  Adventskalender 2011
 

Liebe Gäste!

Sicher haben Sie es längst bemerkt. Plätzchenduft liegt in der Luft, im Werbefernsehn laufen vermehrt Spots für Spielzeug und Parfüm und wenn man abends durch die Straßen geht, blinkt und funkelt es in fast allen Fenstern.
Kurz gesagt - es weihnachtet!

Wie jedes Jahr habe ich mich mit meinen beiden Kolleginnen und Freundinnen Angelika Lauriel und Ilona Hanft zusammengatan, und eine Adventskalendergeschichte geschrieben.

Das Prinzip ist ganz einfach. Eine von uns beginnt damit, eine Geschichte zu erzählen, die dann reihum immer weiter geschrieben wird. Jeden Tag schreibt eine andere Autorin, bis vierundzwanzig Episoden fertig sind und eine komplette Geschichte ergeben.
Das Besondere daran: Keine von uns weiß vorher, welchen Weg die Geschichte nehmen wird. Keine weiß, was die Nachfolgende mit der Idee anstellt, die man selbst zuvor eingefädelt hat. Die Episoden entstehen ganz spontan und ohne Plot, sodass wir am Ende genauso überrascht sind, wie die Leser.

Am ersten Dezember öffne ich also an dieser Stelle das erste Türchen mit dem Anfang der diesjährigen Adventskalendergeschichte und wünsche Ihnen viel Spaß!

Natürlich können Sie den Adventskalender auch auf unserer gemeinsamen Homepage unter www.dreiAutorinnen.de oder bei www.angelikalauriel.de mitlesen.


Hier beginnt sie also nun, unsere Weiterschreib-Weihnachtsgeschichte.

Lange Ohren - großes Herz

24. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam-Anouk erzählt

Oh weh, jetzt passiert es, ich kann alles hören: Bella schlägt der Länge nach hin, ihr Kopf prallt fest auf den Boden. Vor Schreck gelingt es mir, ein Äuglein zu öffnen. Da liegt sie, ein Ärmel ihrer Bluse ist eingerissen, doch was viel schlimmer ist: Ihre Augen sind geschlossen und sie rührt sich nicht. Gerade als schliefe sie.

Jazz hat sich auf die Knie heruntergelassen und beugt sich über sie, seine Hand liegt an der Seite ihres Halses. "Bella? Bella! Wach auf, Bella!"
Er tastet nach dem Puls und murmelt: "Bewusstlos." Dann rüttelt er sacht an ihrer Schulter, und nur eine Sekunde später bewegt Bella sich wieder, öffnet die Augen und setzt sich vorsichtig auf, doch sie hält sich mit beiden Händen den Kopf.
"Was ist passiert?"
"Du bist gestürzt. Wie geht es dir, kannst du aufstehen?"

Sie nickt langsam und versucht, sich aufzurappeln. Mit Jazz' Hilfe kommt sie zitternd auf die Knie, dann hält sie wieder mit beiden Händen ihren Kopf fest.
"Irgendetwas stimmt nicht, mir ist schwindelig."
"Du musst ins Krankenhaus, Bella. Du hast vielleicht eine Gehirnerschütterung."

Ich erschrecke.
"Mondjöh, sie darf etzt nisch weggehen. Was machen wir denn ohne sie?" Meine Mama rappelt sich nervös auf, obwohl wir an sie gekuschelt liegen und Elvis, der Gierschlund, immer noch trinkt.

"Das geht nicht. Ich kann die Hunde nicht alleine lassen. Sie brauchen mich in den kommenden Wochen rund um die Uhr. All unsere Vorhaben können wir in Angriff nehmen, wenn die Welpen bei ihren neuen Pflegeeltern untergebracht sind, Jazz." Da hat die Gute allerdings recht. Ich wunderte mich schon, was für arbeitsintensive Pläne sie für die kommenden Monate schmiedete, wo sie sich doch jetzt um uns kümmern muss.
Jazz nickt und legt ihr die Hand unter den Ellbogen, geleitet sie vorsichtig zu einem Stuhl, auf den sie sich sinken lässt. "Ich weiß doch, Bella. Ich kümmere mich, keine Angst. Aber jetzt musst du untersucht werden. Damit ist nicht zu spaßen."
Er blickt nachdenklich zum Telefon. Ich will alles aufmerksam beobachten, aber da macht mir mein neues Leben einen Strich durch die Rechnung. Ich schlafe einfach so ein, nicht zu fassen!

Als ich wieder aufwache, höre ich Jazz mit einer Frau sprechen, aber es ist nicht Bella. Ich erkenne die Stimme von Eliza: "Morgen darf sie schon wieder nach Hause? Das ist doch wunderbar." Ich begreife, dass es schon spät am Abend sein muss. Morgen ist Heilig Abend, und Bella darf wieder zu uns?

"Ja, unsere Frauchen kommt wieder nach 'ause, Gott sei Dank! Ihr braucht euch nisch zu fürchten, mes puces." Finja leckt mir das Fell und beseitigt sogar ein winziges Pfützchen, das ungewollt aus mir herausgelaufen ist. Elvis macht wieder mal durch Schmatzgeräusche von sich hören, während Sanchez und Esmeralda eng aneinander gekuschelt schlafen.

"Jazz, ich wollte mit dir noch über eine Sache sprechen."
"Ja?"
"Du hast mir diesen Silberanhänger mit der Sonnenelfe zum Geburtstag geschenkt."
"Ja?" Jazz' Stimme klingt nervös.
"Wäre es für dich sehr schlimm, wenn ich ihn an Julie weitergebe? Ich weiß, dass Peter mir morgen einen ganz ähnlichen schenken will." Sie lacht verlegen auf. "Keine Ahnung, wie ihr beide darauf gekommen seid, mich Sonnenfängerin zu nennen. Ich mag diesen Kosenamen sehr, und ich bin überglücklich, weil Peter ihn jetzt wieder benutzt. Wir haben den Anhänger gemeinsam ausgesucht, gestern. Ich habe ihm nicht erzählt, dass du mir auch einen geschenkt hast."

Ich höre, wie Jazz sich räuspert. "Ähem, nun gut, warum nicht ... Habe ich mich geirrt, Eliza?"
Sie lacht leise. "Ich glaube, das hast du. Aber es ist nicht schlimm. Julie wird sich darüber sehr freuen. Ich habe mich übrigens auch darüber gefreut." Sie schiebt den Stuhl zurück. "Ich gehe jetzt nach Hause. Kommst du zurecht?"
"Ja. Danke, dass du gekommen bist, um auf die Winzlinge achtzugeben."

"Julie freut sich schon so darauf, sie morgen zu sehen und einen Welpen auszusuchen." Die beiden nähern sich der Wurfkiste. Ich blinzele hoch, und tatsächlich: Ich kriege sogar schon das zweite Äuglein auf. Wie schön: Endlich kann ich Jazz wieder sehen! Er wirkt zufrieden mit sich und der Welt.
"Diese Kleine hier hat Bella mir geschenkt. Sie heißt Anouk. Ich habe sie schon sehr in mein Herz geschlossen." Er beugt sich herunter und nimmt mich vorsichtig in die Hand, schnuppert an mir. Ich kuschele mich wohlig in die behagliche Höhle. "Sie erinnert mich so sehr an Sam."
Eliza bückt sich, um Finja über das Fell zu streicheln. "Ich mag ja diesen kleinen Gourmand hier sehr. Aber ich überlasse die Entscheidung Peter und Julie."

Dann geht sie. Was soll ich sagen? Ich bin ein Baby, und wie jeder Mensch weiß, müssen Babys viel schlafen.

Als ich wieder aufwache, ist schon Heilig Abend. Ich höre die Kirchenglocken läuten. Ein seltsamer Geruch hängt im Raum, und erst nach einer Weile erkenne ich ihn: Krankenhaus. Bella muss wieder da sein. Ich strecke mich genüsslich, dann docke ich bei meiner Mama an, um zu trinken.
"Sieh mal, dein Mäuschen ist wach", sagt Bella. Jazz scheint im Nebenraum herumzuwerkeln. Er ruft nur eine fröhliche Bestätigung. Dann höre ich seine Schritte, doch bevor er da ist, klingelt es an der Tür.
"Das müssen sie sein."

Kurz darauf schieben sich eine verlegene Doris und ein noch verlegenerer Ed herein. Sie betrachten uns Welpen und unsere Mama aus ein paar Metern Abstand. Bella lädt sie mit einem Winken ein, sich an den Tisch zu setzen, und noch bevor sie sich miteinander unterhalten können, klingelt es wieder.
Peter, Eliza und Julie treten herein. Alle machen sich umständlich miteinander bekannt, und Julie schleicht sich zu unserer Kiste, aber auch sie ist viel zu vorsichtig, um einfach nach uns zu greifen. Sie beobachtet uns mit strahlendem Kindergesicht. Ich lasse die Milchbar fahren, um ihr zuzuzwinkern.

"Na, Kumpel?", höre ich da eine Stimme, die ich in den letzten paar Wochen so richtig liebgewonnen habe. Hasenhund.
"Leise, Zorro, sonst hören sie dich", flüstert Julie zu meinem Freund, den sie fest im Arm hält, und die beiden grinsen einvernehmlich. Er hat es also geschafft! Er ist bei Julie, und sie hat ihm einen Namen gegeben. Die Erwachsenen haben sich inzwischen anscheinend locker gemacht. In Wellen schwappt eine angeregte Unterhaltung zu uns rüber. Ich fange Wörter auf wie "Ferien auf dem Hof, Bauernstube, Buchhaltung, Kochkurs" und all so ein Zeug. Die scheinen sich ausnahmsweise alle einig zu sein. Ich höre auch keine Untertöne mehr zwischen Jazz und Peter. Wer weiß, vielleicht werden die beiden noch Freunde.

"Wie findest du meinen Namen?", flüstert Hasenhund mir zu, und der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören.
Ich recke mein winziges Pfötchen in die Höhe. "Topp!"

"Mit wem sprichst du denn da, Julie?" Peter geht neben seiner Tochter in die Knie und betrachtet uns, während er Finja über den Hals krault.
"Ich? Mit niemandem."

Peter löst den Blick von uns und mustert Zorro, die Augen zusammengekniffen, dann grinst er und knuddelt die Hasenohren.
"Manchmal höre ich Gespenster. Ich hätte schwören können, dass dein kleiner Freund was gesagt hat." Er schüttelt den Kopf, dann legt er sacht einen Finger auf meinen Bruder Elvis, der ausnahmsweise mal nicht trinkt, sondern pennt, Mamas Zitze zwischen den Lefzen.
"Was meinst du, soll dieser kleine Puschel unser Hund werden?" Julie nickt, ohne ein Wort zu sagen.
"Gute Wahl. Er ist der Stärkste der ganzen Bande." Jazz hockt sich auf der anderen Seite von Julie hin und nickt Peter zu.

"Fröhliche Weihnachten", flüstert Zorro, und ich kann ihm nur zustimmen. "Fröhliche Weihnachten."
Finja singt leise "Mon beau sapin", aber das hört außer uns niemand.

ENDE

Damit ist die Geschichte von Sam, Hasenhund und Jazz zu Ende. Vielen Dank fürs Mitlesen. Ich wünsche Euch und Ihnen frohe Weihnachten und eine besinnliche Zeit im Kreise lieber Menschen.



23. Dezember

Von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Mir bleibt die Luft weg. Ein Knoten bildet sich in meinem Hals. Ich räuspere mich und ergreife Bellas Hände. Wie klein und zart sie - mitsamt dem Hasenhund dazwischen - in meinen liegen.

„Bella, du weißt nicht, wie viel es mir bedeutet. Ich habe meine Dogge Sam verloren, es ist kaum vier Wochen her. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so einsam gefühlt, wie in den Tagen nach Sams Tod. Und nun bin ich hier. Mit dir und Anouk an meiner Seite bin ich nicht mehr allein. Ich danke dir. Für alles.“

Bellas Augen strahlen mich an. Warum ist mir bisher nicht aufgefallen, wie hübsch sie eigentlich ist? Ich streiche ihr eine Locke aus der Stirn und als meine Fingerspitzen ihre Schläfe berühren, pulst mein Herz, als wollte es bersten.

„Ich mag dich, Jazz Kelly.“ Bellas Stimme ist kaum mehr als ein raues Flüstern. „Und seit du hier bist, weiß ich erst, wie einsam ich wirklich war, in den letzten Jahren, trotz Finja und all der Tiere auf dem Hof. Ich danke dir, dass du mich jetzt nicht alleine lässt.“

Ich schließe Bella in meine Arme. Sie lehnt sich an mich. Der Hasenhund liegt warm und weich zwischen uns und noch nie zuvor hatte ich ein so starkes Gefühl dafür, dass richtig ist, was geschieht.

„Wir werden deinen Hof in ein Schmuckstück verwandeln, Bella. Wenn du willst, dann schmieden wir Pläne, wie wir Geld organisieren können um Material zu kaufen, ich habe tausend Ideen im Kopf. Gemeinsam können wir es schaffen. Und selbst wenn wir noch Hilfe brauchen, ich bin sicher, es wird sich ergeben…“ Ich schweige einen Moment, denn mir kommt eine Idee.

„Jazz, du bist ein verrückter Kerl! Wer soll uns denn helfen, wir können doch niemanden bezahlen. Und Stallarbeit ist schmutzig.“

„Wenn du offen bist für Neues, dann gibt es Möglichkeiten. Komm mit in die Küche, Bella. Bei einem Glühwein und Keksen werde ich dir erzählen was mir im Kopf herumschwirrt, und du sagst mir, ob wir es wagen sollen.“

Eins Stunde später schwelgen wir beide immer noch in Plänen davon, das Tierasyl bei den Menschen bekannter zu machen, sie auf den Hof zu holen, für unsere Tierhilfe zu begeistern. Ich ahnte nicht, dass Bella derart viele meiner Ideen schön längst selber hatte, nur eben ohne Hoffnung auf Verwirklichung.

Ich werde all die leer stehende Zimmer renovieren und wir bieten Bauernhof-Ferien für die Kinder der Stadt an, vermieten Zimmer und Übernachtungen auf dem Heuboden für Fahrradausflügler und Abenteuerurlauber.

Bella ist begeistert. Sie will kochen und backen für die Gäste. „Bellas Kuchen“ wird auf dem geschnitzten Schild stehen, gleich neben der Diele, die wir zu einem großen Gemeinschaftsraum mit Gästetischen ausbauen werden, und der auch für Lesungen und gemeinnützige Aktivitäten gemietet werden kann. Draußen werden wir auf dem Platz unter der großen Kastanie, gleich neben den Pony- und Ziegenweiden, einige rustikale Holztische und Bänke aufstellen. Ich sehe alles schon vor mir. Jede Wette, dass meine Wangen ebenso glühen wie Bellas.

„Okay“, sagt sie nun. „Wenn das funktioniert, Jazz, dann glaube ich, dass wir es auf Dauer wirklich schaffen können. Aber bis die ersten Gäste im Frühling kommen können, gibt es mehr als viel zu tun. Und selbst wenn wir die Hypothek auf den Hof noch erweitern, wie sollen wir die ganze zusätzliche Arbeit bewältigen? Heraus mit deinen Gedanken.“

Nun wird es spannend. Ich habe selbst keine Ahnung, ob meine Idee nicht doch eine Spur zu gewagt ist, zu viel Risiko enthält. Und trotzdem, die Idee ist gut. Jeder Mensch hat eine Chance verdient.

„Ich habe dir erzählt, Bella, dass ich seit dem letzten Frühjahr keinen festen Wohnsitz habe, dass ich von Hamburg herübergekommen bin, nachdem meine Werkstatt insolvent gegangen ist. Was ich dir nicht erzählt habe, ist, dass in dem Abbruchhaus, in dem ich die Nächte verbrachte, bevor ich zu dir kam, noch zwei Menschen leben. Doris und Ed. Sie sind nicht mehr ganz jung.“

Bella sieht mich mit großen Augen an und ich zwinge mich weiterzusprechen, bevor mir die Wahnwitzigkeit meiner Idee die Worte raubt. „Ed ist früher zur See gefahren, dann war er Schweißer im Hafen. Eine Krise, über die er nicht spricht, hat ihn aus der Bahn geworfen. Er hat alles verloren. Und Doris, sie ist aus einer gewalttätigen Beziehung geflohen. Das ist noch nicht so lange her, erst diesen Sommer, sagt sie. Sie versteckt sich. Hat Angst, von ihrem Ex-Freund gefunden zu werden. Sie trinkt zu viel, raucht hartes Zeug. Aber sie ist dennoch eine gute Seele.

„Und du glaubst, dass sie es schaffen können, hier zu arbeiten und ein normales Leben zu führen?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Bella. Aber ich weiß, dass es schweinekalt ist, dort in der Ruine, dessen einziger einigermaßen trockener Raum nicht mal ein heiles Fenster besitzt, welches man gegen die Kälte und den Schnee verschließen kann.“

Eine Weile ist es still zwischen uns.

„Wir werden es wagen. Jazz, morgen ist Heiligabend. Wir werden ihn nicht allein verbringen, wenn Ed und Doris uns auf den Hof begleiten mögen. Und wenn der Himmel es gut mit uns allen meint, dann wird Doris mir im Haus helfen wollen und Ed dir draußen auf dem Hof. Du wirst bei mir im Haus schlafen und die beiden vorerst in der Werkstatt. Mir ist klar, dass es nicht einfach wird, wenn es klappt. Aber wenn wir dieses Projekt nicht wagen, bleibt uns nur, was wir bisher hatten. Und das ist zum Leben zu wenig.“

Bella die Gute. Hat sie gemerkt, was sie eben sagte? So hat sie es bestimmt nicht gemeint, aber dennoch wird mir heiß in meiner Fleece-Jacke. „Bella, du bist ein Schatz. Es wird ein wunderbares Fest werden. Aber es gibt noch etwas, worum wir uns gerade morgen noch kümmern sollten.“ Ich hebe den Hasenhund vom Tisch auf und lasse ihn mit seinen langen Ohren schlackern.

Bella lacht. „Oh ja. Weihnachtsgeschenke für Julie. Der Hasenhund wird ihr die vielen Wochen versüßen, die sie noch warten muss, bis der Welpe alt genug ist, um zu Peter und Eliza überzusiedeln.“

„Du kennst Peter und Eliza?“

„Aber ja. Peter war ein guter Freund von Walter. Sie haben früher zusammen Musik gemacht, in der alten Kneipe, am Deich. Als Walter starb, waren Eliza und Peter mir eine große seelische Stütze. Damals war Julie noch ein Baby und Eliza erst seit kurzer Zeit mit Peter zusammen. Aber woher kennst du die beiden?“

„Sam ist vor Elizas Auto gelaufen…“

„Oh.“

Ich erzähle Bella alles. Sie hört mir schweigend zu.
„Ich hatte nicht den Eindruck, dass die beiden eine glückliche Ehe führen“, schließe ich meinen Bericht. „Ehrlich gesagt, ich mache mir Sorgen um Eliza und Julie.“

„Seltsam. Peter ist ein komplizierter Charakter, ja, aber im Grunde ein herzensguter Kerl. Er muss unter extremen Stress gestanden haben. Ich habe nie erlebt, dass er sich so danebenbenommen hat. Er liebt Eliza aufrichtig. Vielleicht ein wenig zu besitzergreifend, ja. Er neigte schon früher zur Eifersucht.“

„Eliza liebt Peter nicht. Da bin ich sicher.“

„Sie liebt ihn nicht so, wie er sie liebt, das stimmt. Aber sie ist ihm zutiefst dankbar dafür, dass er sie aufgenommen und ihr ein Zuhause gegeben hat, als es ihr sehr schlecht ging. Julies leiblicher Vater, ein Bekannter von Peter, hat Eliza übel behandelt und sie sitzen gelassen, als sie schwanger wurde. Und da Eliza in Heimen aufgewachsen ist und dorthin auf keinen Fall zurück wollte, hat sie Peters Antrag angenommen. Er war schon lange heimlich in sie verliebt gewesen. Eliza hat mir das alles erzählt, damals, als es mir schlecht ging, nach Walters Tod. ´Es geht immer irgendwie weiter ´, hat sie gesagt. ´Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich eine neue. Manchmal muss man sehr genau hinschauen, um sie zu erkennen.´ Ihre Worte haben mir geholfen, mit neuem Mut nach vorn zu schauen.“

Ich schenke Bella und mir noch einen Glühwein ein. Ich habe viel Stoff zum Nachdenken bekommen.

„So.“ Bella steht auf. „Ich rufe jetzt endlich Peter und Eliza an. Sie sollen morgen Vormittag herkommen. Dann darf Julie sich einen Welpen aussuchen…“
„… und ich überreiche ihr endlich den Hasenhund.“
„Ja, genau! Ach, ich liebe Weihnachten und all seine Überraschungen!“ Beschwingt tänzelt Bella in Richtung Flur und bleibt prompt mit dem Ärmel ihrer Flower-Power-Bluse an der Türklinke hängen.

Wie die Geschichte von Hasenhund, Jazz und Sam zu Ende geht,
erzählt morgen Angelika Lauriel ...

22. Dezember

Von Heike Schulz

Hasenhund erzählt

Ich werfe Sam einen letzten Blick zu, bevor Jazz mich vor sich auf den Tisch legt. Komisch, ich hatte gedacht, ich wäre erleichtert, Sam loszuwerden. Jetzt muss ich zugeben, dass ich ihn doch ein wenig vermisse. Anouk, an diesen Namen werde ich mich gewöhnen müssen, auch wenn dieses kleine schwarzweiße Bündel für mich immer Sam bleiben wird. Ich seufze. Aber werden sich unsere Wege überhaupt jemals wieder kreuzen? Ich komme bald zurück zu Julie, und eigentlich sollte ich mich darüber freuen. Mache ich ja auch, aber der alte Sam, Jazz und sogar die komische Bella mit ihrer Bulldogge, die so seltsam spricht, sind mir an mein Plüschherz gewachsen.

Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Jazz seine Kaffeetasse hin und her schiebt und dabei die Welpen mustert, die nun selig an Finjas Brust kuscheln.
"Dann wäre das erledigt", seufzt er. "Die Hundchen sind versorgt, alle Stühle sind repariert, die Hundehütte zusammengebaut. Sie müssen nur noch Dachpappe drauf nageln, dann ist sie fertig." Er nippt an seinem Kaffee, der mittlerweile kalt sein muss, aber er scheint es nicht zu bemerken. Ich höre, wie er schluckt und sehe, wie er verlegen auf seine Hände schaut. "Dann werde ich mal mein Zeug zusammenpacken. Es gibt hier nichts mehr für mich zu tun."
Er steht auf, zieht sich seine Fleecejacke glatt, räuspert sich. "Also dann, vielen Dank für alles."

Ich beobachte ihn, und kann es nicht glauben. Der haut einfach ab! Meine Augen schnellen zu Bella hinüber, die ihn sprachlos und ein bisschen traurig ansieht und ihn einfach so gewähren lässt. Das kann doch nicht wahr sein! Tu doch was, möchte ich rufen, lass ihn nicht gehen, aber ich kann ja nicht. Stattdessen sehe ich hilflos zu, wie er ihr mit einem gequälten Lächeln zunickt. Sie lächelt schief zurück, erwidert sein Nicken und scheint wie erstarrt. Er streckt seine Hand nach mir aus, gleich wird er mich packen und unter seine Jacke schieben. Und dann war es das. Er wird zurück in sein Abrisshaus gehen, zurück zur traurigen Doris und zum zahnlosen Ed und zu seinem hässlichen Plastikweihnachtsbaum. Er wird Sam hier zurück lassen und alles war für die Katz! Das kann ich nicht zulassen.

Mit aller Kraft zwinge ich meinen vier Pfoten meinen Willen auf. Na los, macht schon! Ich beiße die Zähne zusammen, und endlich stoße ich mich von der Tischplatte ab und lande im hohen Bogen auf dem Fußboden.
"Das gibt es doch gar nicht!", ruft Jazz. "Bella, hast du das eben gesehen?" Wie selbstverständlich wechselt er zum vertrauten Du.
Er bückt sich nach mir, um mich aufzuheben, doch Bella kommt ihm zuvor. Zumindest beinahe. Tatsächlich bückt sie sich im selben Moment und schon stoßen die Beiden mit den Köpfen zusammen.
"Aua!"
"Entschuldigung!"
"Nein, mein Fehler."
Sie richten sich auf, reiben ihre Stirnen, schauen sich an und brechen in Lachen aus.
"Bist du verletzt?", fragt Bella.
"Nein, ich habe einen ziemlich dicken Schädel", antwortet Jazz und schüttelt grinsend den Kopf.
"Ja, das glaube ich auch." Bellas Lachen klingt, als hätte sie es lange nicht benutzt, aber es gefällt mir. Nicht glockenhell, sondern eher wie eine kaputte Gartengießkanne.
"Hör mal", beginnt sie und dreht mich unschlüssig in ihren Händen. "Ich kann verstehen, wenn du andere Pläne hast, und es ist auch nur so eine Idee - du musst nicht zustimmen, wenn du nicht möchtest..."
Sie knetet meine Ohren, dass ich schon befürchte, sie schraubt sie mir ab. Aufpassen, Mädchen, die sind das Beste an mir, mach sie nicht kaputt!
"Raus mit der Sprache", hilft Jazz ihr auf die Sprünge.
Bella wird rot wie ein Kirschkuchen. "Du hast ja gesehen, dass hier Einiges im Argen liegt. Die ganzen Tiere, das Haus, das Asyl, das wächst mir alles über den Kopf, seit mein Mann..." Sie macht eine Pause und ein Schatten huscht über ihr Gesicht. "Ich schaffe das nicht alleine, du hast ja gesehen, wie ungeschickt ich bin."
"Oh ja", lacht er und befühlt demonstrativ seine Beule, die sich mittlerweile aus seiner Stirn erhebt. "Du bist die reinste Abrissbirne."
Sie lacht wieder ihr Gießkannenlachen und wird noch roter, wenn es überhaupt noch geht. In Gedanken verabschiede ich mich schon von meinen Ohren, die sie nun unter meiner Schnauze verknotet.
"Ja. Darum wäre ich dir wirklich sehr dankbar, wenn du noch ein bisschen bleiben könntest."

Endlich ist es heraus und sie gibt meine Ohren wieder frei.
Jazz schnappt nach Luft. Er schaut Bella an, als sei sie das Christkind persönlich, dann nickt er. "Ja, ich bleibe sehr gerne noch ein Weilchen. Ich würde die Hundebabys zu gerne aufwachsen sehen. Besonders die kleine Anouk. Danke."
"Du magst sie, oder?", fragt sie völlig überflüssigerweise und betrachtet lange das Hundeglück, das in der Wurfkiste zufrieden schlummert. "Dann soll sie auch dir gehören."
Jazz Augen werden groß wie Untertassen. "Wie? Heißt das, du schenkst sie mir?"
Bella nickt nachdrücklich. "Das heißt es."

Ohne dass Bella es bemerkt, balle ich meine Vorderpfote zur Faust. Yes! Hach, ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert! Wenn jetzt der Rest mit Julie, Peter und Eliza auch so glatt gehen würde, aber ich befürchte, da liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor Sam und mir.

Wie diese Arbeit aussieht, erzählt morgen Ilona Hanft ...


21. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam erzählt

Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet: Heute hat Finja geworfen. Hasenhund und ich halten uns schon die ganze Zeit zurück, weil wir in dem Gewusel nicht stören wollen. Ein Glück, dass der Tierarzt rechtzeitig da war und den Welpen auf die Welt geholfen hat. Hasenhund ist von der ganzen Chose genauso beeindruckt wie ich, das kann ich spüren. Aber jetzt wird es Zeit. Eines der kleinen Knäuel dort, die schon den Weg zur Milchquelle gefunden haben, ist noch nicht beseelt. Ich kann das spüren, denn es zieht mich wie magisch zu ihm hin. Wenn wir beide jetzt nicht sehen, dass ich schnellstens den Absprung schaffe, dann wird das Hundekind nicht mehr lange leben.

„Los, Hasenhund, jetzt zeig mal, dass du ein Löwenherz hast. Du musst mich dorthin tragen.“
„Ich? Du bist doch der, der meine Beine bewegt. Ich koordiniere doch nur.“
„Jetzt musst du ran, Sportsfreund. Ich muss mich vorbereiten. Das hier ist eine wichtige und tiefgreifende Angelegenheit. Ich brauche meine ganze Konzentration. Also los, trau dich!“
„Okay, wenn du meinst. Dann bin ich dich endlich los. Und ich kann dann ganz selbständig …?“

Er hört auf zu fragen – vielleicht weil er merkt, dass ich innerlich schon ganz weit weg von ihm bin. Ich muss jetzt den richtigen Übergang schaffen. Schließlich ist dies ein lebendiges Wesen aus Fleisch und Blut, und ich habe mich letzthin ja nur in Polyester- und Baumwollwesen aufgehalten.

Es klappt! Hasenhund torkelt zuerst wie ein Betrunkener, doch dann mit immer sichereren Schritten zur Wurfkiste und übersteigt den niedrigen Rand. Jazz und Bella bemerken uns erst mal nicht, weil sie jetzt einen Kaffee trinken und Bella Jazz mit ihrem Blick zu bannen scheint. Ja, so eine Geburt ist ein überwältigendes Erlebnis, auch wenn es nur winzige Fellknäuelchen sind. Ich ziehe mich aus Hasenhund heraus. „Viel Glück, Kumpel“, raunt er mir noch zu, und dann bleibt er einfach liegen, vermutlich weil er erschöpft ist. Es war eine stramme Leistung, so ganz alleine zu laufen. Ich bin jetzt nichts als konzentrierte, reine Energie, und schwebe die Leiber der Winzlinge entlang. Dies hier ist Elvis, aber der ist schon bewohnt. Ich höre ihn ein fröhliches „I’m nothing but a hound dog“ summen, unterbrochen von Schmatzern, wenn er Milch schlabbert. Dann berühre ich ein süßes kleines Mädel namens Esmeralda. Sie ist auch schon versorgt. Der dritte Welpe heißt Sanchez und saugt besonders kräftig. Also zum letzten Welpen. Ich erschrecke: Sie atmet nur ganz flach, und die Zitze ist aus ihrem Mäulchen gerutscht. Finja leckt aufmunternd über ihr Fell. Diese Kleine ist genauso kohlrabenschwarz wie ihre Mama. Nur auf der Brust hat sie eine weiße Blesse, und außerdem eine weiße Vorderpfote. Wie hübsch sie ist!

„Bitte, beeil dich, sonst verlieren wir sie“, wispert Finja. Also auf! Beherzt suche ich das Mündchen, das halb offen steht, und gleite hinein, breite mich im winzigen Körper aus, sorge dafür, dass die Muskeln Spannung bekommen, die Lunge sich kräftig und weit ausdehnt, und wecke den Hunger in der kleinen Maus. Und dann geschieht das Wunder. Jetzt bin ich sie. Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Hündin bin, und es stört mich nicht. Ich docke sofort an den Mamazitzen an und sauge, was das Zeug hält. Ja, ich habe es gut getroffen: Mein Körper ist ganz gesund, und ich fühle in mir das freundliche, anschmiegsame Gemüt der Bulldogge, aber auch den verspielten Übermut und das Aufgekratzte des Jack Russell Terriers.

„Bella, sieh mal, die Kleine saugt jetzt viel kräftiger als vorhin.“ Das ist Jazz, und ich muss diese Chance nutzen. Ich lasse die Milchbar sausen und drehe mein Gesicht nach oben. Meine Äuglein sind zwar geschlossen, aber ich wittere ja, wo er steht. Anscheinend merkt er etwas, denn ich höre, wie er überrascht schnaubt. „Sie erinnert mich an meinen alten Freund Sam.“

„Möchtest du ihr einen Namen geben? Sie ist die einzige, die noch keinen hat. Komisch. Bei den anderen war es sofort klar.“
„Anouk. Sie soll Anouk heißen.“

Anouk? Na gut, wenn er meint. Ich werde mich sicher daran gewöhnen. Ist ja nicht der schlechteste Name. Ich trinke erst mal weiter bei Finja. „Du bist eine coole Mam, Finja“, sage ich. Nachher werde ich mich mit meinen Geschwistern bekannt machen. Wenn ich mich nicht sehr irre, war ich mit Elvis schon mal zusammen in einem Wurf.

„Ich rufe bei Julies Familie an“, erklärt Bella dann. „Der Papa wartet schon so ungeduldig auf die Welpen. Ich gebe ihm Bescheid. Allerdings werden wir vorerst niemanden zu ihnen lassen. Absolute Schonfrist für die Minis.“ Das hört sich an, als wisse Bella ganz genau, was wir brauchen.
„Da liegt ja der Hasenhund“, sagt Jazz und greift ihn. „Den wollte ich doch Julie auch wieder zurückgeben.“

Wie es weiter geht, erzählt morgen Heike Schulz ...

20. Dezember

Von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Ratlos erhebe ich mich. Irgendetwas muss ich unternehmen. Finja geht es nicht gut und Bella leidet mit ihr. Wir haben der Kleinen Bulldogge viel Zeit und Ruhe gelassen, denn es ist ihre erste Geburt. Aber es geht einfach nicht voran. Sie hat keine Wehen mehr, dabei müsste sie welche haben, wo doch schon die erste Fruchtblase geplatzt ist.

Bella streichelt ihrer knopfäugigen Hündin zart über den Kopf. "Sie wirkt so erschöpft. Ich glaube, sie hat Fieber!"

Okay. Dann ist es jetzt soweit. Ich verdränge den Gedanken an die Kosten
und treffe die notwendige Entscheidung.
"Ich rufe den Tierarzt an. Bleib du bei ihr." Entschlossen betrete ich den Flur, wo das altmodische grüne Telefon mit der verwickelten Schnur steht. Rasch finde ich die rot unterstrichene Nummer des Tierarztes in Bellas Telefonliste. Zum Glück verspricht der Arzt, sich trotz der Feierabendstunde sofort auf den Weg zu machen. Wenigstens hat es seit gestern nicht mehr geschneit.

Während Bella bei Finja auf den Tierarzt wartet, trotte ich in die Küche. Tief atme ich den beruhigenden Duft von Vanillekipferln und Nussmakronen ein. Nervennahrung. Dazu ein starker Kaffee, ja, das wird Bella gut tun. Mir auch.

Als ich die Glaskanne unter den Wasserhahn halte und durch das Fenster über der Spüle in die Dunkelheit starre, muss ich wieder an Eliza denken. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, sie aus meinen Gedanken zu verbannen, doch es will mir einfach nicht gelingen. Nun geht es schon auf Weihnachten zu und immer noch träume ich mir im Kopf zurecht, was hätte sein können, wenn Eliza nicht vergeben wäre, ja, wenn sie nur ein bisschen weniger abweisend reagiert hätte, am Tag nachdem ihr Mann mich rausschmiss.

Aber ich muss wohl akzeptieren, dass sie an mir kein Interesse hat, dass sie gute Gründe haben wird, bei ihrem Mann zu bleiben, der mir einfach nicht sympathisch werden will, obwohl ich auch versucht habe, meine Beobachtungen des frühen Morgens aus anderem Blickwinkel neu zu denken. Aber kann es sein, dass meine Augen mich getäuscht haben? Kann es sein, dass in Elizas Haus der Segen doch nicht so schief hängt, wie es für mich aussah? Was ist Wahrheit? Was ist Trugschluss? Man darf nicht urteilen, wenn man nur einen winzigen Ausschnitt aus der Wirklichkeit kennt.

Hat mein eigenes Begehren mir den Blick auf Peter verschleiert? Hätte ich vielleicht ebenso reagiert, wenn die Frau, die ich liebe, einen fremden Mann zu Tische bittet, extra für ihn kocht und dann in angeregter Unterhaltung mit ihm lacht? Ich komme nicht umhin, mir einzugestehen, dass allein der Gedanke glutrot aufwallende Gefühle in mir erzeugt. Eliza ist Peters Frau. Seine. Wie viele Mal habe ich mir das nun gesagt? Ich muss das hinnehmen. Darf diese Bande nicht zerstören, will auch nicht.

Kann nicht.

Ein bitteres Glucksen hüpft mir aus der Kehle. Ich lebe auf der Straße. Was könnte ich ihr denn bieten? Ihr und der kleinen Julie. Eine Frau wie Eliza braucht ein Gefühl von Sicherheit. Dennoch. Ich zähle auch Geduld und Beharrlichkeit zu meinen Charaktereigenschaften und ein ehrliches Gefühl der Zuneigung für Eliza. Ich kann mit meiner Hände Arbeit mir ein neues Leben schaffen, kann neu erschaffen, was ich verloren habe. Und auch wenn sie Peter niemals für mich verlassen will, so kann ich ihr eine Stütze sein, wenn sie mich lässt. Es braucht Zeit.

Es gibt noch einen Grund Eliza wiederzusehen. Ich habe den Hasenhund. Den werde ich Julie bringen. Das wird Eliza mir bestimmt nicht verwehren und auch Peter nicht. Eine neue Gelegenheit mit ihr zu sprechen, die vielleicht unter besseren Sternen stehen wird. Oder unter einem Mistelzweig?

Die Phantasie ist schöner als die Wirklichkeit. Und ich bin ein Spinner.

Ich schenke Kaffee in zwei Becher, fülle noch Milch und Zucker für Bella hinzu und muss grinsen. Die Wahrheit ist, ich zögere die reale Begegnung mit Eliza hinaus. Tag um Tag. Nicht nur, weil ich nicht weiß, wie sie auf mein erneutes Erscheinen reagieren wird, sondern vor allem, weil ich hier nicht weg will. Weil ich mich über die Maßen wohl fühle, in der Werkstatt bei meiner Arbeit mit dem Holz, und bei den vielen Tieren auf dem Hof.

Und ja - vor allem fühle ich mich mit Bella wohl. Zusammen mit ihr in der weihnachtlich dekorierten Küche bei einer Tasse Tee und den herrlichen Vanillekipferln. Sie taut langsam auf. Das gefällt mir. Sie hat sogar einmal aus tiefstem Herzen gelacht. Das war wunderbar. In ihrer Gegenwart kann ich mein altes Leben ganz und gar vergessen.

Melancholie packt mich am Kragen. Ich kann nicht einfach so bleiben. Muss zurück zu Ed und Doris. Bella hat kein Geld um mich nun auch noch mitzuversorgen. Im Gegenteil, ich vermute, sie hat sogar Schulden. Doch seit ich hier bin, verwöhnt sie mich regelrecht mit leckeren Mahlzeiten. `Wer gut arbeitet, muss auch gut essenŽ, sagt sie, doch ich glaube, Kochen und Backen macht ihr einfach Spaß. Spaß, den sie sich nicht leisten kann.

Der Türklopfer reißt mich aus meinen Gedanken. Ich lasse den Tierarzt herein, den Bella sich ebenfalls nicht leisten kann und geleite ihn zum Büro, wo Finja ihre Wurfkiste hat. Ich mache mich erneut auf den Weg in die Küche, um Bella und auch ihm eine Tasse Kaffee zu bringen.

Endlich.

Eine Stunde später hat Finja die schwierige Geburt mithilfe des Tierarztes überstanden. Ich hocke neben Bella und wir beide schauen mit andächtigem Blick auf die vier so verschiedenfarbigen Welpen, die unter der Wärmelampe an Finjas Bauch gekuschelt schlummern.

Wie es weiter geht, verrät morgen Angelika Lauriel ...

19. Dezember

Von Heike Schulz

Hasenhund erzählt

Das ist ja wohl echt nicht Sams Ernst. Also jetzt wirklich. Erst lässt er mich einfach so zurück wie die Petersiliengarnitur auf nem Teller, und nun schneit er so mir nichts, dir nichts wieder herein und denkt, ich müsste mich auch noch darüber freuen.
"Sag mal, tickst du noch ganz sauber?", ranze ich ihn an. "Ich war so knapp davor. Soooo knapp!" Zur Demonstration halte ich meine Ohrenspitzen dicht zusammen. "Ich musste nur noch abwarten, dass Jazz hier fertig ist und mich wieder zu Julie trägt, und alles wäre paletti gewesen. Aber jetzt, mit dir an der Backe, kann ich das wohl vergessen." Ich verschränke die Pfoten vor meiner Brust und schmolle, doch die Wirkung verpufft irgendwie, wenn derjenige, den man anschmollen will, in einem steckt.
"Komm schon, wir sind doch ein Superteam", antwortet Sam und zupft aufmunternd an meinem Lieblingsohr. Also, ich meine, ich zupfe daran. Nein, nicht direkt ich, sondern er mit meiner Pfote. Ach, ich weiß auch nicht so genau, ich bin verwirrt.
"Außerdem, Kumpel", setzt er hinzu, "ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber so, wie es aussieht, stehst du nicht gerade ganz oben auf seiner Prioritätenliste."
Ich ziehe die Nase kraus. "Meinst du?"
"Ja, meine ich. Ich kenne Jazz schon mein Leben lang. Wenn er so eifrig bei der Sache ist, vergisst er alles. Nimms nicht so schwer, wir finden sicher eine andere Lösung."
Aber ich will keine andere Lösung. Ich will zu Julie. Der Gedanke, bald für immer bei ihr zu sein, von ihr einen Namen zu bekommen, hat mich in all dem Schlamassel aufrecht gehalten.
"Und wie soll die aussehen?", frage ich gedehnt.
"Also, als Erstes müssen wir irgendwie zu Finja. Wenn du mich fragst, ist sie der Schlüssel zu allem. Hast du denn schon vergessen, was dieser Peter gesagt hat? Er will Julie und Eliza einen Hundewelpen schenken. Wenn du also zu Julie willst, musst du zu den Welpen, ist doch logo, oder? Und weil ich das zufälligerweise auch will, haben wir beide ziemlich gute Karten, denn zusammen bekommen wir das viel besser hin, als jeder für sich, kapische?"

Ich denke über Sams Worte nach und muss ihm widerwillig zustimmen. Da ist wirklich was Wahres dran.
"Und wie wollen wir das anstellen?", will ich wissen.
"Ich denke, ich habe einen ziemlich guten Draht zu ihr. Wenn sie das nächste Mal hier angewackelt kommt, sage ich ihr, dass sie mich, ich meine, uns, unbedingt zu ihrem Körbchen mitnehmen muss. Dann bin ich gleich dabei, wenn die Welpen kommen, und wenn Peter dich sieht, erinnert er sich sofort an dich und nimmt dich wie versprochen mit zu Julie."
Das klingt plausibel, und so mache ich es mir in Jazz' Bett gemütlich und warte. Der Nachmittag geht vorbei, dann bricht der Abend an, aber weder Jazz noch Finja kreuzen auf.

"Ich glaube, da ist was passiert", murmelt Sam, als allmählich die ersten Sterne durch das Fenster scheinen. "Komm, wir sehen mal nach." Mit einem Satz hüpft er vom Bett und landet auf der Nase. "Hilf mal mit", kommandiert er.
Normalerweise lasse ich mir ungern sagen, was ich mit meinem Körper zu tun oder zu lassen habe, doch diesmal stimme ich ohne zu zögern zu. Gemeinsam rappeln wir uns auf meine vier Pfoten und schleppen uns zur Werkstatttür. Dummerweise ist sie verschlossen, doch daneben ist eine alte Katzenklappe, durch die wir uns hindurch quetschen.

Eisiger Wind pfeift uns um die Ohren. Es hat zu schneien begonnen, und wäre ich nicht aus Plüsch, würde ich jetzt sicher frieren. Oder mit den Zähnen klappern, wenn ich welche hätte.
"Da lang", übernimmt Sam die Führung und bringt uns zur Hintertür des Wohnhauses. Auch hier hat Bella eine Katzenklappe angebaut, doch davor kauert ein fetter Perserkater und guckt uns mürrisch an.
"Cool bleiben", wispere ich und straffe die Schultern. Beherzt marschiere ich auf den Kater zu. "N'Abend", begrüße ich ihn beiläufig und will mich an ihm vorbei quetschen, doch anscheinend hält sich das Katzenvieh für eine Art Türsteher.
"Du kommst hier nicht rein", faucht er und betrachtet gelangweilt seine Krallen.
"Und wieso nicht?", frage ich.
"Falsche Ohren", murrt er. "Zieh Leine."
"Und jetzt?", wispert Sam.
"Lass mich mal machen", wispere ich zurück und deute hektisch Richtung Katzenhaus. "Mäusealarm!", brülle ich aus Leibeskräften. "Da drüben, ganz viele!"
Wie angestochen springt der Perser auf und jagt in wilden Sätzen davon.
"Tsss, Katzen", lache ich. "Die sind sowas von dämlich." Vergnügt beobachte ich, wie der Kater seinen imaginären Mäusen hinterher jagt und frage mich still, wie lange er wohl braucht, bis er kapiert, dass ich ihn veräppelt habe.
"Komm, lass uns rein gehen", erinnert Sam mich an unseren Plan und übernimmt wieder die Führung.

Wir quetschen uns durch die Katzenklappe und schleichen uns in den Hausflur. Ohne Umwege bringt Sam uns in Bellas Arbeitszimmer, wo Bella und Jazz um Finjas Körbchen herum hocken. Einen Moment lang fürchte ich, dass man uns entdecken könnte, doch meine Befürchtungen sind völlig überflüssig. Beide, Jazz und Bella, haben uns nicht bemerkt. Sie hätten es wohl auch nicht mitbekommen, wenn plötzlich eine Herde Elefanten durchs Haus spaziert wäre, denn sie haben nur Augen für das, was da gerade geschieht. Beide scheinen ziemlich in Panik zu sein und obwohl ich mich mit Geburtshilfe nicht besonders auskenne, kapiere selbst ich, das da irgendwas ganz und gar nicht so läuft, wie es sollte.

Morgen erzählt Ilona Hanft, wie es weiter geht ...


18. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam erzählt

Was? Ich lache laut los, muss geradezu brüllen vor Lachen. Ein Jack Russell Terrier mit einer reinrassigen französischen Bulldogge. Zu herzig! Ich fange an zu baumeln, d.h. der Esel, der sich widerwillig in den letzten Tagen an meine Gegenwart gewöhnt hat, fängt an zu baumeln. Er kämpft ständig gegen mich an und was soll ich sagen: Er ist echt stur!

Diese Tage waren heftig. Nie wieder werde ich einem Langohr auch nur ein Stückchen zu nahe kommen. Anstatt mir dankbar zu sein, dass ich ihn überhaupt erst ins Leben gerufen habe, lässt der Griesgram keine Sekunde vergehen, ohne mir auf die eine oder andere Art zu verstehen zu geben, dass er mich gerne wieder los wäre. Und was ist mit meinem Jazz? Er hat nix kapiert. Einfach gar nix. Vielleicht ist er zu abgelenkt. Noch immer checkt er nicht, dass ich, sein treuer Freund Sam, in der Nähe bin und mich nach ihm sehne. Bellas Schlüsselbund beachtet er einfach nicht, obwohl sie ihn und damit mich so oft mit sich herumträgt. Immerhin hängen nicht nur der Auto- und Hausschlüssel an IA und mir fest, sondern auch der Schlüssel zur Werkstatt. Tja, aber Bella hat mir bisher auch keine Gelegenheit gegeben, irgendwo anders einzuziehen. Finja hingegen .

Ja, die französische Bullydame hat sich sofort mit mir angefreundet. Von den Menschen kriegt es keiner mit, wenn sie mit mir parliert. Ich dachte zwar schon ein paar Mal, dass Bella doch Finjas Sprache verstehen muss, so wie sie sie anspricht.
"Finja, mein Mädchen, geht es dir gut? Willst du jetzt dein Fresschen?"
Wenn Finja dann antwortet: "Oh, mondjöh, ich dachte schon, ich müsse eines elendigen 'ungertodes sterben, 'er damit!", dann versteht sie es ganz offensichtlich. Wie dem auch sei, meine Unterhaltungen mit der jungen Französin rauschen an ihr vorbei. Vielleicht ist es auch gut so. Finja beklagt sich nicht oft, wirklich nicht. Sie freut sich auf ihre Babys. Wer der Vater ist, hat sie mir bisher nicht verraten. Deshalb muss ich ja so lachen. Wenn sie nicht so pechschwarz wäre, dann würde sie sicher genauso erröten wie ihr Frauchen, wenn Jazz ihr eine Weile zu lang in die Augen sieht.

Überhaupt - die beiden! Bella hat sich hoffnungslos in den Guten verguckt. Wie es um ihn steht, weiß ich allerdings nicht genau, dazu bin ich ja zu selten in seiner Nähe. Ich sehe nur, wie er aufgeblüht ist, seit er wieder mit Holz arbeiten kann. Bella hat indessen begonnen, das ganze Bauernhaus zu schmücken. Sie hängt Sterne in die Fenster, stellt Weihnachtssterne auf die Fensterbänke und zündet abends den Adventskranz an. Wenn Jazz in der Werkstatt arbeitet, backt sie herrlich duftende Plätzchen - immer dann, wenn sie Zeit findet. Die meisten packt sie ab, um sie zu verkaufen, damit Geld hereinkommt für die Tiere. Und die Tiere nehmen natürlich einen großen Teil ihrer Zeit in Anspruch. Bei alledem habe ich sie als warmherzige Frau kennengelernt.

Das tröstet mich aber nicht darüber hinweg, dass ich mich noch immer nach der Gegenwart von Jazz sehne. Finja und ich haben zwar bereits einen tollen Plan geschmiedet, aber vorerst fühle ich mich noch wie . ja, wie zwischengelagert. Ehrlich, da habe ich mich in Hasenhund viel wohler gefühlt. Und deshalb: Ich sehe, wie Finja meinen langohrigen Plüschfreund unter Jazz' Kopfkissen hervorzieht und es sich mit ihm gemütlich macht. Er kriegt natürlich sofort wieder Panikattacken, dabei kuschelt sie ja nur mit ihm. Und ich? Ich nutze die Gunst der Stunde. Bella steht dicht bei Jazz' selbstgebautem Bett, und wir sind ja eh noch am Baumeln, weil ich so lachen musste. Nichts leichter, als das Baumeln ganz gezielt noch ein wenig zu verstärken.
"Jetzt oder nie, IA, wenn du mich los sein willst, dann mach gefälligst mit!" Endlich kapiert das Graufell, was ich von ihm will, und schwingt heftig mit.

"Huch!" Bella fährt herum und schaut überrascht auf uns hinunter. Wir sind mit allen Schlüsseln auf das Bett geplumpst, und ich mache mich hauchdünn, schwebe über Finjas ausgestreckten Vorderlauf bis hin zu Hasenhunds Kopf. Er verfolgt alles mit unglücklichen Augen. Endlich komme ich bei ihm wieder an.
"Hallo, Kumpel! Na, freust du dich?"

"Du schon wieder", brummelt er. "Hatte mich gerade daran gewöhnt, alleine klarzukommen."
"Hör mal, du brauchst nicht mehr lange auszuhalten, dann bin ich endlich weg. Wie gefällt dir der Name Elvis?"
Mein Freund scheint sich aber partout nicht begeistern zu können. "Du spinnst ja. Ich will zu Julie, sonst gar nichts. Verstehste?"

Und morgen setzt Heike Schulz die Geschichte fort ...



17. Dezember

von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Ich hätte nie gedacht, dass mein Leben innerhalb weniger Tage so eine Wende nehmen kann. Als ich am nächsten Morgen zur Werkstatt zurückkehrte und die Dachpappe dort suchte, wo Bella mir geraten hatte, habe ich einen alten Kohleofen entdeckt. Natürlich war mein Ehrgeiz geweckt und ich hab das Ding - nach einigen Kämpfen mit dem verstopften Schornstein - wieder zum Heizen gebracht. So macht die Arbeit gleich doppelt so viel Freude und ich habe ordentlich losgelegt. Inzwischen nagele ich die Dachpappe schon auf die dritte Hundehütte.

Nachdem ich noch am gleichen Tag Bellas komplette Küche repariert hatte, hat sie für uns gekocht. Deftige Kürbissuppe. Es blieb nicht aus, dass wir ins Gespräch kamen. Und da Bella, wenn sie ihre Verlegenheit für einen Moment vergisst, einfach sagt, was sie denkt, erfuhr ich, dass sie es für nötig hält, dass ich mich gründlicher wasche. Daraufhin bin ich mit der Sprache herausgerückt, dass es mir zur Zeit leider an Möglichkeiten fehle. Sie war einigermaßen geschockt. Aber dann hat sie gesagt: "Ich nehme herrenlose Hunde, alte, halbblinde Pferde und herzkranke Kaninchen zu mir, warum also nicht auch einen Obdachlosen?"

Bella hat mir also, im Gegenzug dafür, dass ich ihr ein paar Tage lang helfe den Hof und die verkommenen Stallungen zu reparieren, einen Platz zum Schlafen in der Werkstatt angeboten und ihre Dusche. Die nächsten Tage lebe ich auf jeden Fall sicher, warm und sauber, ich habe Arbeit, die ich liebe und Bella kocht für uns. Sie kocht fantastisch!

Ob sie sich keine Sorgen mache, einen gänzlich fremden Mann zu beherbergen, habe ich sie gefragt. Sie verlasse sich bei solchen Entscheidungen grundsätzlich auf ihr Bauchgefühl, meinte sie, und das sei bei mir ... ja, da hat sie ein bisschen gezögert. Und ich meine, ich hätte eine Spur Purpur auf ihren Wangen leuchten sehen, bevor sie schließlich gestottert hat, es sei "ganz in Ordnung".

Bei der Erinnerung daran, wie heftig sie blinzeln musste, schmunzele ich auch jetzt noch in meinen Dreitagebart. Sie flattert immer mit ihren Schmetterlingswimpern, wenn sie verlegen oder aufgeregt ist. Ich glaube, diese Frau ist schon ein bisschen zu lange allein.

Einsam. Ja. Sie ist einsam, das habe ich deutlich gespürt. Ihre Verlegenheit und Schusseligkeit, wenn ich in der Nähe bin, ist schon außergewöhnlich. Sie verstummt jedes Mal, wenn ich den Raum betrete während sie mit ihrer Bulldogge Diskussionen darüber führt, welche Namen die Welpen bekommen sollen. Und wenn ich mir noch so viel Mühe gebe, es nicht zu beachten, so bin ich doch schon darauf vorbereitet, dass es sicher nicht lange dauert, bis sie stolpert, ausversehen ganze Papierstapel vom Tisch fegt oder neben den Blumentopf gießt, wenn ich sie etwas frage. Inzwischen brülle ich schon im Hausflur ihren Namen, damit sie darauf vorbereitet ist, dass ich die Küche oder das Büro betrete. Aber das Lächeln, welches sich auf ihrem Gesicht ausbreitet, wenn ich ihr einen reparierten Stuhl oder eine leise gangbare Besteckschublade zeige, fegt für einen Moment ihre ganze Unsicherheit weg und lässt mich ahnen, wie sie war, bevor ihr Mann starb und sie mit ihrem Herzenswerk allein zurückließ.

Es klopft an der Werkstatttür und die große Spange von Bellas verwuschelter Hochsteckfrisur klötert gegen die Butzenscheiben, gleich darauf schlägt dumpf das Ende der großen Teppichrolle, die sie im Arm trägt, an die Tür. Sie hat den Blick anscheinend am Boden, was nur heißen kann, dass sie in ein Gespräch mit Finja vertieft ist.

"Hallo Jazz."
Ich eile zur Tür und nehme ihr den Teppich ab. "Hey, Bella."
"Können Sie den vielleicht gebrauchen? Er ist so schön rot. Ich dachte, er könnte vor der Matratze dafür sorgen, dass Sie keine kalten Füße bekommen."

Er ist genauso rot wie du, meine Liebe. Ich lächle sie an. "Das ist wirklich eine gute Idee."
Ich schleppe den Teppich in den hinteren Bereich der Werkstatt, wo die Matratze gleich neben dem Bollerofen liegt. Bella hat sie mir von der leeren Seite ihres Ehebettes überlassen. Kaum habe ich den Läufer ausgerollt, watschelt die hochschwangere Finja über den Flor, klettert auf meine Matratze und zieht - wobei nun ich rot zu werden drohe - den Hasenhund unter meinem Kissen hervor. Gähnend macht sie sich darauf lang. Dann steckt sie die Schnauze unter eines der langen Karnickelohren und schließt laut seufzend ihre großen Kulleraugen.

Bella folgt meinem Blick. "Sie wird in den nächsten Tagen werfen."
"Wie kommt es, dass sie kurz vor Weihnachten trächtig ist? Ist das so üblich bei französischen Bulldoggen?"
Jetzt lächelt Bella, etwas wehmütig wie mir scheint. "Oh, das war nicht geplant. Die kleine Madame ist ausgebüxt und hat sich so ihren Lover selbst ausgesucht. Der Vater ihrer Welpen ist ein Prachtkerl vom Hof gegenüber. Nur leider ist er keine Bulldogge, sondern ein Jack Russell."

Was danach passiert, verrät morgen Angelika Lauriel ...



16. Dezember

Von Heike Schulz

Hasenhund erzählt

Das läuft ja wie ein Länderspiel. Eben noch liege ich im Körbchen dieser pummeligen Finja, die mir auf den Kopf sabbert und komisches Zeug in die Ohren säuselt. Dann steht plötzlich Jazz da und erklärt der Hundefrau, dass ich zu ihm gehöre und er mich einem kleinen Mädchen schenken will. Leute, ich bin wieder obenauf! Ich komme endlich zu Julie zurück! Klar, jetzt nur noch schnell den Stuhl reparieren, den Bella mit ihrem Popo geschrottet hat, und dann kann's los gehen.

Von meinem Platz auf der Werkbank aus beobachte ich, wie Jazz nach hinten verschwindet und werfe einen Blick zu Sam. Der baumelt noch immer als Esel an Bellas Schlüsselbund und sieht aus, als würde er gleich einen Ohnmachtsanfall erleiden. Tja, mein Lieber, wärst du mal besser beim ollen Hasenhund geblieben. Ich winke ihm lässig mit meinen Ohren zu, da sehe ich, wie er sein Maul öffnet. Er will doch nicht etwa?
Fasziniert warte ich darauf, dass er nach Jazz ruft. Ein Plüschtier, das Laute produzieren kann, das wäre mal was ganz Neues, doch anstatt eines satten Bellens ertönt nur ein schrill panisches IIIIIIAAAAAAAA!

Erschrocken lässt Bella den Schlüsselbund fallen, während Finja etwas winselt, was so ähnlich wie "mondjöh" klingt. Einen seltsamen Dialekt hat sie, diese Finja. Kommt bestimmt von Außerhalb.

"Alles in Ordnung, Bella?", ruft Jazz aus dem hinteren Bereich der Werkstatt.
"Alles in Ordnung", antwortet Bella und betrachtet verdutzt zuerst den Esel, der zu ihren Füßen liegt, und anschließend ihre Hand. "Ich habe nur meinen Schlüssel fallen lassen. Für einen Moment dachte ich...", sie schüttelt den Kopf und hebt den Esel auf. "Ich werde wohl langsam wunderlich."
"Was dachten Sie?", fragt Jazz, der nun mit einem armlangen Stück Kantholz zurückkehrt.
"Sie werden mich für verrückt halten, aber es hat sich gerade so angehört, als hätte mein Schlüsselbund geschrien." Sie lacht, als ob sie einen besonders originellen Witz gerissen hätte, doch es klingt eine Spur zu nervös und aufgesetzt. "Ähm, ich meine den Esel an meinem Schlüsselbund. Nicht den Schlüsselbund selbst, natürlich."
"Den Esel. Natürlich." Jazz grinst verstehend und widmet sich seinem Stuhlbein.
Bellas Gesichtsfarbe wechselt zu einem bemerkenswert prächtigem Pink. "Ich glaube, ich lasse Sie lieber alleine", stammelt sie, stopft den Schlüssel mitsamt Esel in ihre Jackentasche und zieht mit Finja von dannen.

"Mein Schlüsselbund hat geschrien", murmelt Jazz und lacht leise vor sich hin, während er das Kantholz in eine Drechselbank einspannt. "Mir scheint, die gute Bella ist ein bisschen überarbeitet."
Da kann er Recht haben, denn als ich mich umsehe, erkenne ich nicht nur einige halbfertige Stühle, sondern auch noch ein paar Bretter, die wohl irgendwann eine Hundehütte hätten werden sollen.

Ein bisschen tut sie mir ja Leid, die Bella, und das nicht nur, weil sie so viel um die Ohren hat (und mit Ohren kenne ich mich aus). Jetzt glaubt Jazz auch noch, sie hätte nicht mehr alle Polyesterflocken in der Füllung. Dabei hat sie wirklich etwas gehört, und Finja auch. Ein Plüschwesen kann also Geräusche machen, die auch ein erwachsener Mensch hört. Soso. Das muss ich mir unbedingt merken, wer weiß, vielleicht kann mir das mal nützlich sein.

Während ich so über diese interessante Erkenntnis nachdenke, repariert Jazz nicht nur den Stuhl, sondern noch drei weitere. Ich beobachte ihn mit wachsender Faszination. Er hat es wirklich drauf. Seine Hände bearbeiten mit schlafwandlerischer Sicherheit das Holz, und nach einiger Zeit beginnt er sogar, eine Weihnachtsmelodie vor sich hin zu summen. Mittlerweile ist es dunkel geworden und das Mondlicht scheint durch die vereisten Werkstattfenster. Nachdem Jazz mit den Stühlen fertig ist, untersucht er die Einzelteile der Hundehütte und schnalzt skeptisch mit der Zunge.

"Ob sie wohl Dachpappe hat?", murmelt er und schaut sich um. "Bella?" ruft er über die Schulter, doch anscheinend ist sie wieder ins Haus gegangen. Zumindest kann sie ihn nicht hören. Seufzend richtet er sich auf und geht zur Tür. zufrieden lächelnd wirft er einen letzten Blick in die Werkstatt, dann löscht er das Licht und geht.
Er geht. Einfach so.
Und mich lässt er auf der Werkbank liegen. Anscheinend hat er mich total vergessen.

Morgen erzählt Ilona Hanft, wie es weiter geht ...


15. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam erzählt

Ich verfolge das Geschehen von meinem undankbaren Platz auf dem Sideboard aus. Irgendwie ist heute nicht mein Tag. Hatte ich Hasenhund schon so sehr bestärkt, dass er sogar selbst Bewegungen ausführen kann, und zwar mehr als nur die Ohren heben oder die Augen rollen, so kriege ich mit dem kleinen Eselchen hier erst mal nichts hin. Ich meine, gar nichts. Ü-ber-haupt nichts. Woran das liegt, ist natürlich völlig klar: Die kleine Grauhaut hat keine eigene Seele. Hmm, mal nachdenken. Alles, was mal beseelt war, behält immer auch ein wenig davon zurück, heißt es. Keine Angst, das bedeutet nicht, dass ich meine Seele an den IA verlieren könnte. Aber wenn alles gut läuft, dann müsste ich es eigentlich schaffen, den Kleinen wenigstens ein bisschen lebendig werden zu lassen.

Während ich mir so meine Gedanken mache, strenge ich mich richtig an, um nach und nach einen Tick Leben in meinen neuen Partner zu bringen. Es ist echt schwierig, aber irgendwann gelingt es mir, den Vorderhuf zu heben. Und als merke das Langohr, dass es auch noch etwas anderes gibt, als sich tatenlos herumhängen zu lassen und doof irgendwo zu baumeln, geht mit einem Mal ein Ruck durch ihn: Er erwacht. Dass er das so schnell auf die Reihe kriegt, hätte ich nie gedacht. Tja, so ein Muli ist doch immer für eine Überraschung gut. Hasenhund wird Augen machen. Ich habe doch genau gemerkt, dass er stinkig war - und zwar in jeder Hinsicht des Wortes - als ich ihn verließ. Nun, ich hoffe trotzdem, dass er meine Handlungsweise verstehen wird.

Gut, nun habe ich Muli also soweit, dass er erkennt, ein lebendiges Ding zu sein. Aber was nützt es mir? Er fängt sofort an, mich mit Abertausend Fragen zu bombardieren. Wo komme ich her, wo gehe ich hin, ist das normal, dass man sich innerlich mit jemandem unterhalten kann usw. usw. Als nächstes will er seine eigenen Kräfte ausprobieren und torpediert damit alles, was ich machen will! Nämlich aus dieser vermaledeiten Schüssel heraus und in die Nähe von Hasenhund - der jetzt nicht mehr stinkig ist - und Finja gelangen. Finja hat natürlich längst bemerkt, dass Hasenhund kein gewöhnliches Plüschtier ist, und geht mit ihm ausgesprochen behutsam um, das hat sie mir schon mitgeteilt. Wie das? Natürlich in ihrer Hundesprache, die ich als Seele eines echten Hundes sofort verstehe, auch wenn sie einen ganz eigenen Akzent spricht. "Salut, mon petit. Ah, etzt bis du nur noch eine, nisch wahr?", hat sie auf Hasenhund eingesprochen, aber leider ist der Arme noch nicht so weit, dass er antworten kann. Viel zu lernen er noch hat.

Ich beantworte also geduldig Mulis Fragen, versuche gleichzeitig, mit Engelszungen an ihm zu reden, dass er mich doch bitte mal die Führung übernehmen lässt (auf dem Ohr ist er allerdings taub, scheint mir) und lausche, was Finja so mit Hasenhund anstellt. Da klingelt es, Bella öffnet die Tür, und kaum zu glauben, aber Jazz steht da. Mein Jazz!
Es dauert gar nicht lange, bis Bella verstanden hat, dass Jazz den Hasenhund haben will. Finja flüstert: "Dommage, aber isch verstehe disch. Wenn kleines Mädchen disch liebt, du muss gehen. Au revoir."

Edelmütig, diese Bullydame! Ich bin gerade mit heißgelaufenen Ohren damit beschäftigt, endgültig Mulis Beine und Arme zu bewegen, auch gegen seinen Willen, um aus der Schüssel hinauszukriechen, da höre ich, wie Jazz Bella anbietet, den Stuhl zu reparieren. Ich hänge schon mit den Vorderbeinen über dem Rand der Schüssel und rutsche mit den Hinterhufen auf dem glatten Untergrund immer wieder ab in dem Versuch, mich darüber zu hieven, da kommt Bella, Jazz mit Hasenhund im Schlepptau, zu dem Sideboard her, legt eine Sekunde den Kopf schief, als sie mich sieht, grabscht dann nach mir und geht Jazz zielstrebig voraus zur Tür hinaus. "Komm, Finja", lockt sie noch, und die beleibte Hündin zockelt hinterher. Ich baumele vom Schlüsselbund herunter, als hätte ich nie ein Leben gehabt. So frei schwebend ist es echt schwer, die Kontrolle über einen Plüschesel zu behalten.

Wir gehen über den Hof zu einem Schuppen, stabil gebaut, aber anscheinend unbenutzt. Bella schließt die Tür auf und lädt Jazz mit einer Handbewegung ein, hineinzugehen. Schon bevor ich etwas sehen kann, rieche ich es. Mir geht das Herz auf.

Holz! Ich rieche alte Hobelspäne, Kleister, Maschinenöl, Lack, Leinöl . kurz und gut: Alles, was zu einer echten Schreinerei gehört. Das muss für Jazz wie Nach-Hause-Kommen sein! Und tatsächlich, ich wittere, wie sehr ihn dieser Anblick berührt. Wir Hunde erkennen ja am Geruch von Menschen, ob sie gut drauf sind oder nicht. Und eines ist klar: Sofort ist Jazz gut drauf!

"Wow!" Er geht auf einen riesigen Werktisch zu, an dem zwei oder drei Gerätschaften befestigt sind, und streichelt über die alten Metallteile. Dann entdeckt er die Bandsäge, den Hobeltisch, die Böcke, auf denen noch ein Holzteil liegt. Gerade so, als habe jemand mitten in der Arbeit aufgehört und die Werkstatt verlassen. Er dreht sich zu Bella. Jetzt kann ich sein Gesicht erkennen; sie hat nämlich den Schlüsselbund an die Brust gehoben und drückt ihn dagegen.

Jazz schluckt. "Wissen Sie, ich hatte auch eine eigene Werkstatt ."
"Was ist passiert?", fragen Bella und Finja gleichzeitig. Die Bullydame steht unmittelbar vor Bella und hat das Gesicht mir entgegengereckt. Unverwandt mustert sie mich mit ihren Murmelaugen.
"Die Krise", sagen Jazz und ich wie aus einem Mund. Beide Damen nicken verstehend.
Jazz spuckt sich in die Hände. "Ich mache hier ein wenig Ordnung, wenn Sie möchten, und dann repariere ich sofort Ihren Stuhl." Er lässt den Blick schweifen. "Wenn ich mich nicht sehr irre, stehen da hinten noch ein paar Teile, aus denen mal Stühle werden sollten." Er wirft Bella einen bittenden Blick zu. "Darf ich vielleicht .?"

Bella lässt die Hand wieder sinken und atmet tief aus, dann lächelt sie so breit, dass Finja ein erstauntes, kleines "Wuff" rauslässt. "Und ob Sie dürfen. Diese Werkstatt gehörte meinem Opa, dann meinem Mann, und seit er gestorben ist, hat sie niemand mehr benutzt."

Jazz spuckt sich ein weiteres Mal in die Hände. "Na, dann los." Er legt Hasenhund sorgfältig auf dem großen, mit Teppich bespannten Werktisch ab, und geht etwas tiefer in die Halle hinein. Hasenhund hebt beide Ohren, als wolle er mir damit zuwinken.

"Na denn, du auch", sagt Finja unmissverständlich zu mir und bedenkt mich wieder mit diesem Mogli-Blick. Ich gebe mir einen Ruck, und ausnahmsweise ist Muli mit mir einer Meinung: Dies ist der richtige Moment!

Ich brauche nicht lange, um mir die Worte zurechtzulegen, und rufe laut: "Hier bin ich, Jazz! Kannst du mich hören?"
Doch was ist das? Aus meinem Mund kommt nur ein langgezogenes "IAAAAAH!"

Was nun? Das erzählt morgen Heike Schulz ...

 


14. Dezember

Von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Ich betrete das kleine Büro am Ende des düsteren Flures.

Da sitzt sie, die Frau, mit der ich im Waschsalon zusammenstieß. Sie sitzt hinter einem überladenen Schreibtisch in einem Büro, dessen Möbel abgenutzt und schäbig wirken, so wie auch die Türen und Fenster des alten Bauernhofes. Deutlich ist zu spüren, dass hier jeder Cent den vielen Tieren zu Gute kommt, die ich auf dem Hof herumlaufen sah. Dennoch sehe ich auch, dass sich jemand hier wirklich Mühe gegeben hat, den Raum trotz der offensichtlichen Armut wohnlich zu gestalten.

"Einen Moment bitte", murmelt sie, ohne den Blick vom Computerbildschirm abzulassen, während ihre Finger in Rekordgeschwindigkeit tippen. "Ich muss nur schnell ..." Sie verstummt, konzentriert auf die Worte, die sie in die Tasten hämmert.

Ich schaue mich um. Neben der Frau, in einem Körbchen an der Heizung, schläft die dicke französische Bulldogge, von der ich heute Morgen schon dachte, dass sie bald platzen müsste. Jetzt liegt sie zusammengekugelt mitten auf dem kleinen Tier, das ich suche. Ich bin also richtig.

"Eben noch speichern", murmelt die Frau und erklärt, ohne aufzusehen: "Ich schreibe nämlich gerade eine weitere Geschichte für den Adventskalender unserer Tierasylhomepage. Der ist jedes Jahr sehr beliebt, macht die Leute auf uns aufmerksam und auch darauf, dass man spenden darf, um unseren Tieren zu helfen. So. Fertig."

Endlich blickt sie von ihrer Schreibarbeit auf, schiebt ihre Brille zurecht und starrt mich an.
"Guten Tag", grüße ich freundlich.
"Ah, guten Tag. Entschuldigen Sie, aber Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Kenne ich sie nicht aus dem Fernsehen? Aus der Serie ŽGegen den Wind`? Die spielte doch da irgendwo an der Küste."

Ich grinse und wische meine Pudelmütze vom Kopf. "Nein, nein, Sie verwechseln mich sicher. Tatsächlich sind Sie mir erst heute Morgen begegnet. Vielleicht komme ich Ihnen deshalb so bekannt vor."

"Na sowas", sagt sie. "Wo hatte ich nur wieder meine Gedanken. Ich kann mich gar nicht erinnern."
"Ich bin hier, weil ich meinen Hund verloren habe."
"Oh, das tut mir aber leid für Sie."
Ich bin irritiert. Sieht man mir immer noch so sehr an, dass Sam mir unendlich fehlt? "Ähm, nein, ich meine einen anderen ...", ich komme ins stottern. "Also, ich meine, ich habe ihn nur vorübergehend verloren, deshalb bin ich ja hier."

"Ach so!" Erleichtert atmet sie auf. "Na, da hätte ich ja auch mal von selbst drauf kommen können."

Ja, das hätten Sie allerdings, pflichte ich ihr in Gedanken bei. So ganz nehme ich ihr nämlich nicht ab, dass sie sich nicht mehr daran erinnert, mir heute Morgen den Hasenhund unterm Arm herausgezogen zu haben, als wir zusammenstießen. Doch ich sage lieber nichts.

Sie schaut nun ganz geschäftig auf ihren Bildschirm, klickt ein paarmal mit der Maus. "Ja, hier habe ich es. Mir sind drei Hunde gebracht worden in den letzten Tagen." Sie dreht mir den Bildschirm zu. "Schauen Sie, ist er dabei?"

"Nein. Er ist nicht dabei." Ich beiße die Zähne zusammen. Sie wirkt so arglos.
"Schade. Aber dann kann ich Ihnen leider nicht helfen. Es sei denn, sie möchten einem anderen Hund ein Zuhause geben, falls sie Ihren nicht zurückbekommen."

"Oh doch, ich gehe davon aus, das ich meinen Hund zurückbekomme. Ich weiß, dass Sie ihn haben. Ich hatte ihn nämlich noch, bevor wir im Waschsalon zusammenstießen und danach war er weg." Demonstrativ schaue ich auf den Hasenhund, dessen Schnute unter der runden Bulldogge herausschaut und mit heraushängender Zunge und weit aufgerissenen Glasaugen aussieht, als hauche er soeben sein letztes Lüftchen aus.

Die Dame hinter dem Schreibtisch folgt meinem Blick, zieht scharf die Luft ein und ich spüre, dass ich ins Fettnäpfchen getreten sein muss, denn sie wird ganz rot im Gesicht. "Sie wollen mir doch nicht etwa unterstellen, ich hätte Ihnen den Hund geklaut?! Finja ist mein Hund, mein ganz privater Hund und ich habe sie von klein auf an. Wie kommen Sie nur auf die Idee ..."
"Nein", unterbreche ich sie bestimmt und nicke zu dem Hundekorb hin. "Sie haben mich falsch verstanden. Es geht um den Plüschhund dort, den mit den langen Hasenohren."

Sie schaut auf den Hasenhund. "Oh, um den? ... Ähm, ja, der ... Also, ich habe wirklich keine Ahnung, wie der in meinen Wäschekorb gekommen ist." Sie klingt erschrocken und schaut mich an. "Ehrlich, ich klaue doch kein mit Hundescheiße verschmutztes, elend stinkendes Plüschtier, nur um es auf meine frischgewaschene Wäsche zu legen!"

Sie springt auf, zieht den Hasenhund unter dem erschrockenen Bulli hervor und hält ihn vor sich hin, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Sie wirkt so verblüfft, dass ich ihr tatsächlich glaube.

Ich hebe die Hände. "Schon gut. Es ist nur so, dass mein Freund hier einem kleinen Mädchen gehört. Julie. Sie liebt ihn sehr und ich möchte ihr den Hund zurückbringen. Es ist wichtig."

Hastig reicht sie mir den Hasenhund. "Natürlich! Bitte entschuldigen Sie, aber ich habe wirklich keine Ahnung, wie der Hund in meinen Wäschekorb gelangen konnte. Ich war sehr erstaunt, als ich ihn fand." Sie wirkt erschöpft, als sie sich auf den alten Küchenstuhl fallen lässt. Und bevor ich noch "Vorsicht!", rufen kann, ist das alte Teil auch schon unter ihr zusammengebrochen. Die Bulldogge springt erschrocken auf, und verbellt ihr Frauchen.

Ich reiche ihr die Hand. "Haben Sie sich wehgetan? Ist alles okay?"
"Nein, äh, ja!" sie lässt sich von mir hochziehen. Ich habe ein wenig Mühe, denn die Dame ist mollig.

Dann steht sie vor mir, blinzelt mich an.

Ich lächle und schüttele ihre Hand, die noch in meiner liegt. "Mein Name ist Jazz Kelly."
"Und ich bin Bella." Zaghaft erwidert sie mein Lächeln. Sie schiebt ihre Brille zurecht.

Ein bisschen konfus ist sie ja, die gute Bella, aber inzwischen ist sie mir wirklich sympathisch. "Tut mir leid, wenn ich den Eindruck erweckt habe, dass Sie Schuld am Verschwinden meines Hundes sein könnten. Ich würde gern wieder gut machen, dass ich sie und ihre Hündin so in Aufruhr versetzt habe." Ich deute auf den zerbrochenen Stuhl. "Ich bin Möbeltischler. Wenn Sie etwas Werkzeug haben, kann ich das gute Stück ruckzuck wieder heile machen."

"Ja, also, das würde mir schon sehr helfen", sagt sie zögerlich. "Ich stehe mit all dem hier nämlich ziemlich alleine da."

Wie es weiter geht, verrät morgen Angelika Lauriel ...

13. Dezember

Von Heike Schulz

Hasenhund erzählt

Nach all dem Schlamassel, in den Sam uns auf so gedankenlose Weise hinein geritten hat, scheint sich nun doch eine Lösung für mich aufzutun. Peter hat uns entdeckt. Und er hat sich obendrein über unseren Anblick gefreut. Gleich wird er uns aufnehmen, zu Julie tragen, wir werden gewaschen, ich bekomme meinen Namen und dann leben wir alle glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage.

Oder auch nicht.

Nicht nur, dass er angeekelt die Hand zurück zieht, als er uns greifen will. Jetzt kommt Sam auch noch auf die wahnwitzige Idee, den Körper zu wechseln. Einfach so, von jetzt auf gleich. Ich spüre, wie etwas an mir reißt, fast wie ein Sturmwind, der um mich braust. Ich kneife die Augen zusammen, dann macht es Plopp, und Sam ist weg. Als ich es endlich wage, die Augen wieder zu öffnen, fällt mein Blick auf so einen bedepperten Nici-Plüschesel, der an Bellas Schlüsselanhänger baumelt. Und der Plüschesel blickt zurück!
SAM!

Er steckt doch tatsächlich in diesem Esel. Ich fasse es nicht. Er hat mich, MICH! gegen einen hirnlosen, bescheuerten Möchtegern-Grauschimmel getauscht. Und er hat noch nicht einmal tschüss gesagt. Kein Wort der Erklärung, kein Dankeschön, nichts. Also echt, manchmal komme ich mir so benutzt vor. Du erinnerst mich an einen Freund, den ich verloren habe - pah! Nichts als hohle Worte. Sam wechselt die Freunde anscheinend wie die Kauknochen. Nein, ich bin nicht wütend, oder böse, oder sauer. Nur enttäuscht.

"Bist du jetzt zufrieden?", knurre ich den Esel an.
"Hasenhund, versteh mich doch. Wenn Peter dich nach Hause holt, und ich stecke noch in dir drin, dann komme ich niemals zu Jazz zurück", versucht er, mir seine Entscheidung zu verklickern.
Jazz, Jazz, immer nur Jazz. Und was ist mit mir? Aber anstatt mich weiter mit Sam abzugeben - soll er doch ein dämlicher Esel sein, wenn ihm danach ist. Mir doch Wurscht! - versuche ich, so lieb wie möglich auszusehen, damit Peter, der noch immer unschlüssig auf mich herab schaut, mich einsteckt.
"Hm", macht er. "So kann ich ihn unmöglich zu Julie zurück bringen. Der ist ja voller - oh Gott - das ist doch nicht etwa ...?" Entsetzt zieht er die Nase kraus.

Verflixt, und schon wieder wird mir dieses "Eau de Straßenköter" zum Verhängnis. Ich brauche wirklich dringend ein Bad.
Peter wendet sich schulterzuckend ab. "Vielleicht kaufe ich ihr lieber einen neuen Plüschhund. Einen viel schöneren. Außerdem hat der hier falsche Ohren."
Mir treten Tränen in die Glasaugen. Was haben nur alle gegen meine Ohren? Das sind 1A-Qualitätslauscher. Außerdem ist niemand perfekt.
"Wie Sie meinen", höre ich Bella sagen. "Dann behalte ich ihn. Meine Finja ist ganz vernarrt in ihn. Ich werde ihn waschen, dann hat sie etwas, worauf sie herum kauen kann."

Dann hat sie WAS?? Ich glaube, mir wird schlecht.

"Sorry, mein Freund", kommt es völlig überflüssigerweise von IA-Sam, bevor Bella wieder in ihr Auto steigt und zurück zum Tierasyl fährt. Wenn doch nur Jazz endlich dort auftaucht und mich wieder mitnimmt. Er hatte wenigstens meine inneren Werte erkannt, und mittlerweile ist mir fast jeder Mensch recht, solange ich nur nicht als Knabberzeug für Finja ende.

Ich ziehe mich in meinen Schmollwinkel zurück und ignoriere Sams aufmunternden Worte. Erst als der Wagen hält, schiebe ich neugierig meine Ohren von den Augen. Wir sind also angekommen. Bella stellt den Wagen ab, hebt mich auf und geht mit mir ins Haus. Achtlos lässt sie den Schlüsselanhänger in eine Keramikschale fallen und trägt mich in den Keller, wo die Waschmaschine steht. Zusammen mit ein paar Hundedecken stopft sie mich in die Trommel.

Kurz denke ich darüber nach, dass sie gar nicht auf mein Pflegeetikett geschaut hat, dann geht es auch schon rund. Nach einem Hauptwaschgang, bei dem ich mir ernsthafte Sorgen um meine Polyesterinnereien mache, einer schier endlosen Achterbahnfahrt bei locker 1800 Umdrehungen im Schleudergang, die mich beinahe eins meiner Glasaugen kostet, und einer Extrarunde im Trockner komme ich schließlich beinahe wie neu wieder ans Tageslicht. Frisch nach Rosenblüten duftend trägt Bella mich zum Hundekörbchen, aus dem mir Finja mit unverhohlener Vorfreude entgegen blickt.
Sanft stubst sie mich mit ihrem Knautschgesicht an, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ich glaube meinen Hasenohren kaum zu trauen, als ich kurz darauf Jazz' Stimme höre.

Morgen erzählt Ilona Hanft die Geschichte weiter ...

12. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam erzählt

"Los, mach was!", brülle ich Hasenhund an, doch der kann ja nicht!
"Du bist vielleicht gut ... Was soll ICH denn groß machen? Ich weiß ja nicht mal, was du überhaupt willst. Zuerst willst du unbedingt zu Jazz, dann willst du lieber doch zu Julie, dann willst du die ganze Welt retten, und jetzt hast du uns so richtig in die Sch... geritten!"

"Ääh ..." Tja. Was hat mich eigentlich zu dieser Kurzschlusshandlung verleitet? Ich sah Jazz dort draußen hinterherwinken und mitlaufen und begriff noch in derselben Sekunde, dass ich den gleichen Fehler gemacht habe wie Hasenhund, als der sich so selbstvergessen einfach nur darauf freute, zu Julie zu gelangen und einen coolen Namen zu bekommen. Kleinlaut lenke ich ein. "Du hast Recht. Ich ... ich hatte plötzlich die irrwitzige Idee, ich könne vielleicht ..." Ich druckse herum, weil ich nicht weiß, wie Hasenhund meine Idee aufnehmen wird.

"Was könntest du vielleicht?" Er schüttelt heftig das eine Ohr, das wohl von dem Waschmittel in der Wäsche zu jucken begonnen hat. Seine Bewegung lässt mich kurz stutzen: So deutlich hat er das bisher ohne mein Zutun nicht hingekriegt. Lernt er jetzt, sich selbständig zu bewegen?
"Na ja, um die Wahrheit zu sagen, finde ich es reichlich eng in deinem Körper, und mir fehlt auch das Schlagen eines echten Herzens. Außerdem bedenke mal, dass ich eine Dogge war und damit ein bewegungsliebender, starker Hund. Also, um das Ganze abzukürzen: Ich würde zu gerne wieder einen Hundekörper beseelen, und diese Finja, die auf dem Beifahrersitz leise schnarcht, wird bestimmt bald werfen. Ich könnte eine kleine französische Bulldogge werden." Verträumt male ich mir aus, wie ich mich mit meinen putzigen Geschwistern balge und dann zu einem bildschönen schwarzen Hund heranwachse.

Hasenhund kichert. "Hast du mir nicht eben noch vorgeschwärmt, was für ein starker, lauffreudiger Riese du warst? Dagegen ist so ein Bully doch ein richtiger Mini, und verschmust soll diese Rasse sein. Willst du wirklich bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Jazz' Schoß herumliegen?"
"Ja", sage ich bestimmt, "das will ich. Bullys können auch sehr agil sein. Was weißt du denn schon?"

Bevor Hasenhund antworten kann, regt sich auf dem Vordersitz etwas, und zwei Murmelaugen über einer samtigen, flachen Schnauze und unter riesigen Fledermausohren schauen über die Rückenlehne zu uns herunter. "Wuff", macht es leise.
"Finja, sitz! Aber sofort, sitz!"
Finja denkt sich ihren Teil, wirft nur einen unschuldigen Blick zur Seite auf ihr Frauchen, dann macht sie wieder leise "Wuff". Ich vermute, sie würde mit dem Schwanz wedeln, wenn sie denn einen hätte. Ich denke gerade darüber nach, wie sie mit dem Babybauch so auf dem Sitz stehen kann, da bremst der Wagen ruckartig ab und kommt zum Stehen, Finjas Kopf verschwindet, und ich höre ihr Frauchen auf sie einreden. So richtig sauer kommt sie nicht rüber - also, damit wird sie ihre Hündin nicht dazu bringen, nächstes Mal bereitwilliger Sitz zu machen. Aber das ist ja nicht mein Problem. Hasenhunds und mein Problem wird vielmehr der Menschenkopf, der sich jetzt zwischen die beiden Vordersitze schiebt und nach dem Wäschekorb sieht. Hat Bella etwa verstanden, was ihre Hündin ihr sagen wollte? Ich habe ja schon mal gehört, dass Bullys besonders intelligente Hunde sein sollen. Na ja, ich zucke mit Hasenhunds Schultern, wie Doggen eben.

"Ach du Schande, was ist das denn?" Bella zieht uns mit spitzen Fingern aus dem Korb und betrachtet uns von allen Seiten. Sie kräuselt die Nase - wie peinlich! - doch dann lächelt sie. Mit einem Tierasyl ist sie die etwas würzigeren Duftnoten sicherlich gewöhnt. Finja reckt sich indessen, mit vorgeschobenen Ohren, um uns komplett abzuschnuppern. Ach, wie ich dieses Geräusch der Schnupperschnauze liebe! Ja, ich will ein Bully sein!
"Feine Finja, du hast den kleinen Streuner entdeckt. Ich lege ihn jetzt in den Fußraum. Der muss erst mal gewaschen werden!"

Und dann? Man glaubt es kaum! Obwohl Finja in unsere Richtung zieht und zerrt, lässt Bella uns, zuhause angekommen, im Auto zurück!
"Was soll das denn?" Hasenhund scheint genauso empört zu sein wie ich selbst. "Sollen wir jetzt den Rest unserer Tage hier im Auto verbringen? Na, bravo. Ganz toller Plan. Wirklich. Ganz toll."
Er macht mit der Pfote eigenständig eine Bewegung, die mich an das "Thumbs up"- Zeichen erinnert. Jedenfalls nennt Jazz das immer so, und als die Leute noch ganz wild auf seine selbst geschreinerten Vollholzstühle waren, benutzte er es oft und gerne. Er hörte erst damit auf, als die Bank ihm den Kredit kürzte, den er zur Unternehmensgründung aufgenommen hatte.

Wir liegen also herum und langweilen uns, bis Bella endlich wieder aufkreuzt, dieses Mal leider ohne Finja. Sie fährt mit uns quer durch das Viertel und hält vor einer Gaststätte an. Bevor sie aussteigt, murmelt sie: "Puh, du kleiner Stinker, dich habe ich ganz vergessen. Ich lüfte mal. Später wasche ich dich gründlich, dann kannst du Finjas kleiner Freund werden."

Wir sehen wieder mal nicht, was abgeht, weil wir den Sprung auf den Sitz nicht schaffen, der ist einfach noch zu hoch für uns, aber wir hören, dass Bella sich auf dem Bürgersteig mit jemandem trifft. Eine bekannte Stimme!
"Schön, dass Sie kommen konnten, Bella, ich habe nur kurz Mittagspause." Es ist Peters Stimme. "Würden Sie uns denn einen Ihrer Bullywelpen überlassen?"
"Ich habe mir meine Gedanken gemacht, weil es ja der erste Hund in Ihrer Familie sein wird, und auch wegen der kleinen Julie. Aber meine Finja hat Sie alle drei sofort ins Herz geschlossen, sodass ich beschlossen habe: Ja. Sie bekommen einen der Welpen."

Hasenhunds nicht vorhandenes Herz schlägt sofort höher. Die Familie will sich also einen Bully zulegen? "Hast du gehört, Hasenhund? Das ist doch klasse! Wir müssen dann bloß dafür sorgen, dass sie nicht mich nehmen. Ich muss zu Jazz zurück. Ich MUSS einfach."

Plötzlich öffnet sich die Beifahrertür, Bella nimmt etwas aus dem Handschuhfach. Peter stutzt, beugt sich dann in das Auto hinein über uns. "Na sowas!", ruft er aus. "Da bist du ja! Ich suche schon überall nach dir, kleiner Streuner!"
Ich merke, dass Hasenhund sich schon in Positur setzen will, und stöhne. Dann sehe ich Bellas Schlüsselbund, den sie auf dem Sitz abgelegt hat. Sie hat einen Plüschesel als Anhänger. Sofort wittere ich meine Chance...

Wie es weiter geht, erzählt morgen Heike Schulz ...



11. Dezember

Von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Ich bin nervös. Stehe vor Elizas Haustür und warte darauf, dass sie herauskommt. Heute Morgen bin ich ihr und Julie nur heimlich gefolgt, als sie zum Kindergarten gegangen sind. Nach der Szene, die ich durchs Küchen-
fenster beobachtet hatte, habe ich mich einfach nicht in der Lage gefühlt, ihr gegenüber zu treten. Ich musste mich erst mal beruhigen. Und den Hasenhund, dessen furchtbarer Geruch so intensiv aus der Tüte aufstieg, konnte ich auch nicht ignorieren.

Und nun ist er weg, der kleine Plüsch-Freund. Immer noch kann ich nur den Kopf schütteln, verstehe nicht, wie das passieren konnte. Ich werde herausfinden müssen, wo sich Bellas Tierasyl befindet und den Hasenhund zurückfordern. Aber das später. Gleich wird Eliza aufbrechen um Julie aus dem Spielkreis abzuholen. Oh Gott, ich höre sie im Hausflur, sie kommt!

Als sie heraustritt, sieht sie mich sofort. Ein rascher Blick an mir herunter und wieder herauf. Ihre Miene ist undurchdringlich.
"Hallo Jazz." Sie dreht sich um, schließt umständlich die Tür ab.
Ich nehme den Platz neben ihr ein. "Ich habe auf Sie gewartet, Eliza."
"Es war keine gute Idee hierher zurückzukommen. Sie sollten lieber gehen."
Mein Herz klopft zum Zerspringen. Sie ist so kühl. "Ich wollte mich nur vergewissern, dass es Ihnen und Julie gut geht." Verlegen drehe ich das Geschenk in meiner Manteltasche.

"Jazz, ich versichere Ihnen, es geht uns gut. Peter hat es nicht so gemeint. Er steht zurzeit sehr stark unter Stress."
"Was?" Mein ungläubiges Staunen kann ich nicht verbergen. "Sie entschuldigen sein Verhalten? Eliza, ich verstehe das nicht. Kein Mann darf sich seiner Frau gegenüber ..."
"Ganz recht Jazz, sie verstehen das nicht. Sie kennen nur einen winzigen Moment aus unserem Leben. Urteilen Sie nicht, wenn Sie von der Wahrheit rein gar nichts wissen. Ich muss Sie bitten zu gehen."

Sie wendet sich ab, eilt voran.
Ich folge und schließe auf.

Nur einen Moment? Nach meinen Beobachtungen heute morgen kenne ich mehr als nur einen Moment. Und dennoch. Sie hat Recht. Ich darf von den Augenblicken, die ich sah, nicht auf das Ganze schließen. Schweigend gehe ich neben Eliza. Zuviele Gedanken eilen durch meinen Kopf. Ich verstehe einfach nicht, wie ich das alles deuten soll. Warum ist Eliza so abweisend?

"Sie lieben diesen Mann nicht. Warum bleiben Sie bei ihm?"
Empörung steht in ihrem Gesicht. Meine Provokation greift also. Sie ringt um Worte, doch sie kriegt ihn nicht raus, den Widerspruch, sie geht nur noch eine Spur schneller. Es stimmt also.

"Sie verstehen das nicht", beginnt sie von Neuem, doch dann stutzt sie. Sie bleibt stehen, schaut mich direkt an.
"Also gut, Jazz, mag sein. Möglicherweise sind Sie tatsächlich der einzige Mensch auf der Welt, der mein Handeln verstehen könnte. Aber ich gedenke nicht, mich vor Ihnen zu rechtfertigen oder mein Seelenleben vor Ihnen auszubreiten. Sie kennen mich nicht! Und ich kenne Sie nicht. Belassen wir es dabei. Und nun, bitte, respektieren Sie meinen Wunsch: Ich möchte, dass Sie jetzt gehen!"

Sie sieht verzweifelt aus.
Habe ich alte Wunden aufgerührt? Ich kapituliere.

"Also gut, Eliza. Es tut mir leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten." Endlich ziehe ich das kleine Päckchen aus der Manteltasche, ergreife ihre Hand und lege ihre Finger fest um die Schachtel. Sanft halte ich sie fest. Zu lange, ich weiß, doch sie lässt mich gewähren.

"Eliza." Meine Stimme ist rau und ich schlucke. "Sie haben mehr getan, als nur eine Mahlzeit für einen trauernden Mann zu spendieren. Sie haben mir neuen Mut gegeben und ein Ziel. Dafür danke ich Ihnen."

Ich lasse sie los. Kälte umfängt meine Finger und widerstrebend trete ich zurück, schenke ihr ein letztes Lächeln. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Sonnenfängerin."

Morgen erzählt Angelika Lauriel weiter ...


10. Dezember

Von Heike Schulz

Hasenhund erzählt

Jazz hält uns mit spitzen Fingern fest. Die letzte Nacht muss uns ziemlich übel zugerichtet haben, wenn selbst einer wie er uns nicht richtig anfassen will.
"Du stinkst", stellt er fest und verzieht angewidert die Nase.
Ich schnuppere vorsichtig an mir und erstarre.
"Warst du das, Sam?", quetsche ich unter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Sam schnappt empört nach Luft. " Das verbitte ich mir! Ich war schon als kleiner Welpe stubenrein. Niemals würde ich mir ... "
"Ja, schon gut, Kumpel, aber wenn mich meine Nase nicht täuscht, sind wir gestern wohl in was rein getreten." Ich versuche, ganz flach zu atmen, und das nicht nur, damit Jazz nichts von meinem Innenleben erfährt.
"So kann ich dich nicht der kleinen Julie zurück bringen." Jazz stopft uns in die Plastiktüte mit der Schmutzwäsche und geht davon.
Mein Hasenhundeherz macht einen Satz vor Freude. Das lässt sich doch gut an! Ich werde gewaschen, dann trägt Jazz mich frisch und sauber zurück zu Julie, die gibt mir meinen Namen (hoffentlich was Cooles, wie Zorro oder so), und alles ist in bester Ordnung. Beinahe möchte ich vor Freude singen, da holt Sam mich zurück in die Realität aus stinkender Schmutzwäsche und Hundekaka im Plüsch.

"Und was ist mit ihm?", fragt er vorwurfsvoll und nickt in Jazz' Richtung. "Er ist kreuzunglücklich, und so, wie er die Frau gestern angeschmachtet hat, ist er auch noch verliebt. Und was wird aus mir?", setzt er hinzu. "Ich möchte nicht den Rest meines Daseins als Plüschtier ..."
"Hasenhund!", korrigiere ich ihn leicht pikiert. Das alles ist kein Anlass für Beleidigungen.
"Als Hasenhund", verbessert er sich, "fristen. Ich will zurück zu Jazz. Und was ist mit dieser Familie? Die sind in Not. Interessiert dich das alles nicht?"

Ich klappe mein Maul zu. Mit Singen ist jetzt nichts mehr, denn Sam hat Recht. All diese Leute, Sam, Jazz, Julie, Eliza, ja, sogar der knurrige Peter sind mir ans Herz gewachsen. Es muss doch eine Lösung geben, dass sie alle ihr Glück finden. Weihnachten steht doch vor der Tür, und die Vorstellung, dass Jazz dieses Fest unter einem zerrupften Plastikweihnachtsbaum in einem Abbruchhaus verbringt und "oh, du Fröhliche" mit dem zahnlosen Ed und der traurigen Doris anstimmt, gefällt mir nicht. Und auch Julie soll es schön haben mit ihren Eltern, die trotz ihrer Liebe zueinander so viele Probleme mit sich herum schleppen müssen.

Wir brauchen einen Plan, doch das Schaukeln in der Plastiktüte setzt meinem Magen zu. So kann ich einfach nicht arbeiten.
"Irgend eine Idee?", frage ich Sam. Immerhin hat er viel mehr Lebenserfahrung als ich, auch wenn er, nun ja, mausetot ist.
"Ich glaube, dass unser aller Schicksal miteinander verbunden ist", erklärt er in einem Ton, als sei er Gandalf oder so. (Im Laden von Herrn Lüders waren Herr-der-Ringe-Actionfiguren im letzten Jahr der Renner). "Das von diesen vier Menschen und uns, meine ich. Aber etwas fehlt noch. Wenn ich nur wüsste ..."

Sam fällt in Schweigen. Mittlerweile sind wir in dem Waschsalon angekommen. Grelles Neonlicht flackert von der Decke, und an der Längsseite des Raums reihen sich ein knappes Dutzend Waschmaschinen und Trockner aneinander. Während Jazz in seiner Hosentasche nach Kleingeld wühlt, schaue ich mir den Laden mal genauer an. Der Duft nach Waschmittel und Weichspüler liegt in der Luft. Eine alte Frau faltet sehr sorgfältig ihre frisch gewaschene Bettwäsche und stapelt sie in einen Korb. Daneben sortiert ein junger Mann seine Tennissocken und daneben zieht eine Frau mittleren Alters gerade ihren Parka an. Sie klemmt sich ihren Wäschekorb unter den Arm und führt eine schwarze, kugelrunde französiche Bulldogge an der Leine. "Komm, Finja, wir sind fertig", sagt sie zu dem Tier und stößt beinahe mit Jazz zusammen.

"Jetzt!", kommandiert Sam, und dann geht alles ganz schnell.
Ehe ich recht kapiere, um was es geht, stößt er sich mit den Beinen - mit MEINEN Beinen, nebenbei bemerkt - ab, macht einen Satz und landet im Wäschekorb der Hundefrau. Die hat davon nichts mitbekommen und drückt mit dem Ellbogen die Ladentür auf. Dann trägt sie ihren Korb zu einem Kastenwagen, auf dessen Heckscheibe der Schriftzug "Bellas Tierasyl - Hilfe für Tiere in Not" prangt. Die Adresse und die Telefonnummer darunter kann ich nicht mehr entziffern. Sie wuchtet den Korb in den Kofferraum, und ich sehe gerade noch durch die Heckscheibe, wie Jazz aus dem Laden stürmt und seine Lippen "Halt!" formen, bevor der Wagen davon braust. Ein paar Schritte rennt er dem Auto hinterher, dann sehe ich, wie seine Gestalt immer kleiner wird und hinter der nächsten Abzweigung verschwindet.
"Was sollte das denn?", fahre ich Sam an. Wie konnte er das nur tun? Julie, ihre Familie, Weihnachten, mein neuer Name, alles rückt plötzlich in weite Ferne.
"Vertrau mir", flüstert Sam. "Hast du das nicht gesehen? Die Bulldogge, sie ist trächtig und wird bald werfen."

Wie es weiter geht, verrät morgen Ilona Hanft ...

 


9. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam erzählt

Tja, da liegen wir den Rest des Tages vor Julies Haus und frieren. Wie gut, dass Hasenhunds Körper nicht lebendig ist, sonst müssten wir eine schlimme Nacht befürchten. Wenn ich es recht bedenke, wird es aber auch so eine ... hmm, intensive Nacht. Mein ganzes Weltbild von gestern stellt sich gerade auf den Kopf. Ich habe Peter, Elizas Mann, einfach so für einen fiesen Möpp gehalten. Ich weiß nicht genau, weshalb. Weil Eliza und Julie zusammenzuckten und er so unbeherrscht meinen Jazz anfuhr?

Am Abend fragt Hasenhund : "Hättest du das gedacht?" Ich schüttele den Kopf - bei der Gelegenheit bemerken wir übrigens, dass ich meine Bewegungen auf den Plüschkörper übertragen kann, was wir seit der Aktion mit dem Ohrkratzen nicht mehr ausprobiert hatten.

Was weder Hasenhund noch ich gedacht hätten: Peter entpuppt sich als ein ganz und gar anderer Mensch. Ich hielt ihn für einen Grobian. Aber da unten, vor Julies Schlafzimmerfenster, hören wir, wie er Julie tröstet und verspricht, dass er morgen auf die Suche nach dem Hasenhund gehen wird und ihn sofort in die Waschmaschine stecken will. Ich werde hellhörig. "Na ja, jetzt tut es ihm leid, einer von der Sorte ist das. Zuerst ausflippen, dann entschuldigen. Kennt man ja."

Hasenhund meint dazu im Oberlehrerton: "Sag mal, hast du nicht seinen traurigen Gesichtsausdruck gesehen, als wir beide durch die Luft segelten? Ich konnte es genau erkennen. Er wirkte resigniert. Im Grunde war es fast das gleiche Gesicht wie das von deinem Herrn, als er begreifen musste, dass die Dogge Sam tot war."

Julie fragt ihren Papa noch, ob er wirklich und ehrlich morgen den Hund suchen geht, und er verspricht es ihr hoch und heilig. Wir hören, wie sie ihn küsst, dann geht er zu seiner Frau. Das Küchenfenster ist ein Stück weiter, so tue ich alles, um den Hasenhundkörper auf die Beine zu hieven, und mit den Anfeuerungen meines Freundes gelingt es mir, ein paar Schritte weiter zu tapsen. In der Küche höre ich Eliza und Peter miteinander sprechen.

"Dann sag mir doch endlich, was los ist!" Elizas Stimme klingt ganz anders als am Tag - müde, besorgt, aber auch voller Vorwurf. Hasenhund überrascht mich mit seinem weisen Kommentar dazu. "Warum machen die Menschen sich nur das Leben so schwer? Diese beiden scheinen sich zu lieben, aber sie keifen sich gegenseitig an."

"Eliza, ich wollte das alles von euch fernhalten, aber ich schaffe es nicht." Wir hören, wie Peter heftig schluckt. "Und als ich diesen Typ heute Nachmittag sah, gab es mir den Rest. Ich habe solche Angst, auch dich noch zu verlieren."
"Was meinst du mit "auch"? Hast du denn etwas verloren?"
Wir hören Schritte. Anscheinend geht Eliza zu ihm hin. "Jetzt sag mir die Wahrheit."
"Eliza, wie lange ist es her, seit du mir so nahe warst wie jetzt?"
Sie lacht überrascht. "Ich dachte, du magst mich nicht mehr."
"Wie konntest du das annehmen? Ich sage dir jetzt, was los ist: Ich bin ab Neujahr arbeitslos."
Ein lautes Zischen. "DAS ist es? Ich dachte, es steckt viel mehr dahinter. Peter, wenn es so ist, dann werden wir eine Lösung finden."

Sie sprechen sich endlich aus, und an ihren Stimmen hört man, dass die beiden sich wieder verstehen. Während alle schlafen, robben Hasenhund und ich noch ein wenig weiter bis zur Einfahrt. Heute Morgen, als Eliza und Julie alleine in der Küche sind, hört Elizas Stimme sich noch immer traurig an, aber nicht mehr hoffnungslos. Sie spricht auf Julie ein, während sie ihr wohl die Haare kämmt.

"Wir müssen uns ein wenig umgewöhnen, Liebes, aber wir werden das schaffen. Papi und ich haben uns gestern über alles unterhalten. Alles wird gut."
"Mama, er hat mir versprochen, dass er den Hasenhund wieder für mich suchen wird."
"Ja, das wird er."
Wir hören etwas klatschen, wie in einem Abzählspiel, das Kinder mit den Händen spielen, aber ohne Worte, danach kichert Julie haltlos.

Die Tür geht. "Guten Morgen, ihr coolsten Mädels der Welt."
Was sich dann genau abspielt, wissen wir nicht, aber es klingt so, als scherzten die beiden Eltern herum. Einmal quietscht Eliza und sagt: "Nicht jetzt, Schatz", dann "Autsch! Jetzt hab ich mich verbrannt ... Lass nur, ich mach das schon."
"Na, dann nichts wie weg. Ich will früh zurück sein, um den Hasenhund zu finden. Übrigens ", es hört sich an, als rufe er das schon im Hinausgehen, "diesen Jazz sollten wir wieder mal einladen. Es klang, als hätte er einen irischen Akzent. Bestimmt ein interessanter Typ."

Anscheinend ist Peter ein bisschen übermütig, denn er fährt ziemlich zügig mit dem uralten Auto aus der Garage und braust davon.
"Neein", stöhnt Hasenhund, als die Karre dicht an uns ran kommt, und ich kann ihm innerlich nur zustimmen, doch schon passiert es: Der rechte Hinterreifen erwischt unser hinteres Teil und zieht uns ein kurzes Stück mit, bevor wir weggeschleudert werden und in wenigen Sprüngen im gegenüberliegenden Hauseingang landen. Dass dort jemand steht, erkennen wir beide gleichzeitig. Der Mann scheint von uns hingegen keinerlei Notiz zu nehmen, denn in derselben Sekunde tritt er zurück, und Schwupp, stampft er mit einem festen Winterschuh auf unserem Körper. Wir nehmen das Ganze sportlich, schließlich haben wir schon Schlimmeres erlebt.

"Ächz", quietscht Hasenhund dazu nur.
Ich stimme ihm zu. "Ja. Ächz."
"Wen haben wir denn da?", höre ich eine geliebte Stimme, und dann greift eine bekannte Hand nach uns. Jazz! Er trägt saubere Kleidung und riecht nicht mehr nach Penner. Nur dieser frische Duft kann schuld daran sein, dass ich ihn nicht auf Anhieb gewittert habe!
"Kaum zu glauben. Ich bin wieder frisch, und du siehst aus, als hättest du tagelang unter der Brücke gepennt. Jetzt kommst du mit. Julie wird dich sicher schon vermissen."
"Na, du wirst Augen machen", denke ich, und Hasenhund giggelt leise.

Wohin ihr gemeinsamer Weg führt, erzählt morgen Heike Schulz ...



8.Dezember

Von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Oh, Eliza, was hast Du mit mir gemacht! Keine Sekunde vergeht, ohne dass ich an dich und deine Situation denken muss. Was ist das bloß für ein Mensch, dein Mann? Wie kommt eine klasse Frau wie du an so einen Typen?

Erneut wälze ich mich auf der schmuddeligen Matratze herum. Nicht nur Ed schnarcht nach der halben Flasche Cognac und den zwei Bier, die ich ihm am späten Abend endlich gebracht habe. Auch Doris hat die Kettensäge angeschmissen, als wollte sie Weihnachtsbäume für die ganze Stadt fällen. Doch ich will mich nicht beklagen. Sie haben mir einen Unterschlupf geboten. Und ich habe sie kennengelernt. Sie sind gute Menschen.

Ein Blick auf meine Armbanduhr, die ich sicher in meiner Hosentasche aufbewahre, zeigt mir, es ist gerade mal fünf Uhr in der Frühe und ich liege hier, kann nur an Eliza denken. Und an Julie. An diese Angst in den Kinderaugen, als die Haustür klappte. Was war ich für ein gottverdammter Feigling, dass ich die beiden alleine ließ mit diesem Kerl! Doch ich konnte nichts tun. Elizas Blick flehte, dass ich einfach nur gehen sollte. Hat sie schon öfter solche Situationen erlebt? Wusste sie, dass es eskalieren würde, wenn ich auch nur ein einziges Wort zu ihrem Schutz zu sagen gewagt hätte?

Leise stehe ich auf, schnappe mir meine Plastiktüte mit den dreckigen Klamotten, die ich gestern noch trug, und verlasse das Abbruchhaus. Ich mache mich auf den Weg zu Elizas kleinem Einfamilienhaus, das so eng zwischen den anderen Häusern steht, dass sich die Nachbarn tatsächlich auf die Esstische schauen können. Heute merke ich die Kälte nicht so sehr, bin zu beschäftigt mit Denken. Gestern, nach diesem Erlebnis mit Elizas Mann, bin ich mir klar darüber geworden, dass ich so nicht weitermachen kann. Ich kann nicht einfach so tun, als ginge mich nichts in dieser Welt mehr etwas an. In dieser Familie stimmt was nicht, da kann ich nicht einfach wegschauen.

Könnte ich schon. Wie damals könnte ich alles hinter mir lassen, aufgeben, den anderen das Feld überlassen, einfach meine Haut retten und gut. Doch ich muss mir eingestehen, dass mir Eliza und Julie nicht egal sind. Dass mein Herz schneller pocht, wenn ich an Elizas zurückhaltende und doch so herzliche Art denke, wenn ich in der Erinnerung ihren elfenhaft zarten Körper vor mir sehe und ihre wunderschönen Augen, die so intensiv grün strahlen wie die sonnenbeschienenen Weiden meiner Heimat in Irland.

Gestern blieb mir nichts anderes übrig als zu gehen. Aber heute kehre ich zurück. Ich werde wieder Kontakt zu ihr aufnehmen, herausfinden, ob sie diesen Kerl liebt. Ich schüttele den Kopf. Wie kann man jemanden lieben, der zu derartigen cholerischen Ausbrüchen neigt, bei dem man sich niemals sicher fühlen kann?

Der Weg ist nicht so weit, doch er reicht, um in den Erinnerungen des gestrigen Tages zu verweilen. Freude blüht in mir, als ich an den Moment denke, als Eliza so überrascht war über mein Alter. Dieser Ausdruck von Lebendigkeit auf ihrem Gesicht, bis dahin und auch danach war er nicht mehr zu sehen gewesen. Meine Liebe, du würdest staunen, wenn du wüsstest, dass ich nicht mal fünf Jahre älter bin als du. Ich habs auf deinem Geburtstagskalender gesehen, der über dem Küchentisch an der Wand hängt. Und in der Tasche meines neuen Mantels trage ich ein Geschenk für dich, ein kleines nur, doch ich habe es mit Liebe für dich ausgewählt. Denn heute ist der Tag, an dem du Geburtstag hast.

Dafür habe ich gestern gespielt. Mundharmonika, am Bahnhof. Ich brauchte unbedingt Geld für neue saubere Kleidung und für dein Geschenk. Ich bin fast verzweifelt, weil keiner Notiz von mir nahm. Doch dann bin ich in die Innenstadt gegangen, habe meine Tin Whistle herausgezogen und die Melodien aus Lord of the Dance gespielt, mit all der Liebe im Herzen, die ich für dich und Julie empfinde.

Die Menschen sind stehen geblieben, in ihren Gesichtern habe ich die Freude leuchten sehen. Ich erinnere sie an die große Aufführung, die hier vor einigen Jahren spielte, sagte mir eine Frau und steckte einen Zehnerschein in meine Pudelmütze. Kurz vor Ladenschluss habe ich den Secondhand Laden gefunden, gleich neben dem Waschhaus, in dem ich meine Fleece-Teddyjacke waschen werde, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet.

Da ist Elizas Haus. An der Ecke des heruntergekommenen gegenüberliegenden Hauses nehme ich Aufstellung. Von hier kann ich in die Fenster sehen. Mein Atem gefriert zu Wolken und vom Himmel schweben vereinzelt feine Schneeflocken. Es ist schweinekalt. Wenigstens muss der alte Sam nicht mehr in dieser Kälte verweilen. Die Athritis steckte ihm schon in den Knochen.

Auch wenn ich mir zuweilen sehr verlassen vorkomme, mein Glaube an Gott und das Gute in der Welt hat mich nicht verlassen. Jeder ist seines Glückes Schmied. Daran habe ich mich gestern nach der Begegnung mit Eliza und Julie erinnert. Und nun schmiede ich das Eisen meines Lebens. Lasse mir diese Freiheit nicht noch einmal nehmen.

Licht geht an in einem der beiden nach vorn herausgehenden Fenster. Ein Rollo verdeckt die Sicht, doch an den gelb schimmernden Sternen im Stoff erkenne ich, dass es Julies Zimmer sein muss. Mein Herz klopft. Der Tag beginnt. Sicher wird Eliza Julie in den Kindergarten bringen. Das ist meine Chance.

Jetzt geht auch im anderen Zimmer das Licht an. Es ist die Küche. Keine Vorhänge, nur Grünpflanzen auf dem Fensterbrett. Ich kann Eliza sehen. Sie ist so wunderschön in ihrem moosgrünen Samtmorgenmantel, dem langen welligen Haar, das ihr vom Schlaf verwuschelt ins Gesicht hängt. Mit der Glaskanne der Kaffeemaschine kommt sie zur Spüle unter dem Fenster herüber. Sie schaut raus! Mein Herz will zerspringen, hastig trete ich einen Schritt zurück, doch ich habe mich getäuscht. Sie hat nicht nach mir geschaut. Ihr Blick geht müde ins Leere. Nicht mal die Schneeflocken vor dem Fenster bemerkt sie.

Mein Gewissen meldet sich. Das gehört sich nicht, was ich hier tue. Doch ich kann einfach nicht anders. Ich muss wissen, ob es den beiden gut geht. Jetzt kommt Julie herein, schon fertig angezogen. Eliza hebt sie auf die Theke, beginnt, ihr Zöpfe zu flechten. Sie wirkt traurig, die Kleine, wie sie so zu ihrer Mama aufschaut und spricht. Eliza nimmt sie in den Arm streicht ihr sanft über den Kopf, doch Julie macht sich los. Wütend trommelt sie mit den Fäusten auf die Hände, die Eliza ihr hinhält. Dann schmiegt sie sich wieder an ihre Mutter. Der kleine Körper bebt.

Ich vergesse zu atmen. Ich habe keine Worte für die Gefühle, die in mir toben. Ich dachte, ich sei starr und stumpf nach all dem, was ich im Frühjahr erleben musste, doch Sams Tod und nun diese zwei Menschen hier holen mein Innerstes wieder hervor. Schutzlos fühle ich mich meinen Gefühlen ausgeliefert. Wie ein Feuer toben sie in mir - verzehrend, unkontrollierbar und heiß.

Elizas Mann betritt die Küche. Eliza und Julie fahren auseinander. Eliza hebt Julie von der Theke, wendet sich ihrem Mann zu. Er nähert sich ihr, streicht ihr das Haar aus dem Gesicht. Sie blickt zu Boden, bleibt starr, weicht ihm schließlich aus. Sie nimmt die Kaffeekanne aus der Maschine und eine Tasse aus dem Hängeschrank. Ihr Mann umschlingt sie von hinten. Seine Hände wandern hinauf zu ihren Brüsten und sie, gefesselt vom Kaffee, lässt es geschehen. Langsam dreht er sie um. Er fasst sie an den Schultern redet auf sie ein. Sie schüttelt nur leicht den Kopf. Wieder zieht er sie näher zu sich, will sie küssen, doch im letzten Moment dreht sie den Kopf. Ein Fehler. Er stößt sie unbeherrscht von sich. Die Tasse fällt, ein Schwall heißer Kaffee ergießt sich über Elizas Morgenmantel, der Mann verlässt eilig die Küche.

Ich kann nicht fassen, was ich sehe, kann nicht fassen, dass ich nicht einschreite, weiß jedoch, so hat es keinen Sinn, so helfe ich ihr nicht. Das Außenlicht geht an. Einen Moment später höre ich einen Motor aufheulen. Scheiße!

Hastig springe ich zurück, in den Schatten des mit Zeitungen und Werbung zugemüllten Hauseinganges. Es qietscht laut unter meinem Fuß, klingt wie ein Schrei. Himmel, ich bin auf etwas Weiches getreten. Doch nicht etwa auf ein Tier?

Elizas Mann fährt seinen BMW mit Schwung rückwärts aus der Auffahrt. Als der Sound des BMWs am Ende der Straße verklingt, lasse ich mein Feuerzeug aufflammen.

Das gibts doch nicht, der Hasenhund! Triefend nass, schwarzgrau vor starrendem Dreck. Wie kommt der hierher?

Ich streiche über seine langen Ohren. Julie hatte sich so sehr über das Tierchen gefreut. Bitterkeit schnürt mir die Kehle zu, als ich den Hasenhund zu meiner Schmutzwäsche in die Plastiktüte stecke.

Wie es weiter geht? Angelika Lauriel verrät es morgen ...

7. Dezember

Von Heike Schulz

Hasenhund erzählt

So eine dreimal gequirlte Hundeka- ... -tastrophe! Ich war sooo nah dran! Um ein Haar hätte Julie mir einen Namen gegeben. Aber wie sagt man? Knapp daneben ist auch vorbei. Nicht nur, dass sie Sam hören kann und nicht mich, jetzt fliegt auch noch die Kinderzimmertür auf, und dieser schreckliche Mann stürmt herein.

"Was ist das für ein stinkender Zottelbalg?", zischt er und deutet mit dem Finger auf Julie. Ängstlich drückt sie mich an ihre Brust. Für einen Moment verstehe ich nicht recht, aber dann dämmert es mir. Er zeigt gar nicht auf Julie, sondern auf mich! Empört will ich zu einer Erklärung ansetzen, dann geht alles ganz schnell. Mit raschen Schritten durchquert er das Zimmer und reißt mich aus Julies Händen.

"Papa, nein!"

"Hast du eine Ahnung, welche Keime daran kleben? Willst du dir die Seuche holen an dem Ding?"
Schon hat er das Fenster weit geöffnet. Eisige Winterluft wirbelt ein paar Schneeflocken herein. Der will doch nicht etwa???
"Hören Sie sofort auf damit!", brülle ich aus Leibeskräften, da spüre ich auch schon, wie ich die Schwerkraft überwinde und im hohen Bogen davon segele.

Ich drehe mich um meine eigene Achse, sehe den bleigrauen Himmel, die Fassaden der Wohnblöcke, kahle Baumwipfel, und dann Julies hell erleuchtetes Zimmerfenster.

Zwar dauert das nur wenige Augenblicke, doch in dieser Zeitspanne nehme ich alles bis ins Detail wahr. Eingerahmt wie ein Gemälde sehe ich das kleine Mädchen, das sich verzweifelt an den Arm des Vaters klammert, den er noch vom Wurf erhoben hat. Ich sehe sein Gesicht. Die hohlen, von Stoppeln überzogenen Wangen, und die dunklen Schatten unter seinen Augen, als hätte er viele schlaflose Nächte hinter sich. Statt Wut sehe ich tiefe Sorge darin. Sorge, und eine gehörige Portion Verblüffung, als er stirnrunzelnd den Kopf schief stellt.
Hat er mich am Ende tatsächlich gehört?

Ehe ich diesen Gedanken genauer verfolgen kann, wirbelt das Bild weiter, ich sehe wieder den grauen Himmel vorbei ziehen, Fensterreihen, parkende Autos. Asphalt rast heran, da klatsche ich auch schon in ein randvoll mit Schmelzwasser und Straßendreck gefülltes Schlagloch.
"Nicht schon wieder", ächzt Sam, da rast auch schon ein Smart auf uns zu und erfasst uns mit seinem Vorderreifen.

Anders als bei einem lebendigen Hund macht sich bei einem Plüschhund niemand die Mühe, zu bremsen, und so überrollt uns auch der Hinterreifen, der einerseits das Dreckwasser aus meiner Polyesterfüllung und meinem Plüschfell heraus wringt (juhuuu), und uns andererseits in den Rinnstein schleudert (och, nööö).

"Was für ein Tag", seufze ich und starre aus streusalzverklebten Glasaugen genau auf die Stiefelsohlen eines verkleideten Aushilfs-Weihnachtsmanns, der uns achtlos in einen von alten Zeitungen und Werbeprospekten zugemüllten Hauseingang kickt. Ich hebe vorsichtig meine Hasenohren an und zupfe probeweise daran. Alles noch dran, keine einzige lose Naht. Wenigstens das haben sie in der Fabrik gut hin bekommen.

Morgen erzählt Ilona Hanft die Geschichte weiter ...


6. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam erzählt

Ich verstehe nicht so recht, wie das alles passieren konnte: Ich beriet mit Hasenhund, wie wir meinem Menschenfreund helfen könnten, seine Trauer zu überwinden, aber bevor wir zu irgendeinem brauchbaren Ergebnis kamen, weckte dieser unmögliche Ed ihn unsanft auf, und na ja, irgendwie landeten wir zur Mittagszeit dann hier.

Es ist schön hier, mollig warm, und die kleine Julie ist ein pfiffiges Mädchen. Hasenhund jubilierte sofort, und ich spürte, wie aufgeregt er war, als Julie uns entdeckte. Diese Aufregung legte sich dann ein wenig, seine Begeisterung blieb. Aber was soll ich sagen? Es war natürlich nie ausgemacht, dass Jazz uns hier zurücklassen würde. Zuerst glaube ich noch daran, dass er uns dem Mädchen nur für ein paar Stunden überlassen will, aber als dann dieser ungehobelte Klotz, ihr Vater, aufkreuzt, sagt Jazz die verhängnisvollen Worte: "Ich geh dann besser mal. Vielen Dank für das Essen."

Voller Angst starre ich durch Hasenhunds Augen zu meinem Herrchen auf und kann es einfach nicht glauben: Er geht zur Tür, muss an dem zornigen Mann vorbei, der etwas grummelt wie "Ich mach dir gleich Beine!"

"Und ich?", schreie ich, aber Jazz hört es natürlich nicht. Er schaut gar nicht mehr zurück. Vielleicht ist er auch zu durcheinander. Es ist für einen Menschen wahrscheinlich ziemlich peinlich, in so eine Situation zu geraten. Zumal Jazz früher ja ein viel, viel besseres Leben geführt hat. Eigentlich deutete alles darauf hin, dass er mal richtig erfolgreich sein würde, aber dann brach ihm die Bankenkrise das Genick. Ich verstand das alles nicht, merkte nur, wie er immer unglücklicher wurde und konnte nicht mehr tun, als ihm treu zur Seite zu stehen. Deshalb begreife ich nicht, was gerade geschieht. Geht er weg, ohne mir auch nur Lebewohl zu sagen?

"Der hält dich doch für tot", murmelt es in meinem Kopf - nein, in Hasenhunds Kopf, ich bin ja bei ihm zu Gast. "Ich finde es cool, dass er uns noch dein Halstuch umgebunden hat."

Julie hat sich mit uns in eine Ecke zurückgezogen. Bis eben saß sie stumm da, aber jetzt hält sie uns vor ihre großen, grünen Augen. "Sag mal, höre ich richtig?"
Ich meine, mein Herzschlag setzt aus, aber das muss die Erinnerung aus meinem letzten Leben sein, denn Hasenhund hat ja gar kein Herz. Er seinerseits stellt beide Ohren hoch.

Julie hält Hasenhund rasch die Hand vor die Schnauze und wirft einen erschrockenen Blick über die Schulter zu ihrem Vater. Der schimpft mit Eliza. Sie versucht, den Tisch abzuräumen, doch er stellt sich in den Weg. "Hör zu, wenn ich mit dir rede!" Julie rappelt sich auf und verzieht sich unbemerkt und überraschend schnell in ein anderes Zimmer. Dort hält sie uns wieder vor ihr Gesicht. Ich bin fürchterlich durcheinander, die Situation überfordert mich. Hasenhund hingegen scheint ganz gespannt auf das zu warten, was jetzt kommt. Ich kann es ihm nicht verübeln - immerhin ist er am Ziel seiner Träume angelangt, bei einem Kind, das ihn sofort ins Herz geschlossen hat. Aber was ist mit mir?
Und mit Jazz?

"Ich habe dich eben reden gehört", flüstert Julie, als könne sie selbst nicht ganz glauben, was sie da sagt.
"Wirklich?", fragt Hasenhund nach, doch sie scheint ihn nicht zu verstehen.
"Hast du uns gehört?" Keine Reaktion.
"Jetzt sag doch, Julie, kannst du uns hören?"

Ich bin noch immer geschockt von der Tatsache, dass Jazz verschwunden ist und dass ich nicht weiß, wie weit das Abbruchhaus, in dem er lebt, von hier weg ist. Außerdem habe ich keine Ahnung, wie ich wieder zu ihm finden soll. Das alles lässt mich zuerst nur am Rande begreifen, was hier vor sich geht: Julie ist überzeugt, etwas gehört zu haben, aber Hasenhunds Versuche, mit ihr zu sprechen, schlagen allesamt fehl. Erst als er mir ziemlich laut zubrüllt, dass ich es gefälligst auch mal probieren soll, komme ich auf den Gedanken, etwas zu sagen. Aber was sagt man denn in so einem Fall?

"Ich will zurück zu Jazz!"

Hasenhund stöhnt, aber Julies Augen strahlen auf. "Ich wusste doch, dass ich dich eben reden gehört habe!"
Hasenhund grummelt schmollend vor sich hin. "Wieso hört sie dich, aber nicht mich?"

Wie es weiter geht, erzählt morgen Heike Schulz ...


5. Dezember

Von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Ein schmerzhafter Tritt in die Rippen weckt mich. "Eeh, Jazz Kelly, mir reichts", mault Ed und tritt mir nochmal in die Seite. "Seit zwei Tagen liegst du hier wie hingekotzt. Du schuldest mir zwei Bier. Die will ich haben!"

Ich stöhne. Gott, ist das kalt. Warum bin ich nicht einfach erfroren? Meine Hand tastet über die klamme, sandige Matratze. Kein Sam, der mich wärmt. Mühsam rappele ich mich auf die Knie, während Ed weiter vor sich hin lamentiert. Mein Kopf dröhnt. Morgennebel sickert durch die zerbrochenen Scheiben des Fensters. Es ist noch nicht mal ganz hell draußen.

Doris kommt heran geschlurft. Ihr gieriger Blick durchbohrt den Kuschelhund, der zerknautscht vor mir auf der Matratze liegt. Verdammt, sie bringt es fertig und raucht den Plüsch im Joint. Hastig greife ich das Tier, stecke es mir unter die Jacke und trolle mich mit steifen Knochen. Ed weiß, dass ich ihm sein Bier bringen werde, also lässt er mich ziehen.

Die Stunden fließen zäh dahin. Ich sitze am Bahnhof, dort, wo ich vor Tagen etwas Geld verdient habe. Doch heute ist alles anders. Sam ist tot. Und meine Tin Whistle und die Mundharmonika stecken in der Jackentasche. Der Hals ist mir eng und der Bratwurstduft, der von Frannys Imbiss herüber weht, macht die Sache auch nicht gerade besser. Ich ziehe die Knie heran und lege meinen Kopf auf die Arme, schließe erschöpft die Augen. Die einzige warme Stelle an meinem Körper ist die, wo der Plüschhund auf meinem Bauch liegt. Seltsam, ich könnte schwören, er hätte sich bewegt. Aber das war wohl doch nur mein knurrender Magen.

Ich muss eingenickt sein. Verwirrt schaue ich auf, als mich etwas an der Schulter stupst.
"Er ist es, Mama, er ist es!" Ein Strahlen geht über das sommersprossige Gesicht des kleinen Mädchens vor mir.

Als ich die Frau über mir erkenne, schießt mir Adrenalin ins Blut und ich springe auf. Ich kann nicht anders, ich starre sie an. Sie tritt einen Schritt zurück, wirkt verunsichert.
"Ich ..., also wir, ... wir haben Sie gesucht", stammelt sie. Dann zieht sie die Hand aus der Manteltasche und hält es mir hin - fein säuberlich gewaschen und zum Dreieck gefaltet - Sams Halstuch. "Sie waren so plötzlich verschwunden, vorgestern, als ..." Sie verstummt.
Ich nehme das Tuch aus ihrer Hand. Es fühlt sich warm an. Rot. Wie Sams Blut auf der Straße.
"Es tut mir so leid, dass ich Ihren Hund ..." Wieder unterbricht sie sich.

Plötzlich springt die Kleine direkt vor mich hin. "Meine Mama und ich, wir wollen dich nämlich zum Essen holen. Ich habe zu ihr gesagt, wenn man sich erst mal satt gegessen hat, dann fühlt man sich gleich besser. Bei mir ist das immer so. Wirklich!"
"Bitte, essen Sie mit uns", fügt die Frau hinzu. "Ich weiß, ich kann nicht wieder gut machen, was passiert ist. Aber ich würde so gern irgendetwas für Sie tun."

Ich schüttele den Kopf. "Sie können nichts dafür. Ich hätte besser auf Sam aufpassen müssen." Ich blicke ihr fest in die Augen. "Es ist nicht Ihre Schuld."
Sie holt Luft und ich spüre, sie ist erleichtert. Sie lächelt. Die Frau ist schön. Ihr rotblondes langes Haar ist ebenso widerspenstig und wellig wie das ihrer Tochter und auch sie hat unzählige Sommersprossen.
"Dann sind Sie einverstanden?"
Mein Blick geht hinüber zu Frannys Bratwurstbude. Ich zögere.
"Oh bitte!", bettelt die Kleine und zupft an meinem Ärmel.
"Also gut. Einverstanden." Ich will schon zu Franny hinübergehen, doch die Frau schüttelt den Kopf.
"Nein, nicht hier." Sie errötet leicht und bringt die nächsten Worte nicht über sich. Ihre Tochter springt ein. "Mama hat eins von unseren Hühnchen für dich gebraten, weil du bestimmt großen Hunger hast. Du sollst mit zu uns nach Hause kommen."

"Nein!" Mein Ton ist schroff. "Kommt nicht in Frage." Ich will weggehen, doch das Kind fasst meine Hand.
"Aber du hast ja gesagt! Warum willst du jetzt nicht mehr? Magst du kein Hühnchen?" Ihr klarer Blick hält mich fest und ich suche nach Worten.
Ich schaue die Frau an. "Sie würden sich nicht wohlfühlen, wenn ich in Ihrer Küche sitze." Ich ziehe die Schultern hoch, schaue an mir herab. "Es wäre mir unangenehm."
Sie lächelt. "Sie könnten eine Dusche nehmen."

Als kurze Zeit später das heiße Wasser auf mich herab prasselt, weiß ich immer noch nicht, warum ich mitgegangen bin. Ich habe es einfach getan. Ehrlich, ich komme um vor Hunger.

Als ich ein Weilchen später die gemütliche Küche betrete, ist mir zum ersten Mal seit Wochen so richtig warm.

Sie, Eliza, wie sie sich mir inzwischen vorgestellt hat, steht am Herd und füllt dampfende Kartoffeln in eine Schüssel. Als sie sich zu mir herumdreht, huscht ein so überraschter Ausdruck über ihr Gesicht, dass ich grinsen muss.
"Das gibts ja nicht. Sie sehen zwanzig Jahre jünger aus. Ich hätte Sie fast nicht erkannt", ruft sie aus und starrt mich an.
Ich streiche über mein Kinn. "Ich hab mir mal den Rasierer geborgt." Und die Zahnbürste aus der Vorratspackung, füge ich in Gedanken hinzu.

Die kleine Julie kommt unter dem Küchentisch hervor. "Und ich hab mir mal deinen Kuschelhund geborgt. Er lag so einsam auf deiner Jacke herum." Sie drückt den Hund mit den Hasenohren fest an die Brust. "Wie heißt er denn eigentlich?"
"Ich weiß nicht. Vielleicht möchtest du einen Namen für ihn finden?"
Sie erwidert mein Lächeln. "Au ja! Und darf ich noch ein bisschen mit ihm spielen?"
"Ich schenke ihn dir."

Jetzt lacht sie über das ganze Gesicht. Zwei Grübchen hat sie.
"Er braucht noch sein Halstuch, damit er sich nicht erkältet", sage ich, und während Julie den weichen Hund mit den samtigen Hasenohren vor mir hält, binde ich ihm Sams rotes Tuch um.
Weil ich weiß, dass es Julie gefällt, streichle ich das Kuscheltier. Komisch. Für einen Moment ist es, als fühlte ich meinen alten Sam unter den Fingern.
"Pass gut auf die liebe Julie auf", ermahne ich den Plüschhund.

Das Hühnchen schmeckt himmlisch. Wir essen gemütlich, während wir Julies Erzählungen vom Kindergarten lauschen. Eine wunderbare gelöste Stimmung herrscht. Julie ist einfach goldig, als sie den Esel zitiert, den sie beim Krippenspiel am letzten Kindergartentag mimen wird.

Plötzlich höre ich eine Tür klappen und einen Moment später steht ein Mann mit grimmigem Blick in der Küche. Julie erstarrt.

Eliza springt auf. "Peter!"
"Was tut der Kerl hier? Muss ich mir von meinem Nachbarn sagen lassen, dass meine Frau sich einen dreckigen Penner ins Haus geholt hat?"
"Peter, ich ..."
"Raus hier!", blafft der Mann mich an.

Langsam erhebe ich mich. "Ich geh dann besser mal. Vielen Dank für das Essen."

Wie es wohl weiter geht? Angelika Lauriel erzählt es morgen ...


4. Dezember

Von Heike Schulz


Hasenhund erzählt

Ich spüre, wie eine warme Welle mich durchdringt. Meine Polyesterfüllung knistert ein bisschen, als ob sie elektrisch aufgeladen wäre, und hätte ich ein Herz, würde es mir sicher bis zum Hals schlagen.

Und dann ist da dieser Hund in mir.

"Wie heißt du?", fragt eine Stimme. Es dauert ein bisschen, bis mir klar ist, dass sie aus mir selbst heraus kommt. Dunkel und heiser, aber freundlich und ein bisschen überrascht.

"Ich?", stammele ich. "Ich weiß nicht, ich habe keinen Namen. Noch nicht. Solange kannst du mich aber Hasenhund nennen."
Die Stimme brummt wohlig. "Danke, Hasenhund, dass du Platz für mich gemacht hast. Ich bin Sam. Und was machen wir nun? Ich kann meinen Herrn, Jazz, nicht so leiden sehen."

Ich schüttele meine Ohren nach hinten und öffne vorsichtig ein Auge. Noch immer hält mich dieser fremde Mann mit seinen Händen umklammert und presst mich an seine Brust. Ich spüre sein Schluchzen, dann blitzen blaue Lichter auf, jemand fragt Jazz nach seinem Namen, und ob das sein Hund ist, der da vor ihm auf der Straße liegt. Jemand breitet ein Laken über Sams alte Hülle, Menschen eilen aufgeregt hin und her, dann stopft Jazz mich - nein, uns - unter seine Fleecejacke.

"Ich weiß nicht", antworte ich. "Ich hatte noch nie eine fremde Seele in mir. Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Kind, das mich zu Weihnachten bekommen sollte, und fast hätte ich es auch geschafft. Den ganzen weiten Weg aus dem Korb mit den Sonderangeboten heraus, quer über das Regal mit den Legokartons, bis zum Schaufenster bin ich gekrochen. Immer Nachts, wenn Herr Lüders nicht hinsah. Und bestimmt hätte mich dort jemand entdeckt. Aber jetzt..." Ich stoße einen Seufzer aus.

"Ich habe dich entdeckt", bemerkt Sam.

Ich seufze erneut. Tiefer diesmal.

"Ah, verstehe", grummelt Sam. "Du hast an einen Menschen gedacht. Und nun habe ich dir die Tour vermasselt." Ich spüre, wie ein Teil von mir, Sams Teil, traurig wird.

"Nein, Quatsch", beeile ich mich zu sagen. "Du hast mich ausgesucht, und damit ist das Thema durch. Die Frage ist nur, was wir nun machen. Ich muss ein Kind finden, dem ich ein Weihnachtsgeschenk sein kann, du musst dafür sorgen, dass dein Herr wieder froh ist, und all das sollen wir hin bekommen, während wir in einem Körper, und ich betone: in einem sehr engen Körper, stecken."

"So sieht's aus", bestätigt Sam und macht Anstalten, sich mit dem Hinterbein am Ohr zu kratzen.
"He! Lass das!", protestiere ich.
"Hunde machen das so", antwortet Sam und bearbeitet weiter mein linkes Hasenohr mit meiner Hinterpfote. Mein Lieblingsohr, wie ich an dieser Stelle betonen muss. Es kippt ein bisschen nach vorne und gibt mir, wie ich finde, ein verwegenes Aussehen.
"Aber nur mit Hundeohren! Das ist eindeutig ein Hasenohr! Lass das!" Ich versuche, mit den Zähnen nach meinem Bein zu schnappen, doch es ist erstaunlich schnell.
"Aber wenns mich doch so juckt?"

Ich will eben einwenden, dass es mich nicht die Bohne juckt, wenn es ihn juckt, und überhaupt ist das sowohl mein Ohr als auch mein Hinterbein, und da Sam hier nur Untermieter ist, könne ich ganz alleine bestimmen, was mit meinen Körperteilen geschieht, da öffnet sich der Jackenreißverschluss und ein tränenverschmiertes Gesicht schaut zu uns herein.
"Was ist denn hier los?", fragt Jazz heiser.

Sofort machen wir uns stocksteif. Das fehlt noch, dass Jazz bemerkt, dass wir lebendige Wesen sind. Menschen können auf sowas merkwürdig reagieren. Zum Glück spielt Sam diesmal mit, aber ich merke gleich, dass es mit ihm sicher nicht ganz einfach wird.

Vorsichtig wage ich einen kleinen Blick aus Jazz' Jacke heraus. Anscheinend sind wir in einem alten Haus angekommen. Einem sehr alten Haus, denn es riecht muffig, und an den Wänden entdecke ich ziemlich schlampig gemalte Grafittis. Auf dem Boden liegt eine alte Matratze und ein Schlafsack zwischen Kerzenstummeln und Plastiktüten. Ein Abbruchhaus - und offenbar Jazz Heim. Im Versuch, diesem Ort einen Hauch von Weihnachtsatmosphäre zu geben, hat Jazz einen struppigen Plastikweihnachtsbaum aufgestellt. Weiß der Kuckuck, wo er den her hat, aber anstatt zumindest ein bisschen vom Glanz des Weihnachtsfestes zu vermitteln, unterstreicht er nur noch die Trostlosigkeit um ihn herum.

Der Hals wird mir eng. Das ist kein Ort für einen Hasenhund. Und auch nicht für eine körperlose Hundeseele, und erst recht nicht für einen Menschen, der sich nach Weihnachten sehnt.
"Sam, wir müssen was unternehmen", wispere ich. "Und zwar schnell."

Was sie unternehmen, erzählt morgen Ilona Hanft ...


3. Dezember

Von Angelika Lauriel

Sam Erzählt

 

Ich taumele vor Glück, das kann man sich denken. Endlich, endlich wieder so einen kuscheligen kleinen Freund an meiner Seite. Ich liebe ihn von der ersten Sekunde an. Beinahe habe ich das Gefühl, ihn schon seit Jahren zu kennen. Man mag es kaum glauben, aber tief in mir drin wächst die Gewissheit, dass mein alter Freund Plüschi es mir längst verziehen hat, dass ich ihn in einer unachtsamen Sekunde in der Geeste verlor. Das Tröstliche daran ist ja, dass Plüschi aus Stoff ist. Seine Seele lebt natürlich, wie die von allen Dingen auf der Erde, aber da er aus Stoff ist, ertrank er auch nicht. Ich bin mir sicher, dass er irgendwo unten auf dem Boden des Rheins liegt und dann irgendwann herausgeangelt wird. Ganz bestimmt.

Aber zurück zu meinem neuen Freund. Schon, als er im Schaufenster saß, wusste ich, dass der zu mir will. Und mir fiel auch sofort auf, dass etwas an ihm anders war. All die anderen Kuscheltiere dort sahen normal aus. Sie hatten die Ohren, Pfoten und Schwänze, die zu ihnen passten. Sie wirkten so seelenlos. Aber dieser kleine Kerl hier, der hat etwas Besonderes. Sein Fell ist so eingefärbt, wie es sich für einen Hund seiner Rasse gehört. ABER: Seine Ohren! Er hat graue, lange Ohren, das eine steht halb in die Höhe, das andere hängt ihm über das Auge. Ja, dieser Hund hat eine Seele. Ich wusste es einfach, und obwohl mein Herrchen, Jazz, weitergehen wollte, bin ich einfach dort sitzen geblieben. Dagegen kam er nicht an, weil ich viel stärker bin als er. Ich bin groß, habe schwarzes Fell mit ein paar grauen Haaren an der Schnauze. Das Sabbern habe ich nie ganz in den Griff gekriegt, aber inzwischen stehe ich dazu. Es gehört zur Würde einer Deutschen Dogge wie der schlanke, hohe Wuchs und die fast unbändige Kraft. Unverwandt starrte ich den Hasenhund an, leckte mir über das Maul und gab ein leises Winseln von mir. Wirklich, beim Anblick dieses kleinen Freundes hörte sogar meine Pfote auf zu schmerzen, und die Kälte spürte ich auch nicht mehr. Endlich begriff Jazz, dass ich den Hasenhund brauchte. Er seufzte, ging mit mir in das Geschäft und kaufte mir den neuen Freund von seinen letzten Euros.

Fröhlich laufe ich mit ihm hinaus und schüttele ihn behutsam. So erkenne ich auch gleich, dass er ein Junge ist. Er freut sich, bei mir zu sein. Ja, wir sind beide so aus dem Häuschen, dass ich vor lauter Freude einen riesigen Satz mache und dabei ganz vergesse, wie gefährlich die Autos der Menschen sind. Ich höre das Quietschen der Reifen und sogar das erschrockene Schreien der Frau, die den Wagen fährt, aber dann gibt es schon einen heftigen Aufprall, ich spüre den Schlag in meiner Seite und verliere den Boden unter den Füßen. Ich fliege durch die Luft - wie weit, weiß ich gar nicht -, dabei rutscht mir mein Freund aus dem Maul. Dann macht es wumm, und ich liege halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Straße.

Mein Herrchen kommt angerannt. "Saaaam", schreit er, und ich höre genau die Panik in seiner Stimme. Dabei geht es mir gar nicht schlecht. Ich spüre keine Kälte mehr und habe das Gefühl, mich von oben zu sehen. Da liegt die Dogge, pechschwarz mit angegrauter Schnauze und weißem Hintern, wie ich erstaunt feststellen muss. Tatsächlich, ich bin ein richtig alter Hund geworden. Dieser Hund sieht aus, als würde er nie wieder aufstehen, und ich weiß, dass ich tot bin. Neben Sams Kopf liegt der Kuschelhasenhund, und er zwinkert mir zu. Mein Herrchen wirft sich über den Hundekörper, der bereits auskühlt.

"Komm zurück", flüstert mein neuer Freund, und ich höre ihn viel deutlicher als meinen Herrn, der immer wieder "Sam, nein" ausruft.
"Zurück?", frage ich. Er schüttelt das eine Ohr, damit es aus seinem Gesicht rutscht, und grinst.
"Ja, komm zurück. Hier ist Platz für uns beide. Alleine kann ich ja auch gar nichts machen."
Ich lasse mich ein wenig hinunter und bemerke erst da, dass ich mich schon ein gutes Stück entfernt hatte. "Wie meinst du das, du kannst nichts machen?"
"Ich kann mich nicht bewegen - oder kaum." Er nickt in Richtung meines Herrchens, der nicht fassen kann, was er sehen muss. "Und ich glaube, ihn möchtest du nicht alleine lassen. Oder?" Ich begreife endlich. Und sehe meinen Herrn an, dessen Rücken über dem Hundeleichnam bebt. Die Dogge sieht jetzt schon fremd aus, sie hat nichts mehr mit mir zu tun. Aber es tut mir weh, meinen Herrn so sehr leiden zu sehen. Das hat er nicht verdient - nicht nach all den Wochen und Monaten, in denen sein ganzes Leben sich auf den Kopf gestellt hat. Seine Hand berührt jetzt den Hasenhund, und als erwache er aus einem Traum, sieht er ihn an.

"Du bist schuld!" Mit einem abgrundtiefen Seufzen greift er nach meinem Freund.
"Beeil dich!", stößt dieser in meine Richtung aus. Aber ich weiß doch, dass mein Herr ein guter Mensch ist. Er drückt den Kuscheltierkörper gegen sein Gesicht, sodass der nur noch grunzen kann.
Ich muss handeln! Also mache ich mich ganz dünn und klein. Als winzige, konzentrierte Lichtkugel, die mein Herrschen sogar sehen könnte, wenn er denn hinschauen würde, schlüpfe ich durch die Schnauze in den Hasenhund hinein.

Ich spüre eine Enge der Brust. Mir ist sofort klar, dass es dem Kleinen ans Leben geht- und damit auch mir, so kurz, nachdem ich meine Existenz als Dogge beendet habe! Also dehne ich mich aus und verteile Wärme um mich herum. Ich spüre, wie der Hasenhund von Erleichterung überflutet wird, und dann lockert mein Herr den Griff. Merkt er, dass ich da bin?

Er hält mich - uns - ein Stück weit weg und sieht uns in die Glasaugen. Ich erkenne den Dreck auf seiner Haut, aber ich sehe deutlich auch die eine Träne, die eine helle Spur auf der Wange hinterlässt. Dann strahlen seine Augen in diesem Leuchten, das ich an ihm so liebe. Er hebt die zweite Hand und streichelt meinen Kopf.

"Was rede ich denn da? Du bist nicht schuld, Kleiner. Du kannst nichts dafür. Mein alter Freund Sam hat nicht achtgegeben. ICH habe nicht achtgegeben. Ich hätte ihn festhalten müssen." Er dreht sich zu der Frau um, die längst aus dem Wagen ausgestiegen ist und mit weit aufgerissenen Augen stumm die Szenerie beobachtet. Als mein Herr sich zu ihr umdreht, nimmt sie die Hände von ihrem Mund herunter.

"Es tut mir leid", flüstert sie, "es tut mir so leid." Sie wirft einen Blick auf den Hundekörper. "So ein stolzer Hund!"
"Mami?" Eine kleine Hand in einem bunten Handschuh schiebt sich in ihre herunterhängende Hand. "Der Hund ist nicht tot."
Sie lacht hysterisch auf, mein Herrchen wirbelt zu meiner Leiche herum. Doch die kurz aufflammende Hoffnung erlischt sofort wieder. Die deutsche Dogge Sam ist tot, ganz ohne Zweifel.

Das Kind zeigt auf uns beide in der Hand meines Herrchens. "Er ist da drin, und er lebt."


 

Was passiert jetzt?

Morgen erzählt Heike Schuzlz die Geschichte weiter...


2. Dezember 2011

Von Ilona Hanft

Jazz erzählt

Neben mir sitzt Sam, mein treuer Begleiter. Die einzige Seele, der etwas an mir liegt. Mein Herz ist schwer, als ich ihn so ansehe, die rechte Pfote noch immer mit schmutzigen Lumpen umwickelt. Er zittert am ganzen Körper, die Erregung hat ihn gepackt.

Er sitzt wie angewurzelt, stiert durch das Schaufenster des Spielwarenladens auf ein seltsames Plüschtier. Ein Hund eigentlich, doch die Ohren - ja, tatsächlich - es sind die gleichen, die Sams großer Stoffhase hatte, bevor er ihn in der Geeste verlor. Beinahe hätte ich auch Sam verloren. Ein flaues Gefühl zieht mir durch den Magen. Die Erinnerung an unsere unglückselige Ankunft vor drei Tagen hier in Bremerhaven sitzt mir immer noch in den Knochen.

Naja, es ist gutgegangen. Und wie ich zugeben muss, hat mir das eiskalte Bad, das erste nach Wochen, einen etwas frischeren Körpergeruch beschert. Seltsam, wie schnell man vergisst, wie es war, als man noch täglich duschen konnte.

Hinter mir auf der Straße hupt ein Fahrer wie wild. Feierabendverkehr. Es ist längst dunkel und der Regen hat uns durchnässt. Jeder will nach Hause, so schnell wie möglich.

Ich klimpere mit dem Kleingeld in meiner Hosentasche und werfe erneut einen Blick auf das Preisschild an dem Hasenohr. Es reicht nicht. Kein guter Tag heute. Zu kalt, zu nass um einem Straßenstreuner und seiner Mundharmonika lange genug zuzuhören, oder um ihm seine Kunst wohlwollend zu entlohnen. Mein Magen knurrt. Sam schaut nur einen Moment zu mir auf, bevor er seinen Blick wieder auf den Plüschhund mit den Hasenohren heftet.

Ich streichle über seinen großen samtigschwarzen Kopf.
"Lass gut sein Alter, wir müssen weiter. Komm, Sam."
Müde mache ich mich auf den Weg. Zum Glück haben wir wenigstens eine Matratze in dem alten Abbruchhaus am Fluss, auf der wir die Nächte verbringen können.

Meine Gedanken huschen zu der traurigen Doris und dem zahnlosen Ed, die mich aufsammelten, als ich mit Sam tropfnass aus der Geeste stieg.
Trostlos, wie sie leben, diese beiden Menschen, denen das Schweigen lieber ist als das Reden. Sie halten sich an Zigarette und Flachmann fest, bis endlich der Schlaf kommt, die Kälte nicht mehr spürbar ist. Jeden Tag aufs Neue. Werde ich auch mal so enden?

"Sam?" Ich drehe mich um. Er sitzt noch immer da, starrt auf den Hasenhund. Ein tiefer Seufzer kriecht mir aus der Kehle und ich kehre um.
"Na, dann lass uns unser Glück versuchen", murmele ich, drücke die Türklinke und auf meinen leisen Pfiff hin ist Sam bei Fuß. Ein altmodisches Windspiel klirrt, als ich die Tür öffne. Ein älterer Herr mit Hornbrille schaut hinter seinem Tresen auf und hebt die Hände.

"Moment mal, stopp, die Dogge darf hier nicht rein!" Er stutzt, als er mich nun im Licht der Ladenbeleuchtung in Augenschein nimmt. Er zieht abschätzig die Mundwinkel herunter und ich errate seine Gedanken: Jemanden wie dich, Kerl, will ich hier auch nicht haben!

"Entschuldigen Sie", ich lächele mein herzlichstes Lächeln und trete, Sam dicht an meiner Seite, auf den Tresen zu.
"Mein Kumpel Sam", ich deute auf meinen Hund, der soeben das blankpolierte Eichenholz des Tresens vollsabbert, "hat einen besonderen Wunsch. Den würde ich ihm gern erfüllen.“
Ich ziehe meine Hand aus der Hosentasche. Sie ist schmutzig und das Geld klebt in meiner Faust, als ich sie öffne. Amüsiert bemerke ich den angeekelten Gesichtsausdruck des Kaufmannes.

Mit einem Ruck knalle ich das Geld auf die Tischplatte.
Der Alte zuckt zusammen. "Äh, ja, was darf´s denn sein?" stammelt er.
"Wir nehmen den Plüschhund, den mit den Hasenohren, der dort im Schaufenster liegt. Den Rest des Kaufpreises würde ich gerne abarbeiten, wenn´s Ihnen recht ist", füge ich noch hinzu und grinse.
Wieder hebt der alte Herr die Hände, diesmal offensichtlich erleichtert, dass wir tatsächlich nur etwas kaufen wollen. "Nein, nein, der Preis auf dem Schild ist noch der vom letzten Jahr. Den kann ich Ihnen günstiger überlassen." Er wirft einen flüchtigen Blick auf das Kleingeld. "Stimmt so", murmelt er und macht ein paar zögerliche Schritte in Richtung Schaufenster. Er bleibt stehen, starrt Sam an. Sam starrt zurück, legt den Kopf schief. Speichel kleckst auf den dunkelroten Teppich.
"Lassen Sie sich nicht von seiner Größe beeindrucken, mein Freund hier ist wirklich lammfromm", versichere ich. Doch erst, als ich die Dogge fest am roten Halstuch fasse, huscht der alte Herr zum Schaufenster hinüber.

"Wir nehmen ihn so, wie er ist, Sie brauchen ihn nicht einpacken", beruhige ich den Alten, als er das Preisschild abschneidet.

Sam giert auf das Plüschtier auf dem Tresen. Das Halstuch spannt.
Der Kaufmann tritt einen Schritt zurück. "Würden Sie jetzt bitte mein Geschäft verlassen.“
Ich greife nach dem erstaunlich weichen Kuschelhund und wende mich an Sam. "Hier, mein Alter, pass´ aber diesmal besser auf deinen Kumpel auf."

Mit einem Schnapp packt Sam den Plüschhund in der Mitte und schüttelt ihn, dass insgesamt zwei lange Ohrenpaare schlackern. Begeistert springt er im Kreis und im nächsten Moment schlägt er mit der Rute ein paar Spielzeugtraktoren vom Angebotstisch - es ist höchste Zeit zu gehen.

Mit einem hamburger "Moin" grüße ich den Alten und ergreife die Klinke der Ladentür. Das Windspiel klimpert, als plötzlich Sam an mir vorbei ins Freie flitzt.
"Bei Fuß!", brülle ich. Verdammt, die Straße.

Bremsen quietschen, es kracht. Sam jault auf.

"Sam!"

Oh Gott im Himmel, nimm mir nicht meinen Hund!



Wie es weiter geht, verrät morgen Angelika Lauriel ...

1. Dezember 2011

Von Heike Schulz

Hasenhund erzählt

Zuerst war alles dunkel. Das ist das erste, woran ich mich erinnern kann. Dass es dunkel war in dem Pappkarton, in dem ich dicht zusammengedrängt mit meinen Brüdern und Schwestern lag. Das war letztes Jahr, und damals dachte ich noch, dass Weihnachten das allerschönste sei, das einem Plüschhund wie mir passieren kann.
Die anderen Spielsachen erzählten mir, dass alle Kinder Plüschtiere lieben, und dass es nur eine Frage der Zeit sei, wann jemand mich vom Regal nehmen und nach Hause tragen würde. Dort würde ich, eingepackt in glitzerndes Papier, das tollste Weihnachtsgeschenk werden, das ein Kind sich wünschen konnte. Und ich würde endlich meinen neuen Herrn oder meine neue Herrin kennenlernen. Ein Kind, dass mich lieb haben und mir einen Namen geben würde.

Das ist nun schon fast ein Jahr her.
Niemand hat mich gekauft. Nicht in der Vorweihnachtszeit, und auch nicht danach, als ich als Sonderangebot im Korb zwischen all den anderen übrig gebliebenen Spielsachen lag. Am Ende hat mich Herr Lüders, der Inhaber des Spielwarenladens, zurück in den Pappkarton gepackt. Vielleicht nächstes Jahr, hat er gemurmelt und den Deckel zugeklappt.

Dabei bin ich ein ganz lieber Kerl. Ich bin weich, flauschig und garantiert kochfest. So steht es jedenfalls auf meinem Etikett. Warum wollte mich keiner haben? Nur wegen meiner Ohren? Es ist doch nicht meine Schuld, dass sie in der Plüschtierfabrik nicht richtig aufgepasst und mir versehentlich Hasenohen angenäht haben. Okay, hellgraue Hasenohren passen nicht unbedingt zu einem Bordercollie wie mir, aber sie funktionieren wirklich ausgezeichnet. Ich kann damit hören, sie flattern hin und her, wenn man mich durch die Luft wirft, und sie sind seidenweich. Ob das dieses Jahr jemand bemerkt?

Jetzt steht wieder Weihnachten vor der Tür. Ich erkenne das an der Musik, die Herr Lüders im Laden abspielt. Oh Tannenbaum, in der Weihnachtsbäckerei, und all die Sachen. Ich kann sie alle vom letzten Jahr auswendig. Bald wird Herr Lüders kommen, mich aus dem Karton heben und ins Regal zu den anderen Spielsachen stellen. Und dann wird hoffentlich bald jemand bemerken, was für ein lieber Kerl ich bin. Er wird mich einem Kind schenken, und das gibt mir dann endlich meinen Namen. Das wünsche ich mir schon so lange. Einen eigenen Namen, nur für mich!

Ich weiß, dass es so kommen wird. Na ja, jedenfalls hoffe ich es. Denn wenn nicht, bin ich angeschmiert. Das Flickenhuhn, das aus dem Ostergeschäft übrig geblieben ist, hat nämlich erzählt, dass Plüschtiere, die zweimal hintereinander nicht verkauft wurden, vom Lumpensammler geholt werden. Das Flickenhuhn erzählt zwar viel, wenn der Tag lang ist (und ein Tag kann echt seeeehr lang werden, wenn man in einem Pappkarton sitzt), aber was mache ich, wenn es stimmt?

Wie auch immer, ich brauche dringend einen Plan ...


... wie es weiter geht? Das erzählt morgen Ilona Hanft.
 
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